Apfelbäumchen

Einzelner Apfel an einem Apfelbaum mit dunklen Blättern

Apfel am Baum (Foto: pixabay.com)

Ich schreibe diese Betrachtung am 17. Januar 1991. In der vergangenen Nacht wurde der Golfkrieg begonnen. Als ein sieben Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Geborener erlebe ich zum erstenmal bewusst, wie ein Krieg Millionen Menschen – einschließlich mich und meine Familie – in tiefe Besorgnis, Angst und Schrecken versetzt.

Allerdings erlebe ich im einzelnen doch ganz verschiedene Reaktionen auf diese Angst. Ich höre Fragen nach Gott, wo er denn nun bleibt, warum er diesen Krieg nicht verhindert, verzweifelte Fragen nach dem Sinn in einem Leben auf einer erneut so bedrohten Erde für uns und unsere Kinder.
Ich höre auch Stimmen, gerade von Patienten in den Nervenkliniken, die meine Kollegen und ich betreuen, die eher eine gewisse Gelassenheit an den Tag legen, weil man ja selber an diesen Weltproblemen nichts ändern kann und weil man als kranker Mensch die Erlaubnis hat, solche Fragen den Gesunden und Starken zu überlassen. Eine Frau äußerte den Gedanken: „Jetzt wissen auch die Gesunden einmal, was Angst bedeutet, ich selber habe immer Angst.“

Mir gibt der Gedanke Martin Luthers Trost: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen.“ Das Apfelbäumchen, das kann für den einen die Sorge um seine Gesundung sein; für den anderen ein bewussteres Erleben der Alltagsdinge, die nicht so selbstverständlich sind, wie wir oft annehmen; für den dritten das Sich-Aufraffen, um sich (wieder) in der Friedensbewegung zu engagieren. Dahinter steht die Frage: Wofür hat sich denn mein Leben gelohnt, wenn es nun zu Ende ginge…?

„Die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft.“ Unsere Kraft sieht oft nur noch zwei Auswege: entweder Gewalt oder totales Aufgeben. Gott will uns auf den beharrlichen Weg des Friedens führen.

Betrachtung für den Evangelischen Pressedienst am 10. Februar 1991 von Helmut Schütz, Krankenhauspfarrer in Alzey.

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