Winkelried Gähler: „Israel hat zwei Väter“

Versuch eines Gesprächs mit Helmut Schütz, seinen Kritikern und Befürwortern (1)

Pfarrer Winkelried Gähler stellte mir die folgende Stellungnahme zu meinem Aufsatz Marie, die reine Magd im Deutschen Pfarrerblatt vom März 1998 zur Verfügung.

Erst sieben Jahre später habe ich sie (damals noch im alten Layout der Bibelwelt) veröffentlicht und auch eine verspätete Antwort dazu geschrieben. Diese meine Antwort auf diesen Beitrag finden Sie am Ende dieser Seite.

Helmut Schütz

„… und wenn sie auch die Absicht hat,
den Freunden wohlzutun,
so fühlt man Absicht, und man ist verstimmt“

meint Goethe im Tasso (2), und er scheint damit recht zu behalten: obwohl uns der Verfasser des Aufsatzes „… Marie, die reine Magd“ in – wie ich meine – eindrucksvoller Weise teilnehmen lässt an seiner seelsorgerlichen Arbeit mit Menschen, die in ihrer Kindheit bzw. Jugend wiederholt von Erwachsenen, ja sogar von ihren leiblichen Vätern sexuell missbraucht worden sind und noch heute darunter leiden, was sie damals erlitten haben, hat er bei seinen Lesern weithin ‚Verstimmung‘ ausgelöst. In „Echo und Aussprache“ ist von ‚Empörung‘ und ‚den Atem verschlagen‘, von ‚Gotteslästerung‘ und ‚Abbestellung des Blattes‘, von ‚frivol‘ und ‚pervers‘ die Rede. Gegenüber diesem vielstimmigen ‚protest-antischen‘ Chor nimmt sich die Stimme jener Pfarrfrau, die sich selbst als ‚theologische Laiin‘ bezeichnet und die Veröffentlichung jenes Aufsatzes in Deutschen Pfarrerblatt ausdrücklich begrüßt, fast leise aus. Sie schließt ihren Leserbrief mit folgenden schönen Worten: ‚Jesus als Kind eines missbrauchten … Mädchens – diese Vorstellung macht in meinen Augen das Wunder der Gottessohnschaft um so größer … was für ein Evangelium: Gott kommt zu den Allerverachtetsten, zu denen in Schmach und Schande, die sich selber nicht mehr annehmen können … und macht sie zu seinen Kindern!“

Wieder einmal prallen Verstimmung und Zustimmung hart aufeinander. Grund genug, um mit dem Verfasser, seinen Kritikern und Befürwortern ins Gespräch zu kommen. Die Sache ist dringend, wie ich meine, um Verstimmungen abzubauen und das Gespräch zwischen Nichttheologen und Theologen fördern zu helfen. Versuchen wir es!

1. Rechtsschutz gegen geschlechtlichen Missbrauch in Israel

Zeit seines Bestehens hat Israel sich nicht nur bemüht, den Weisungen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs zu folgen, sondern hat auch in enger Nachbarschaft mit Völkern gelebt, deren Götter entschieden anders waren als der ‚Gott der Väter‘. Der Gehorsam gegenüber dessen Ordnungen und zugleich die ständige Versuchung, es doch auch einmal mit jenen anderen Göttern zu probieren, prägt den Lebensweg dieses Volkes, dem auch die Eltern Jesu und unser Herr selbst entstammen (3).

Durch eine Fülle von Ge- und Verbotsreihen aus unterschiedlichen Rechtstraditionen (Heiligkeitsgesetz, Deuteronomium u. a.) werden im AT die verschiedensten menschlichen Lebensbereiche in Israel geordnet, so auch der geschlechtliche Umgang der Menschen miteinander (4). „Lebt nicht so, wie man in Ägypten lebt, woher ihr kommt, auch nicht, wie man in Kanaan lebt, wohin ich euch bringe … Ihr sollt euch nach meinen Ordnungen richten … Ich bin der Herr, euer Gott“ – diese Sätze leiten die Verbotsreihe 3. Mose 18, 6-18 ein, die den geschlechtlichen Umgang ordnet und begründet.

Dass Verbote ausgesprochen werden müssen, setzt praktizierten Missbrauch des Menschen durch seine Mitmenschen voraus. Jene Verbotsreihe gewährt Einblick in den geschlechtlichen Umgang der Mitglieder einer israelitischen Großfamilie (Blutsverwandte, Eheleute, Ledige u. a.) und zeigt auf, wie geschlechtlicher Umgang zum Missbrauch des Mitmenschen pervertieren kann. Die Frage von H. Schütz, ob es „in biblischen Zeiten so ungeheuerliche Taten wie den sexuellen Missbrauch einer Tochter durch ihren Vater gegeben hat“, muss bejaht werden (5). Auch wenn dieses Beispiel geschlechtlichen Missbrauchs in o. a. Reihe nicht ausdrücklich genannt wird: Der Eingangsvers (V. 6) schließt es auf alle Fälle mit ein.

