Kain – verurteilt zur Verantwortung

„Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.“ Innen sieht Kain nur das eigene Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Unten sieht er nur das Schlechte in der Welt. Nach dem Brudermord konfrontiert Gott den Täter mit seiner Tat, damit das Opfer nicht vergessen wird. Das Kainszeichen schützt Kain vor Lynchjustiz, damit er endlich Verantwortung für sein Leben übernimmt.

Kain erschlägt Abel mit einer Keule

Kain erschlägt Abel mit einer Keule (Foto des Reliefs: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag, den 24. September 2000, um 8.00 Uhr in der Justizvollzugsanstalt Gießen

Guten Morgen! Ich bin Pfarrer Schütz aus der evangelischen Paulusgemeinde Gießen und ich begrüße Sie herzlich im Gottesdienst mit einem Wort Jesu aus dem Evangelium nach Matthäus 25, 40:

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!

Damit beantwortet Jesus eine uralte Frage mit Ja: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Kain stellt diese Frage, nachdem er seinen Bruder umgebracht hat. Und wir beschäftigen uns in diesem Gottesdienst mit der Frage: Was haben wir mit Kain zu tun? Welche Verantwortung tragen wir für unseren Bruder?

Wir singen vom Liedblatt das Lied „Hier und da“ auf der Rückseite:

Einmal wurd es am Himmel hell, hier und da
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Gott hat gute Arbeit geleistet, als es hell wurde in der Welt, als es grün wurde auf der Erde, als die Fische im Meer zu schwimmen begannen und die Vögel anfingen, im Wald zu singen.

Gott hat gute Arbeit geleistet, als Adam die Augen aufschlug und als er zum ersten Mal Eva mit einem liebevollen Wort anredete.

Gott hat seine Schöpfung gut hingekriegt – Adam und Eva, Sie und mich, Männer, Frauen, in einer Welt, in der eigentlich genug da ist für alle: Platz, Nahrung und Liebe.

Was ist schiefgelaufen in unserer Welt? Misstrauen gegen Gott schlich sich ein mit den Worten der Schlange. Missgunst gegen den Bruder ließ Kain zum Totschläger werden. Eine Welt ohne Gott wurde zu einem Jammertal der Bosheit und des Leidens. Als die große Flut kam, dachten viele Menschen: anders konnte Gott gar nicht handeln – diese Menschheit hat es nicht verdient, in einer guten Schöpfung zu leben.

Dennoch flehen wir mit Noah und Abraham, mit Jesus und Paulus um dein Erbarmen:

Aus der Tiefe rufe ich zu dir: Herr, höre meine Klagen

Wir begreifen es nicht, Gott: Du gibst uns nicht auf. Noah sieht den Regenbogen und weiß: Du vernichtest die Welt niemals total. Die finsterste Nacht endet mit dem schönsten Morgenrot. Am Ende des Hasses leuchtet die Liebe. Am Ende des Todes steht einer auf und mit ihm wir alle. Am Ende des Misstrauens gegen Gott sehen wir Gott – in der Liebe, die er uns schenkt. Dann versteht endlich Kain den Bruder Abel. Wir sind Menschen mit einem menschlichen Herzen.

Barmherziger Gott, diese entsetzliche und traurige Geschichte von Kain und Abel – lass sie zu unserem Herzen sprechen und uns anrühren. Hilf uns, in Kain den verirrten Menschen zu sehen und nicht den Unmenschen, auf den man mit dem Finger zeigen darf. Hilf uns, dass wir für uns selbst den richtigen Weg finden und gehen. Amen.

Wir hören heute nur eine Schriftlesung, sie steht im Alten Testament, im 1. Buch Mose – Genesis 4, 1-16:

1 Und Adam erkannte [seine Frau] Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain. Und sie sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN.

2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,

5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7 Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Gott gebe uns Worte für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Amen.

Wer möchten wir sein, liebe Gemeinde, Abel oder Kain? Ein Opfer wie Abel, erschlagen vom Bruder und auf dem Feld liegengelassen? Oder ein Täter wie Kain, der sich wehrt, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, der sich auch von Gott nichts gefallen lässt, der als Totschläger überleben darf? Ich möchte keiner von beiden sein. Aber in dieser Geschichte gibt es nur diese beiden Rollen – und Abel hat keine Wahl, er ist machtlos. Hätten wir an der Stelle von Kain eine andere Wahl getroffen?

Hören wir noch einmal die Geschichte, Vers für Vers:

1 Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN.

2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder.

