An Heiligabend über Hesekiel 37, 24-28 predigen?

Ist es sinnvoll, an Heiligabend über einen Text aus dem Buch Hesekiel zu predigen, der mit den Worten beginnt: „Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle…“? Der Leserbriefschreiber Klaus Nürnberger hält die von Hesekiel proklamierten Gottesworte für völlig überholt, für zementierte Tradition. Ich widerspreche ihm meinerseits in einer Zuschrift ans Deutsche Pfarrerblatt.

Ein Weihnachtsbaum mit einer Friedenstaube - kann man an Heiligabend über Hesekiel predigen?

Hat der Friede, den der Davidssohn Jesus verkörpert, etwas mit dem Schalom des Propheten Hesekiel zu tun? (Bild: Gerd AltmannPixabay)

Heute lag das neue Deutsche Pfarrerblatt (Februar 2020) in meinem Briefkasten. Beim Durchblättern fiel mir auf S. 107 sofort eine Leserzuschrift von Klaus Nürnberger mit dem Titel „Wie Tradition sich zementieren kann“ ins Auge, an dem sich meine Aufmerksamkeit sogleich regelrecht „festbiss“.

In dem Artikel regt sich Nürnberger darüber auf, dass die seit dem Advent 2018 geltende neue evangelische Perikopenordnung (mit Predigttextvorschlägen für jeden Sonntag des Kirchenjahres in einem sechsjährigen Turnus) für die Christvesper an Heiligabend 2019 einen in seinen Augen völlig überholten und unpassenden Text aus Hesekiel 37,24-28 vorgesehen hat.

Seine Begründung: In dem Propheten Hesekiel sieht er einen „der Vordenker und Wegbereiter der priesterlichen Restauration, die nach der Heimkehr der Exilanten in Jerusalem stattfinden sollte“, im Text selbst findet er nur „die alten Erwartungen“ des Volkes Israel auf eine Wiederherstellung des Großkönigreichs Davids „aufgereiht“, und das wiederum versteht er als das Festklammern an einer „versteinerten Hoffnung“, die „hoch über der Lebenswirklichkeit“ schwebt: „Nichts, absolut nichts Neues kann und wird geschehen. Das idealisierte Alte wird wieder hergestellt und ‚für immer‘ stabilisiert.“

Zwei Predigten hat er am letzten Heiligabend gehört, in denen auf diesen Text mit keinem Wort Bezug genommen wurde, und er hält das auch nicht für verwunderlich, denn, so meint er: „Der Text selbst hat nicht das Geringste mit der Christnacht zu tun. Der einzige Ausweg ist, dass man die Behauptung der frühen Christen, dass Jesus der legitime Thronfolger Davids sei, zur zentralen Botschaft der Christnacht erhebt!“ Das aber hält er für „nicht nur geschichtlich, sondern auch theologisch problematisch.“ Und „ein tröstliches Wort“ für Kirchgänger am Heiligen Abend sei einem solchen Text schon gar nicht zu entnehmen.

Diese Äußerungen eines Pfarrerblattlesers veranlasste mich nun meinerseits zu einer spontanen Antwort im folgenden Leserbrief, den ich vorhin an die Schriftleitung des Deutschen Pfarrerblatts gesendet habe. (Die im Folgenden eingefügten Bibelzitate habe ich im Leserbrief selbst weggelassen. Alle Zitate in Anführungszeichen, deren Herkunft nicht durch einen hinzugefügten Namen belegt ist, stammen aus dem Text von Klaus Nürnberger.)

Sehr geehrter Herr Nürnberger,

als Ruheständler werde ich zwar kaum in die Verlegenheit kommen (wie Sie es vielleicht ausdrücken würden), noch einmal in einer Christvesper über Hesekiel 37,24-28 predigen zu müssen:

24 Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.

25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein.

26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.

27 Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein,

28 damit auch die Völker erfahren, dass ich der HERR bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.

Aber Ihrer Kapitulation vor der Herausforderung dieses Wortes aus der Heiligen Schrift, die wir mit den Juden teilen, möchte ich doch widersprechen. Ich kann es mir durchaus als Gelegenheit vorstellen, vorweihnachtsgehetzte Kirchgänger „ein tröstliches Wort“ hören zu lassen und dem „Hauptfest des weltweiten Kapitalismus“ die Botschaft des biblischen NAMENs entgegenzusetzen. Ich sage bewusst nicht „Jahwe“, als ob JHWH auf einen jüdischen Nationalgott reduzierbar wäre; in der Unaussprechlichkeit des NAMENs ist ja angedeutet, wie unverfügbar die Macht dieses Gottes für uns ist und dass er für eine Befreiung, eine Gerechtigkeit und einen Frieden steht, deren Kommen und Verwirklichung wir nicht machen können, die wir aber nichtsdestoweniger beständig „tätig erwarten“ (Ton Veerkamp) dürfen.

