Als Gott mit Sophia spielte…

Ein anderes Schöpfungslied der Bibel.

Jeder kennt die beiden Schöpfungserzählungen der Bibel vom „Sieben-Tage-Werk Gottes“ und von „Adam und Eva“, die häufig mit naturwissenschaftlichen Abhandlungen verwechselt werden, aber lobpreisende Lieder der wunderbaren Schöpfung Gottes sind. In diesem Gottesdienst betrachte ich einige andere Schöpfungslieder etwas genauer, die auch in der Bibel stehen – in den Psalmen und im Buch der Sprüche.

Die Bibel vergleicht Gottes Weisheit (griechisch = Sophia) mit einem spielenden Mädchen; das Bild zeigt ein Mädchen, das Seifenblasen pustet - die größte davon ist wie ein Globus gestaltet

Die Bibel vergleicht Gottes Weisheit mit einem spielenden Mädchen (Bild: Gerd AltmannPixabay)

Gottesdienst am Sonntag Jubilate, 12. Mai 2019, um 9.30 Uhr in #predigtder Pauluskirche Gießen und um 11.00 Uhr in der Thomaskirche Gießen

Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich, insbesondere Herrn Pfarrer Helmut Schütz, der in Vertretung unseres Gemeindepfarrers heute den Gottesdienst mit uns feiert.

„Jubilate“ heißt dieser dritte Sonntag nach Ostern. Jubilieren dürfen wir über die Schöpfung Gottes, und zum Jubel über Jesus Christus ruft uns das Wort zur Woche (2. Korinther 5, 17) auf:

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Das heißt: Gottes Schöpfung ist so gut, dass wir über sie jubilieren können! und zugleich: Wir brauchen eine Neuschöpfung durch Jesus, und auch dafür haben wir allen Grund zum Jubel.

Das Lied 271 fasst beides zusammen – es beginnt mit dem Lob der Schöpfung und endet mit dem Lob für Jesus Christus. Jetzt am Anfang singen wir die Strophen 1 bis 5, eine Nachdichtung von Psalm 8:

1. Wie herrlich gibst du, Herr, dich zu erkennen, schufst alles, deinen Namen uns zu nennen: Der Himmel ruft ihn aus mit hellem Schall, das Erdenrund erklingt im Widerhall.

2. Verborgen hast du dich den klugen Weisen und lässest die Unmündigen dich preisen. Den Leugner widerlegt des Säuglings Mund; der Kinder Lallen tut dich, Vater, kund.

3. Wenn ich den Blick zu deinen Sternen wende und zu dem Mond, den Werken deiner Hände – was ist der Mensch, dass du, Herr, sein gedenkst, des Menschen Kind, dass du ihm Liebe schenkst?

4. Und doch hast du am höchsten ihn gestellet, ganz nah ihn deiner Gottheit zugesellet, hast ihn gekrönt mit Hoheit und mit Pracht, dass er beherrsche, was du hast gemacht.

5. Gabst ihm zum Dienst die Schafe und die Stiere, machtest ihm untertan die wilden Tiere, des Himmels Vögel und der Fische Heer, das seine Pfade zieht durchs große Meer.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir kennen die Schöpfungslieder am Anfang der Bibel, die man oft mit naturwissenschaftlichen Berichten über die Entstehung der Welt verwechselt. Das Lied, wie Gott die Welt in guter Ordnung erschafft, in einer 6-Tage-Woche mit wohlverdienter Ruhe am 7. Tag. Die Ballade vom Erdklumpen Adam, der lebt durch Gottes Lebenshauch und der ein ebenbürtiges Gegenüber bekommt. Erst durch sie wird er zum Mann, erst durch ihn wird sie zur Frau, nicht mehr allein, und müssen sich nicht voreinander schämen.

Diese beiden Schöpfungserzählungen hören wir heute nicht, dafür aber drei andere Lieder von der Schöpfung aus der Bibel. Psalm 8 haben wir bereits gesungen, nun sprechen wir ihn gemeinsam, wie er im Gesangbuch unter der Nr. 705 steht (lesen Sie bitte die eingerückten Verse):

2 HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!

3 Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen.

4 Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:

5 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

6 Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

7 Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan:

8 Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,

9 die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.