In einer Durchschnittsfamilie werden nacheinander zwei Kinder geboren. Adam „erkennt“ seine Frau, wie es die hebräische Sprache so schön ausdrückt, er liebt Eva mit Leib und Seele, und sie bringt nacheinander zwei Brüder zur Welt.

Ihren ersten Sohn nennt Eva „Kain“, weil sie einen „Mann“ gewonnen hat, wie sie sagt. Das ist merkwürdig. Ist Kain ihr „kleiner Mann“, weil sie von Adam als Mann enttäuscht ist? Oder soll ihr Kain besonders „männlich“ sein, sich im Leben nicht unterkriegen lassen? Oder ist sie froh, dass er ein Junge und kein Mädchen ist? Erwartungen der Eltern können ein Kind sehr prägen, so oder so.

„Abel“ – „Hauch“ – ist der Name des zweiten Sohnes, als ob er von Anfang an schwach und klein gewesen ist. Aber gerade ein Kind, das mehr auf Liebe angewiesen scheint als der ältere Bruder, macht dem scheinbar stärkeren die Stellung im Mittelpunkt der Familie streitig.

Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.

Die beiden Brüder werden in ihrer beruflichen Laufbahn beschrieben. Abel zieht mit seiner Kleinviehherde von Weide zu Weide, während Kain dem fruchtbaren Ackerboden seine Ernte abringt. Und religiös sind die beiden auch. Sie halten sich an die Regeln, die für lange Zeit in den alten Ackerbau- und Viehzuchtkulturen gegolten haben: Man darf Gott nicht vergessen, wenn man gute Erträge hatte; zum Dank muss man ihm etwas vom Ertrag opfern, die besten Stücke. Und nun geschieht etwas Eigentümliches:

Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,

5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.

Wie kann Gott so ungerecht sein? Warum nimmt er das eine Opfer an und das andere nicht? Viele Theologen sagen, Abel war mehr mit dem Herzen dabei als Kain, aber davon steht hier nicht ein Wort. Die beiden erfahren es einfach so. Abel ist der Glückspilz, und Kain erfährt sich als Versager, als immer Zurückgesetzten, der keine Rolle spielt in der Welt und niemals genug Anerkennung und Liebe bekommt. Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft – und sie muss nicht immer einen sachlichen Grund haben. Sie ist einfach da – im Falle Kains richtet sie sich ganz massiv nicht nur gegen den Bruder, sondern auch gegen Gott. Und was tut Kain?

Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

Ein altes Wort verwendet Martin Luther, um den inneren Zustand Kains zu umschreiben. „Ergrimmen“, das ist ein Ärger, der sich nicht nach außen zeigt, ein verborgener Zorn, der sich zum Hass steigern kann. Dem entspricht das Senken des Blicks. Die Augen sind nicht auf ein Gegenüber gerichtet, sondern nach unten oder nach innen. Innen sieht Kain nur das eigene Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Unten sieht er nur das Schlechte in der Welt. Er ist völlig „zu“ für irgendetwas anderes. Er ist nicht in der Lage, dem Bruder in die Augen zu sehen und Liebe für ihn zu empfinden. Er kann auch dem Blick Gottes nicht standhalten, selbst wenn Gott ihn anspricht in seinem verstockten Herzen:

6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7 Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

Auf einmal spricht Gott zu Kain. Gott hatte ihn offenbar gar nicht vergessen oder missachtet. Selbst jetzt noch, als Kain sich aus der Beziehung zu Gott zurückzieht und ihn beleidigt keines Blickes mehr würdigt, wird offenbar, dass Gott die Beziehung zu Kain nicht abbricht. Vielmehr warnt er ihn, will nicht, dass er ins Unglück rennt. Er hat Kain lieb, genau wie den Abel. Sei doch wieder fromm! sagt er ihm. Fromm sein heißt: einen Draht zu Gott haben. Vertrau mir – dann brauchst du deinen Blick nicht abzuwenden. Ohne eine Bindung an Gott ist Kain nicht etwa ein freier Mensch. Sondern wie ein wildes Tier lauert vor seiner Tür die Sünde, die abhängig macht. Der Mensch ohne Gott ist ein Mensch ohne Liebe – er kann das Böse nicht vermeiden. Beherrschen könnte er die Sünde nur, wenn er wieder Gottes Liebe trauen würde.

