„Auf Gott geworfen von Mutterleib an“

In der Trauerfeier für eine geliebte Mutter und Großmutter denke ich über die Mütterlichkeit Gottes nach, über die Spannung zwischen Geborgenheit und Eigenständigkeit im Leben – und über das Loslassen der Mutter.

Auf Gott geworfen von Mutterleib an: Schiefes altes Grabkreuz mit dem Schriftzug "Mother" = "Mutter"

Ein Grabstein für eine Mutter (Bild: MaryW – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau S., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir denken gemeinsam an ihr Leben, wir begleiten einander auf dem Weg des Abschieds, und wir besinnen uns angesichts des Todes auf Worte Gottes, die trösten und zum Leben helfen.

Laßt uns beten mit Worten aus Psalm 71:

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

5 Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an.

6 Auf dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an; du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen. Dich rühme ich immerdar.

9 Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

19 Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

Lieber Herr S., so flüchtig unsere kurze Begegnung in der vorigen Woche auch war, so eindrücklich ist mir doch geblieben, wie sehr Sie und Ihre Kinder Ihrer Mutter in Liebe verbunden gewesen sind.

Wo Liebe war, da ist auch große Trauer, wenn der geliebte Mensch gestorben ist. Es hat keinen Zweck, Traurigkeit zu verdrängen oder zu verstecken, sie meldet sich sowieso und mit Recht. Hier und heute ist ein guter Anlass, um der Trauer Raum zu geben und den Anfang eines Weges zu beschreiten, auf dem sie bewältigt werden kann.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Als Sie mir von Ihrer Mutter erzählten, habe ich mich an meine eigene Mutter erinnert. Frau S. gehört zu den kriegs- und nachkriegserfahrenen Hausfrauen und Müttern, die ihr Leben lang auf Sparsamkeit bedacht bleiben, um ihrer Familie ein gutes Auskommen und einen gutbürgerlichen Rahmen zu bieten. Sie erlebt voller Freude und Stolz den Studien- und Werdegang ihres Sohnes, hilft liebevoll bei der Entwicklung von dessen neuer Familie und kümmert sich, wo es nur geht, um ihre Enkelkinder, etwa wenn sie für sie viele Stunden lang an der Nähmaschine Kinderkleidung produziert.

Als warmherzige und liebevolle Mutter, Schwiegermutter und Großmutter ist Frau S. immer bereit und in der Lage, bei Problemen zu helfen sowie beratend und ausgleichend für alle dazusein. Gern erinnert sich ihre Familie an ihre Bescheidenheit und ihre Freude an den einfachen Dingen des Lebens und der Natur. Ihr ausgleichendes und hilfsbereites Naturell bringt ihr einen beachtlichen Bekannten und Freundeskreis ein, zu dem sie bis zu ihrem Tod regem Kontakt pflegt.

Ich kann nur ein paar Daten aufzählen; Sie selber wissen viel besser, was Frau S., die Mutter, Großmutter und Schwiegermutter, die Freundin und Nachbarin für Sie bedeutet hat, welche Begegnungen für Sie wichtig waren, wie Sie geprägt wurden und wofür Sie von Herzen dankbar sind.

Wir verdanken einem Menschen viel, wenn wir ihm lange, vielleicht unser Leben lang, in Liebe verbunden waren. Traurig fragen wir uns, was uns bleibt von der Verstorbenen. Unsere Antwort geht in eine bestimmte Richtung: Nur Liebe bleibt auf Dauer, empfangene und gegebene Liebe, alles andere hat keinen Bestand.

Natürlich gibt es in der Beziehung zu einem Menschen nicht immer nur Liebe, gerade wenn man so stark aufeinander angewiesen ist, wie Sie es damals in Kriegs- und Vertreibungszeiten als Mutter und Sohn gewesen sind. Wir haben nur kurz darüber gesprochen; ganz ohne Spannungen geht es nicht ab, wenn die Mutter den Sohn an eine Schwiegertochter abgibt.

Dankbarkeit ist im Fall von Frau S. das wichtigste Schlüsselwort fürs Abschiednehmen, dann erst folgt vielleicht ein anderes: Vergebung. Unsere Haltung gegenüber einem geliebten Menschen, der gestorben ist, bewegt sich zwischen diesen beiden Polen. In Dankbarkeit gedenken wir an das, was uns verbindet; durch Vergebung verliert das, was zwischen uns gestanden hat, sein Gewicht.

Kein Mensch ist ja ohne Fehler, um so schöner ist es, wenn wir uns in der Familie so akzeptieren, wie wir sind – und wenn wir voller Liebe und Wehmut feststellen, wie viel wir einem Menschen verdanken, der nicht mehr bei uns ist.

Die Bibel betont, wie intensiv gerade die Beziehung zur Mutter ist. Ich lese aus Psalm 22:

10 Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an, du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

Hier wird beides ausgedrückt: die Bindung an die Mutter und die Loslösung von ihr. Mit der Geburt ist bereits die erste Trennung vollzogen – und Gott ist ihr Urheber. Er zieht uns aus dem Mutterleib heraus, mutet und traut uns zu, die totale Umhüllung mütterlicher Geborgenheit zu verlassen. Wozu? – ja, um auf dieser Erde in der Spannung zwischen der Suche nach Geborgenheit und nach Eigenständigkeit zu leben.

Wenn das kleine Kind Geborgenheit erfährt an der Brust der Mutter und zugleich der Mensch vom Mutterleib an „auf Gott geworfen“ ist, dann hat auch Gott mütterliche Züge. Gott umgibt uns von allen Seiten wie ein Mutterschoß (Psalm 139, 5) und stellt zugleich unsere Füße „auf weiten Raum“ (Psalm 31, 9). Gott ist für uns wie ein guter Vater und wie eine gute Mutter – er ist das Urbild dessen, was wir Menschen einander an wahrhafter Mutter- oder Vaterliebe geben und empfangen können.

In die Hände dieses Gottes legen wir im Tod ein Menschenleben zurück. Einen Menschen loslassen heißt: Wir dürfen ihn getrost der Gnade Gottes anvertrauen. Es gibt etwas, auf das wir uns jenseits unserer Bemühungen und Vorstellungen verlassen können: dass ein Gott im Himmel ist, der ewig ist und barmherzig ist und in dessen Gedächtnis wir aufbewahrt bleiben.

Und indem wir die Verstorbene loslassen, dürfen wir auch uns selber Gott anvertrauen mit all unseren Gedanken und Gefühlen. Es gibt nichts, was Gott nicht aushält, und uns ist versprochen, daß Gott uns halten wird. Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

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