Dass es zur Ausformulierung einer solchen Verbotsreihe kommen konnte, weist einmal auf die detaillierte Kenntnis über diesen Lebensbereich in Israel hin, will aber vor allen dazu anhalten, „alle innerhalb der Großfamilie bestehenden Eheverhältnisse“ und „die Unberührtheit der im Schutze der Großfamilie lebenden unverheirateten Mädchen zu respektieren“ (6). In den weiteren o. a. Gesetzesreihen (Anm. 4) wird der Rechtsschutz gegen sexuellen Missbrauch ausgebaut, insofern Strafbestimmungen benannt werden und Strafvollzug angedroht wird. Josef, der Mann der Maria, wird – zumindest, wie es Matthäus erzählt! – gleich zu Beginn seiner Ehe mit der Frage des Rechtsschutzes gegen geschlechtlichen Missbrauch nachdrücklich befasst werden.

2. Zwei Erzählweisen zum Thema ‚Kindheit Jesu‘

Wir heutigen Christen legen Wert darauf, durch unseren Glauben nicht in unnötige Konflikte mit den sog. ‚wissenschaftlichen Weltbild‘ gebracht zu werden. Die Erzählung von der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria scheint ein solcher ‚unnötiger Konfliktfall‘ zu sein, wussten doch die Menschen der Antike ebenso wie wir heutigen Erdenbürger, dass sich Gottes Gebot „Seid fruchtbar und mehret euch“ (1. Mose 1, 28) ausschließlich an Mann und Frau wendet. In ihrem Leserbrief bekennt deshalb jene eingangs zitierte Pfarrfrau unumwunden, dass „die Jungfrauengeburt … nicht zentral für den christlichen Glauben“ sei und „es mich … immer Überwindung kostete, den Satz im Glaubensbekenntnis mitzusprechen“. Dass sie mit dieser Meinung nicht alleine dasteht, wird niemand ernsthaft bestreiten wollen.

Wir Christen geben uns jedoch nicht nur als naturwissenschaftlich Gebildete; wir sind auch furchtbar neugierig. Wie, wo und wann sich etwas zugetragen hat, wollen wir genau wissen und geben keine Ruhe, bis wir alles – natürlich exakt belegt! – erfahren haben.

Zuweilen bereitet uns diese bohrende Neugier größere Schwierigkeiten hinsichtlich des Glaubens als die Naturwissenschaften, und die Bibel kommt unseren Wunsch nach möglichst lückenloser und überzeugender Darstellung der geschichtlichen Sachverhalte keineswegs immer verständnisvoll entgegen. So wird uns im NT gleich zweimal erzählt, wie es zur Geburt Jesu gekommen sei (7). Zwischen beiden Erzählweisen bestehen indes so viele und so erhebliche Unterschiede, dass Kurt Aland sie in seiner Griechischen Synopse (8) nur getrennt voneinander (S. 4; 10f.) bringen kann, obwohl beide Erzählungen aussagen, dass Jesus sein Leben der Schöpferkraft des Heiligen Geistes und nicht der Beiwohnung eines Mannes verdankt habe (Matth. 1, 18.20; Luk. 1, 35).

In Luk. 1,27 wird nachdrücklich betont, dass Maria noch Jungfrau war, als ihr ein Engel Gottes eine Schwangerschaft und die Geburt eines Sohnes als zukünftiges Ereignis in ihren Leben ankündigte und dies ihr auf ihre Frage hin näher erläuterte. Matthäus hingegen erzählt von der Jungfräulichkeit Mariens nichts. Er unterbricht seine Erzählung jedoch nach der Botschaft des Engels und fügt einen Vers aus dem Buch Jesaja ein (Matth. 1, 22ff. = Jes. 7, 14), wonach zur Zeit des Propheten (ca. 730 v. Chr.) eine ‚Jungfrau‘ (so die griechische Übersetzung der LXX) schwanger werden und einen Sohn gebären wird, den man ‚Immanuel‘ nennen werde, was ‚Gott steht uns bei‘ bedeutet. Während Matthäus in Gegensatz zu Lukas – durch die Falschübersetzung eines alttestamentlichen Wortes – die Jungfräulichkeit Mariens gerade noch an Rande erwähnt, sieht er in den Namen ‚Immanuel‘ die eigentliche Aussage des Prophetenspruches; er übersetzt den Namen ausdrücklich, damit jeder Leser des Evangeliums erfährt, dass das Kind Jesus, dessen Geburt angekündigt wird, den helfenden Beistand Gottes bringen wird.

Maria mit dem Jesuskind und Josef, der die beiden von der Seite anschaut

Maria mit dem Jesuskind und Josef an ihrer Seite (Bild: pixabay.com)

Josef jedoch wird zunächst einmal mit der harten Tatsache konfrontiert, dass seine Braut ein Kind erwartet (9a), das nicht von ihm stammt (9b). Zwar wird der Leser sofort darüber informiert, dass es sich hierbei nicht um eheliche Untreue oder sexuellen Missbrauch, sondern um ein ‚übernatürliches Ereignis‘ handelt (10). Josef aber erfährt davon erst später (V. 20b f.) und muss zuerst versuchen, als rechtschaffener Mann damit fertig zu werden (V. 19. 20a). H. Schütz spricht deshalb von der „Bewältigung traumatischer Situationen“ (11). In V. 19-20a gewährt uns Matthäus Einblick in die Art, wie Josef versuchte, seine traumatische Situation zu bewältigen: Er bedenkt die verschiedenen Gesichtspunkte seiner Lage als – wie er meint – betrogener Ehemann (12); er verwirft die Möglichkeit einer Anzeige bei Gericht (13) und entschließt sich für eine nicht-öffentliche Entlassung seiner Braut aus dem Eheverhältnis durch Aushändigung einer Scheidungsurkunde (14). – Bei allem Respekt vor dem gewiss redlichen Versuch des Josef, seine traumatische Situation zu bewältigen: am Ende werden ein einsamer Ehemann, eine verstoßene Ehefrau und ein Kind zurückbleiben, das ohne Vater aufwachsen und ‚unter der Diskriminierung eines unehelich Geborenen … leiden‘ wird (15).

