„Ich habe den guten Kampf gekämpft“

Trauerfeier für einen Mann, der zur 68-er-Generation gehörte und seinen Überzeugungen treu geblieben ist. Er hatte in vieler Hinsicht schwere Kämpfe auszufechten gehabt bis hin zu der Krankheit, an der er gestorben ist.

"Ich habe den guten Kampf gekämpft": das Peace-Zeichen, aufgedruckt in Blau auf orangenem Stoff

Ein Symbol der Friedensbewegung – aktuell seit den 60er Jahren (Bild: oddobjective – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Herrn N. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist.

Wir denken an ihn – wir denken an uns – wir denken an Gott.

An ihn denken wir, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

An uns denken wir, um Klarheit zu gewinnen über unsere gemischten Gefühle und unsere Erinnerungen.

An Gott denken wir, weil er die Antwort auf die letzten Fragen ist: woher wir kommen, wohin wir gehen und warum wir leben. An Gott denken wir, der unser Trost und unser Halt ist im Leben und im Sterben.

Wir hören Worte aus dem Psalm 34, einem alten Lied der Bibel:

5 Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.

6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

8 Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

13 Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen?

14 Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.

15 Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

16 Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.

19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

23 Der HERR erlöst das Leben seiner Knechte, und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

Liebe Trauernde!

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Als ausgeprägter Individualist mit eigenen und eigenwilligen Vorstellungen vom Leben ließ Herr N. sich auf Ideen und Lebensformen der alternativen Bewegungen der 60er und 70er Jahre ein – ein intelligenter Mensch mit Prinzipien, der für Solidarität, für Frieden, für Gerechtigkeit eintrat, und das ganz konkret, nicht nur mit Sprüchen. Er war offen für die Sorgen derer, die sich ihm anvertrauten. Die Rechte und Pflichten von Sozialhilfeempfängern waren ihm ein Anliegen, und die Erfindung des Gießen-Passes ging im Grunde auf eine Idee von ihm zurück.

Sein politisches Interesse war eindeutig links und grün ausgerichtet, er nahm auch an Demonstrationen teil. In den letzten Jahren wuchs allerdings seine Enttäuschung, sein Misstrauen, seine Wut auf Politiker, von denen er mehr und anderes erwartet hatte. Er selber blieb mit seinen langen Haaren bis in die Gegenwart hinein als Angehöriger der 68er-Generation erkennbar, ein richtiger alter Hippie, wie Sie ihn mir beschrieben haben. Dazu stand er auch, selbst wenn er wegen seiner äußeren Erscheinung einmal abgelehnt wurde.

Er hatte Interessen, denen man sich allein hingeben kann, liebte die Natur, mochte Katzen, angelte gern, las Science Fiction und satirische Bücher, war für gutes Essen zu haben und kochte selber leidenschaftlich gern. Hin und wieder ist es aber auch gut, wenn man für andere kocht und gemeinsam isst, nächtelang Musik hört und heiße politische Diskussionen führt. Das tat er vor allem mit seinen Freunden, denn er war doch auch ein geselliger Mensch, der zur Pflege enger Freundschaften fähig war.

Auf der einen Seite sind Sie traurig, denn Sie haben ihn verloren, dem Sie nahestanden, den Sie geliebt haben. Auf der anderen Seite sind Sie dankbar für sein Leben, für alles, was Sie an Gutem von ihm und mit ihm erfahren haben, für die Liebe, die er erfahren hat und die von ihm ausgegangen ist. Sicher gibt es auch belastende Erinnerungen; nicht alles läuft rund in einem Leben, nicht alle Konflikte werden bewältigt, wir leben als unvollkommene Menschen in einer Welt, die uns oft überfordert. Die Bibel nennt uns Sünder, und wir sind und bleiben auf Vergebung angewiesen, um in dieser Welt trotz allem mit aufrechtem Gang und getröstetem Gewissen die Herausforderungen zu bewältigen, vor die wir gestellt sind.

Im Nachdenken über das Leben von Herrn N. bin ich auf ein Bibelwort aus dem Brief 2. Timotheus 4, 7 gestoßen, das ich Ihnen als Denkanstoß weitergeben möchte (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue bewahrt.

