Kapitel 13: Sexueller Missbrauch durch kirchliche Amtsträger

Sexueller Missbrauch als Herausforderung an Seelsorge, Kirche und Bibelauslegung.

Im dreizehnten Kapitel seines Buches beschäftigt sich Pfarrer Helmut Schütz mit dem Thema, dass es sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche sexuellen Missbrauch durch kirchliche Amtsträger gibt. Dem müssen sich die Verantwortlichen stellen.

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Pfarrer Helmut Schütz

Pfarrer Helmut Schütz (Foto: Franz Möller)

Inhalt dieses Kapitels

Missbrauch durch katholische Priester und evangelische Pfarrer

Spektakuläre Fälle und die Frage nach genauen Zahlen

Wenn Erwachsene in der Seelsorge sexuell missbraucht werden

Wie sollen die Kirchenverantwortlichen reagieren?

„Wenn ein Seelsorger einem zu nahe kommt“

Anmerkungen zu diesem Kapitel

Missbrauch durch evangelische und katholische Pfarrer

Auf einen leider auch wichtigen Teilbereich des Missbrauchsthemas bin ich zum Teil durch die Literatur, zum Teil durch einen Aufenthalt in den Niederlanden aufmerksam geworden, nämlich den sexuellen Missbrauch durch kirchliche Amtsträger. Manche mögen denken, das gehe nur die katholische Kirche an, ursächlich bedingt durch den Zölibat und ihre besondere Sexualfeindlichkeit, wie das Beispiel der USA, Irlands und Österreichs zeige. In der Tat war die katholische Kirche gezwungen, früher als andere Kirchen auf das Thema des sexuellen Missbrauchs in der Öffentlichkeit zu reagieren, weil eine Reihe von – zweifellos in allen Kirchen vorkommenden – Fällen des Missbrauchs durch Geistliche über die Medien ans Licht gekommen waren. Aber bei einem Studienaufenthalt in den Niederlanden musste ich feststellen, dass man sich dort bereits seit fünf Jahren [diese Arbeit wurde 1995 geschrieben] in etwa dreihundert Fällen mit sexuellem Missbrauch auch durch Seelsorger aus protestantischen Kirchen beschäftigt. Dabei geht es zwar in den meisten Fällen nicht um Kindesmissbrauch, aber um das eng verwandte Problem des Ausnutzens einer seelsorgerlichen Beziehung zur eigenen sexuellen Befriedigung – vergleichbar der Sexualisierung von psychotherapeutischen Beziehungen. Im Gespräch mit Edith Plantier (und ihrem Lebensgefährten, Herrn Ahsmann, der übersetzen half) in Amsterdam erfuhr ich allerhand über eine Initiative von Angehörigen verschiedener Konfessionen, die durch kirchliche Amtsträger sexuell missbraucht wurden.

Dass es auch sexuellen Missbrauch durch katholische Priester und evangelische Pfarrer gibt, würde ich als Seelsorger am liebsten nicht glauben wollen, doch zu oft haben sich mir im Seelsorgegespräch auch Menschen anvertraut, die unter Übergriffen durch kirchliche Amtsträger zu leiden gehabt hatten. Eine Frau erzählte mir, dass sie als Kind von einem Priester nach der Beichte in der Kirche sexuell missbraucht wurde, angeblich zum Zweck der Teufelsaustreibung, wegen ihrer Unkeuschheit. In anderen Fällen vergingen sich Pfarrer an Konfirmandinnen, die bereits in ihrer Ursprungsfamilie missbraucht worden waren und ein sexualisiertes Verhalten an den Tag legten, was natürlich nicht die Reaktion der Pfarrer entschuldigt. Eine bereits erwachsene Frau wurde von ihrem Seelsorger, den sie zunächst sehr verehrte, wiederholt zu sexuellen Handlung genötigt, doch sie zeigte ihn nie an, weil er doch sonst sein Priesteramt verloren hätte. Es war ihr äußerst peinlich, mir davon zu erzählen. Ein Mann erzählte mir anlässlich einer Beerdigung von seinem Konfirmationspfarrer, der auf Freizeiten die Konfirmanden immer beim Duschen beobachtet hätte und von dem bekannt gewesen wäre, dass er die Finger nicht von den Jungen lassen konnte.