Besser hätte Kain seine Eifersucht offen gezeigt. Besser hätte er seine Wut gegen Gott nicht einfach heruntergeschluckt. Er hätte ihm im Gebet sagen können, wie weh es ihm tut, nicht bei ihm „anzukommen“ mit dem, was er ihm geschenkt hat. Leider schlägt Kain die Warnung Gottes in den Wind.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

Nüchtern und undramatisch wird vom Totschlag erzählt. Ahnungslos geht Abel mit seinem Bruder hinaus aufs Feld und wird von Kain erschlagen. „Es begab sich“, als ob sich alles wie von selbst ergibt. Erst erhebt sich Kain gegen Abel, dann tötet er ihn. Wie oft liest man Ähnliches in der Zeitung: Im Streit zwischen eng vertrauten Menschen gibt ein Wort das andere, und viel angestaute Wut entlädt sich in Gewalttätigkeit. Nachher wundern sich die Nachbarn: Unbegreiflich – er war doch immer so zurückhaltend, eher gehemmt. In Wirklichkeit beginnt ein Totschlag, wenn einer „ergrimmt und finster seinen Blick senkt“.

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Aber sie geht weiter. Kains Tat ist für ihn nicht das Ende. Gott lässt den Kain nicht los, lässt ihn nicht fallen, lässt ihn nicht in Ruhe:

9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

Gott fragt den Kain. Er will, dass Kain ihm antwortet. Kain soll sich vor ihm ver-antworten. Kain steht beispielhaft für uns alle – der Mensch ist nicht wie das Tier hilflos den Instinkten ausgeliefert. Er könnte darauf verzichten zu töten, könnte erkennen, dass er Böses getan hat. Weil Gott dem über die Tierwelt hinausgewachsenen Menschen mehr zutraut, stellt er ihm bohrende Fragen: „Wo ist dein Bruder Abel? Was hast du getan?“

Kain gibt nichts zu, liebe Gemeinde. Das kennen wir. Schuld zuzugeben erfordert Charakter. Ausflüchte zu suchen ist leichter: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Kain merkt gar nicht, dass er damit die Wahrheit sagt: Gott will wirklich, dass wir „unseres Bruders Hüter“ sind, dass es uns nicht egal ist, wer neben uns lebt oder stirbt. Jesus hat später noch radikaler gefordert: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Tue sogar deinem Feind Gutes, statt ihm zu schaden!“

Warum kümmert sich Gott so intensiv um den Täter Kain? Weil ihm beide, Opfer und Täter, nicht egal sind. Er konfrontiert den Täter mit seiner Tat, damit das Opfer nicht vergessen wird. Menschlich gesehen kommt mancher Täter ungestraft davon – doch Gott sieht das Blut des Bruders, das in die Erde fließt. Und er hört es, wie es mit lauter Stimme zu Gott schreit. Niemand verletzt unbemerkt hinter dem Rücken Gottes einen von Gott geliebten Menschen.

Deshalb ist für Kain nichts mehr wie vorher. Der Bruder ist weg, doch Kain ist nicht etwa glücklicher, er muss jetzt mit dem Fluch seiner Tat leben:

11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

Gott verhängt über Kain nicht die Todesstrafe. Aber Kain findet im Leben keine Ruhe mehr. Bei seiner Arbeit wird ihn ständig die Angst plagen, dass seine Tat bekannt wird. Wie weit er auch flieht, nirgends kann er vor seinem eigenen Gewissen davonlaufen. Andern gegenüber bleibt er cool, sich selbst und Gott kann er nicht belügen.

Eigenartig, jetzt kann Kain, der Schuft, auf einmal beten. Er wagt es sogar, sich bei Gott zu beschweren:

13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

So ausführlich lässt die Bibel den Totschläger Kain zu Wort kommen. Darf der Brudermörder denn überhaupt noch den Mund aufmachen? Hat er nicht jedes Lebensrecht verwirkt?

Gott denkt anders. Seine Rache geht andere Wege. Kain war gewarnt. Kain hatte nicht gehorcht. Doch Kains Strafe soll ihn nicht vernichten. Er soll nicht recht behalten mit seinen Vorwürfen gegen Gott. Und so widerspricht Gott dem Kain erneut.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

Das sprichwörtliche Kainszeichen macht Kain nicht vogelfrei, so dass ihn jeder töten darf, sondern umgekehrt: Es schützt Kain vor blinder Rache und Lynchjustiz. Es ist ein Zeichen der Begnadigung, ein Zeichen dafür, dass Gott den Kain trotz allem immer noch liebt. Niemand darf diesen Kain töten. Gott hat auch mit Menschen, die zum Töten fähig sind, immer noch etwas vor. Er will, dass sie endlich ihre Verantwortung begreifen!