Da ist es tröstlich, zu erfahren, dass Gott Menschen nicht allein lässt, die mit ihrem Versuch scheitern, ihre traumatische Situation zu bewältigen. Gott begegnet dem Josef seelsorgerlich: Er lässt ihn wissen, dass er ihn kenne (Name, Herkunft); dass ihn seine Situation und sein Versuch, damit fertig zu werden, bekannt seien und er sich in die Angst des Josef hineinversetzen könne (Furcht vor falschen Entscheidungen u. a.). – Gott erteilt ihm aber auch eine seelsorgerliche Weisung: Er solle Maria getrost heiraten (16) und dem von ihr geborenen Sohn den Namen ‚Jesus‘ geben (V. 20b-21). – Diese seelsorgerliche Weisung steht zwar der von Josef getroffenen Entscheidung radikal entgegen; dennoch hat er den Mut, letztere fallen zu lassen und es mit Gottes Weisung zu wagen. Das Ergebnis: eine traumatische Situation wird bewältigt; zwei fast schon geschiedene Eheleute finden wieder zueinander, und ein Kind findet, als es geboren wird, ein Elternpaar vor, das gemäß der Weisung des himmlischen Vaters seine Verantwortung für das Kind wahrnimmt, und dies sofort: Der irdische Vater gibt seinen Kind jenen Namen, den der himmlische Vater für dieses Kind bestimmt hatte (V. 24-25). Etwa dreißig Jahre später wird Jesus die Erfahrung seiner Eltern mit jener Weisung Gottes an Menschen weitergeben, die ihn nach der Möglichkeit der Ehescheidung fragen (Matth. 19, 3-6. 7-9).

Der Behauptung H. Schützens aber, Jesus habe unter der Diskriminierung als eines unehelich Geborenen zu leiden gehabt, muss nachdrücklich widersprochen werden.

Ich frage: „Muss es nicht notwendigerweise zu einer solchen Diskriminierung kommen, wenn psychoanalytische Gesichtspunkte wie ‚die Widerspiegelung eigener Erfahrungen in biblischen Texten‘; die ‚Eröffnung von ‚Identifikationsmöglichkeiten‘ und ‚biblische Erzählungen zu seiner eigenen Geschichte werden lassen‘ (17) zum hermeneutischen Maßstab des Verstehens biblischer Botschaft erhoben werden? Besteht denn darin der Trost von Gottes Guter Nachricht, dass jemand als Inzestopfer erfährt, dass bereits die Mutter Jesu sexuell missbraucht worden ist; oder dass ein unehelich Gezeugter bzw. Geborener vernimmt, dass auch Jesus unter diesen Makel gelitten habe? Müssen Menschen, die dieses alles nicht erlitten haben, dann ungetröstet bleiben?

Ich habe Matth. 1, 18-25 deshalb gewählt, weil dieser Text m. E. der Problemstellung von H. Schütz an weitesten entgegenkommt.

3. Gottes Sohn – was wird damit ausgesagt?

Es ist uns Christen heilsam, wenn wir von Zeit zu Zeit auch durch einen Aufsatz wie dem von H. Schütz genötigt werden, über Aussagen unseres Glaubensbekenntnisses kritisch nachzudenken; nicht, um ein Stück davon, das uns unbrauchbar erscheint, über Bord zu werfen, sondern um anderen Menschen gegenüber verständlicher artikulieren zu können, was unser Glaube aussagt. So schreibt jene eingangs zitierte Pfarrfrau gegen Ende ihres Leserbriefes vom ‚Wunder der Gottessohnschaft‘. Ich möchte sie fragen, ob sie dabei auch an jene Millionen von Muslime gedacht hat, die seit langer Zeit mitten unter uns leben und aus den Koran lernen (18), dass die christliche Rede von der Gottessohnschaft Jesu nichts Wunderbares, sondern erklärte Gottlosigkeit sei? „Die Christen sagen: ‚Der Allbarmherzige hat einen Sohn gezeugt.‘ Damit aber äußern sie eine Gottlosigkeit, … weil sie dem Allerbarmer einen Sohn zuschreiben, den es doch nicht ziemte, Kinder zu zeugen.“

Für die Muslime ist Jesus niemals der Sohn, wohl aber der Knecht Gottes; arab. ‚abd‘; hebr. ‚ebed‘ (19). Ein für allemal gilt für sie: „Es gibt nur einen einzigen Gott. Fern von ihm, dass er einen Sohn habe … Allah genügt als Beschützer“ (20). Muss es denn aber dabei bleiben, dass sich Christen und Nichtchristen in schöner Regelmäßigkeit ihre Glaubenssätze entgegenhalten und sich gegenseitig des Unglaubens bezichtigen? Könnten wir Christen uns nicht der Mühe unterziehen und die Bibel dahingehend befragen, was sie mit der Wendung ‚Gottes Sohn‘ meint, um uns dadurch für das Gespräch mit den Anderen zu rüsten, Missverständnisse oder Voreingenommenheiten aus dem Feld zu räumen oder durch die Argumente der Anderen Fehlentwicklungen bei uns selbst zu entdecken?