Es macht betroffen, „dass keine Berufsgruppe über den Verdacht erhaben sein kann, Täter in den eigenen Reihen zu haben.“ Ob man dem Problem allerdings dadurch beikommen kann, sich nach dem „Grad des notwendigen Misstrauens“ innerhalb der Kollegenschaft zu fragen und „intensiv nach Maßstäben“ zu suchen, „wie und zu wem Vertrauen noch möglich ist“, wie das auf einer LehrerInnen-Fortbildung versucht wurde (1), bezweifle ich doch stark. Schließlich ist für das Zusammenleben sowohl in Familien wie in Gemeinden und auch Pfarrkonventen ein gewisses Grundvertrauen zueinander unerlässlich. Jedoch sollte man aufmerksam bleiben, wenn man Anzeichen dafür wahrnimmt, dass irgendetwas nicht zu stimmen scheint – obwohl jedes einzelne dieser Signale durchaus etwas ganz Harmloses bedeuten kann.

„In den Erinnerungen summieren sich nun lauter kleine Distanzlosigkeiten. keiner dachte sich etwas dabei, dass die Konfirmanden S.s geheime Telephonnummer hatten, dass sie, ohne zu fragen, an seinen Kühlschrank gingen, dass er mit ihnen in die Sauna ging, auf Freizeiten im Schlafanzug mit ihnen ums Kaminfeuer saß. Der ganzen Gemeinde geht es nun auf wie eine böse Sonne, warum ihr Pfarrer so ausschließlich in der Jugendarbeit seine Erfüllung fand. Und jetzt begreifen sie auch diesen Satz, den der Geistliche fallen ließ, als er sich den Eltern der Konfirmanden vorstellte: »Manchmal verliebe ich mich richtig in so einen Kurs.« – Nun ist alles raus. Pfarrer R. S., 44 Jahre alt, verheiratet und zweifacher Vater, ist wegen Kindesmissbrauchs seines Amtes enthoben.“ (2)

Spektakuläre Fälle und die Frage nach genauen Zahlen

Über den sexuellen Missbrauch von Kindern sind vor allem in den USA, aber vereinzelt auch in Irland oder Österreich, spektakuläre Fälle hauptsächlich aus der katholischen Schwesterkirche bekanntgeworden (3), in Deutschland war kürzlich ein großer Bericht in der „ZEIT“ über den Fall eines evangelischen Geistlichen in Bayern zu lesen (4). Wunibald Müller trifft in einem kürzlich erschienenen Artikel den wunden Punkt: „Eine Institution wie die Kirche, die mit hohem moralischen Anspruch auftritt – und das gerade auch im Bereich der Sexualität -, darf sich nicht wundern, wenn sie bei sexuellen Verfehlungen in ihren eigenen Reihen im besonderen Maße zur Angriffsfläche wird… Es ist unfassbar, wenn ein Priester, ein Mensch, der in besonderer Weise im Dienst der Vermittlung von Gottes Wort steht, sich eines solchen Vergehens schuldig macht. Das Verabscheuungswürdige wird hier, um eine Formulierung von Stephen Rossetti zu verwenden, mit dem Göttlichen vermengt.“ (5) Erschwerend kommt über die Schäden beim Missbrauch durch Therapeuten und andere helfende Berufe im Fall des Seelsorgers noch hinzu, dass Menschen, die „von jemandem, der Gott vertritt“, missbraucht werden, zugleich in tiefste Glaubenszweifel gestürzt werden. Sie verlieren jede Achtung vor Werten, die ihnen etwas bedeutet hatten, und fühlen sich von Gott selbst in den Dreck getreten“, so Marie M. Fortune in einem Artikel über „Fehltritte von Seelsorgern“. „Das Gemeindemitglied… ist nicht nur von jemandem, der Gott vertritt, sondern von Gott selbst und der Kirche oder Synagoge betrogen worden. Für diesen Menschen ist der Geistliche bzw. Seelsorger sehr einflussreich und kann ein Opfer leicht nicht nur psychologisch, sondern auch moralisch manipulieren. Das Resultat ist ein enormes Maß an Verwirrung und Schuldgefühlen: »Aber er sagte, dass Liebe niemals falsch sein könne; dass Gott uns zusammengeführt habe;« oder »Er sagte, wir sollten so schwer sündigen, damit ein Übermaß der Gnade auf uns käme.«“ (6)

