„Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Gärten“

Trauerfeier für einen Mann, der in seinem aktiven Leben Häuser gebaut und Gärten bepflanzt hat. Viele biblische Bilder fallen mir dazu ein – aus dem Psalm 1, aus dem Johannesevangelium, vor allem aber aus dem Buch des Predigers Salomo.

Häuser und Gärten in der nordirischen Stadt Killarney

Häuser und Gärten in Nordirland (Bild: YanceTAY – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier zusammengekommen, um von Herrn X. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Wir sind hier um des Verstorbenen willen – wir erinnern uns an ihn, zeichnen seinen Lebenslauf nach, versuchen, ihm gerecht zu werden.

Wir sind hier um unserer selbst willen – weil Verbindungen, die durch den Tod abreißen, wehtun, weil es nicht gut ist, beim Abschied allein zu sein.

Wir sind hier auch um Gottes willen. Denn von Gott her sind wir zur Welt gekommen, zu Gott hin gehen wir im Tod – und in seinen Augen hat jeder Mensch seine eigene einmalige Bedeutung und Bestimmung.

Wir beten mit Psalm 1:

1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,

2 sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

Wir singen aus dem Lied 527 von Andreas Gryphius die Strophen 8 bis 10, in denen davon die Rede ist, wie wir in unserem Leben über unsere Zeit verfügen und wer der eigentliche Herr unserer Lebenszeit ist:

8. Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen; was künftig, wessen wird es sein?

9. Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre und geh den Herren an, der immer König bleibet, den keine Zeit vertreibet, der einzig ewig machen kann.

10. Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet, und ob er hier gleich fällt, wird er doch dort bestehen und nimmermehr vergehen, weil ihn die Stärke selbst erhält.

Liebe Trauergemeinde!

Unsere Lebenszeit ist ein Geschenk. Wie kostbar jeder Augenblick ist, den wir leben, wird uns besonders bewusst, wenn ein Leben zu Ende gegangen ist, wenn und unwiderruflich jede Gelegenheit vorüber ist, diesem konkreten Leben noch etwas an Erfüllung hinzuzufügen.

Um so wichtiger ist es, uns darauf zu besinnen, wovon dieses Leben erfüllt war, woran wir reich geworden sind im Kontakt mit dem Verstorbenen, was uns berührt und geprägt hat im Zusammenleben und in den Begegnungen mit ihm. Wir können dies tun mit Dankbarkeit, mit Trauer und mit Demut. Dankbarkeit für alles, was ihm und uns durch ihn geschenkt war. Trauer über die Lücke, die er hinterlässt, über den Verlust, den wir erleiden. Und Demut im Blick auf alles, was unfertig bleiben musste oder worin wir einander etwas schuldig geblieben sind.

Wenn wir mit Dankbarkeit, Trauer und Demut das Leben von Herrn X. betrachten, dann steht er uns vor Augen als ein fleißiger und kreativer Mensch, fröhlich, kontaktfreudig und lebensbejahend.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Nicht nur Häuser baute und bewohnte er, er pflanzte auch gerne Bäume und hat sich gewünscht, unter einem Baum bestattet zu werden.

Auch im übertragenen Sinn faszinierten ihn Bäume, nämlich Stammbäume; er engagierte sich leidenschaftlich für die Ahnenforschung und versuchte, seinen Familienstammbaum zu vervollständigen.

Sie haben ihn erlebt als einen Menschen, dessen Leben erfüllt war, auf den durchaus die Beschreibung aus Psalm 1, 3 zutrifft:

[Er] ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

Häuser hat er gebaut, Kinder gezeugt und aufwachsen sehen, Enkelkinder geschenkt bekommen und sich seines Lebens gefreut. Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass sich in der Bibel im Buch des „Predigers Salomo“ ein Lehrer der Weisheit – wir würden sagen, ein Philosoph – ähnliche Gedanken über sein eigenes Leben macht. Er schreibt (Prediger 2):

4 Ich tat große Dinge: ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge,

5 ich machte mir Gärten und Lustgärten und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume hinein;

6 ich machte mir Teiche, daraus zu bewässern den Wald der grünenden Bäume.

Dann aber fragt sich der Philosoph des Alten Testaments, welchen Sinn es denn hat, all das zu tun. Liegt der Sinn eines Menschenlebens schon in der Tatsache an sich, ein oder zwei Häuser gebaut, zwei oder vier Kinder gezeugt zu haben? Skeptisch äußert er sich darüber; er ist unglücklich, dass er alles einmal an Menschen vererben muss, die vielleicht gar nicht würdigen, was er an Arbeit und Fleiß investiert hat:

21 Ein Mensch, der seine Arbeit mit Weisheit, Verstand und Geschicklichkeit mühsam getan hat, [muss] es einem andern zum Erbteil überlassen, der sich nicht darum gemüht hat.

22 Was kriegt der Mensch von aller seiner Mühe und dem Streben seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne?

23 Alle seine Tage sind voller Schmerzen, und voll Kummer ist sein Mühen, dass auch sein Herz des Nachts nicht Ruhe findet.

Interessant ist nun, dass der weise Mann bei so trüben Gedanken nicht stehen bleibt, die wohl jeden Menschen einmal überkommen können. Nein, er entschließt sich, das Leben so aus Gottes Hand anzunehmen, wie es ihm eben geschenkt ist, und gar nicht darüber nachzugrübeln, was aus dem, was er hat, später einmal werden mag:

24 Ist‘s nun nicht besser für den Menschen, dass er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei bei seinem Mühen? Doch dies sah ich auch, dass es von Gottes Hand kommt.