Setzen wir wieder bei der Kindheitserzählung nach Matthäus ein: Auf Weisung des Engels flieht Josef mit den Kind und seiner Mutter vor der Tötungsabsicht des Königs Herodes nach Ägypten, um dort den Tod des Königs abzuwarten und dann nach Palästina zurückzukehren. Der Evangelist erkannte darin die Erfüllung eines Gotteswortes aus dem Buche des Propheten Hosea „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ (Matth. 2, 13 ff.). Es bedarf keines Hinweises, dass hier bereits das Jesuskind ‚Sohn Gottes‘ genannt wird. Wer dieses Zitat jedoch kritisch überprüft, erfährt, dass Gott dort (Hos. 11,1) das Volk Israel und nicht eine Einzelperson als ‚seinen Sohn‘ bezeichnet: „Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten“ (21). Das Zeugnis von Israel als dem Sohne Gottes steht indes nicht nur am Anfang der Geschichte dieses Volkes, sondern begleitet es durch die Jahrhunderte bis hin zu Maleachi, den letzten Schriftpropheten Israels (ca. 510 v. Chr.) (22).

Wenn vor allem Israel als ‚Gottes Sohn‘ gilt, dann gilt Gott vorrangig als ‚Vater Israels‘. Die Gebetsanrede ‚Mein Vater‘, ‚Unser Vater‘ findet sich jedoch erst relativ spät, weil sie offensichtlich auch in benachbarten Fremdreligionen üblich war und die Gefahr bestand, dass die Israeliten auch zu anderen Göttern als zu ‚ihrem Vater‘ beten (23). Das Vater-Sohn-Verhältnis kennzeichnet somit die Beziehung zwischen Gott und seinen Volk: Israel verdankt Gott sein Leben; zuweilen kann hierfür sogar das Bild der Ehe zwischen Gott und Israel gebraucht werden. Wie ein Vater bzw. eine Mutter erbarmt sich Gott seines Kindes, trägt und tröstet es. Er fordert Gehorsam und Unterordnung, erweist ihm aber auch seine Güte und Liebe und weist ihm den rechten Weg (24). Personhafter und persönlicher kann ein Verhältnis wohl kam gezeichnet werden. In enger Beziehung dazu steht die Bezeichnung des über Israel / Juda regierenden Königs als ‚Sohn Gottes‘. Durch den Propheten Nathan, einen Berater des Königs David, erhielt dieser die Zusage Gottes, dass leibliche Nachkommen Davids für alle Zeiten als Könige in Jerusalem regieren werden, damit Israel in einem gesicherten Lebensraum und in Frieden leben könne. Jedem einzelnen dieser als Könige regierenden Nachkommen Davids sagt Gott fest zu: „Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.“ Von diesen ‚Gottessöhnen‘ wird nicht gesagt, dass sie göttlicher Natur und deshalb unfehlbar seien. Im Gegenteil: Von ihnen wird angenommen, dass sie sündigen werden wie andere Menschen auch. Deshalb bedürfen sie der Zurechtweisung. Aber Gott wird zu ihnen stehen und sie niemals fallen lassen, wie ein rechter Vater stets und überall zu seinen Sohne steht (25). Diese Zusage Gottes gilt als Regierungslegitimation für das gesamte Herrscherhaus Davids. Jeder König hatte somit als ‚Sohn Gottes‘ und damit als von Gott legitimierter Regent den Auftrag, für das Wohl des ihm anvertrauten Volkes Israel, des ‚Sohnes Gottes‘, zu sorgen.