Elinor Burkett und Frank Bruni zitieren in ihrem „Buch der Schande“ einen Therapeuten, „der mehr als ein Dutzend Opfer (eines Geistlichen) untersucht hat. »Ich habe Kinder gesehen, die von einem Jugendleiter missbraucht wurden. Ich habe Kinder gekannt, die von einem Pfadfinderführer missbraucht wurden. Das hier ist ganz anders. Diese Opfer waren viel verletzter und traumatisierter. Sie achteten ihre Eltern nicht mehr. Sie achteten ihre Kirche nicht mehr. Sie achteten nichts und niemanden mehr. Sie waren völlig leer. Ich sah Körper, hohle Körper. Das hatte ich noch nie zuvor in meiner Praxis erlebt.«“ Und ein anderer Therapeut, „der mehr als zwei Dutzend Opfer von Priestern behandelt hat, gibt eine Erklärung dafür, warum der sexuelle Missbrauch durch einen Priester so zerstörerisch wirkt: »Sie haben das Gefühl, dass sie wirklich nur ein Haufen Scheiße sein können, wenn ein Diener Gottes ihnen das antut.«“ (7)

Über die Gründe, weshalb das Problem in der katholischen Kirche eher oder häufiger als bei uns an die Öffentlichkeit gedrungen ist, kann man nur spekulieren; vielleicht ist die Neigung zur Kritik gegenüber der hierarchischen und moralisch strengeren Papstkirche stärker ausgeprägt. Möglicherweise mag es auch „einen indirekten Zusammenhang zwischen der Zölibatsverpflichtung und sexuellem Missbrauch an Minderjährigen geben.“ (8) Burkett und Bruni führen dazu aus: Der Priester „führt kein richtiges häusliches Leben. Ihm ist keine wirklich körperliche, offene Intimität mit einem anderen Menschen gestattet. Und wenn er abends ins Bett geht, gibt es niemanden, der mit dem Priester seine Freuden teilt, ihn tröstet oder ihn umarmt. Er ist ganz allein. Bei manchen Priestern wird das Bedürfnis nach Nähe überwältigend, und diese Sehnsucht schlägt schnell ins Sexuelle um.“ (9) Sie zitieren an anderer Stelle Sipe mit den Worten: „Sie kennen ihr sexuelles Innenleben nicht.“ Für Priester gilt die Regel, „dass man kein Verlangen haben darf, denn wenn man es hat, lebt man es auch aus. Das ist schrecklich primitiv. Es hat zur Folge, dass einige Priester Masturbation oder überhaupt jedes orgasmusähnliche Gefühl für eine Todsünde halten. Das Wasser steigt also bildlich gesprochen immer höher, schwappt über – und dann ist der Sexualtrieb nicht mehr zu beherrschen.“ (10) Und Priester werden sich nach Müller „am ehesten dann an Kinder und Jugendliche wenden, wenn sie zu tiefen, bedeutungsvollen Beziehungen mit Gleichaltrigen nicht fähig sind.“ (11)

Aber zugleich muss man Alexander Foitzik Recht geben, der betont: „Sexueller Missbrauch von Kindern ist keineswegs ein ausschließliches Problem zölibatär lebender Kleriker; davon sind etwa auch – besonders bedrückend – Väter und Mütter betroffen. Nur: Jeder Fall ist anders gelagert und deshalb ist es unzulässig, ganze Gruppen an den Pranger zu stellen. Das gilt auch für Kleriker“ (12).