Das sagt damals im 1. Jahrhundert ein Mann, der den Tod vor Augen hat, Paulus, als er in der Todeszelle in Rom auf seine Hinrichtung wartet. Ich will nicht Herrn N. mit dem Heiligen Paulus vergleichen, will auch nicht seinen Tod mit einem christlichen Märtyrertod gleichsetzen. Aber dennoch trifft dieser Vers in gewisser Weise auch auf das Leben und Sterben von Herrn N. zu.

Er hat einen „guten Kampf gekämpft“, sich eingesetzt für seine Ideale, für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Er hat auch ganz persönlich hart gekämpft, um nicht unterzugehen und nicht die zu enttäuschen, die er liebte.

Er hat zugleich „die Treue bewahrt“. Treu geblieben ist er jedenfalls sich selbst und seinen Grundsätzen, Treue hat er … bewahrt und auch seinen Freunden.

Wenn wir Treue im Zusammenhang mit Vertrauen sehen, dann erkennen wir in Herrn N. einen Menschen, der das Vertrauen zum Leben nicht aufgegeben hat, obwohl er als junger Mann zeitweise dem Tod schon näher war als dem Leben. Wir sprachen schon davon, dass er sich die zweite Hälfte seines Lebens hart erkämpft und zugleich als geschenkte Jahre erlebt hat; ich denke, dass man so erfolgreich nur kämpfen kann, wenn man sich letzten Endes in einem Vertrauen zum Leben, zu Gott oder zu Menschen, die Rückhalt geben, getragen weiß.

Ob er bewusst an Gott geglaubt hat, weiß ich allerdings nicht. Das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig; wichtiger ist, dass Gott an uns glaubt und uns mit seiner Treue trägt, wichtiger ist die Haltung, in der ein Mensch tatsächlich lebt und sich vor Gott verantwortet, und in dieser Haltung, wie Sie mir Herrn N. geschildert haben, erkenne ich so viel Vertrauen zum Leben und Einsatz für sinnvolle Ziele, dass wir durchaus sagen können: Hier ist ein erfülltes Leben zu Ende gegangen. In diesem Sinne hat er „den Lauf vollendet“, und wir können ihn getrost loslassen.

Ich stelle mir vor, wie er im Himmel dem Menschensohn Jesus gegenübersteht, der damals, als er auf der Erde lebte, von vielen auch als so etwas wie ein Hippie angesehen wurde. Jesus wird ernst und barmherzig auf die Brüche und Wunden in seinem Leben schauen, aber auch auf seine Kämpfe und seinen Einsatz, und vor allem auf die Liebe, die er annehmen und geben konnte. Vielleicht werden sich die beiden auch über den Frieden auf Erden austauschen oder sogar eine himmlische Diskussionsrunde einberufen, an der – wer weiß – außer den biblischen Propheten möglicherweise auch Persönlichkeiten wie Karl Marx und Martin Luther King teilnehmen. Wir wissen ja nicht, was im Himmel alles möglich ist.

Ich weiß im Vertrauen auf Gott nur eins: Menschen, die wir in Liebe loslassen, gehen nicht verloren; sie bleiben in der Liebe Gottes bewahrt in Ewigkeit. Amen.

Barmherziger Gott, wir beten zu dir für den Verstorbenen, Herrn N., den du nach langer Krankheit aus diesem Leben abberufen hast. Nimm ihn auf in dein ewiges Reich und lass ihn den Frieden erleben, der hier auf Erden immer nur bruchstückhaft erfahren werden kann.

Traurig stehen alle da, die ihn vermissen und in deren Leben er eine große Lücke hinterlässt. Vergib uns, wenn wir einander etwas schuldig geblieben sind. Lass zusammenstehen, die einander brauchen, und gib die nötige Kraft beim Durchstehen der Trauer auch in der kommenden Zeit.

Lehre uns erkennen, dass wir alle sterben müssen, damit wir klug werden. Lehre uns erkennen, wie kostbar dieses Leben ist, und dass es sich nicht lohnt, auch nur einen Augenblick dieses Lebens in Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit zu vergeuden. Stärke die gute Kraft in uns, die von dir kommt, damit wir wissen, wozu wir auf Erden leben: Um Liebe zu suchen, zu erfahren und zu verschenken, Tag für Tag. Amen.

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