10 HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir loben Gott für seine Schöpfung, aber wir haben auch Grund zur Klage. Was tun wir dem Teil der Schöpfung an, der uns Menschen „unter die Füße getan“ ist? Nicht erst seit Greta Thunberg wissen wir: Wir Menschen treiben üblen Raubbau an dem, was uns auf unserer Erde geschenkt ist. Die Menschheit hat das Klima in einem Maße verändert, dass weite Teile der Erde von Überschwemmung bedroht sind. Wir vermüllen die Meere, drohen eine Million Tier- und Pflanzenarten auszurotten, wir fügen Nutztieren in Massentierhaltung unglaubliche Qualen zu. Es gibt gar nicht genug Worte, um auszudrücken, was unsere Menschheit der ganzen Schöpfung antut. Wir haben allen Grund, um Gottes Erbarmen zu bitten:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wie kann Gottes Erbarmen aussehen, wenn wir in die Zerstörung der Natur unübersehbar verstrickt sind? Können wir freie Herren der Schöpfung werden, indem wir sie bewahren, statt sie auszubeuten? Indem die Bibel uns Loblieder für die Schöpfung in den Mund legt, traut sie uns zu, unserer Verantwortung gerecht zu werden. Feiern wir in diesem Sinne Gottes Schöpfung mit Psalm 104:

1 Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr groß.

2 Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt;

5 der du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden, dass es nicht wankt immer und ewiglich.

6 Die Flut der Tiefe deckte es wie ein Kleid, und die Wasser standen über den Bergen,

7 aber vor deinem Schelten flohen sie, vor deinem Donner fuhren sie dahin.

9 Du hast eine Grenze gesetzt, darüber kommen sie nicht und dürfen nicht wieder das Erdreich bedecken.

10 Du lässest Brunnen quellen in den Tälern, dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,

11 dass alle Tiere des Feldes trinken und die Wildesel ihren Durst löschen.

20 Du machst Finsternis, dass es Nacht wird; da regen sich alle Tiere des Waldes,

21 die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise fordern von Gott.

22 Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen.

23 Dann geht der Mensch hinaus an seine Arbeit und an sein Werk bis an den Abend.

24 HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

25 Da ist das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt‘s ohne Zahl, große und kleine Tiere.

26 Dort ziehen Schiffe dahin; da ist der Leviatan, den du gemacht hast, damit zu spielen.

33 Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin.

34 Mein Reden möge ihm wohlgefallen. Ich freue mich des HERRN.

35 Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden und die Gottlosen nicht mehr sein. Lobe den HERRN, meine Seele! Halleluja!

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott Vater, in deiner Schöpfung lebt ein Leben vom andern; du hast es so eingerichtet. Wo wird dieses Leben voneinander zur Gewalt, zum Unrecht? Können wir lernen von Jesus, deinem Sohn, unserem Bruder, der leiden musste unter der Gewalt seiner Menschenbrüder? Er heilte, wo Leben verletzt war, verschenkte sich, war dankbar für das Brot und den Fisch, die er aß. Er lebte ein Leben vor, das gefunden wird, indem es scheinbar verloren geht.

Gott, lehre uns erkennen, dass grenzenloses Wachstum unsere Erde kaputt macht. Lehre uns demütige Dankbarkeit und Weisheit. Darum bitten wir dich, Gott, durch das wahre Ebenbild deiner Liebe, deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Lukas 7, 31-35. Jesus erzählt von der Weisheit, die sich im Klagen und im Jubeln ausdrückt:

31 Mit wem soll ich die Menschen dieses Geschlechts vergleichen, und wem sind sie gleich?

32 Sie sind den Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und rufen einander zu: Wir haben euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint.

33 Denn Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot und trank keinen Wein; und ihr sagt: Er ist von einem Dämon besessen.

34 Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; und ihr sagt: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!

35 Und doch ist die Weisheit gerechtfertigt worden von allen ihren Kindern.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 271 die Strophen 6 bis 8:

6. Doch ach, der Mensch ist von den Wesen allen am tiefsten in die Schuld und Schand gefallen. Statt Herr ist er der Sklave der Natur; nach seiner Freiheit seufzt die Kreatur.