16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Das Ende bleibt offen. Kain ist nicht mehr im Paradies zu Hause, sondern „jenseits von Eden“. Der Kontakt zu Gott von Angesicht zu Angesicht wie bei Adam und Eva ist zerbrochen. Das Vertrauen zu Gott muss erst neu aufgebaut werden – in einer langen Menschheitsgeschichte von Abraham bis Jesus und immer wieder neu in jedem einzelnen Menschenleben.

Kain ist unser Bruder, und manchmal sind wir selber Kain. Kain ist der, der uns verletzt, und manchmal sind wir Kain, wenn wir anderen wehtun. Und einmal kam einer, der war nur Abel und starb am Kreuz durch die Hand vieler Kains, die seine Feinde waren, weil sie mit seiner Liebe nichts anfangen konnten, und er wurde verraten, verleugnet, verlassen von anderen ängstlichen Kains, die seine Freunde waren. Jesus ist Abel, in Jesus schreit das Blut aller Opfer zum Himmel. Er steht auf vom Tod und öffnet auch dem Kain den Weg zum Leben: Vergebung der Schuld, Neuanfang, Versöhnung mit Abel. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Jetzt singen wir das Lied „Wo ist dein Bruder?“ in der Mitte des Liedblattes. Vielleicht erkennt jemand die Melodie, das war ein ganz bekannter Song:

1) „Wo ist dein Bruder?“ „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ „Kain, wo ist Abel?“ „Kann ein Mensch für mich so wichtig sein?“ Wenn er dir ganz egal ist, und er ist für dich wie tot, verletzt ihn in Gedanken und Taten, bringst du dich und ihn in große Not, du wirst schuldig an seinem Tod.

2) „Wo ist dein Bruder?“ So spricht Gott und schaut bekümmert drein. „Kain, wo ist Abel?“ „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Abel schafft einfach alles, ist glücklich und lebt nicht schlecht. Doch deine Mühe, Kain, scheint, vergeblich, so als ob dich Gott nicht akzeptiert. Warum ist Gott so ungerecht?

3) Finster ergrimmst du. Und die Sünde lauert vor der Tür. Hast kein Vertrauen. Voll Verzweiflung bist du und voll Gier. Tötest Abel, den Bruder, und hast keine Ruhe mehr. Das Blut des Bruders schreit, und du hörst es. Doch zum Leben bist verurteilt du. Die Verantwortung drückt dich schwer.

4) Wo ist mein Bruder? Will ich meines Bruders Hüter sein? Alle sind Abel. Und auch alle sind ein bisschen Kain. Kann ich streiten mit Worten und sagen, was mich verletzt? Ich glaube und ich kenne den Zweifel. Und ich wünsche, Gott nimmt mich so an. Ja, mein Gott, halte du mich fest!

5) Gott ist der Vater, liebt uns Menschen alle, groß und klein. Wir sind Geschwister, sollen füreinander Hüter sein.

6) Alle sind Abel. Und auch alle sind ein bisschen Kain. Wo ist mein Bruder? Ich will meines Bruders Hüter sein.

Abkündigungen und Aktuelles

Ja, was ist aktuell – Deutschland kriegt kaum Medaillen, in Bosenheim bei Kreuznach sind drei Frauen brutal umgebracht worden, ein sechsjähriger Junge hat gleichzeitig Mutter, Tante und Oma verloren, hat nur noch seinen Vater. Gibt‘s was bei Ihnen? Irgendwelche Fragen an mich? Haben Sie das Lied erkannt? “I Shot The Sheriff“ von Bob Marley 1974.

Nun lasst uns beten:

Gott im Himmel, hilf uns, dass wir uns nicht wie Kain mit unseren Gefühlen in uns selbst verkriechen und dann „finster unseren Blick senken“. Lass uns offen und frei fühlen und denken, so wie wir eben sind, und dabei wissen: wir müssen nicht auf Kosten anderer leben. Wenn wir Unrecht getan haben, vergib uns bitte. Wenn wir uns von anderen Menschen abgrenzen müssen, lass uns das tun, ohne Gewalt anzuwenden. Wenn jemand unsere Hilfe braucht, lass uns sie geben, ohne uns dabei zu überfordern. Wenn wir selber ein offenes Ohr brauchen, zeige uns einen Menschen, der unser Vertrauen verdient. Zu dir, Gott, dürfen wir mit allem kommen, was uns bewegt – du hältst uns auch aus, wenn wir auf dich wütend sind, wenn wir nicht mehr weiter wissen und an allem zweifeln. Amen.

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser
Lied 430: Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf

Lasst uns nun um Gottes Segen bitten:

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen.

Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen.

Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke des Bösen.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.

Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.

Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.

So segne dich der gütige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

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