Eine Fülle von Textstellen, zumeist aus den Psalmen, gewähren Einblick in den konkreten Vollzug dieser göttlichen Legitimation im judäischen Krönungsritual: So dürfte Psalm 2 anlässlich der Inthronisierung des neuen Königs rezitiert worden sein: V. 1-3 schildern die weltpolitische Lage, die durch die radikale Feindschaft der Völker gegen den Gott Israels und dessen Sohn geprägt ist. – V. 4-6 lassen die Stellung Gottes zu dieser geballten Feindesmacht erkennen und gipfeln in der Feststellung, dass er seinen König in Jerusalem bereits eingesetzt habe. V. 7-12 können als eine Regierungserklärung des neuen Königs verstanden werden. Sie beginnt mit der Erinnerung an jene Legitimierung der davidischen Könige durch Gott: „Ich gebe bekannt, was der Herr verfügt hat. Er hat zu mir gesagt: Du bist mein Sohn (2. Sam. 7, 14a); heute habe ich dich dazu gemacht“ (wörtlich: heute habe ich dich gezeugt; hebr. jalad) (Ps. 2, 7). Da jeder judäische König ein leiblicher Nachkomme Davids (2. Sam. 7, 12; Ps. 132, 11f.; Matth. 1, 8-11) und bei seiner Inthronisierung erwachsen war, schließt sich der Gedanke an eine physische Zeugung durch Gott von selbst aus. Das Verbum „zeugen“ bezeichnet in unserem Zusammenhang den Vorgang der Krönung, zu dem die Erteilung des vollen königlichen Namens (2. Sam., 7, 9; 1. Kön. 1, 46f.), die Gewährung einer ersten Bitte (Ps. 2, 8; 20, 5; 21, 3.5) und die Verleihung von Krone (Ps. 21, 4; 2. Kön. 11, 12) und Szepter (Ps. 2, 9; 110, 2) gehörten. Nur wenige Stellen in der Bibel bezeugen so deutlich wie die Königskrönung der Nachkommen Davids, dass Israel zwei Väter hat. – Das Herrscherhaus Davids sollte nicht ewig währen, wie Gott es ihm zusagen ließ. Nach knapp vierhundert Jahren fand es sein Ende. In Jahre 587 v. Chr. zog der babylonische Großkönig Nebukadnezar II. vor Jerusalem. „Die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht, der salomonische Tempel niedergebrannt. In den Flammen ist wahrscheinlich die Lade Jahwes umgekommen“ (26). Der letzte judäische König, Zedekia, vermochte noch zu fliehen, wurde aber bei Jericho gefangengenommen und ins Hauptquartier nach Ribla (Syrien) gebracht, wo der Großkönig ihn blenden und nach Babylonien in die Gefangenschaft bringen ließ. Dort starb er (Jer. 52, 11), und mit ihn zerbrachen das Herrscherhaus Davids und die ihm und dem Volke Israel gegebenen Zusagen Gottes. Der 89. Psalm (V. 2-38. 39-52), der wahrscheinlich aus der Zeit des Exils stammt, „zeigt, wie schwere, bis an die Wurzeln gehende Anfechtungen Israel aus dem Zerbrechen der Davidverheißung erwuchsen“ (27).

Aber Gott führte seine Sache weiter. In der Zeit tiefster Verzweiflung erstand ein namentlich nicht bekannter Prophet, der im Auftrage Gottes ‚die Durstigen und Hungrigen‘ Israels aufsuchte und ihnen Gottes alte und doch völlig neue Zusage verkündigte:

„Ich will mit euch einen unauflöslichen Bund schließen. Die Zusagen, die ich David gegeben habe, sind nicht ungültig geworden: an euch werde ich sie erfüllen. Ihn habe ich einst zum Herrscher über viele Völker gemacht, damit sie durch ihn meine Macht erkennen. Auch durch euch sollen jetzt fremde Völker mich kennen lernen … “ (Jes. 55, 1-3a.3b-5a).

„Diese Worte werden direkt der Klage um das Zerbrechen des Davidbundes entgegengesetzt“ (Westermann, a. a. O.). Mit den Worten von H. Schütz würde dies etwa so lauten: Gott schickt sich an, die traumatische Situation seines Sohnes Israel zu bewältigen.

Und Gott hat sie bewältigt. Im Winter 55/56 n. Chr. schrieb Paulus seinen Brief an die Christengemeinde in Rom, um sich ihr bekannt zu machen, bevor er sie auf seiner Weiterreise nach Spanien erstmals besuchen wird (Röm. 15, 20-24). Er beginnt seinen Brief mit einer der ältesten Bekenntnisformulierungen der Christenheit (28):

„Gott hat seine Zusagen eingelöst durch seinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, von den wir bekennen: ‚Er ist seiner irdischen Herkunft nach ein Nachkomme König Davids; seiner göttlichen Heiligkeit nach ist er der Sohn Gottes; in diese Machtstellung hat Gott ihn eingesetzt, indem er ihn als den ersten vom Tod erweckte‘.“ (Röm. 1, 3f.)

Christlicher Glaube bekennt somit von jeher Jesus als Nachkomme Davids in Sinne der Königslegitimierung 2. Sam. 7, 12ff. (29). Zahlreiche Stellen im NT nennen Josef und Jesus selbst ‚Sohn David‘ (30). Mit dieser Bezeichnung wird Jesu Wirken während seiner Lebenszeit markiert. Die den Nachkommen Davids verheißene ewige Königsherrschaft aber hat sich mit Ostern erfüllt. Während die beiden Bezeichnungen ‚Sohn Davids‘ und ‚Sohn Gottes‘ im AT identisch sind, treten sie im NT, weitergeführt durch die Auferweckung Jesu, auseinander.

Als ‚Sohn Davids‘ wuchs Jesus als Glied einer jüdischen Familie in Nazareth auf. Sein Vater Josef (Joh. 1, 45. 6, 42; Matth. 13, 55 als Bauhandwerker), seine beiden Eltern (Luk. 2, 4ff., 27.33.41ff.) samt seinen Geschwistern sind den Bewohnern seiner Vaterstadt bekannt. Dass Jesus Mk. 6, 3 abschätzig als ‚Sohn der Maria‘ bezeichnet wird, weil angeblich der Vater des Kindes unbekannt sei, wie H. Schütz meint (S. 129), trifft nicht zu: Markus lässt Jesu Tätigkeit erst mit seiner Taufe durch Johannes beginnen; Jesus war zu diesem Zeitpunkt etwa 28 Jahre alt und sein Vater Josef wahrscheinlich bereits verstorben (31).

