Eine Schule für unsere Gefühle

Trauerfeier für eine junge Frau, die ein unstetes Leben geführt hat. Im Blick auf ihr Leben und auf die Trauer um sie stelle ich uns beispielhaft einen Psalm und ein Pauluswort vor Augen – als Schule für unsere Gefühle.

Schule für unsere Gefühle: Eine schlecht abgewischte Schultafel mit einem Zwinkersmilie

Die Bibel kann eine Schule für unsere Gefühle sein (Bild: geralt – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe kleine Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau Q. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 40] Jahren gestorben ist.

Wir sind hier um der Verstorbenen willen – wir erinnern uns an sie und versuchen ihr gerecht zu werden.

Wir sind hier um unserer selbst willen – weil es weh tut, wenn Verbindungen durch den Tod abreißen, und weil es gut ist, beim Abschied nicht allein zu sein.

Wir sind hier auch um Gottes willen. Denn von Gott her sind wir zur Welt gekommen, zu Gott hin gehen wir im Tod – und in seinen Augen hat jeder Mensch seine eigene einmalige Bedeutung.

Drei Schritte: die Verstorbene – wir selbst – und Gott.

Fangen wir mit Schritt 1 an: Wir erinnern uns an Frau Q. Es fällt schwer, ihr Leben in Form eines Lebenslaufes darzustellen, denn sehr unstet war das Leben, das sie geführt hat.

Bei ihrer Mutter und Großmutter wuchs sie auf. Später meinte sie dazu: „Drei Frauen in einem Haus, das geht nicht gut.“ Es gab so viele Spannungen, dass sie schon als Jugendliche zu Hause auszog. Dabei hatte sie eigentlich zur Oma ein inniges Verhältnis und kochte ihr zum Beispiel gern einmal etwas Besonderes. Das junge Mädchen suchte sein Glück außerhalb der Familie – bei Menschen, von denen sie sich Hilfe versprach, darunter auch einem Pfarrer, und bei Männern, mit denen sie ihr Leben teilen wollte. Die Ehe, die sie sehr früh schloss, ging sehr schnell wieder auseinander; zur Tochter aus dieser Ehe besteht seit vielen Jahren kein Kontakt. Unter den Männern, mit denen sie später zusammen war, gab es nicht nur liebevolle Partner, sondern auch solche, die ihr übel mitspielten. Aus einer dieser Beziehungen stammt ihr Sohn, zu dem bis zum Schluss ein gewisser Kontakt bestand.

Wie wollen wir das Wesen von Frau Q. beschreiben? Sie war hilfsbereit, wollte niemals jemanden im Stich lassen, wollte als Mutter alles für ihre Kinder aufopfern. Auf der anderen Seite war da ihr Drang, alles zu entdecken, alles erleben zu wollen, darunter auch Dinge, die ihr nicht gut taten. Sie erlebte viel Leid, Verletzungen und Verluste, die zum Teil sehr an ihr fraßen, sie blühte aber auch nach Enttäuschungen wieder auf. Sie war eine Kämpferin wie eine Wildkatze, aber nicht jeden Kampf konnte sie gewinnen, vor allem nicht den Kampf gegen ihre schwere Krebskrankheit, an der sie zuletzt gestorben ist.

Eins können wir mit Sicherheit sagen: Frau Q. hinterlässt Menschen, die sie geliebt haben und die um sie trauern. Und damit komme ich zum Schritt 2 in meiner Ansprache und in dieser Trauerfeier.

Wer einen Menschen verliert, den er geliebt hat, verliert im Grunde ein Stück von sich selbst. Das tut weh – auch wenn die Beziehung kompliziert und die Gefühle im übrigen sehr gemischt waren. Damit fertig zu werden, das braucht Zeit, und das braucht Kraft. Es gehört viel innere Stärke dazu, sich der Traurigkeit zu stellen, das Gefühl der Leere in sich selbst auszuhalten und die Frage zu beantworten: Wo soll ich jetzt mit meiner ganzen Liebe hin?

Aber wer lernt das heute noch, mit den eigenen Gefühlen umzugehen? So etwas lernt man nicht in der Schule – und es ist auch nicht jeder so glücklich, es in der eigenen Ursprungsfamilie sozusagen in die Wiege gelegt zu bekommen: „Du bist ein geliebter Mensch, du bist willkommen auf dieser Welt, und zwar so, wie du bist – und wir wollen dir helfen, dass du das Leben meisterst und ein liebevoller Mensch wirst!“

Es gibt aber eine Schule für unsere Gefühle, und das sind in der Bibel vor allem die Psalmen. So komme ich zu Schritt 3, indem ich uns Worte aus dem Psalm 37 vor Ohren stelle – Gebetsworte, die uns helfen, unser Leben, unser Fühlen, unser aufgewühltes Innenleben im Lichte Gottes zu sehen:

1 Entrüste dich nicht über die Bösen, sei nicht neidisch auf die Übeltäter.

2 Denn wie das Gras werden sie bald verdorren, und wie das grüne Kraut werden sie verwelken.

3 Hoffe auf den HERRN und tu Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich.

4 Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben, was dein Herz wünscht.