7. Drum stieg herab von seinem Himmelsthrone Jesus und ward zum wahren Menschensohne, erniedrigte sich selbst bis in den Tod und wendete der Menschheit Schand und Not.

8. Die ganze Schöpfung soll sich vor ihm beugen, Menschen- und Engelzungen es bezeugen, dass er ihr Herr zur Ehr des Vaters ist. Wie herrlich strahlt dein Name, Jesus Christ!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes war ich überrascht, welche Zusammenhänge sich plötzlich auftaten zwischen ganz verschiedenen Themen. Jubel und Verzweiflung, wie eng liegen sie beieinander. Die Freude über Gottes Schöpfung und die Klage über ihre Zerstörung. Wie eng verknüpft sind der Dank für Gottes Schöpfung und der Dank für Jesus Christus und seine erlösende Liebe – nur durch sie gibt es Hoffnung für unseren von allen Seiten bedrohten wunderbaren Schöpfungsgarten, in dem Jesus zur Welt gekommen ist, geliebt und geheilt hat, gestorben und auferstanden ist.

Auf all diese Gedanken kam ich, weil in der neuen Ordnung der Predigttexte für den heutigen Sonntag Jubilate noch ein ganz anderes Schöpfungslied vorgeschlagen wird, das im Buch der Sprüche Salomos steht. Dort singt die Weisheit, auf Griechisch Sophia, ein Lied von der Schöpfung. Den Schöpfergott nennt sie mit dem heiligen Namen, der in unseren Bibeln mit „HERR“ umschrieben wird: ein Herr, der befreit, der Leben schafft für alle seine Geschöpfe (Sprüche 8):

22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.

23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.

Diese Weisheit, diese Sophia, die da singt, die ewig jung ist und erfüllt von uraltem Wissen, was hat es mit ihr auf sich? Ist sie als Begleiterin für Gott eine zweite göttliche Wesenheit? Eine Göttin neben Gott?

Nein, das nicht. Doch Weisheit gehört untrennbar zu Gott. Er setzt sie ein, er schafft sie als erstes Geschöpf, er hat sie von Anfang an. Sophia ist bei Gott vor allem anderen, was Gott ins Leben ruft, noch vor dem Licht, noch vor der Erde.

Das heißt: Da kämpfen keine Götter um ihre Vorherrschaft. Da spiegelt sich nicht menschliche Geschlechteranziehung oder -abstoßung in himmlischer Göttererotik. Nur EIN Gott ist Ursprung von allem, doch Gott ist nicht allein.

Im Neuen Testament heißt es im Evangelium nach Johannes 1, 1:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.

Dort ist vom Logos (= Wort) die Rede, hier von der Sophia (= Weisheit). Beides meint das Gleiche: Gott ist Wort, ist verstehbar, ist vernünftig, ist weise, ist Liebe im Sinne von Solidarität, Füreinander-da-Sein. Und so hat es Christen gegeben, die gesagt haben: Hier in den Sprüchen Salomos ist bereits von Jesus die Rede. Hier spricht Sophia als das Wort der Liebe, das in Jesus leibhaftig zur Welt kommt und das schon vor der Schöpfung bei Gott ist.

Gott ist also nicht einfach ein Mann. Man darf sich Gott nicht ausschließlich männlich vorstellen. Gott ist weder Mann noch Frau. Ja, Gott hat sich in dem Mann Jesus verkörpert. Doch in seiner Weisheit hat er weibliche Seiten wie männliche; wie kaum ein anderer Mann hat Jesus männliche und weibliche Seiten ausgelebt.

Was weiß denn nun Sophia, die Weisheit, von der Schöpfung zu erzählen?

24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.

Vom Wasser in zwei Gestalten erzählt die Weisheit: von der Tiefe, vom finsteren, verschlingenden Abgrund, und von Quellen, die Leben spenden. Mythen anderer Völker malen sich damals aus, wie die Urgötter des Salzwasser- und Süßwassermeeres miteinander kämpfen, einander abschlachten; und aus dem Leib einer Göttin entsteht die Erde; wo sie sich aufbäumt oder im Tode zuckt, entstehen Erdbeben. Gewinnt das Urmeer wieder Macht, entstehen Sintfluten. Die Bibel leugnet nicht die Bedrohung durch Urgewalten; aber diese Mächte sind keine Götter. Der EINE Gott ist älter und stärker, er lässt in seiner Weisheit aus bedrohlichen Wassern die Quellen hervortreten, die Leben möglich machen.

