Frieden durch die Macht der Liebe

Das Weihnachtsbild „Die Anbetung der Hirten“ von Jacob van Oost dem Älteren.

Nicht mit Zauberkräften, Armeen oder überlegenen Argumenten kommt Gott in unsere Welt. Dieser Friedefürst schafft Frieden durch Verzicht auf äußere Macht, auch wenn es ihn das Leben kostet. Er schafft Frieden durch die Macht der Liebe, die dort beginnt, wo wir uns selber geliebt wissen.

Der Mund eines Babys und seine Hände sind zu sehen

Ein Kind streckt erwartungsvoll seine Hände aus (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtChristmette an Heiligabend, Dienstag, 24. Dezember 1985, um 22.00 Uhr in Reichelsheim und Gottesdienst im Dorheim am 26.12. um 10 Uhr und in Staden und Stammheim am 29.12.85
Orgelstück von Bach: a-moll-Konzert nach Vivaldi 1. Satz

Zur Christmette in Reichelsheim begrüße ich Sie wieder recht herzlich in unserer Kirche, zu einer besinnlichen Stunde mit Wort und Bild, Musik und Gesang.

Zu Beginn singen wir ein Lied aus dem Beiheft (EG 45, 1-4):

1. Herbei, o ihr Gläub’gen, fröhlich triumphieret, o kommet, o kommet nach Bethlehem! Sehet das Kindlein, uns zum Heil geboren! O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König!

2. Du König der Ehren, Herrscher der Heerscharen, verschmähst nicht zu ruhn in Marien Schoß, Gott, wahrer Gott von Ewigkeit geboren. O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König!

3. Kommt, singet dem Herren, singt, ihr Engelchöre! Frohlocket, frohlocket, ihr Seligen: »Ehre sei Gott im Himmel und auf Erden!« O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König!

4. Ja, dir, der du heute Mensch für uns geboren, Herr Jesu, sei Ehre und Preis und Ruhm, dir, fleischgewordnes Wort des ewgen Vaters! O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten den König!

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Großer Gott, wir feiern Gottesdienst in deinem Namen, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Gott, du bist nicht hoch oben im Himmel geblieben, du hattest sowieso nie eine feste Wohnung in den Weiten des Weltalls, wie wir Menschen uns das früher gerne vorstellten. Zwar bist du für uns unerforschlich und fremd, unsichtbar und unergründlich, und doch bleibst du nicht so fern von uns. Du kommst zu uns im Kind von Bethlehem.

Gott, unser Vater, wir vermissen dich oft hier auf der Erde. Wir hoffen auf dein Eingreifen, wenn wir Leid und Unrecht sehen. Aber wenn du wirklich kommst, erkennen wir dich dann? Nehmen wir dich so an, wie du zu uns gekommen bist: im Stall geboren, auf einem Leidensweg geführt, am Kreuz gestorben? Nehmen wir dich an im Christus, du menschgewordener kindgewordener Gott?

Gott, unser Vater, komm zu uns! Wecke in uns den Glauben durch das Kind in der Krippe! Schenk uns deinen heiligen Geist, damit wir an dich glauben können. Amen.

Orgelstück: Tochter Zion (Thema mit Variationen)

Wir hören die Worte der heiligen Schrift aus dem Evangelium nach Lukas (Kapitel 2) über die Geburt des Gottessohnes:

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Orgelstück: Weihnachtsstück von Max Reger (Stille Nacht – O du fröhliche)

Wir hören aus dem Lukasevangelium (Kapitel 2), wie die Botschaft von der Geburt Jesu verkündigt und von den Hirten aufgenommen wurde:

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Lied aus dem Beiheft: Engel haben Himmelslieder
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören zur Predigt einen Text aus dem Prophetenbuch des Jesaja 9, 1-6. Dort verheißt der Prophet dem Volk, das im Finstern wandelt, den kommenden Friedefürsten.

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.

4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;

6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch, Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

Liebe Gemeinde!

Wir sind immer wieder auf der Suche nach einem harmonischen, besinnlichen Weihnachtsfest, und sind froh über eine Stunde wie diese, in der alle Vorbereitungen beendet sind, in der wir zur Ruhe gekommen sind, und in der wir ganz aufs Hören und aufs Schauen eingestellt sind.

