„In Ängsten – und siehe wir leben!“

Paulus kennt Ängste, die auch den umtreiben, der auf Gott vertraut. Wer Angst akzeptiert, kann sie leichter ertragen oder überwinden. Wahres Leben, gibt es nicht dort, wo man Problemen und Leid aus dem Weg geht. Sondern Menschen, die sich als Sterbende begreifen, Menschen auf dem Weg zum Tode, gerade sie können leben, weil sie ihr Leben als kostbares Geschenk empfangen.

Sonnenstrahlen brechen durch dunkle Wolken hindurch

„In Ängsten – und siehe wir leben!“ (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst „um halb 6 in Paulus“ am Sonntag Invokavit, den 5. März 2006, um 17.30 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich in der Pauluskirche zu einem Abendgottesdienst um halb 6 in Paulus, der zugleich auch ein Abendmahlsgottesdienst ist.

Unser Thema lautet heute: „In Ängsten – und siehe wir leben!“ Diese Worte stammen aus einem Brief des Apostels Paulus, mit dem wir uns in der Predigt beschäftigen.

Doch auch wenn Ängste im Thema vorkommen, sollen sie nicht im Mittelpunkt unseres Gottesdienstes stehen. Auch wenn der Winter uns Anfang März noch einmal eingeholt hat, möchten wir doch die Winterdepression hinter uns lassen, die manchen von uns vielleicht gepackt hat, und haben daher die Kirche heute frühlingshaft gestaltet.

Wir feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

In der Zuversicht, dass Gott im Geist seines Sohnes Jesus Christus bei uns ist, singen wir am Anfang das Lied 563 (nach Matthäus 18, 20):

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Mit Gesang geht es auch gleich weiter. Nicht mit der üblichen Liturgie, sondern mit dem Lied 171, das wir im Wechsel mit Texten zum Thema singen. Wir singen von den Wegen, auf denen Gott uns begleitet, selbst wenn sie durch Durststrecken und Leiden hindurchführen, zuerst Strophe 1:

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott

Gott, wenn du Quelle und Brot bist, wenn wir dich anzapfen können, um Kraft zu tanken und Trost zu gewinnen, wenn du unseren Hunger nach Anerkennung und Liebe stillst, dann können wir es wagen, die Durststrecken unseres Lebens genauer anzuschauen.

Wie ein Weg durch die Wüste muss vielen Arbeitssuchenden die Suche nach einer Arbeitsstelle erscheinen. Bewerbungen abschicken, kaum Antworten erhalten, dann doch zum Personalgespräch eingeladen und genau unter die Lupe genommen werden. Dann die Vertröstung: Wir haben leider keine Stelle frei, aber wir werden Sie vormerken.

Wie eine lange Durststrecke kommt auch vielen von denen, die Arbeit haben, ihr Leben vor. Viele müssen immer mehr schaffen und werden schlechter bezahlt. Es ist kein Einzelfall, von dem ich kürzlich hörte: ein Ehepaar mit zwei Jobs verdient weniger, als ihnen als Arbeitslosen über Hartz IV zustehen würde.

Welch eine lange Durststrecke ist für viele auch das Alter. Wenn Einsamkeit immer drückender wird, wenn immer mehr vertraute Menschen gleichen Alters sterben, wenn körperliche und geistige Gebrechen es unmöglich machen, in der vertrauten Umgebung allein zurechtzukommen.

Wir alle haben manchmal Angst. Manche unter uns leiden ständig unter Angst, oft ohne zu wissen warum. Viele trauen sich nicht einmal, sich mit ihren Ängsten einem Arzt oder Seelsorger anzuvertrauen. Ihr Leben ist wie ein quälender Gang durch eine endlose Wüste.

Gott, sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen.

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott

Gott, wenn du Wärme und Licht bist, wenn du uns wärmst, wo wir durchgefroren sind von der sozialen Kälte unserer gewinnorientierten Gesellschaft, wenn wir dein freundliches Gesicht über uns leuchten sehen, dann können wir es wagen, die leidvollen Erfahrungen unseres Lebens genauer anzuschauen.