Sie jedoch scheinen (wenn nicht das gesamte Alte Testament, so doch wenigstens) die Prophetie Hesekiels als überholtes Dokument der aussichtslosen jüdischen Hoffnungen auf ihren Nationalgott Jahwe zu verstehen. Und Sie mögen Recht damit haben, dass Hesekiel faktisch der „priesterlichen Restauration“ in Jerusalem nach dem babylonischen Exil den Weg bereitet hat, indem er im Gegensatz zu Amos, Hosea, Micha und Jeremia nicht auf einen Tempelkult verzichten, sondern einen solchen Kult allein für den Freiheit und Recht schaffenden NAMEN zulassen wollte.

Die Frage ist einfach: Ist in Predigttexten wie Hesekiel 37,24-28 etwas zu spüren von der befreienden Wucht, die allein von der Stimme dieses Gottes Israels ausging, und ist von ihr her eine Linie zu ziehen zu den Hoffnungen, die Matthäus und Lukas auf ihre Weise mit dem Davidssohn Jesus verbanden, und letztlich zu der verfahrenen Art und Weise, wie wir Christen heutzutage unser von Kitsch und Kommerz überwuchertes Weihnachtsfest feiern?

Ich idealisiere keineswegs die Geschichte Israels, gehe aber davon aus, dass genau das auch schon die Propheten Israels nicht getan haben, und zwar, indem sie immer wieder im Namen des NAMENs ihre Stimme gegen politische, soziale und kultische Irrwege ihres Volkes erhoben haben. Und in den Büchern Esra und Nehemia ist immerhin etwas davon zu spüren, dass neben restaurativen Tendenzen doch der Wille da zu sein scheint, so etwas wie eine „Torarepublik“ (Ton Veerkamp) aufzubauen, in der nicht die Gewalt und Ausbeutungsmacht des Stärkeren, sondern allein die befreiende Wegweisung des NAMENs herrschen soll (Nehemia 8,2-3):

2 Und Esra, der Priester, brachte das Gesetz vor die Gemeinde, Männer und Frauen und alle, die es verstehen konnten, am ersten Tage des siebenten Monats

3 und las daraus auf dem Platz vor dem Wassertor vom lichten Morgen an bis zum Mittag vor Männern und Frauen und wer’s verstehen konnte. Und die Ohren des ganzen Volks waren dem Gesetzbuch zugekehrt.

(Zur befreienden und Recht schaffenden Wirkung des Gesetzes, der Tora, siehe vor allem das Kapitel Nehemia 5.)

Ohne jetzt eine komplette Predigtmeditation vorlegen zu wollen, finde ich in Hesekiel 37,24-28 eine Menge Anknüpfungspunkte für eine schrift- und zeitgemäße, also in vielfachem Sinne kontext-aufmerksame Predigt:

Bestkomponierte Zukunftsmusik

Dem Propheten Hesekiel liegt, recht verstanden, nicht daran, das „idealisierte Alte“ zu stabilisieren. Ihm schwebt etwas vor, das es sicher auch seines Wissens noch nie gegeben hat, nämlich bestkomponierte Zukunftsmusik, die er vom Himmel her hört, dass nämlich (Vers 24) die Menschen in einem wieder zusammengeführten Israel „wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.“ Um eine solidarische Gesellschaft geht es da, in der man füreinander einsteht und in der Ausbeutung und Unterdrückung abgeschafft sind, eine Gesellschaft des Friedens, des Schalom (Vers 26).

Ein Haus für den Gott mit dem befreienden NAMEN

Hesekiel ist, anders als andere Propheten, der Ansicht, dass es wichtig ist, ein Heiligtum zu haben, in dem der NAME Gottes seine Wohnung mitten unter seinem Volk hat und heilig gehalten wird, also wo man sich klarmacht, welchem Gott man folgen will – dem befreienden NAMEN oder Göttern, von denen man sich versklaven lässt und in dessen Namen man andere versklavt. Nur zu diesem Zweck ist nach Hesekiel der Tempel da – und ich würde einen solchen Gedanken auch auf Synagogen, Kirchen, Moscheen und andere Heiligtümer und Gotteshäuser beziehen wollen.