25 Denn wer kann fröhlich essen und genießen ohne ihn?

An einer anderen Stelle wird er noch ausführlicher und denkt über Tod und Leben nach (Prediger 5):

14 Wie einer nackt von seiner Mutter Leibe gekommen ist, so fährt er wieder dahin, wie er gekommen ist, und trotz seiner Mühe nimmt er nichts mit sich in seiner Hand, wenn er dahinfährt.

Und wieder gerät er in trübe Gedanken, indem er sich fragt, fast wie ein moderner Existentialist:

15 Was hilft‘s ihm denn, dass er in den Wind gearbeitet hat?

16 Sein Leben lang hat er im Finstern und in Trauer gesessen, in großem Grämen und Krankheit und Verdruss.

17 So habe ich nun das gesehen, dass es gut und fein sei, wenn man isst und trinkt und guten Mutes ist bei allem Mühen, das einer sich macht unter der Sonne in der kurzen Zeit seines Lebens, die ihm Gott gibt; denn das ist sein Teil.

18 Denn wenn Gott einem Menschen Reichtum und Güter gibt und lässt ihn davon essen und trinken und sein Teil nehmen und fröhlich sein bei seinem Mühen, so ist das eine Gottesgabe.

19 Denn er denkt nicht viel an die Kürze seines Lebens, weil Gott sein Herz erfreut.

Diese Stelle aus dem Buch des Predigers Salomo hat mich besonders an das erinnert, was Sie mir von Herrn X. erzählt haben. Denn er war offenbar in der Lage, sein Leben zu genießen und als Gottesgeschenk anzunehmen. Wer Grund hat, sich seines Lebens zu freuen, muss sich nicht allzuviele düstere Gedanken über die Kürze des Lebens machen und hat es nicht nötig, andere Menschen durch die eigene schlechte Laune mit herunterzuziehen.

Trotzdem – und gerade dann, wenn wir fähig sind, uns über die schönen Dinge des Lebens zu freuen und sie miteinander zu teilen, geht es uns auch nahe, wenn ein so erfülltes Leben zu Ende geht. Dass es einfach abbricht, dass er alle zurücklässt, die ihn geliebt haben, das tut unsagbar weh.

Noch einmal lasse ich den Prediger Salomo zu Wort kommen mit Sätzen, die Sie vielleicht kennen (Prediger 3):

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Heute ist die Zeit für die Tränen und für die Klage, nachdem für Herrn X. die Zeit des Sterbens gekommen war, nachdem das Bauen ein Ende gefunden hatte wie auch die Möglichkeit, sich liebevoll in den Arm zu nehmen. Das Reden und das Schweigen, beide mögen auf dem Weg der Trauer jeweils ihre Zeit beanspruchen. Ja, man hat davon gesprochen, dass die Trauer bewältigt sein will wie eine harte Arbeit; es braucht Zeit, mit Gefühlen und Gedanken, die uns belasten, offen umzugehen, und auf diese Weise Belastendes loszulassen.

Dem Loslassen des Verstorbenen dient auch der heutige Tag. Seinen Leib bestatten wir in der Erde. Wir kehren dorthin zurück, woher wir nach einem großartigen Bild der Bibel kommen: „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden.“ Aber unser Leben ist mehr als Erde, als bloße Materie. Sie haben diesen Gedanken mit einem Satz des „Kleinen Prinzen“ von Antoine de St. Exupéry ausgedrückt:

Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache.

Wirklich, unser Leben geht nicht auf in dem, was wir ins Grab legen. Jesus hat im Evangelium nach Johannes 14 einmal ganz ähnlich wie St. Exupéry gesagt:

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.

Er stellt sich den Himmel wie ein großes Haus vor, das Gott, dem Vater, gehört und in dem es ganz viele Wohnungen gibt.

Mit welchem Bild wir unsere Hoffnung beschreiben, ist gar nicht wichtig. Entscheidend ist, dass wir mit Hoffnung im Herzen beides getrost tun können: In Trauer und Dankbarkeit den Verstorbenen loslassen – in Zuversicht und mit neuem Mut unser eigenes Leben führen. Beides ist wichtig, beides muss und darf sein. Für beides brauchen wir Zeit und Rückenstärkung von Menschen, die uns begleiten. Zugleich ist es gut zu wissen, dass auch die guten Engelmächte Gottes um uns sind; wir sind auf dem Weg der Trauer und auf dem Weg unseres Lebens nicht alleingelassen. Amen.

Wir singen aus dem Lied 65 die Strophe 7:

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Gott, Vater Jesu Christi, lass den Verstorbenen und uns erfahren, dass du der bist, der über den Tod hinaus hilft. Denke an ihn als der, der du bist: barmherzig und gnädig und voll großer Güte. Schenke ihm und uns deine Gerechtigkeit, die retten will und nicht verloren gehen lässt, die heilen will und nicht verletzt, die Gemeinschaft stiftet und nicht trennt: Schenke deinen Frieden dem Mann, von dem wir Abschied nehmen, seiner Lebensgefährtin, seinen Kindern und Enkeln und allen Angehörigen und Freunden.

Schenke uns allen deine Gerechtigkeit, damit wir vor dir bestehen können, schenke uns deinen Frieden, damit wir getrost leben können. Erneuere unsere Gedanken. Gib unserem Leben die Richtung zu dir. Stärke unseren Willen zu helfen und lass uns das Ziel unseres eigenen Lebens neu bedenken. Amen.

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