Auch wenn die o. a. Angaben zur Herkunft Jesu durch Augenzeugen als geschichtlich gelten dürften, so dokumentieren sie dennoch die Blindheit dieser Menschen gegenüber Jesus, weil sie meinen, dass sie Jesus bereits kennen, wenn sie über seine familiäre Herkunft Bescheid wissen.

Hierher gehört deshalb auch die Vermutung von H. Schütz, dass der Vater Mariens zugleich der leibliche Vater Jesu gewesen sein könnte und Maria ein Inzestopfer wurde. Diese Vermutung führt insofern nicht weiter, weil sie damalige wie heutige Menschen dabei behaftet, nach Jesus ausschließlich hinsichtlich seines Charakters als ‚Sohn Davids‘, nicht aber auch zugleich als ‚Sohn Gottes‘ zu fragen. Die Kirche Jesu Christi aber hat sich von Anfang an darum bemüht, Jesus in seiner Ganzheit, als ‚Sohn Davids‘ und als ‚Sohn Gottes‘ zu bezeugen, sei es in Form eines knapp formulierten Christusbekenntnisses (Röm. 1, 3f.), sei es in Form missionarischer Verkündigung (Apg. 2, 29ff. 13, 32ff. u. a.) (32). Bei unserer Arbeit mit heutigen Menschen sollten wir dies nicht aus den Augen verlieren.

Winkelried Gähler, Pfarrer i. R.

Anmerkungen

(1) Deutsches Pfarrerblatt 3/98, S. 128ff.; 5/98, S. 295ff.; 6/98, S. 353; 7/98, S. 420; 425-427

(2) Torquato Tasso. Ein Schauspiel, 11, 1

(3) 5. Mose 12, 29-31

(4) 3. Mose 18, 3-5. 6-18; 20,8. 10-12. 14. 17. 19. 20f.; 5. Mose 22, 13-29

(5) 3/98, S. 129

(6) M. Noth, Das dritte Buch Mose / Leviticus (ATD, Bd. 6, 1962), S. 116

(7) Matth. 1,18-25; Luk. 1,26-38

(8) 8. Aufl., Stuttgart 1973

(9a) heuriskein = feststellen (Matth. 1,18), ThW II, S. 767, 41f.; A 1 (Preisker)

(9b) synerchesthai = zusammenkommen, um eine Haus- und Ehegemeinschaft zu gründen; heiraten (Matth. 1,18), ThW 11, 682, A 1 (Schneider); W. Bauer, Wörterbuch NT 4, Sp. 1433

(10) ThW IX, S. 204, A 104 (Balz)

(11) 3/98, S. 129f. u. a.

(12) enthymeisthai erwägen, bedenken, ThW III, S. 172, 17f. (Büchsel)

(13) deigmatizein bloßstellen, ThW II, S. 31, 36ff. (Schlier)

(14) 1. Bauer, Wörterbuch NT 4, Sp. 838 (lathra), Sp. 175 (apolyein); vgl. 3. Mose 20,10; 5. Mose 22,22ff.; 24,1. – bulomai = beabsichtigen, ThW I, S. 630, 30; A 53 (Schrenk)

(15) 3/98, S. 130

(16) paralambanein = eine Frau als Gattin zu sich nehmen, heiraten (Matth. 1,20.24): W. Bauer, Wörterbuch NT 4,- Sp. 1128; ThW IV, S. 11, 33f.; S. 14, 20f. (Delling)

(17) 3/98, S. 128, 129, 130

(18) DIE ZEIT, Nr. 31, 23. Juli 1998, S. 9-11 „Allah ist schulreif?“ (Spiewak)

(19) aus: Der Koran, das Heilige Buch des Islam, übersetzt von L. Ullmann 1840; neu bearbeitet von L. Winter, Goldmann-Verlag München, 19. Sure, 89-93; vgl. 2. Sure 117f.; 10. Sure, 69ff.; 19. Sure 35f., 112. Sure, 1-5

(20) 4. Sure, 172

(21) 2. Mose 4, 22. 23a

(22) Dt. 14,1; 32, 5f., 18f.; Hos. 2,1; Jer. 3,19a; 31,9.20; Jes. 43,6; 45,11; Mal. 1,6; 2,10

(23) Jer. 2,26f.; Dt. 32,6; Jer. 3,4.19b; Jes. 63,16; 64,7; 4. Hose 21,29

(24) 5. Hose 32,6; Hos. 2,4; Hes. 16,20; 5. Hose 1,31; 8,5; Jes. 66,13; Mal. 3,17; Ps. 27,10; 68,6; 103,13; ThW VIII, S. 352, 21ff. (Fohrer)

(25) 2. Sam. 7,8-16; ThW VIII, S. 350ff. (Fohrer); E. Kutsch, Die Dynastie von Gottes Gnaden, ZThK 58 (1961), S. 137ff. 1; M. Gese, Der Davidsbund und die Zionserwählung, ZAK 61 (1964), S. 10ff.

