Tod auf der Rentnerbank

Er starb auf der Rentnerbank. Aufrichtigkeit war sein Markenzeichen; er sagte auch dem Pfarrer offen seine Meinung. Mit biblischen Worten zur Aufrichtigkeit versuche ich ihm in seiner Trauerfeier gerecht zu werden.

Tod auf der Rentnerbank: eine leere Bank, von Herbstlaub umgeben

Es war nicht diese Bank, auf der Herr H. gestorben ist (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind betroffen von plötzlichem Tod. Ganz unerwartet ist Herr H. im Alter von [über 70] Jahren gestorben. Wir erinnern uns an das, was uns Herr H. in seinem Leben bedeutet hat, und wollen zu Beginn dieser Feier einen Satz aus dem ersten Buch der Chronik nachsprechen (1. Chronik 29, 17):

Ich weiß, mein Gott, dass du das Herz prüfst, und Aufrichtigkeit ist dir angenehm.

Wir beten mit Worten aus Psalm 36, 6-12 (GNB):

6 Herr, deine Güte reicht bis an den Himmel und deine Treue, so weit die Wolken ziehen!

7 Deine Gerechtigkeit ragt hoch wie die ewigen Berge, deine Urteile gründen tief wie das Meer. Du, Herr, hilfst Menschen und Tieren.

8 Deine Liebe ist unvergleichlich. Du bist unser Gott, bei dir finden wir Schutz.

9 Du sättigst uns aus dem Reichtum deines Hauses, deine Güte erquickt uns wie frisches Wasser.

10 Du selbst bist die Quelle, die uns Leben schenkt. Deine Liebe ist die Sonne, von der wir leben.

11 Bleib immer bei denen, die dich kennen; sei gut zu allen, die dir gehorchen.

12 Lass nicht zu, dass die Übermütigen mich niedertreten und die Gewalttätigen mich aus Haus und Heimat vertreiben.

Liebe Angehörigen, Freunde und Bekannte von Herrn H.!

Eine Traueransprache soll trösten und erinnern, Schmerz ausdrücken und auf unbegreifliche Hoffnung hinweisen; sie soll niemanden verletzen, aber auf jeden Fall nicht die Wahrheit verdrehen, sie soll – das ist jedenfalls mein Anspruch – aufrichtig sein. Diesen Anspruch einzulösen, fällt mir heute ausgesprochen leicht: denn Herr H. selbst ist mir in seinem ganzen Wesen als ein durch und durch aufrichtiger Mensch begegnet. Er sagte, was er dachte; er redete niemandem nach dem Munde; er stand zu dem, was seine Überzeugung war; er war kein Mitläufer. Mit so einem aufrichtigen Menschen, der sich nicht anderen zu Gefallen verstellen will, ist manchmal nicht ganz leicht auszukommen; man muss ihn erst näher kennen lernen, um eine herzliche Beziehung zu ihm zu entwickeln; doch dann weiß man: Auf das, was dieser Mann dir sagt, kannst du dich verlassen, der tut dir nicht schön, wenn er dir Gutes sagt, und wenn ihm etwas an dir nicht gefällt, dann gibt er es dir auch offen zu verstehen.

Ich erinnere mich gut, wie ich ihn zum ersten Mal getroffen habe. Da machte er eine kritische Bemerkung zu einem Artikel im Gemeindebrief. Das könne man doch so nicht sagen. Das habe ihm nicht gefallen. Ich weiß noch, dass einige mir sehr liebe Gemeindeglieder sich Sorgen gemacht und gemeint haben, dass man doch so nicht mit dem Pfarrer reden könne. Aber ich wünschte mir mehr solche Offenheit als einen nur äußerlichen oder vorgetäuschten Respekt. Ich will nun auch noch sagen, wie es weiterging: am nächsten Tag saßen Herr H. und ich zusammen auf der Rentnerbank; er sagte, ich sollte das von gestern nicht krumm nehmen, und wir sprachen über vieles, was ihn bewegte und was ihm wichtig war. Seitdem habe ich ihn gern gehabt, so wie er war, und habe verstanden, was der ausdrücken wollte, der über ihn gesagt hat: „Er war wie ein ungeschliffener Diamant.“ Und der Spruch, den ich dieser Feier vorangestellt hatte, zielt in die gleiche Richtung (1. Chronik 29, 17):

Ich weiß, mein Gott, dass du das Herz prüfst, und Aufrichtigkeit ist dir angenehm.