Welches Ausmaß der Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter hat, kann man für Deutschland absolut nicht sagen. Nach Marie Fortune sind auch in den USA „aktuelle Forschungsergebnisse über sexuelle Beziehungen von Geistlichen mit Angehörigen ihrer Gemeinde… dünn gesät. Eine Studie von 1984 stellt jedoch wenigstens einige Daten zur Verfügung. 12,67 % der befragten Geistlichen gaben zu, Geschlechtsverkehr mit einem Gemeindeglied gehabt zu haben. Außerdem berichteten 76,51 % der in dieser Studie befragten Geistlichen, einen Kollegen zu kennen, der Geschlechtsverkehr mit einem Gemeindeglied gehabt habe.“ (13) Im 1995 erschienenen „Buch der Schande“ stehen im Blick auf sexuellen Kindesmissbrauch folgende Zahlen: „Die realistischsten Schätzungen gehen davon aus, dass zwei Prozent der katholischen Priester im Lande die Tat deshalb begehen, weil sie sich ständig zu Kindern hingezogen fühlen, und dass weitere vier Prozent solche Neigungen gelegentlich oder in zweiter Linie verspüren. Die höchste Schätzung für protestantische Geistliche beläuft sich auf etwa die Hälfte – zwei bis drei Prozent.“ (14) Wunibald Müller nennt für den katholischen Bereich ähnliche Zahlen, nämlich dass „ca. zwei Prozent der katholischen Priester in den USA fixierte Pädophile bzw. Ephebophile“ sind… Darüber hinaus gibt es weitere vier Prozent Priester, die… »vorübergehend an heranwachsenden Jungen oder Mädchen interessiert sind und sich ihnen zum Teil auch nähern«…“ (15)

In den Niederlanden wurde im Jahre 1990 eine „Interkonfessionelle Initiativgruppe gegen sexuellen Missbrauch in seelsorgerlichen Beziehungen“ gegründet, die der „häufig zudeckenden Politik von Kirchen im Blick auf sexuellen Missbrauch durch Seelsorger“ ein Ende setzen will (16). In den vergangenen fünf Jahren sind etwa 300 Fälle von sexuellen Übergriffen durch Mitarbeiter verschiedener Kirchen in unserem Nachbarland bekannt geworden; davon bezieht sich allerdings nur ein kleinerer Teil auf den sexuellen Missbrauch von Kindern und auf Täter, die den Missbrauch aus einer seelischen Fixierung heraus bewusst planen, der größere Teil auf „außer Kontrolle geratener Verliebtheiten innerhalb seelsorgerlicher Beziehungen“, in denen ein Geistlicher ein Gemeindeglied sexuell ausgenutzt hat (17).

Wenn Erwachsene in der Seelsorge sexuell missbraucht werden

Es kann nicht genug betont werden: auch eine helfende oder seelsorgerliche Beziehung zu einer erwachsenen Person darf nicht in eine sexuelle Affäre übergehen!

Im Blick auf Psychotherapeuten schreibt zum Beispiel Thomas Layne: „Wenn wir unsere Rolle als Therapeuten benutzen, um Freunde zu finden oder Liebhaber oder Sexualpartner, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Zumindest ist es ein Grenzproblem, und es ist keine Therapie… Die Tatsache, dass Fritz Perls (= der Begründer der Gestalttherapie) diese Grenze oft überschritt, rechtfertigt Sexualität mit unseren Patientinnen nicht als Option oder Möglichkeit.“ (18)

Marie M. Fortune ist sicher mit ihrer Ansicht im Recht, es sei „für einen Geistlichen falsch, einen wie auch immer gearteten sexuellen Kontakt zu einem Menschen zu unterhalten, dem er dient oder den er ausbildet und berät…, weil sexuelle Handlungen in diesem Rahmen den anderen ausbeuten und ausnutzen.“ (19) Genau wie im Fall des „therapeutischen Inzests“ muss man auch im Fall dieses Seelsorgers „seine Unfähigkeit, Grenzen zu erkennen und einzuhalten, feststellen, die ihn allerdings für seine berufliche Tätigkeit disqualifiziert.“ (20) Von den Psychoanalytikern können wir lernen, dass vor allem dann, wenn wir eine intensive Seelsorgebeziehung zu einem Gemeindeglied aufbauen, wir automatisch Elternübertragungen auf uns ziehen. Wir können gar nicht anders, als uns – entweder in förderlicher oder in zerstörerischer Weise – wie eine Elternfigur zu verhalten, und tun gut daran, uns eine Mutter oder einen Vater zum Vorbild zu nehmen, die/der gleichzeitig „liebevoll-mitfühlend und absolut sicher in seiner Distanz und in seiner Bereitschaft zu frustrieren“ ist (21).