(26) H. Donner, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen, Bd. 2, 1986, S. 379

(27) C. Westermann, Das Buch Jesaja Kap. 40-66 (ATD, Bd. 19, 1968), S. 228; Klg. Jer. 4,12-26.

(28) O. Michel, Der Brief an die Römer, 1955, S. 30f.

(29) ThW VIII, S. 367, 26ff.-368,15 (Schweizer)

(30) Matth. 1,20; 1,1. 9,27. 15,22. 20,30f. 12,23. 21,9.15; Luk. 1,32; Job. 7,42; Offb. 5,5. 22,16 u. a. J. Becker, Jesus von Nazaret, 1996, S. 25

(31) E. Meyer, Ursprung und Anfänge des Christentums 1. Bd., 1920, S. 277; ThW VIII, S. 364, 10f. (Schweizer); J. Becker (A 30), 30j, S. 25

(32) ThW VIII, S. 368, 16ff.-369, 5 (Schweizer)

 

Meine Antwort an Pfarrer i. R. Winkelried Gähler vom 15. Februar 2006

Sehr geehrter Herr Pfarrer und Amtsbruder Gähler,

Sie wissen ja, wie das im Gemeindepfarramtsalltag sein kann: man nimmt sich Dinge vor; wenn man nicht gleich dazu kommt, legt man sie auf den Stapel für nicht ganz so dringende Angelegenheiten, und so kann manches in Vergessenheit geraten oder für sehr lange Zeit aufgeschoben werden. Ähnlich ging es Ihrem Aufsatz „Israel hat zwei Väter“…

Sieben Jahre hat es gedauert – ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich Ihnen jetzt doch noch (besser spät als nie) die lange schuldig gebliebene Antwort schreibe!

Dass ich jetzt in meinen alten Unterlagen gegraben habe, hat folgenden Grund: Meinen Maria-Aufsatz hatte ich auch auf meiner Internet-Seite bibelwelt.de veröffentlicht. Um Weihnachten 2005 herum entbrannte in dem evangelikal geprägten Internet-Forum www.jesus.de eine Auseinandersetzung um meine Thesen, die ähnlich heftig und mit entgegengesetzten Meinungen ausgetragen wurde wie 1998 im Pfarrerblatt. Dadurch wurde ich angeregt, auch die Diskussion um den Maria-Aufsatz auf meiner Homepage zu dokumentieren. Bei der Suche nach den Texten fand ich auch Ihren Aufsatz wieder.

Hier nun meine Stellungnahme aus heutiger Sicht:

Sie stimmen meiner Analyse in weiten Teilen zu, widersprechen aber nachdrücklich meiner „Behauptung…, Jesus habe unter der Diskriminierung als eines unehelich Geborenen zu leiden gehabt“. Ich habe diese Vermutung angestellt aufgrund von Indizien, die ich in meinem Aufsatz zusammengetragen habe. Ich weiß, dass wir über diesen Punkt wie ja überhaupt über die Kindheit Jesu keine historische Gewissheit erlangen können. Aber wenn schon frühchristliche Phantasie in der Form der Legendenbildung versucht hat, sich einzufühlen in die Kindheitswelt dessen, den man inzwischen als Sohn Gottes anbetete, darf es doch erlaubt sein, auch als Christ der Neuzeit in der biblischen Geschichte „Identifikationsmöglichkeiten“ zu suchen und „biblische Erzählungen zu seiner eigenen Geschichte werden“ zu lassen, wie Sie mich zitieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Geschwister Jesu von ihrem Bruder wussten, dass er nicht der leibliche Sohn des Vaters Josef war, oder dass sie das Getuschel im Dorf hörten. Ich schrieb ja an irgendeiner Stelle auch von der Erfahrung meiner Großmutter, die als Kind von ihren Geschwistern zu hören kriegte: „Du hast ja einen anderen Namen als wir, du bist ja nicht von unserem Vater, du gehörst nicht zu uns“, obwohl sie sogar leibliches Kind ihres Vaters war, wenn auch vor der Ehe gezeugt und geboren. Für Menschen mit solchen und schlimmeren Erfahrungen sollen meine seelsorgerlich motivierten Gedanken eine Hilfe sein.

Wenn Sie mir vorhalten, dass ich die tiefenpsychologische Einfühlung zum „hermeneutischen Maßstab des Verstehens biblischer Botschaft“ erhebe, widerspreche ich Ihnen insofern, als ich die moderne Tiefenpsychologie lediglich als eine unter vielen Hilfsmitteln ansehe, mit denen sich die Bedeutung biblischer Texte hermeneutisch erschließen lässt.