Aber solche Stunden sind selten, und das Bild von Weihnachten als einer stimmungsvollen Idylle ist wohl nur in wenigen Familien verwirklicht.

Vielleicht ist dieses Bild auch eine allzu einfache Vorstellung von der „großen Freude, die allem Volk widerfahren wird“. Wir nehmen Weihnachten nicht richtig ernst, wenn wir den Hintergrund vergessen, auf dem diese Freude erscheint.

In der Verheißung des Jesaja wird dieser Hintergrund in dunkelsten Farben gezeichnet. Vom Volk ist die Rede, das im Finstern wandelt und das im finstern Lande wohnt. An die drückende Unterjochung unter fremde Völker wird erinnert und an die Stöcke der Sklaventreiber, an dröhnend marschierende Militärstiefel und an die blutigen Schrecken des Krieges. Das ist der Hintergrund für das Licht, das über dem Volk zu scheinen beginnt. Hoffnung beginnt zu keimen mitten in der Finsternis. Bei Jesaja bleibt noch offen, ob er mit seiner Verheißung eine unmittelbar bevorstehende Befreiung seines Volkes meint, von der schon die Vorzeichen sichtbar sind, oder ob seine Verheißung in die ferne Zukunft weist. Wir jedoch erblicken in Jesajas Worten eine Vorausschau auf die Geburt des Jesuskindes.

Es ist erstaunlich, was hier von diesem Kind gesagt wird: „die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“ Das sind bombastische Namen für ein kleines Kind, aber von der späteren Geschichte Jesu her haben die Christen von Anfang an in diesem Kind das Jesuskind gesehen. Auf Jesus passen diese Namen, aber vielleicht anders, als wir denken.

Bei dem Namen „Wunder-Rat“ müssen wir nicht unbedingt an übernatürliche Wundertaten Jesu denken, sondern an das Wunder, dass ratlosen Menschen Lebenssinn geschenkt wird.

„Gott-Held“ muss kein übersteigerter Name für einen Kriegshelden sein, sondern die Bezeichnung für den einzigen, der aus den übrigen Menschen herausragt, weil er als wahrer Mensch zugleich wahrer Gott ist.

„Ewig-Vater“, eine merkwürdige Bezeichnung für ein eben geborenes Kind, aber dieser Name bekräftigt die Wahrheit, dass der Mensch Jesus zugleich eins ist mit dem Vater im Himmel. In dem Kind, das Jesaja verheißen hat, sehen wir Christen also den menschgewordenen Gott selber, der in unsere Rat- und Sinnlosigkeit hineinkommt.

Und zwar kommt er als „Friede-Fürst“. Aber wie kommt er? Jesaja hatte verheißen, dass Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“ Er stellt sich vor, dass der Friedefürst auf dem Königsthron Israels als ein gerechter und friedliebender Herrscher regiert.

Diese Vorstellung passt nun so nicht auf Jesus. Er hat nicht Herodes oder Augustus von ihren Thronsesseln verdrängt und die Weltherrschaft angetreten. Vielmehr wurde Jesus von den Mächtigen verfolgt und schließlich getötet. Wie kann Jesus als dieser Leidende und Gekreuzigte der Friedensfürst sein? Jedenfalls nicht als ein politischer Anführer, nicht als ein König mit wirtschaftlicher und militärischer Macht. Aber auch nicht als einer, der nur für den inneren Seelenfrieden zuständig wäre. Nein, dazu ist Jesaja zu deutlich an einer Schilderung der äußeren Wirklichkeit interessiert. Und nicht umsonst werden auch in den Weihnachtsberichten die damaligen Machthaber und ihre Machenschaften erwähnt, von der Volkszählung des Augustus bis hin zum Kindermord des Herodes.

An dieser Stelle möchte ich mit Ihnen nun wieder ein Bild betrachten. Wie im letzten Jahr habe ich einige Exemplare des Bildes übrigbehalten, das Sie wohl alle als Umschlag Ihres Kirchenblättchens bekommen haben. Das Krippenbild von Jacob van Oost d. Ä., „Anbetung der Hirten“, gibt Hinweise darauf, in welcher Weise Jesus der Friedefürst ist, wie das Kind in der Krippe Frieden bringt.