In der Passionszeit, die am Aschermittwoch angefangen hat, betrachten wir besonders die Leiden Christi. Woran Jesus gelitten hat, das waren die Verletzungen, die Bosheiten, die Verurteilungen, mit denen Menschen zu allen Zeiten andere Menschen kränken, erniedrigen, quälen und töten.

Die meisten Menschen wollen nicht zu denen gehören, die leiden, denen man ihre Angst ansieht; sie wollen nicht als empfindlich gelten und keine Verlierer sein. Darum ziehen sich ängstliche oder gekränkte Menschen oft in sich zurück, wollen nicht auf Hilfe angewiesen sein und keine Hilfe annehmen. Oder sie werden hart und verbittert, versuchen, mit gleicher Münze heimzuzahlen, was man ihnen angetan hat, dann wird die Welt noch ein bisschen kälter und finsterer.

Gott, taue durch die Wärme deiner Liebe unsere kalten harten Herzen auf. Strahle uns an mit einem Lächeln auf deinem Gesicht, so dass wir in schweren Zeiten unseren Humor wiederfinden.

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott

Gott, wenn du die Kraft bist, die Frieden schafft, dann können wir es wagen, genauer hinzuschauen, wo in unserer Welt eben kein Frieden herrscht.

Es macht uns Angst, wenn in einem Land wie Palästina bei den Wahlen eine Partei an die Macht kommt, die dem Terror gegen Israel nicht abgeschworen hat.

Wir machen uns Sorgen um den Weltfrieden, wenn in Konfliktgebieten wie im Nahen Osten der Wettlauf um die Atombombe nicht mit Verhandlungen gestoppt werden kann.

Näher ist uns die Angst vor dem Handtaschenräuber im Seltersweg oder vor einem Überfall, wenn man noch abends im Dunkeln unterwegs ist.

Und wir machen uns Sorgen um den sozialen Frieden in unserem Land, wenn immer mehr Menschen an den Rand gedrängt werden, die keinen Ausbildungsplatz oder ordentlichen Arbeitsvertrag bekommen.

Gott, sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen.

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott

Gott, wenn du Heiliger Geist bist, dann bist du ein Gott, der nicht nur oben ist. Dann bist du auch in uns und unter uns. Dann bist du unser Begleiter auf unseren Wegen. Unsichtbar bist du bei uns, so wie damals Jesus sichtbar unter den Menschen war.

Aber wie sieht das praktisch aus? Die Welt ändert sich ja nicht einfach, wenn wir an Gott glauben. Es gibt auch dann immer noch Anlass für viele Ängste. Ist der Glaube eine Vertröstung, weil man an den Verhältnissen in der Welt ja doch nichts ändern kann?

Lassen wir uns vom Apostel Paulus sagen, wie er mit den Ängsten umging, die er, seine Mitarbeiter und die von ihm betreuten Gemeinden in dieser Welt durchstehen mussten.

Wir hören die Lesung aus dem Paulusbrief 2. Korinther 6, 1-10:

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

2 Denn er spricht: »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;

4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,

5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,

6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,

7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,

8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;

9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;

10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Ein Gebet von Paul Roth: Wovor ich Angst habe

Wir singen das Lied 623:

Du bist da, wo Menschen leben, du bist da, wo Leben ist
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, was sagt Paulus uns zu den Ängsten in unserer Welt?

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

Wir sind Mitarbeiter. Gottes Mitarbeiter. Wir haben Arbeit oder sind arbeitslos. Wir verdienen im Berufsleben Geld oder führen als Hausfrau oder Hausmann ein kleines Familienunternehmen. Wir üben ein Ehrenamt aus oder müssen in einer Krankheit alles andere beiseitestellen und nur gut für uns selber sorgen. Egal was wir tun: wer sich von Gott in Dienst genommen weiß, der ist mit einer Aufgabe betraut, die ihm niemand nehmen kann.