Die Analogie zur Eltern-Kind-Situation verbietet übrigens auch sexuelle Kontakte nach der Beendigung einer Seelsorgebeziehung. „Für mich steht fest, dass… eine Beziehungsstruktur zwischen Patientin und Analytiker etabliert wird, die im ödipalen Bereich der zwischen Vater und Tochter entspricht, die sich demnach auch nach Abschluss der Analyse in der Frage der Abstinenz nicht auflösen kann. Hier, wie bei der Beziehung Tochter-Vater, zeigt die Aufnahme intimer Beziehungen nach dem offiziellen Abschluss der Analyse, dass der entscheidende Entwicklungsschritt während der Analyse nicht stattgefunden hat, dass damit auch nicht die Rede davon sein kann, dass der ödipale Konflikt bearbeitet und gelöst wurde.“ (22) Es ist einfach eine Tatsache, dass auch sexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen Töchtern und Vätern Inzest bleiben!

Sexuelle Kontakte zu Personen, die uns in der Seelsorge anvertraut sind, stellen nach Marie Fortune in vierfacher Weise einen „Vertrauensbruch“ dar:

  1. sind sie eine „Verletzung der Rolle“, die wir im „Berufsbild eines Seelsorgers“ verkörpern;
  2. bedeuten sie einen „Missbrauch von Autorität und Macht“, wenn wir nicht dafür sorgen, dass „die Grenzen der seelsorglichen Beziehung gewahrt bleiben“;
  3. führen sie zur „Ausnutzung der Verwundbarkeit anderer Menschen“, also zum Bruch der „Verpflichtung, die Schwachen vor Schaden zu bewahren“;
  4. bedeuten sie ein „Fehlen von wirklicher Zustimmung“, da die Seelsorgebeziehung kein Rahmen ist, in dem „Gegenseitigkeit und Gleichberechtigung gegeben sind.“ (23)

Die bereits genannte holländische Initiativgruppe fügt diesen Punkten noch hinzu, dass, „auch wenn ein Gemeindeglied die seelsorgerliche Beziehung sexualisiert, der Seelsorger – es sei denn, das Gemeindeglied wendet Gewalt an – für die Bewahrung der Grenzen verantwortlich bleibt.“ (24)

Bernhard Kleining schreibt selbstkritisch zu seiner vergleichbaren Situation als Therapeut: „Längere Zeit nach Abschluss der Therapie mit einer Klientin, die ich sehr gerne mochte, habe ich mich auf eine erotische Beziehung eingelassen. Nach der Therapie habe ich die vorher ungleiche Beziehung zu einer solchen zwischen Gleichen umdefiniert, um eine Hintertür für das Tabu zu öffnen. Erst später wurde mir klar, dass mit dem Ende der Therapie die Ungleichheit in der Beziehung und damit auch die Abhängigkeit noch nicht vorbei ist… Sexuelle Beziehungen zwischen Menschen, bei denen einer in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, stellen einen sexuellen Missbrauch dar. Dabei ist es völlig unerheblich, wer von beiden den aktiveren Part in der Beziehung darstellt.“ (25)

Ein Gemeindeglied sucht in der Regel dann einen Seelsorger auf, wenn es in einer Krisensituation nicht weiter weiß; wenn dann zum Beispiel der Pfarrer einer trauernden Witwe auch sexuell über den Verlust hinweghelfen will, wenn eine missbrauchte Frau, die beim Seelsorger Hilfe sucht, von ihm unter Hypnose erneut missbraucht wird, oder wenn der Pfarrer einem jungen Mann, der damit kämpft, sich über seine homosexuelle Neigung klarzuwerden, ihm anvertraut, dass er die gleiche sexuelle Veranlagung habe, dass daran doch nichts Schlechtes sei – und ihn mit ins Bett nimmt, überschreitet der Geistliche krass die ihm gesetzten Grenzen. „Je enger die psychische Bindung zwischen Opfer und Täter ist und je mehr der Täter als verehrte und geliebte Autoritätsperson erscheint, desto katastrophaler sind die Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung des Opfers. Dies gilt in besonderem Maße für Eltern-Kind-Beziehungen und für fehlgeleitete seelsorgerlich/therapeutische Beziehungen.“ (26)