Die Zeit, in der das Bild gemalt wurde, ist der Zeit Jesajas ähnlich: Es ist Krieg, verheerender Krieg. Horden von Söldnern überziehen das Land mit Schrecken und Gewalt. Der Krieg währt 30 Jahre lang – von 1618 bis 1648. Währenddessen wachsen Menschen auf, werden erwachsen und alt und haben noch keinen Frieden gesehen. Z. B. der Niederländer Jacob van Oost: Von seinem 17. bis zu seinem 47. Lebensjahr ist Krieg, herrscht Gewalt, kämpft man mit Seuchen, wird halb Europa entvölkert.

Und doch ist von diesem Mann, der ein Schüler des großen Rubens war, dieses Weihnachtsbild erhalten, das eine wunderbare Wärme und Heimatlichkeit ausstrahlt. Aber nur wenn man es oberflächlich betrachtet, kann man es für eine Idylle halten. Das Dunkel, von dem Jesaja spricht, von dem auch der Maler in seiner Zeit weiß, ist in dem Bild nicht ausgespart; der Hintergrund ist in dunklen Tönen gemalt, da wo die Männer stehen, und ein dunkler Schatten fällt auch auf das Lamm im Vordergrund, dessen Füße zusammengebunden sind. So wird auch das Kind, das jetzt in der Krippe liegt, einmal gefesselt sein, wie „ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“, wie eins der vielen Kinder, die im 30-jährigen Krieg von verrohten Soldaten gemordet wurden.

Doch inmitten dieser Dunkelheit ist es hell, am hellsten dort, wo das Kind liegt. Dieses Kind wärmt und strahlt, zieht die Menschen und sogar die Tiere an. In seinem Widerschein wird alles freundlich, auch dieser armselige Stall. Maria zeigt uns dieses Kind; eine selbstbewusste, aufrechte Maria, die den Männern die Stirn bieten kann, zeigt in einer besonderen Geste auf das Kind. Der verrohten Menschheit wird nichts als ein Kind unter die Augen gehalten. Maria tut so, als könne jeder, der nur hinschaut, daran gesund werden. Jeder, denn ihr Blick geht über die unmittelbare Umgebung weit hinaus. Die Einladung gilt der ganzen Welt, gilt auch uns: Schaut hin!

Und tatsächlich bildet sich um das Kind ein Kreis, das Symbol des Vollkommenen, ein Kreis aus Menschen und Tieren. Das sind die Vertreter von allem, was auf der Erde lebt. Das Kind ist nicht nur die Mitte einer rührenden Szene. Es ist die Mitte der Welt. Und ins Licht tritt nur, wer zu dieser Mitte hinfindet.

Erstaunlich, dass die Männer so zurücktreten auf diesem Bild. Die Männer, die sonst die Weltgeschichte bestimmen und die doch auch in Dorf und Stadt und in den Familien weitgehend den Ton angeben. Drei Männer sind dargestellt, stehen im Kreis um Jesus herum, aber sie treten nur leicht aus dem Dunkel hervor, hier sind nicht sie die Bestimmenden. Josef ist da, links am oberen Bildrand, als treuer, verlässlicher Vater dieses Kindes, der aber hinter dem himmlischen Vater Jesu ganz zurücktritt. Daneben steht ein Mönch. Er passt eigentlich zeitlich nicht in die Weihnachtsgeschichte hinein. Franziskus von Assisi ist hier dargestellt, der Heilige, der sich wie kein anderer allen Lebewesen, ob Mensch oder Tier, verbunden gefühlt hat.

Auch dieser Vertreter tiefster menschlicher Religion steht nicht im Vordergrund des Bildes, sondern nur vom Licht der Krippe her bekommt auch die Religion ihren Sinn. Als dritter Mann neigt sich von rechts ein Hirte ins Bild hinein. Er scheint ein rauher Geselle zu sein. Trotzdem trinkt er mit seinen Augen vom Licht des Kindes, das die Gewöhnlichkeit und Härte seiner Gesichtszüge verwandelt. Dieses Gesicht ist plötzlich schön in seiner Ergriffenheit.