Worin besteht die Mitarbeit für Gott? Paulus sagt: Darin, dass wir Gnade empfangen und etwas daraus machen. Ich empfange Gnade von Gott, das heißt: Ich bin wichtig für Gott, ich bin ein wertvoller Mensch; meine Würde, die ich von ihm habe, kann mir niemand nehmen. Und diese Gnade, die wir von Gott bekommen, ist zugleich unser Auftrag: Wir sollen an unserem Ort, zu unserer Zeit, mit unseren kleinen Kräften daran mitarbeiten, dass anderen Menschen auch diese Gnade erfahren, dass sie z. B. nicht niedergemacht und mit Füßen getreten werden.

Für Paulus ist Gnade kein leeres Wort. Er erinnert an ein Wort von Gott im Buch Jesaja:

2 Denn er spricht: »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.«

Dieses Wort stammte aus der Zeit, als die Juden verschleppt, vertrieben, verbannt waren, 70 Jahre lang, an den Flüssen Babylons. Die Heilige Stadt Jerusalem lag in Schutt und Asche, auch der Tempel Gottes. In dieser schlimmen Zeit waren Propheten so mutig, ihren Landsleuten Gnade und Rettung zu verkünden. Und sie behielten Recht: Der Perserkönig Kyros warf die Weltgeschichte über den Haufen und erlaubte den Juden die Rückkehr in ihr Heimatland. So kann Gottes Gnade aussehen: völlig unerwartet wendet sich alles zum Guten.

Aber Paulus redet nicht nur von der Vergangenheit. Gnade gibt es erst recht in der Gegenwart:

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Paulus meint: Seit Jesus, seit seinem Tod am Kreuz, ist jede Zeit Zeit der Gnade. Hier und jetzt spüren wir Gottes Liebe und können erste Schritte in einem neuen Leben gehen! Paulus und seine Mitarbeiter leben ihren Mitmenschen eine solche Haltung vor:

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde.

Das klingt angeberisch. Aber Paulus will sich nicht selbst in den Vordergrund stellen, sondern er wendet sich gegen eine Gruppe von sehr freien Christen in der Gemeinde von Korinth. Die dachten, vom heiligen Geist erfüllt: ein Christ darf alles. Egal, was ich tue, egal, was die Leute denken, Jesus liebt mich. Dagegen wendet Paulus ein: Sicher sind wir freie Menschen. Da Gott uns liebt und vergibt, sind wir frei von Sünde, von äußeren Bindungen, von inneren Zwängen. Aber nicht frei von Verantwortung! Freiheit heißt: frei sein zur Liebe, frei sein zum Dienst. Paulus will also nicht unnötig Anstoß erregen, niemand soll über die Liebe Gottes lästern, nur weil sich Gottes Bodenpersonal schlecht benimmt. Vor allem hält Paulus den Korinthern vor: Ein Christ wird man nicht erst durch außergewöhnliche fromme Erfahrungen. Nein, als Christ bewährt man sich in den ganz gewöhnlichen Erlebnissen des Alltags:

4 In allem erweisen wir uns als Diener Gottes.

Gottes Gnade kann uns in allem begegnen, was uns widerfährt. In allem können wir bewahrt sein und uns bewähren. Schlimme Alltagserfahrungen nutzt Paulus nicht als Anlass zum Jammern, sondern als Herausforderung. Wo überall soll sich nun das Gottvertrauen bewähren?

In großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten.

Wer geduldig eine Krankheit ertragen muss, wer enttäuscht worden ist, wer Trauer verarbeiten muss, wer etwas beim besten Willen nicht ändern kann, wem Probleme über den Kopf wachsen, der muss das nicht wegreden. Aber er ist auch nicht von Gott und aller Welt verlassen. Er kann um Geduld bitten. Er muss nicht endlos jammern, aber er kann sein Leid klagen, um Trost und Hilfe im Leid zu erfahren, reifer und stärker zu werden.

In Ängsten, 5 … in Mühen, im Wachen.

Paulus kennt die Arbeit, die zur Last wird, wenn man sich immer nur getrieben und gemobbt und ausgebeutet fühlt. Paulus kennt schlaflose Nächte wie wir, wenn uns Sorgen um Angehörige oder unerträgliche Schmerzen nicht schlafen lassen. Schon im Psalm 22 heißt es: „Mein Gott, ich rufe des Nachts zu dir, doch finde ich keine Ruhe. Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Paulus kennt Ängste, die auch den umtreiben, der auf Gott vertraut. Wer Angst akzeptiert, kann sie leichter ertragen und vermindern oder sogar überwinden.

