Trauerarbeit

Trauerfeier für einen Mann, der eigentlich eine Beisetzung ohne einen Pfarrer wollte. Ich spreche auf Wunsch der Angehörigen trotzdem einige Worte, in denen es um das geht, was man Trauerarbeit nennt.

Trauerarbeit: Das Gesicht einer Frau mit Tränen in den Augen, das bis zur Unterkante der Lippen im Wasser liegt, über dem sich dunkle Wolken zusammenballen

Trauerarbeit ist notwendig, um zu bewältigen und loszulassen (Bild: Mysticsartdesign – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, Sie sind hier versammelt, um Herrn P. bei der Bestattung seiner Urne das letzte Geleit zu geben. Dabei begleite ich Sie als Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde.

Herr P. wollte an sich eine Beisetzung ohne Pfarrer; allerdings denke ich, dass er nur weniger Umstände machen wollte. Als ich ihm zu seinem Geburtstag die Glückwünsche der Gemeinde überbrachte, hat er mich nämlich freundlich empfangen und mit Kaffee bewirtet, und wir hatten eine angeregte Unterhaltung.

Ich möchte jedenfalls insofern seinen Wunsch respektieren, als ich in dieser Trauerfeier nicht auf Einzelheiten seines Lebenslaufes eingehe.

Unterschiedlich sind die Erfahrungen, die Sie als Kinder mit Ihrem Vater gemacht haben; anders wieder sieht die Trauer bei seinen Geschwistern aus; jeder aus der Verwandtschaft und im Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft und unter den früheren Arbeitskollegen hat ihn auf andere Weise gekannt, behält ihn anders in seiner Erinnerung.

Wenn ein Mensch stirbt, der uns geprägt hat, der eine entscheidende Rolle gespielt hat in unserem Leben, dann ist wichtig, was man Trauerarbeit nennt: einerseits die Erinnerung an das, was wir einander verdanken, auf der anderen Seite die Aufarbeitung dessen, was belastend war.

Erst wenn wir den Verstorbenen loslassen, können wir auch loslassen, was uns in einem eigenständigen Leben behindert. Dazu kann es wichtig sein, noch einmal genau hinzuschauen: Habe ich eine wesentliche Seite dieses Menschen ausgeblendet? Ist er mir ähnlicher, als ich wahrhaben möchte? Ist es Zeit, für manche Dinge dankbar zu sein, für andere um Vergebung zu bitten?

Wichtig ist auch, dass wir keinem Menschen ins Herz blicken können. Das letzte Urteil über uns und jeden anderen Menschen müssen wir Gott überlassen. In der Bibel heißt es, dass uns im Jüngsten Gericht Jesus Christus daran messen wird, mit welcher Barmherzigkeit wir einander in diesem Leben begegnet sind. Es ist ein barmherziger Gott, dem wir in der Ewigkeit gegenübertreten. Er kennt uns besser, als wir uns selber kennen.

Davon, dass Gott unsere Herzen kennt und prüft, auf welchem Wege wir sind, handelt ein altes Lied der Bibel, das ich mit Ihnen beten möchte. Es ist der Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!

19 Ach Gott, dass doch die Blutgierigen von mir wichen!

20 Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Diesem Gott, der unsere Wege kennt und auch die Wege des Verstorbenen überblickt, vertrauen wir Herrn P. in seinem Tode an. Wir gehen nun zum Grab und geleiten seine Urne zu seiner letzten irdischen Ruhestätte. Lasst uns gehen im Frieden unseres Gottes. Amen.

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