Aber was trägt dieses Anschauen des Kindes zum Frieden bei? Was richtet dieses Kind gegen die Schrecken des Krieges und des menschlichen Leides aus? Wie kann so ein kleines Kind die Mitte der Welt sein?

Dieses Kind ist darum das wichtigste aller Kinder, die geboren wurden, weil in ihm Gott selbst zur Welt kam. Und die Mitte der Welt, der Punkt, um den sich alles dreht, ist deshalb hier im Stall von Bethlehem zu finden, weil es Gott gefallen hat, gerade hier zur Welt zu kommen. Marias Hand zeigt zugleich auf das Kind und auf das Lamm; das künftige Schicksal des Kindes ist damit angedeutet. In diesem Kind geht Gott alle unsere Wege mit uns. In diesem Kind ist er mitten unter uns, dann wenn wir uns miteinander freuen, aber auch dann, wenn wir Angst voreinander haben.

Das Kind ist einfach da. Es hat keine äußere Macht über die, die um es herumstehen. Und doch zieht es alle in seinen Bann. Hier wird deutlich, dass Friede nicht erzwungen werden kann, dass Friede dort wächst, wo Liebe und Vertrauen ist, dort, wo Misstrauen überwunden wird, dort, wo man sich einander zuwendet und anschaut, dort, wo man aufeinander achtet, und schaut, was ein anderes Menschenkind braucht.

Nicht mit der Macht von Zauberkräften, nicht mit der Macht von Armeen, nicht mit der Macht überlegener Argumente ist Gott in unsere Welt gekommen. Dieser Friedefürst schafft Frieden durch den Verzicht auf äußere Macht, auch wenn es ihn selbst das Leben kosten wird. Er schafft Frieden zwischen Gott und den Menschen durch den Verzicht auf Bestrafung, auch wenn wir Strafe für unsere Schuld tausendfach verdient hätten. Er schafft Frieden durch die Macht der Liebe, die dort beginnt, wo wir uns selber geliebt wissen, wo jemand uns ansieht, uns ernst nimmt, uns nach dem fragt, was wir im Innersten brauchen. Er schafft Frieden durch die Macht der Liebe, die dort weitergeht, wo wir auch anderen in die Augen sehen, wo wir bereit sind, hinter mancher harten oder heiteren Maske das verängstigte oder enttäuschte Kind zu sehen, das unsere liebevolle Zuwendung braucht.

Wir Erwachsenen verstecken oft das Kind, das wir selber im Innern bleiben, so lange wir leben. Wir geben häufig nicht zu, dass wir Verständnis oder Nachsicht brauchen, jemanden, der uns zuhört, oder ein Wort der Anerkennung sagt. Und ebenso bleibt uns oft verborgen, dass ein anderer, der uns unsympathisch ist oder der uns Angst macht, vielleicht ebensolche Gefühle und Wünsche in sich trägt wie wir selbst, aber sie nicht zuäußern wagt. Frieden kann beginnen, wo wir hinter die Masken blicken, oder hinter unsere Masken blicken lassen, da wo Vertrauen wächst, da wo wir das Kind anschauen und wo das Kind uns anschaut.

Zu Füßen des Hirten auf der rechten Seite hockt dann noch ein Junge auf dem Bild. Dieses Kind ist dem Kind in der Krippe am nächsten. Für uns noch einmal eine Erinnerung: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, so werdet ihr Gott nicht schauen, so werdet ihr Gottes Nähe nicht erfahren.

Wo wir anfangen, ein Kind wichtig zu nehmen, da werden vielleicht manche unserer Pläne umgestoßen, da bekommen manche Wertvorstellungen eine andere Reihenfolge. Ist es wirklich wichtiger, erst alle Kräfte für den Bau eines Hauses einzusetzen und sich dann erst Zeit zu nehmen für Kinder? Sind die Termine eines Arbeitstages oder eines Wochenendes wirklich. immer so wichtig, dass wir den Kindern sagen müssen: stört mich jetzt nicht, ich habe keine Zeit! Ich glaube, es gibt kaum Menschen, die bewusst Kinder quälen oder vernachlässigen wollen, aber wo Erwachsene selber im Innern verbittert und enttäuscht sind, wo sie nicht zu sich selbst kommen, sich abhetzen und abrackern in tausend Zwängen, da übersieht man leicht, wieviel Schaden man Kindern zufügen kann, ohne dass man es will. Aber wo wir das Kind in der Krippe anschauen, da werden auch alle anderen Kinder für uns wichtig; wo wir anfangen, den Gott in der Krippe zu lieben, da rücken uns auch die anderen ganz nahe, die Gott geliebt hat: alle Kinder, ob lieb oder wild, alle Menschen mit Schwächen und mit ihrer Schuld. Auch die Menschen, vor denen wir Angst haben und die so ganz anders sind als wir.