25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,

26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.

Für die Bibel ist der Erdboden kein ekliger Überrest des toten Leibs einer Göttin. Nein, betont die Bibel, Gottes Weisheit war schon lange da, als Gott in die tiefen Abgründe des Urmeeres Berge und Hügel einrammt als starke Säulen und Pfeiler, die das feste Land als die Bühne tragen, auf der sich alles Leben abspielt.

27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe,

28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe,

29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,

30 da war ich beständig bei ihm.

Zwischen Himmel und Erde bewegt sich nun die Weisheit in ihrer Beschreibung der Schöpfung. Wenn sich auch unsere Bilder des Universum grundlegend unterscheiden vom antiken Weltbild: Die unermesslich uns umgebenden Weiten des Weltalls sind nicht weniger bedrohlich als der Abgrund der von allen Seiten bedrängenden Urfluten, vor denen die Menschen damals Angst hatten.

Wunderbar gestaltet Gott die Himmel, die wir das Universum nennen, mit Milliarden von Galaxien. Und eins der größten Wunder ist es für uns, dass ein Erdkreis entstanden ist auf unserem winzigen Planeten in einem Sonnensystem am Rande einer dieser Milchstraßen, auf dem Pflanzen, Tiere und Menschen leben können. Wolken müssen Regen geben, Quellen müssen entspringen, damit dieses Leben nicht vergeht.

Was die Weisheit mit den Grenzen der Meere meint, ahnen wir, wenn wir an die Klimaerwärmung denken, an abschmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel mit unabsehbaren Folgen. Wie wunderbar dieser kleine blaue Planet ist, das ahnt schon damals unser Weisheitsgedicht, und die heutige Astrophysik und Geologie lässt nur noch mehr staunen, dass es uns auf dieser Erde überhaupt gibt, bestehen doch die Grundfesten der Erde nur aus einer dünnen Erdkruste oberhalb eines Erdballs voll von vulkanischem Magma.

Bei all diesem wunderbaren Schaffen, sagt Sophia, die Weisheit, war ich dabei. Auf welche Weise sie dabei war, erläutert das Wort „Amon“. Dieses kleine hebräische Wort kann viele Bedeutungen haben, es kommt von der hebräischen Wurzel „aman“, die Festigkeit und Treue ausdrückt und noch in unserem Wort „Amen“ erhalten ist. Was es hier genau bedeuten soll, darüber sind sich die Übersetzer seit Jahrhunderten nicht einig.

„Beständig war ich bei ihm“ steht in der Lutherbibel 2017. 1545 hatte Luther: „da war ich der Werkmeister bei ihm“, und noch in der Zürcher Bibel von 2007 lesen wir: „da stand ich als Werkmeisterin ihm zur Seite“. Die Lutherbibel 1984 wiederum sagt, dass die Weisheit als „Liebling“ bei Gott war, die Elberfelder Bibel spricht vom „Schoßkind“ und die katholische Einheitsübersetzung vom „geliebten Kind“ Gottes.

Mir gefällt es, die Weisheit als geliebtes Mädchen Gottes zu sehen und zugleich als kreative Architektin und Handwerkerin der wunderbaren Schöpfung. Und dieses Mädchen Sophia singt nun die schönsten Verse in ihrem Schöpfungsgedicht:

Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit.

31 Ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Zwei Mal singt die Weisheit von ihrer Lust, zwei Mal von ihrem Spaß am Spielen. Wie ein kleines Mädchen spielt sie vor Gott und er hat seine Freude an ihr. Gottes Weisheit ist nicht einfach dröges Wissen, todernste Erwachsenenvernunft, sondern lustvoll kreatives Spiel. So wie wir vorhin im Psalm gehört haben, dass Gott im Meer gerne mit dem Leviathan spielt.