5 In Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen.

Hart waren die Leiden des Paulus und seiner Mitarbeiter in den Christenverfolgungen damals im Römischen Reich. Die Älteren erinnern sich: in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts wurden auch in Deutschland standhafte Christen geschlagen, eingesperrt und verfolgt. Heute erleiden Christen in Ländern wie Indonesien, Sudan oder Nigeria blutige Verfolgung. Ist das alles ein Todesstoß für Gottes Gnade und den Glauben? Nein, sagt Paulus, wahrer Glaube bewährt sich gerade in Verfolgung.

Weiter redet Paulus nicht nur von Dingen, die einem einfach widerfahren, sondern auch davon, wie Gottes Gnade die eigene Lebenshaltung verändert.

Im Fasten, 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis.

Fasten muss man zwangsweise in Hungerzeiten. Meine Mutter hat nie vergessen, seit der Nachkriegszeit, wie sehr Hunger quälen kann und wie kostbar das tägliche Brot ist. Fasten kann auch bewusster Verzicht auf Nahrung oder Annehmlichkeiten sein, um sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist im Leben. Nennt Paulus das Fasten an erster Stelle, weil man eine lautere Gesinnung und wirkliche Erkenntnis nur gewinnt, wenn man nicht zu viel besitzt, wenn man sein Herz nicht an äußere Dinge bindet? Ein lauterer Mensch ist ehrlich und wahrhaftig, frei von Hintergedanken, auf den kann man sich verlassen. Und Erkenntnis hat nicht der am meisten, der möglichst viel Wissen angesammelt hat, egal was, sondern wen Gott hat viel Liebe erfahren lassen.

In Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist.

Mitten in dieser Aufzählung nennt Paulus fast nebenbei den Heiligen Geist: Langmut und Güte bringen wir nur auf, wenn Gott selber an uns arbeitet:

In ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes.

Immer weiter bewegt sich Paulus von schicksalhaften Widerfahrnissen zu den höchsten Gaben des Heiligen Geistes, die ihm offenbar genau in den Ängsten und Nöten geschenkt werden: Kraft von Gott, den Mut zur Wahrheit, eine Liebe, die nicht gespielt ist. Mit all dem fühlt Paulus sich in Gottes Schutz gut aufgehoben:

Mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.

Als Christ hat man Waffen zur Verfügung. Aber keine Vernichtungswaffen. Es genügt zu wissen, dass Gott gerecht ist, dass er uns gerecht spricht. Gerechtigkeit als Waffe in der Rechten kann man auch „Zivilcourage“ nennen: den Mund aufmachen, wenn Unrecht geschieht und man daran etwas ändern kann. Gerechtigkeit als Waffe in der Linken ist wie ein Schild, der ungerechtfertigte Angriffe auf uns selbst abwehrt: niemand muss sich schuldig sprechen für Unrecht, das andere ihm angetan haben.

8 In Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten.

Wenn man uns ehrt und lobt, ist das schön. Aber manchmal auch verführerisch; denn wer bewundert wird, kann schon bald in Grund und Boden verdammt werden. Jesus hat erfahren müssen, wie schnell aus dem „Hosianna!“ das „Ans Kreuz mit ihm!“ wurde. Paulus sieht beides als Bewährungsprobe für Christen an, wenn man gut und wenn man schlecht über uns redet. Wichtig ist Demut: dass wir uns weder zu groß noch zu klein einschätzen. Man kann verletzt sein durch üble Nachrede, muss aber auch selbstkritisch prüfen, wo man möglicherweise Anlass dazu gegeben hat. Man kann sich freuen über Lob, darf sich aber nicht davon abhängig machen.

Als Verführer und doch wahrhaftig, 9 als die Unbekannten, und doch bekannt.

Wer für eine religiöse Botschaft wirbt, kann in den Verdacht geraten, Unbeweisbares zu behaupten, Aberglauben zu verkünden und die Leute zu betrügen. Ich muss mich selber immer wieder prüfen: Glaube ich an das, was ich verkünde?

