„Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß“

Trauerfeier für eine Frau, die an einer schlimmen Krankheit litt, aber von ihren besten Freundinnen nicht im Stich gelassen wurde.

„Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß“: Ein zerbrochener Krug, dessen eine Seite völlig fehlt und in dem ein kleieres Gefäß zu sehen ist

„Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß“ (Bild: hmauck – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau V. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an ihr Leben. Wir stellen uns unseren Gedanken und Empfindungen und gehen auf dem Weg der Trauer eine kleine Strecke gemeinsam. Allein sind wir nicht in der Trauer, auch noch in einem anderen Sinne. Denn unser Leben kommt von Gott, der uns von allen Seiten umgibt und mit seiner Liebe begleitet; zu ihm kehrt unser Leben zurück, wenn wir sterben.

Lasst uns beten mit Worten aus dem Psalm 31 (eckig eingeklammerte Versteile in eigener Übertragung):

2 HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

8 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not

9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.

10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib.

11 Denn mein Leben ist hingeschwunden in Kummer und meine Jahre in Seufzen. Meine Kraft ist verfallen[; nicht immer ging ich auf geraden Wegen; schwach geworden sind] meine Gebeine.

12 [Eine Last bin ich geworden meinen Nächsten.]

13 Ich bin vergessen in ihrem Herzen wie ein Toter; ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.

15 Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!

16 Meine Zeit steht in deinen Händen.

17 Lass leuchten dein Antlitz über [mir]; hilf mir durch deine Güte!

18 HERR, lass mich nicht zuschanden werden; denn ich rufe dich an.

20 Wie groß ist deine Güte, HERR, die du bewahrt hast denen, die dich fürchten, und erweisest vor den Leuten denen, die auf dich trauen!

21 Du birgst sie in deinem Schutz vor den Rotten der Leute, du deckst sie in der Hütte vor den zänkischen Zungen.

22 Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt.

23 Ich sprach wohl in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie.

24 Liebet den HERRN, alle seine Heiligen! Die Gläubigen behütet der HERR und vergilt reichlich dem, der Hochmut übt.

25 Seid getrost und unverzagt alle, die ihr [eure Hoffnung auf den HERRN setzt]!

Liebe Trauergemeinde!

„Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott“, das können wir in dieser Stunde mit Recht beten. Denn Frau V. ist gestorben nach vielen Jahren schweren Leidens an einer Krankheit, die für sie und die ihr nahestehenden Menschen schwer zu ertragen war.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

In der letzten Zeit im Heim war sie in guten Händen, sie bekam Besuch, es gab Menschen, die versuchten, für sie da zu sein, so dass sie sich trotz ihrer schweren Krankheitssymptome doch auch noch am Leben freuen konnte. Bis zuletzt bekam sie Besuch von Ihnen, den besten Freundinnen der Verstorbenen. Es war nicht leicht, mit den Gefühlen, die da aufgewühlt wurden, fertig zu werden, aber es wäre noch schlimmer gewesen, sie einfach allein zu lassen. Trotzdem kann man verstehen, dass es nicht jeder ertragen konnte, sie jetzt so zu erleben. Die Enkelin ist aber mit hingegangen – du hast geholfen, die Oma „schön zu machen“. Und eigentlich wolltest du hier sogar eine kleine Rede für deine Oma halten, in der du sagen wolltest: „Ich habe meine Oma immer geliebt.“

Etwas Wichtigeres als diesen Satz kann man heute nicht sagen. Wenn wir Abschied nehmen von einem Menschen, der gestorben ist, dann darf alles andere in den Hintergrund treten neben diesen Fragen: Wie viel Liebe hat diese Frau in ihrem Leben erfahren, wie viel Liebe konnte sie geben, wie viel Liebe verbindet uns mit ihr auch über den Tod hinaus?

Trotzdem bleibt auch das andere wichtig, alles, was uns auf der Seele liegt, alles, was so schwer zu ertragen war, der Gedanke, warum es in Gottes Schöpfung eine so furchtbare Krankheit gibt, und auch die Frage, warum es so schwer ist für Menschen, sich ein dauerhaftes Glück in Partnerschaft und Familie aufzubauen.