Während meines Studienaufenthaltes in den Niederlanden sprach ich Wilken Veen, Pastor der Hervormde Kerk in Amsterdam, auf das Flugblatt „Wenn Ihnen ein Seelsorger zu nahe kommt“ an, und wir kamen auf das Problem von Nähe und Distanz zwischen kirchlichen Amtsträgern und ihren Gemeindegliedern zu sprechen. Mit Recht wünschen sich die Gemeinden Geistliche „zum Anfassen“, die nicht so zugeknöpft sind wie früher. Aber das stellt an die Geistlichen erhöhte Anforderungen, sich der Grenzen des seelsorgerlichen Kontaktes zu Gemeindegliedern bewusst zu sein. Selbst wenn es nur um freundschaftliche Kontakte zu Gemeindegliedern geht, muss man sich der unterschiedlichen Rolle bewusst sein, die man als Pfarrer und als Freund einnimmt. Wilken Veen zum Beispiel ist mit vielen Gemeindegliedern befreundet. Wenn unter diesen jemand eine intensive seelsorgerliche Beratung wünscht, würde er sie an einen anderen Seelsorger verweisen. Als er eine befreundete Frau in einem Trauerfall begleiten musste, sprach sie ihn – bis nach den Beerdigungszeremonien – mit „Dominee“ (= „Herr Pfarrer“) an, obwohl sie sonst per Du waren; offenbar spürte sie, dass sie ihn hier in einer anderen Rolle in Anspruch nehmen wollte und nicht als Freund. Nicht möglich ist es, zwischen der Rolle des Seelsorgers und der Rolle des Liebhabers für ein Gemeindeglied zu wechseln, das ist genau unmöglich wie ein Hin- und Herspringen zwischen der Rolle des Vater und des Liebhabers der Tochter.

Auf dieses Problem geht Wunibald Müller, der laut Überschrift seines Artikels „dem Problem nicht ausweichen“ will, überhaupt nicht ein. Er legt stattdessen Wert darauf, vom Alter der Betroffenen her genau zu differenzieren – fast als ob sexueller Missbrauch von Kindern zwar schlimm sei, aber seltener vorkomme, Missbrauch von Jugendlichen zwar öfter passiere, aber nicht so tragisch zu nehmen sei und der Missbrauch von erwachsenen Gemeindegliedern gar nicht erwähnt werden müsste.

Müller stellt fest, dass „über 90 Prozent der Priester, die Minderjährige sexuell missbrauchen, keine echten Pädophilen, sondern Ephebophile“ sind. „Pädophilie“ ist Sex mit Kindern unter 14 Jahre, während unter „Ephebophilie“ der Sex mit Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren zu verstehen ist (27). Und er wehrt sich dagegen, „dass gar nicht mehr unterschieden wird zwischen sexuellem Missbrauch Minderjähriger und sexuellen Beziehungen von Priestern mit Erwachsenen.“ (28)

Natürlich ist Missbrauch um so schlimmer, je jünger ein Kind ist, und natürlich ist es gut, wenn gerade in dieser Altersgruppe nicht so viele Kinder betroffen sind. Aber das sollte nicht dazu führen, den sexuellen Missbrauch durch Geistliche an Jugendlichen oder auch in der Beziehung zu erwachsenen Personen zu bagatellisieren.