Und wer hier in der Kirche zuhört, muss sich auch prüfen: Warum bin ich Christ? Ist mein Glaube echt? Lasse ich mich konfirmieren oder taufen, weil ich Christ sein möchte, oder tue ich das, weil andere es von mir erwarten? oder aus ganz anderen Gründen? Das kann nur jeder einzelne selber wissen, ob er in diesen Fragen wahrhaftig ist.

Zum Schluss redet Paulus in paradoxen Gegensätzen:

Als die Sterbenden und siehe, wir leben.

Leben, wahres Leben, gibt es nicht dort, wo man allen Problemen und allem Leid aus dem Weg geht. Sondern Menschen, die sich als Sterbende begreifen, Menschen auf dem Weg zum Tode, gerade sie können leben, weil sie ihr Leben als kostbares Geschenk empfangen.

Als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet.

Züchtigen ist ein altes Wort; lieber gebrauchen wir heute das Wort „disziplinieren“, gute Grenzen setzen. Grenzen, an die wir stoßen, sind kein Zeichen dafür, dass eh alles sinnlos ist und im Tod endet, sondern sie helfen dem, der aus Gnade lebt, zu lernen, zu reifen, innerlich zu wachsen.

10 Als die Traurigen, aber allezeit fröhlich.

Auch Jesus hat Trauernde selig gepriesen, nicht weil er Trauer nicht ernst nimmt, sondern: „sie sollen getröstet werden.“

Diese Aussicht auf Trost, auf die wir uns verlassen dürfen, ist in der Trauer dennoch Grund zur Freude. Mancher kann unter Tränen auch lächeln und Dankbarkeit empfinden. Andere halten aus, was sie erleiden müssen, in der Zuversicht, später einmal wieder lachen zu können.

Als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Der Schluss des langen Satzes von Paulus mit den vielen Aufzählungen nimmt eine Seligpreisung von Jesus auf (Matthäus 5, 3):

Selig sind, die da geistlich arm sind

– also: wahres Glück erfahren die, die mit leeren Händen vor Gott stehen. Wer arm ist und aus Gottes Gnade lebt, kann trotz seiner Armut schenken. In Jesu Leiden und Sterben macht Gott selbst dieses Kunststück vor: Er macht uns reich, indem er arm wird. Er schenkt uns Leben, indem er stirbt. Er rechtfertigt uns gottlose Menschen, indem er selbst den Tod eines Gottlosen am Kreuz auf sich nimmt. Im Vertrauen auf diesen Gott können wir getrost sagen: Ja, wir sind oft in Ängsten – und siehe wir leben! Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 398:

1. In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist; hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hast’s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja. Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja.

Im Abendmahl sind wir eingeladen, zu spüren, wie Gott uns durch das Leiden und Sterben seines Sohnes den Weg zum ewigen Leben öffnet. Sein Leib, sein Kelch – Quelle und Brot in Wüstennot.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille und Abendmahlsfeier

Jesus spricht: „Selig sind, die mit leeren Händen vor Gott stehen. Sie sind Gottes Söhne und Töchter!“

Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

Jesus spricht: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost: ich habe die Welt überwunden!“

Nehmt hin den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Mit Gottes Liebe beschenkt haben wir nichts und haben doch alles. Wir sind arm und machen doch viele reich. Geht hin im Frieden!

Lasst uns beten.

Gott, wir danken dir für alles, was wir empfangen: Brot und Kelch, Liebe und Trost, neuen Mut zum Leben.

Gott, lass uns die Spannung aushalten zwischen Deiner Liebe und dem, was nicht stimmt in unserer Welt.

Segne unsere Pläne und unsere Taten. Und wo wir versagen und scheitern, da schenke uns Vergebung und den Mut, neu zu beginnen.

Lass uns nicht zerbrechen an Enttäuschungen und Rückschlägen. Hilf, dass wir zu dem stehen, was wir nach bestem Wissen und Gewissen als richtig erkennen.

Segne die Projekte, für die unsere Gemeinde sich einsetzt, hier in der Stadt und draußen in der Welt. Amen.

Wir singen das Lied 612:
Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst
Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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