Ein Herrscher wie David, der auf den NAMEN hört

Dass Hesekiel keine Priesterherrschaft, wie sie später etabliert wurde, im Sinn hatte, zeigt sich gerade darin, dass er die politische Herrschaft über Israel in den Händen eines Königs wie David sehen wollte – also eines Herrschers, der trotz seines Fehlgehens sich von einem Propheten auf den geraden Weg des NAMENs zurückrufen lässt. Er verbindet seine Befreiungs- und Friedensvision mit der Hoffnung auf einen wahrhaft Guten Hirten aus dem davidischen Königshaus im Sinne eines Regenten, der – sozusagen mit der Tora in der Hand – ein vereinigtes Israel regiert, „ohne sich über seine Brüder zu erheben“, der also nur dem wahren König Israels, dem NAMEN, und seinem Schalom dient (5. Mose 17, 18-20):

18 Und wenn er [der König Israels] nun sitzen wird auf dem Thron seines Königreichs, soll er eine Abschrift dieses Gesetzes, wie es den levitischen Priestern vorliegt, in ein Buch schreiben lassen.

19 Das soll bei ihm sein, und er soll darin lesen sein Leben lang, damit er den HERRN, seinen Gott, fürchten lernt, dass er halte alle Worte dieses Gesetzes und diese Rechte und danach tue.

20 Sein Herz soll sich nicht erheben über seine Brüder und soll nicht weichen von dem Gebot weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass er verlängere die Tage seiner Herrschaft, er und seine Söhne, in Israel.

Auch die Völker sollen ERKENNEN, wie der NAME Freiheit und Recht schafft

Das alles scheint sich zunächst nur auf das Volk Israel zu beziehen. Aber in Vers 28 wird deutlich, dass das, was der befreiende NAME mit Israel vorhat, auch von den Völkern der Welt (den Gojim) in seiner ganzen Tragweite „erkannt“ werden soll. Das heißt – wenn Israel heilig gemacht ist, wenn der NAME tatsächlich unter ihnen wohnt, dann lassen sich auch die Völker von dem Geschehen anstecken, das dort zur Freiheit, zum Recht, zum Frieden geführt hat.

Die Vision des Paulus vom Leib des Messias Jesus

Diese Visionen des Hesekiel lassen sich in der Folgezeit zwar rein innerjüdisch als Begründung für eine zelotische Politik des Aufstands gegen jeweils herrschende Fremdvölker nutzen. Nach dem Völkerapostel Paulus bewahrheiten sich aber Visionen wie die des Hesekiel gerade darin, dass der NAME Israels durch Tod und Auferstehung des Messias Jesus auch zum befreienden Gott der Völker geworden ist, der Juden und Gojim im Frieden des Leibes Christi zusammenschließt.

Der Davidssohn Jesus bringt Befreiung und Frieden auch zu den Völkern

Ob man „die Behauptung der frühen Christen, dass Jesus der legitime Thronfolger Davids sei, zur zentralen Botschaft der Christnacht“ erheben sollte, das hängt davon ab, wie die Rede vom Davidssohn etwa bei Matthäus und Lukas einzuschätzen ist. Jedenfalls sind ihre Stammbäume nicht einfach „apologetische Konstruktionen“, als ob es nur darum ginge, die Stellung Jesu gegenüber Anfeindungen von außen zu verteidigen. Vielmehr wollen beide Evangelisten auf jeweils ihre eigene Weise deutlich machen, dass nur durch ein Wunder von oben her sich in Jesus die befreiende Macht des NAMENs verkörpern konnte, die messianische Bewegungen mit dem Namen „David“ verbunden hatten. Für beide Evangelisten ist außerdem klar, dass die Davidssohnschaft nicht im Sinne eines zelotisch-nationalistischen Programms zu begreifen ist, sondern dass Befreiung und Frieden durch Jesus sowohl den Juden als auch allen Völkern gilt.

So ist bei Matthäus davon zu lesen, wie die Schüler Jesu auch die Völker in der befreienden Wegweisung Gottes unterrichten sollen (Matthäus 28, 18-20):

18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

19 Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes

20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Und Lukas beendet seine Apostelgeschichte (28, 23-24.28) damit, dass die Worte der Befreiung durch den Messias Jesus sowohl den Juden als auch den Völkern verkündet werden:

23 Und als sie [die Juden in Rom] ihm [dem Paulus] einen Tag bestimmt hatten, kamen viele zu ihm in die Herberge. Da erklärte und bezeugte er ihnen das Reich Gottes und predigte ihnen von Jesus aus dem Gesetz des Mose und aus den Propheten vom frühen Morgen bis zum Abend.

24 Die einen ließen sich überzeugen von dem, was er sagte, die andern aber glaubten nicht.

28 So sei es euch kundgetan, dass den Heiden dies Heil [= Befreiung] Gottes gesandt ist; und sie werden hören.

Ob ich mich wirklich an einem Heiligabend trauen würde, über Hesekiel 37, 24-28 zu predigen, weiß ich nicht. Spannend würde ich es schon finden, zu schauen, wie sich wohl ein Wort wie Lukas 1,30-33 auf seine Wurzeln im Hesekieltext zurückverfolgen lässt:

30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.

31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben.

32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,

33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen
Pfarrer i. R. Helmut Schütz, Gießen

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