Und wenn Liebe bei uns wächst, Liebe zum Kind in der Krippe und Liebe zum Nächsten, dann wird es bei uns heller, auch in den dunkelsten Augenblicken, dann gibt es sogar Hoffnung auf ein paar gute Schritte, die zum Frieden zwischen verfeindeten Menschen führen, ja sogar zum Frieden zwischen Völkern und Rassen. So wie wir gemeinsam das Bild von Jacob van Oost angeschaut haben, lade ich nun noch zum Schluss meiner Predigt dazu ein, gemeinsam auf ein Gedicht zu hören. In unserer Zeit, in der Kinder bei uns zu Lande materiell fast alles haben, das sie sich nur wünschen können, in der aber immer mehr Kinder seelische Not leiden, hat die Liedermacherin Bettina Wegner ein Lied gedichtet, in dem sehr genau ein Kind betrachtet wird. Sie lässt sich anrühren von der Verletzlichkeit eines Kindes.

Bettina Wegner „Sind so kleine Hände…“

So kam auch Gott in unsere Welt. So verletzlich. So offen. Er wurde geschlagen, getreten, gequält. Und er verzieh denen, die ihm das antaten. Wir haben es nicht nötig, gedankenlos weiter so zu tun, als wäre Menschlichkeit nicht möglich. Frieden und Liebe sind möglich, wo wir beginnen, auf das Kind in der Krippe zu schauen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 31, 1-3 (EG 38): Wunderbarer Gnadenthron

Gott, mach uns klar in dieser Weihnachtsnacht, was das heißt, dass du Mensch geworden bist, ein Kind, ein verwundbares, auf Hilfe angewiesenes Kind. Rücke unsere Vorstellungen von dir zurecht, und zeige uns auch, worin wirkliche Stärke, wirklicher Friede und wirkliche Freude bestehen: deine Stärke, die in den Schwachen mächtig ist, dein Friede, der aus der Machtlosigkeit heraus geboren wird, und deine Freude, die wie ein kleiner heller Stern mitten in der Dunkelheit hervorbricht.

Lass uns die Menschen genauer anschauen, die um uns sind. Lass uns vorsichtiger sein, wenn wir Urteile fällen, Ansprüche stellen oder jemanden links liegen lassen. Lass uns spüren, was ein anderer von uns braucht. Lass uns aushalten, wenn wir bei einem Menschen sind, der leidet, und wir können nichts tun, außer dass wir da sind.

Gott, sei du bei denen, die wir nicht genug trösten können. Sei du bei denen, die um Angehörige trauern. Sei bei denen, denen ein Kind gestorben ist. Sei bei den Sterbenden und Schwerkranken, die in dieser Nacht keine Ruhe finden. Und wir bitten auch für Herrn Manfred Vocke, den wir heute morgen auf unserem Friedhof beerdigt haben, der auf der Landstraße gelebt und auf der Straße gestorben ist, erst 51 Jahre alt. Er hat auf der Erde keine Heimat gehabt; schenk du ihm deine Gnade und eine Heimat im Himmel.

Schenk uns nun allen eine gesegnete Weihnachtszeit, Freude mit denen, die uns lieb sind, Trost für die, die es schwer haben, Frieden für uns alle. Amen.

Vater unser
Orgelstück: Fantasie in G-Dur
Segen
Lied aus dem Beiheft 620, 1-3 (EG 46):

1. Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.

2. Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da, Christ, der Retter, ist da!

3. Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.

Das Bild von Jacob van Oost dem Älteren, „Anbetung der Hirten“ können Sie auf der Internetseite der Artothek – Bildagentur der Museen anschauen, wenn Sie die Bildnummer 1495 angeben.

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