Kirchentag und Kirchen-Alltag

Mäuskuchenstand der Kirchengemeinde Reichelsheim/Wetterau beim Begrüßungsabend des Frankfurter Kirchentages am 17. Juni 1987

Mäuskuchenstand der Kirchengemeinde Reichelsheim/Wetterau beim Begrüßungsabend des Frankfurter Kirchentages am 17. Juni 1987 (Foto: Kleespieß)

Ein Monat ist schon wieder vergangen seit dem Frankfurter Kirchentag. Was wird von ihm bleiben, wenn nach den Sommerferien der Kirchen-Alltag wieder einkehrt? Es ist ja immer wieder gesagt worden, dass vom Kirchentag her zu wenig „rüberkomme“ in die Arbeit der Gemeinden. Ist er eine Art freischwebende Sonderveranstaltung für alle möglichen Arten von „Kirchentagschristen“, die sich in den Gemeindegruppen und vor allem im Gottesdienst dann gar nicht mehr blicken lassen? Wie wäre es sonst zu erklären, daß das Kirchentagspublikum durchschnittlich so jung ist, während die Beteiligung der Jugend z. B. an den Gemeindegottesdiensten eher noch zurückgeht?

Ich denke, dass das zum überwiegenden Teil ein Fehlschluss ist. Die meisten Kirchentagsteilnehmer, auch die jugendlichen, sind in ihren Ortsgemeinden durchaus schon engagiert, allerdings häufig weniger in Gottesdienst, Bibelkreis und Kirchenchor, sondern eben in ihrer Jugendgruppe. Und wenn diese Kirchenmitglieder nun auf dem Kirchentag erleben, dass Kirche mehr sein kann als ein von althergebrachten Formen geprägter „Laden“, dann ist das doch ein Zeichen der Hoffnung. Außerdem kenne ich einige (wieder vor allem junge) Gemeindeglieder, die aus der Jugendarbeit herausgewachsen sind und sich von dem, was sonst bei uns „läuft“, nicht so sehr angesprochen fühlen, die aber regelmäßig vor Kirchentagen auftauchen und fragen: „Fahren wir da wieder hin?“ Das muss man ja nicht negativ sehen. Es gibt anscheinend mehr Interesse an religiöser Thematik, als wir mit einem auf die Kerngemeinde verengten Blick annehmen. Und es muss auch nicht jeder, der sich punktuell für Kirche interessiert, gleich für die laufende Gemeindearbeit vereinnahmt werden.

Ja, was ist denn nun geblieben vom Frankfurter Kirchentag? Mich persönlich hat wieder so vieles tief bewegt und angerührt, wie ich es vorher nicht erwartet hätte: Zum Beispiel eine Predigt von Dietmar Schönherr und ein Meer von mehreren tausend Rosen bei einer Beatmesse; ein Musikspiel in der Alten Oper über den Seelsorger Jesus („Jesus – einer von uns“); ein zu Herzen gehender Vortrag von Helmut Gollwitzer über die „Grenzen des Lebens“; die ermutigenden Worte von Carl Friedrich von Weizsäcker und dem katholischen Bischof Kamphaus über Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Daneben das gute Vollwert-Essen im „Gläsernen Restaurant“, Gespräche auf dem „Markt der Möglichkeiten“ mit „Computer-Pfarrern“ und mit Leuten von der „ChriPo“ (einem Verein christlicher Polizeibeamter). Dazu kam noch die Beteiligung unserer Kirchengemeinde am „Abend der Begegnung“, für uns alle ein besonderers Gemeinschaftserlebnis, das unsere Gemeinde enger mit dem Kirchentagsgeschehen verbunden hat. Der Platz reicht nur, um kurz anzudeuten, wie „meine“ Kirchentagserfahrung ausgesehen hat.

Also was tun? Vielleicht fragen Sie einfach mal die Leute aus Ihrer Gemeinde, die auf dem Kirchentag waren: „Was hat euch da beeindruckt, und was wirkt nach?“ Dann setzen sich Gespräche von Frankfurt her fort, und vielleicht ergibt sich auch eine Anregung vom Kirchentag für den Kirchen-Alltag.

Betrachtung für den Evangelischen Pressedienst am 19. Juli 1987 von Helmut Schütz, Reichelsheim/Wetterau

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