Wachsamkeit ist geboten, zumal es durchaus auch Stimmen gibt, die sich gegen einen angeblich durch antiquierte Vorstellungen allzu sehr eingeengten „beruflichen Verhaltenskodex“ wehren. Von der Formierung einer derartigen „Gegenbewegung“ in den USA berichtet Marie Fortune: „In ihr schließen sich Menschen zusammen, die behaupten, das Aufstellen von Grenzen hinsichtlich des sexuellen Verhaltens von Personen in einer bestimmten beruflichen Rolle, wie zum Beispiel im Priesteramt, sei sexualfeindlich und puritanisch.“ (29)

Ob es auch Pfarrer gibt, die offen für sexuelle Beziehungen mit Gemeindegliedern eintreten, deren Seelsorger sie sind, ist mir nicht bekannt. Eine Auffassung wie die des Therapeuten Romeo Assirati, dass „in Arbeitsbeziehungen (Ausbildung, Beratung, Therapie)… Sexualität unter Beachtung bestimmter innerer Ehrlichkeiten eine wesentliche, wachstumsfördernde Funktion haben kann“, kann leicht zum Vorwand werden, um gebotene ethische Grenzen zu verwischen und leichtfertig zu überschreiten, zumal wenn sie folgendermaßen begründet werden: „Ich finde überhaupt keine Neigung in mir, …mich irgendwelchen Verboten oder Mythen zu beugen. Dazu fühle ich mich zu selbstverantwortlich und die Verlässlichkeit meines eigenen Einfühlungsvermögens, meines Selbstschutzbedürfnisses und meine Ethik sind mir zu bewusst.“ (30) Mir wird schlecht, wenn ich das lese, und hoffe, dass kein Missbrauchsopfer ins Messer einer solchen „Ethik“ gerät.

Wie sollen die Kirchenverantwortlichen reagieren?

Auf die Frage, wie die Leitungsorgane der Kirche sich im Falle des sexuellen Missbrauchs durch Pfarrer verhalten sollen, gab und gibt es noch keine eindeutige Antwort. Denn sie stehen im Zwiespalt zwischen der Verantwortung für einen Mitarbeiter, der Schaden angerichtet hat, auf der einen und für geschädigte Menschen auf der anderen Seite.

Wunibald Müller (31) erwähnt als Aufgaben der Kirchenführung zuerst die „Verantwortung gegenüber dem Geistlichen, der Minderjährige sexuell missbraucht.“ (Auf die Frage der missbrauchenden sexuellen Kontakte zu Erwachsenen geht er, wie gesagt, nicht ein.) „Sie dürfen ihn nicht fallenlassen. Ein besonders kritischer Moment für ihn ergibt sich dann, wenn er mit den entsprechenden Anschuldigungen konfrontiert wird. Nicht wenige sind in dieser Phase suizidgefährdet… Hier ist es Aufgabe der Kirche, mit dafür Sorge zu tragen, dass diese Priester angemessen psychotherapeutisch und spirituell begleitet werden. Liegen glaubwürdige Aussagen vor, dass ein Priester Minderjährige sexuell missbraucht hat, ist es notwendig, den Betreffenden sofort, zumindest vorübergehend, von seiner Stelle abzuberufen.“

Andererseits hat sie „zugleich aber auch eine Verantwortung für die Opfer und ihre Angehörigen. Dieser Teil der Verantwortung wurde in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Oft wurde die Aussagen der Opfer nicht ernstgenommen… Vertreter der Kirche müssen den Kontakt zu ihnen aufnehmen, sich entschuldigen und konkrete Hilfen, bis hin zu finanzieller Unterstützung für die Therapie der Opfer anbieten. Darüberhinaus ist es Aufgabe der Kirche, das zum Teil völlig abhanden gekommene Vertrauen eines Opfers und seiner Angehörigen gegenüber der Kirche zurückzugewinnen.“

Als Drittes gehört es nach Wunibald Müller „zu den Aufgaben der Kirche…, sich um die Gemeindeglieder zu kümmern, in deren Gemeinde sich ein Vorfall ereignet.“ Sie muss „offen und klar Stellung beziehen und auf die Verwirrung, Enttäuschung, Trauer und Empörung eingehen, die dadurch ausgelöst wurden…, zur Aufklärung der Situation beitragen, wichtige Informationen vermitteln, die eigene Betroffenheit zum Ausdruck bringen, wo nötig Trost spenden.“

Die Frage ist nur, ob das Vertrauen der Opfer wirklich wiedergewonnen werden kann, wenn man sich zugleich allzu verständnisvoll um die Belange der Täter und der nur mittelbar betroffenen Gemeinden kümmert und in erster Linie darum bemüht ist, sich vor öffentlichem Gerede und Schadenersatzprozessen zu schützen.