Sie fragen in diesem Zusammenhang: „Besteht denn darin der Trost von Gottes Guter Nachricht, dass jemand als Inzestopfer erfährt, dass bereits die Mutter Jesu sexuell missbraucht worden ist; oder dass ein unehelich Gezeugter bzw. Geborener vernimmt, dass auch Jesus unter diesen Makel gelitten habe?“ Ich sage dazu: Das ist natürlich nicht der einzige und nicht einmal der zentrale Trost des Evangeliums. Zentral ist die Erfahrung, dass der allmächtige Gott nicht fernab jedes menschlichen Leides im Himmel thront, sondern dass ER auf das Leid der Menschen schaut, dass dieses Lied IHN jammert, dass er vom Sinai bis zum Karmel, vom Berg der Verklärung bis Golgatha „herabsteigt“ auf die Erde, um sich als der Gott erfahren zu lassen, der die Liebe ist. Eine Art, diesen Trost zu erfahren, kann auch darin bestehen, dass man wahrnimmt: dieser Gott ist wirklich bis in die äußerste Tiefe menschlicher Erniedrigungserfahrungen hinabgestiegen. Gott „weiß“ also aus eigener Erfahrung, wie es Missbrauchsbetroffenen geht, kann solidarisch mit ihrem Leid sein, sich in sie einfühlen. Der wichtigere Teil des Trost besteht aber in weiteren Schritten: das Wunder zu erfahren, sich wie Maria und Jesus als wertvoll annehmen zu dürfen, als Mensch mit unzerstörbarer Würde als Ebenbild Gottes, eben nicht als „Hure“, sondern als „reine Magd“, eben nicht als „Bastard“, sondern als „Heiliges Kind“.

Sie fragen: „Müssen Menschen, die dieses alles nicht erlitten haben, dann ungetröstet bleiben?“ Natürlich nicht, aber ich denke, wenn sogar Gewaltopfer durch die Liebe des fleischgewordenen Gottessohnes Trost erfahren dürfen, dann erst recht alle anderen. Gerade Missbrauchsopfer zu trösten, ist ungeheuer schwer, was ich auch heute noch in Emailkontakten erfahre, die zum Teil durch die Veröffentlichung meines Aufsatzes im Internet zustande gekommen sind. Den Missbrauchten das Gefühl zu vermitteln, dass sie vor Gott ihre Würde nicht verloren haben, ist mein Ziel in meinem Aufsatz gewesen.

Zu Ihrer Diskussion der Gottessohnschaft Jesu im Zusammenhang der muslimischen Ablehnung eines von Gott gezeugten Kindes möchte ich Sie auf einen Aufsatz von Karl-Josef Kuschel in der Jungen Kirche 6/2002, S. 29-34, hinweisen: Die „Weihnachtsgeschichte“ im Koran als Modell eines Dialogs. Interessant finde ich, dass gerade der Koran trotz der Ablehnung der Gottessohnschaft Jesu an seine übernatürliche Jungfrauengeburt aus der Maria glaubt, also insofern meiner These widerspricht. Aber das nur nebenbei.

Ihre Ausführungen zur Gottessohnschaft, wie Sie sie aus dem Alten Testament ableiten, kann ich nachvollziehen. Jesus ist Gottes Sohn sicher nicht in einem buchstäblichen Sinn durch Zeugung wie in den hellenistischen Göttermythen, sondern eher in dem Sinne, dass das, was im AT von Israel gesagt wird, nun auf Jesus übertragen wird (ob und inwiefern auch auf den „Leib Christi“, die in Israel eingepfropfte Gemeinde Jesu Christi, das wäre eine weitere spannende Frage), oder in dem Sinne, dass Gottes Geist oder Schechina in ihm „einwohnt“.

Im Blick auf meinen Aufsatz schreiben Sie im Zusammenhang mit der über Josef vermittelten Davidsohnschaft Jesu: „Dass Jesus Mk. 6, 3 abschätzig als ‚Sohn der Maria‘ bezeichnet wird, weil angeblich der Vater des Kindes unbekannt sei, wie H. Schütz meint (S. 129), trifft nicht zu.“ Ich behaupte aber gar nicht, dass der Vater des Kindes unbekannt sei, sondern dass Markusstelle – nur im Falle Jesu – auf Zweifel an der leiblichen Vaterschaft Josefs schließen lässt.

Ich stimme Ihnen zu, dass Menschen gegenüber dem wahren Wesen der Gottessohnschaft Jesu „blind“ sein können, auch wenn sie genau zu wissen meinen, woher Jesus stammt, also „weil sie meinen, dass sie Jesus bereits kennen, wenn sie über seine familiäre Herkunft Bescheid wissen“.

Sie stellen meine Vermutung, „dass der Vater Mariens zugleich der leibliche Vater Jesu gewesen sein könnte und Maria ein Inzestopfer wurde“, in die gleiche Ecke. Aber mir geht es doch gar nicht darum, „nach Jesus ausschließlich hinsichtlich seines Charakters als ‚Sohn Davids‘“ zu fragen. Meine Vermutung ist doch nur der Ausgangspunkt für die weitergehende Frage, wie Jesus trotz einer vermuteten Abstammung aus einer Gewalttat der Sohn Gottes sein könne. Anders ließe sich ja gar nicht begründen, warum auch ein Missbrauchsopfer das Wunder erfahren kann, von Gott in seiner Würde als Ebenbild Gottes aufgerichtet zu werden.

Mit freundlichen Grüßen
Helmut Schütz

Leider hörte ich telefonisch am 28. März 2006, dass Pfarrer Gähler meinen Brief nicht mehr lesen und beantworten kann, da er schon längere Zeit an einer sehr schweren Krankheit leidet. Seine Frau ist aber einverstanden, dass sein Beitrag hier veröffentlicht wird.

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