Den Kindern im Paulus-Kindergarten damals 2010, als wir hier in Gießen die Dinosaurier-Ausstellung hatten, habe ich erzählt, dass Gott Millionen Jahre lang Spaß daran hatte, mit den verschiedensten Arten von Dinos zu experimentieren und ihre Lebensfreude zu teilen. Aber die größte Lust der Weisheit ist es, auf dem weiten Rund der Erde mit all den Menschenkindern zu spielen. Die Hautfarbe, die Volkszugehörigkeit, die Religion dieser Söhne und Töchter der Menschheit spielt dabei keine Rolle – es geht einfach um das Spielen, um Lust und Lebensfreude.

Das meinte Jesus, als er von den Kindern der Weisheit sprach, die aufspielen zum Tanz, damit man sich freut, oder die Klagelieder singen, um die Herzen der Menschen zu Tränen zu rühren. Ja, zur Lust und zum Spiel des Lebens gehört es auch dazu, dass man ein fühlendes Herz hat, das trauern kann; wie könnte man sonst für die Wunder des Lebens offen sein, die doch ein Geschenk sind, die wir nicht einfach haben können, als seien sie ein selbstverständlicher Besitz.

32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten!

33 Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind!

Vergessen wir nicht, wer hier jetzt mahnend seine Stimme erhebt. Es ist die spielende Weisheit, die ihre Lust an uns hat. Es ist die Weisheit, die in Jesus auf die Erde kommt, der uns spielende und tanzende Kinder als Vorbilder vor Augen stellt, die lachen und weinen können, lustig spielen und ein mitfühlendes Herz haben. So sehen die Wege der Weisheit aus!

Zwei Wörter stören mich in unserer neuesten Lutherübersetzung. Sie lässt die Weisheit nur ihre Söhne anreden, obwohl das Mehrzahlwort „banim“ im Hebräischen Kinder beiderlei Geschlechts meinen kann und hier sicher auch meint.

Und das Wort Zucht stört mich. Es erinnert an den militärischen Drill alter Schule, an Lehrer, die mit dem Rohrstock den Willen ihrer Schüler brachen. Unsere achtjährige Enkelin war entsetzt über die Erziehungsmethoden des Lehrers in Wilhelm Buschs Bildergeschichte „Plisch und Plum“ und war froh, dass heute die Kinder in der Schule nicht mehr von den Lehrern verprügelt werden. Wer hört in dem Wort „Zucht“ heute noch, dass es auch ein weises, sanftes Heran-„Ziehen“ meinen kann, eine Disziplin der Freiheit und Liebe, die sich zur Verantwortung für die Schöpfung anleiten lässt? Eine Zurechtweisung in diesem Sinne verdient es, dass wir auf sie hören.

34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore!

Wohl dem Menschen, das kann man auch übersetzen mit „glücklich oder selig der Mensch!“ So wie Jesus diejenigen selig gepriesen hat, die nach Gerechtigkeit hungern und Frieden schaffen, die sanftmütig und reinen Herzens sind, so preist hier die Weisheit diejenigen selig, die auf sie hören.

Um Gottes Schöpfung auf dieser Erde zu bewahren, als einen Lebensraum für alle Arten von Pflanzen und Tieren, als Ort der Lebensfreude für Milliarden von Menschen, für spielende Kinder und kreative Frauen und Männer, hat das Mädchen Sophia eine Riesenbitte an uns: Steht Posten an meiner Tür! Bewacht mich, die Weisheit und Vernunft, damit klares, einfühlsames Nachdenken nicht von Lüge, Vorurteil und Fake News überwältigt werden.

35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.

36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Mit klaren, harten Worten schließt die Weisheit ihr schönes Schöpfungslied: Wenn wir Menschen es nicht schaffen, weise und vernünftig mit der Schöpfung auf unserer Erde umzugehen, dann zerstören wir unsere eigenen Lebensgrundlagen. Wohlstand und Luxus können nicht unendlich wachsen, ohne dass die Nachhaltigkeit auf der Strecke bleibt. Zu lernen haben wir die demütige Bewahrung der Quellen allen Lebens auf unserer lieben Erde.