Im Psalm werden solche Probleme und Sorgen realistisch gesehen: Kummer und Seufzen, nachlassende, verfallende Kräfte, schwache Knochen, Müdigkeit von Seele und Leib, die Angst, zuschanden zu werden. Die Person, die da im Psalm betet, drückt auch die verzweifelte Sorge aus, ob sie überhaupt noch Vertrauen zu den Menschen haben kann. Sie sucht Schutz „vor den Rotten der Leute“ und „vor den zänkischen Zungen“. Sie fürchtet sich davor, in die Hände eines Menschen zu fallen, der Böses androht. Sie fühlt sich vergessen von den alten Freunden und denkt, dass sie denen, die sie liebhaben, zur Last fällt.

Ist das noch ein sinnvolles Leben, wenn man von sich sagen muss: „Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß“? Ich kann verstehen, wenn dieser Mensch sich sogar von Gott verstoßen fühlt.

Und doch hört dieser Mann, diese Frau, die dieses Psalmgebet sprechen, nicht auf, sich an Gott zu wenden. Wenn wir den Psalm mitbeten, können wir auch versuchen, die vielen hoffnungsvollen Worte, die dort gesprochen werden, nachzusprechen und nachzuempfinden: Die Bitte an Gott, errettet zu werden und gerecht behandelt zu werden. Die Freude über Gottes Güte, weil er sieht, wie elend es uns geht und uns nicht in die Hände böswilliger Menschen fallen lässt. Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Er lässt uns wohnen in einer Stadt, in der es Einrichtungen gibt, damit für uns auch in Not- und Krankheitszeiten gesorgt ist. Er hört, wenn wir zu ihm schreien, sogar wenn wir das nur stumm im Herzen oder in unseren Gedanken tun. Er ist für uns wie eine feste Burg, wie ein Fels, auf den wir uns verlassen können, und er führt uns auf Wegen, die uns gut tun und auch denen, die uns anvertraut sind.

Im Vertrauen auf diesen Gott können wir auch weiter auf guten Wegen gehen. Wir können bewältigen, was uns auf der Seele liegt: unsere Trauer, unser schlechtes Gewissen, Dinge, die nie ausgesprochen wurden, unsere Sehnsucht nach Liebe, nach einer heilen Welt.

In Gottes Augen sind wir alle wertvolle Menschen. Wir sind von ihm geliebt, wir dürfen uns selber liebhaben und einander mit Liebe beschenken. Dafür sind wir auf der Welt, mit den großen und kleinen Gaben, die wir mitbekommen haben, und auch mit den Lasten, die uns auferlegt sind. Wenn einer hilft, die Last des anderen mitzutragen, wird diese Welt erträglicher, ja, wir können sogar sagen: dann fängt hier auf der Erde, mitten unter uns, schon ein Stück vom Himmel an. Das hat Jesus gesagt. Er meinte, der Himmel ist zwar unsichtbar, aber wir können ihn trotzdem erleben und spüren, wo unter uns Liebe da ist.

Wenn wir sterben, dann gehen wir ganz in diesen unsichtbaren Himmel Gottes hinüber, den wir hier schon ein bisschen spüren können. Wann es dafür Zeit ist, das bestimmt Gott allein; er hat auch Frau V. abgerufen aus dieser Zeit. Wir können sie getrost loslassen, denn sie geht in ihrem Tode nicht verloren. Für sie beten wir noch einmal Psalm 31, 6:

In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

Frau V. ist gestorben, sie braucht uns hier auf Erden nicht mehr; wir können nur noch für sie beten, dass Gott sie aufnimmt in seinen Himmel, in seine gnädigen Arme. Wir lassen sie los. Und der Gott, der uns alle liebhat, nimmt sie mit Ehren an und wird ihr in seinem Himmel die Erfüllung ihrer tiefsten Sehnsucht schenken: Liebe und Frieden in Ewigkeit. Amen.

Barmherziger Gott, nimm du Frau V. gnädig auf in dein himmlisches Reich. Wir danken dir für die Liebe, die sie in ihrem Leben empfangen und verschenken durfte. Wir klagen vor dir aber auch ihr ganzes Leid, ihren Kummer, ihre Krankheit, ihre Verzweiflung.

Begleite uns in unserer Traurigkeit, lass uns aushalten und durchstehen und am Ende loslassen, was weh tut. Hilf uns, das Chaos unserer Gefühle zu ordnen und Ruhe zu finden für unsere Seele. Lass uns unser Leben meistern und in Liebe für die Menschen da sein, die du uns anvertraut hast. Um Vergebung bitten wir für das, was wir einander schuldig geblieben sind. Mach uns aufmerksam auf alles, was kostbar ist in unserem Leben, und lass uns vor dir unseren geraden Weg gehen. Amen.

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