Das ist nicht das einzige, was wir über das Leben von Herrn H. sagen können. Er hat sich auch nie vor Arbeit oder vor Hilfeleistungen oder vor dem Einsatz für eine von ihm als gut erkannte Sache gedrückt.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Schwere Zeiten hat Herr H. gekannt. Früh starben einige seiner Geschwister, und auch seine Frau starb einige Jahre vor ihm. Schwer war auch die Zeit, als es ihm viele verübelten, dass er nicht in die NSDAP eintrat; er wurde bestraft, weil er bei bestimmten Anlass die Fahnen nicht aus dem Fenster hängen ließ, und seine Kinder wurden in der Schule bedrängt. Doch das Wort aus Psalm 7, 11 erwies sich als wahr (Zürcher Bibel, 2. Auflage © 2007, 2008 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich AG):

Mein Schild ist Gott, der denen hilft, die aufrichtigen Herzens sind.

Herr H. ließ sich nicht verbittern und verhärten. Als nach dem Krieg die Entscheidung bei ihm lag, für Beschuldigte einzutreten oder nicht, da verweigerte er keinem seine Unterschrift.

Herr H. ließ sich nicht zwingen, einer Richtung zu folgen, die ihm nicht gefiel. Aber was er als richtig erkannte, dafür setzte er sich auch ein, dafür ergriff er Partei. Ihm lag besonders daran, dass etwas für die Jugendlichen im Ort getan wird. Ich glaube, die Jugendlichen haben ihn auch sehr gern gemocht, mit einer besonderen Art von Achtung und Respekt. An der Kasse der Disco wird er nun fehlen; er ließ es sich nicht nehmen, immer da zu sein, wenn es eben ging, denn er wusste, er wurde gebraucht. Ob man ihn auf dem Fahrrad oder auf der Rentnerbank antraf oder ob er aus seinem Fenster schaute, immer hatte er Zeit für ein paar Worte, für ein – mit ernster Miene vorgetragenes – Späßchen oder ein paar Sätze über das, was ihn bewegte; wie er sich zum Beispiel einmal darüber freute, dass seine damalige türkische Mieterin in der „Schule“ in unserem Gemeindesaal gute Fortschritte machte.

Nun ist Herr H. gestorben, ohne lange leiden zu müssen oder auf Pflege angewiesen zu sein. Seine Gesundheit war schon längere Zeit nicht mehr ganz in Ordnung, aber erst in den letzten Wochen musste er aufs Fahrradfahren verzichten. Er war nicht allein, als er starb; mitten im Gespräch mit einem Altersgenossen auf der Rentnerbank ist es geschehen, und er wurde von ihm freundlich gestützt. Alle, die ihn kurz zuvor noch hatten auf der Bank sitzen sehen, konnten es nicht fassen. Für alle Angehörigen und für Herrn H. wollen wir mit einem Psalmwort beten, das uns gilt im Leben und im Sterben (Psalm 36, 10-11 – Zürcher Bibel, 2. Auflage © 2007, 2008 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich AG):

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht. Erhalte deine Güte denen, die dich kennen, und deine Gerechtigkeit denen, die aufrichtigen Herzens sind.

Herr, unser Gott! Wir nehmen Abschied von einem Menschen, mit dem wir verbunden waren, nah oder auch mehr von weitem. Wir bedenken sein Leben, seine Freuden und Sorgen, wofür er sich eingesetzt hat und worunter er gelitten hat. Wir prüfen unser Verhältnis zu ihm. Wir fragen uns, ob wir ihm gerecht geworden sind. Wir bitten dich, Gott: Hilf uns, den Verstorbenen zu sehen, wie er wirklich gewesen ist. Lass uns in Liebe und Dankbarkeit an ihn denken. Vergib uns, was wir ihm schuldig geblieben sind. Schenke ihm und uns deinen Frieden. Wir hoffen auf deine Barmherzigkeit, die du uns in Jesus Christus gezeigt hast, wir hoffen auf dich, der treu zu denen hält, die anfrichtigen Herzens sind. Amen.

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