Aber können wir als einzelne überhaupt etwas tun? Eine Idee habe ich: In zwei Wochen bei der Europawahl mitmachen und eine Partei ankreuzen, die sich für die Bewahrung der Schöpfung und das friedliche Zusammenleben der Völker einsetzt. Welche Partei das am meisten tut – darüber muss sich jeder selbst informieren und eine eigene Entscheidung treffen.

Aber ist Europa nicht ein bürokratisches Monster, das zu viel kostet und nur nervt? Ich denke: Wenn Gott mit dem Leviathan-Monster spielen konnte, dann können wir aus seiner Weisheit auch den Mut gewinnen, die europäische Idee nicht verloren zu geben. Sie trägt seit vielen Jahren dazu bei, dass die Staaten Europas, statt Kriege gegeneinander zu führen, lieber friedlich miteinander streiten. Das ist oft nervig – aber ein viel größeres Übel sind wachsende Feindschaft und Hass bis hin zum Krieg.

Hören wir auf Sophia, auf die Weisheit, die wie eine uralte Greta Thunberg ihre Stimme erhebt! Sophia, Weisheit, ist die Stimme des Wortes Gottes: Sie ruft die Welt ins Leben; sie verkörpert sich in Jesus Christus; sie erfüllt uns mit dem Geist seiner Liebe und seines Friedens. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 290 die Strophen 1, 2 und 7:

1. Nun danket Gott, erhebt und preiset die Gnaden, die er euch erweiset, und zeiget allen Völkern an die Wunder, die der Herr getan. O Volk des Herrn, sein Eigentum, besinge deines Gottes Ruhm.

2. Fragt nach dem Herrn und seiner Stärke; der Herr ist groß in seinem Werke. Sucht doch sein freundlich Angesicht: Den, der ihn sucht, verlässt er nicht. Denkt an die Wunder, die er tat, und was sein Mund versprochen hat.

7. O seht, wie Gott sein Volk regieret, aus Angst und Not zur Ruhe führet. Er hilft, damit man immerdar sein Recht und sein Gesetz bewahr. O wer ihn kennet, dient ihm gern. Gelobet sei der Nam des Herrn.

Gott, Vater der Weisheit, wir danken dir für deine Schöpfung, die in der Bibel so herrlich besungen wird! Und wir bitten dich: Lehre uns, behutsam mit den Gaben umzugehen, die du uns in der Natur zur Verfügung stellst.

Jesus Christus, Wort des Lebens, wir danken dir, dass wir nicht nur mit unserem Lob, sondern auch mit unseren Klagen zu dir kommen dürfen: in Angst und Verzweiflung, in Trauer und Leid. So viel Leben ist bedroht auf unserer Erde, unsere Tränen reichen nicht aus, um alle Opfer von Gewalt und Zerstörung in der Welt der Natur und der Menschen zu betrauern. In der Trauer um Menschen, die uns vertraut waren, spüren wir jedoch konkret, wie schmerzlich es ist, wenn wir auch nur ein Geschöpf auf dieser Erde vermissen.

So denken wir heute im Gebet besonders an Frau …, die im Alter von … Jahren gestorben und mit Worten aus dem Psalm 90, 12 kirchlich bestattet worden ist: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Wir vertrauen auf deine Liebe, dass du sie nach ihrem reich erfülltem Leben in deinen ewigen Frieden aufnimmst, und wir bitten für ihre Angehörigen und Freunde um deinen Trost, der die Trauer tragen hilft und neuen Mut zum Leben schenkt.

Heiliger Geist, der du die Weisheit Gottes und die Liebe Jesu bist: Erfülle uns Kopf und Herz mit Gedanken des Friedens, mit kreativen Ideen zum nachhaltigen Umgang mit der Schöpfung. Lass uns über allen Sorgen und Nöten nicht die Lust am Leben verlieren.

Was wir persönlich auf dem Herzen haben, bringen wir in der Stille vor dich, Gott, der du drei-einig und nicht einsam bist:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 421:

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Gott segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

Orgelnachspiel

Ein Kommentar

  • Sonja Chief

    Peinlich sind hier die Kommentare. Globus-, Klima- und Dinolügen und dann noch das Wort Fake News verwenden.
    Die Weisheit Sophia, heute Sonja schämt sich für dich.
    Fremdschämen für ihre Kinder hast du es genannt und dennoch nicht auf mich gehört…

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