5 Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird‘s wohl machen

6 und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

7 Sei stille dem HERRN und warte auf ihn. Entrüste dich nicht über den, dem es gut geht, der seinen Mutwillen treibt.

8 Steh ab vom Zorn und lass den Grimm, entrüste dich nicht, damit du nicht Unrecht tust.

Dieser Psalm 37, den Sie mir in unserem Gespräch genannt haben, bewegt sich zwischen zwei Polen hin und her.

Einerseits fordert er: Mach mal halblang. Ruhig Blut. Nur kein Neid. Lass die Knarre stecken. Entrüste dich nicht, damit du kein Unrecht tust, und überlass die Rache dem, der dafür zuständig ist – der weiß viel besser über Gerechtigkeit Bescheid als wir Menschen.

Auf der anderen Seite gibt er klaren Trost: Hoffe auf Gott, habe deine Lust am Herrn, der macht es wohl, der gibt dir, was du brauchst, ja, manchmal sogar was dein Herz wünscht!

Was wir nämlich von Menschen nur sehr unvollkommen erfahren: Liebe, wirklich so, wie wir sind, Vergebung, wirklich aus vollem Herzen, das gibt uns Gott aus freien Stücken. Von sich aus. Martin Luther meinte einmal: „Wenn ich Gott malen müsste, würde ich einen glühenden Backofen voller Liebe malen.“

Und alles, was wir Menschen einander stückweise an Liebe geben, das bleibt in Gottes Liebe aufbewahrt, und wenn wir sterben, dann wird alles, was hier unvollkommen geblieben ist, was abgebrochen wurde und was gescheitert ist, nun in Gottes Ewigkeit zur Vollendung gebracht. Wir begegnen nämlich in Gott einem gnädigen Richter.

Vor seinen Augen haben nur drei Dinge Bestand, die Paulus einmal aufgezählt hat (1. Korinther 13, 13):

Glaube, Hoffnung, Liebe.

Nur die Liebe zählt, die wir einander schenken, die wir empfangen und die wir geben, wie bruchstückhaft auch immer.

Auch die Hoffnung zählt, also auch die Sehnsucht nach Liebe, und ohne eine solche Sehnsucht ist wohl kein Mensch, außer er hat sie sehr tief in sich verschüttet.

Schließlich zählt der Glaube, und das heißt im Grunde die Einsicht: Ich schaffe es nicht alleine, ich muss zugeben, dass ich mit leeren Händen vor Gott stehe, wenn ich einmal vor ihn trete, und ich kann nichts anderes zu ihm sagen: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Also im Grunde haben wir vor Gott gerade dann Bestand, wenn wir einsehen: Aus eigener Kraft schaffen wir es nicht. Nur die Liebe zählt. Nur die Hoffnung. Nur das Vertrauen auf Gottes Gnade.

Im Vertrauen auf diesen Gott können wir die Verstorbene loslassen. Sie steht vor ihrem gnädigen Richter. Er kennt Frau Q. besser, als sie sich selber kannte. Er schließt sie in seine Arme und nimmt sie liebevoll auf. Vielleicht weint sie sich erst einmal richtig aus. Und ihr Leidensweg, alles, was belastend war in ihrem Leben, alles, was ihr nicht vergönnt war, alles, woran sie gescheitert ist, das findet ein Ende in der ewigen Herrlichkeit Gottes, in der nichts als ewige Liebe ist.

In diesem Vertrauen können auch wir unseren Weg gehen und unsere Wege Gott anbefehlen (Psalm 37, 5):

Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird‘s wohl machen!

Wir können tapfer sein – gerade indem wir nicht alles allein tragen müssen, sondern große Lasten auf Gott abwälzen dürfen. Wir können stark sein – gerade indem wir auch Zeiten der inneren Schwäche zulassen, wo wir jemanden brauchen, der uns zuhört, und wo wir erst einmal wieder Kraft tanken müssen, ehe wir uns neuen Herausforderungen stellen können. „Befiehl uns unsere Wege – zeige uns gute Wege, die wir gehen können.“ Amen.

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