Dabei kann man auch die Angst um negative Folgen für die Kirchenfinanzen durchaus gut verstehen. Marie Fortune erwähnt eine doppelte Bedrohung durch gerichtliche Klagen: „Straffällig gewordene Priester könnten zum Beispiel drohen, die Kirche wegen übler Nachrede, Verleumdung oder Unterhaltsverlusts zu verklagen“, aber es wenden sich auch „viele Opfer mit der Forderung nach Entschädigung und Gerechtigkeit an die Gerichte… Die römisch-katholische Kirche in den USA schätzt, bis zum Jahr 2000 eine Milliarde Dollar für die Schlichtung von Fällen des berufsbedingten Fehlverhaltens bei Geistlichen ausgegeben zu haben.“ Offenbar gibt es in solchen Fällen auch Versuche, „die Angelegenheit außergerichtlich zu regeln, wobei dem Opfer bzw. den Opfern beträchtliche Geldsummen versprochen werden, wenn er/sie sich zum Schweigen verpflichtet, d. h. niemals wieder jemandem die Einzelheiten seiner Erfahrungen erzählen wird. Der Institution liegt mehr an der Wahrung des Geheimnisses als an Gerechtigkeit, und sie ist bereit, Menschen zu bestechen, um ihr öffentliches Image zu wahren. – Eine solche Lehre und Praxis hat nie und nimmer eine heilende Wirkung, sondern vielmehr eine Ent-Evangelisierung zur Folge: Menschen verlassen die Gemeinde oder das Priesterseminar oder werden förmlich von dem beruflichen Fehlverhalten von einigen wenigen unserer Geistlichen, Lehrer und Seelsorger und aufgrund des späteren Ausbleibens einer Reaktion auf ihre Beschwerden hinausgetrieben.“ (32)

Alles in allem beklagt Fortune, dass es bislang auch in vielen kirchlichen Institutionen noch immer am nötigen Willen und Mut fehlt, „das Problem beim Namen zu nennen und betroffene Geistliche zu entlassen, um die religiösen Institutionen vor weiterem Schaden und dem endgültigen Schwinden ihrer Glaubwürdigkeit zu schützen“ sowie „Opfern und Gemeinden zur Heilung zu verhelfen.“ (33)

Auch Mary Shawn Copeland meint: „Faktisch müssen Seelsorge und Amtskirche die Opfer sexuellen Missbrauchs schützen, unterstützen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Kirche muss für die zerrütteten seelsorglichen Beziehungen Verantwortung übernehmen, Beratungsstellen einrichten, Leitlinien entwickeln, Disziplinarmaßnahmen gegen jene Seelsorger einleiten, die als Täter angeklagt und überführt wurden.“ (34)

Ob es notwendig ist, in jedem Fall die betroffenen Amtsträger zu entlassen oder ob man nach therapeutischen Maßnahmen den weiteren Einsatz in der Seelsorge verantworten kann, darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

In einer ausführlichen Studie über „Die Kanonischen Rechte von des sexuellen Missbrauchs angeklagten Priestern“ stellte Thomas Doyle 1990 fest, es sei „nicht korrekt, anzunehmen, dass jeder Priester mit einer sexuellen Schwierigkeit untauglich für den Priesterdienst ist, weder unter dem Gesichtspunkt der Störung selbst noch der Möglichkeit der zivilen Haftung.“ Er sieht durchaus Möglichkeiten, manche dieser Priester in einem Sonderpfarramt wieder einzusetzen, wobei „natürlich das Nachsorgeprogramm und kontinuierliche Supervision ein Muss darstellen.“ (35)

Ein „verhängnisvoller Fehler“ war es jedenfalls, wie auch die katholischen Bischöfe in den USA inzwischen einräumen, „dass in der Vergangenheit die Täter nicht selten lediglich auf eine andere Pfarrstelle versetzt wurden, und die amtliche Kirche so glaubte, der Situation ausreichend Rechnung getragen zu haben.“ Im Jahre 1993 „spricht man sich sowohl gegen einen Ausschluss von jeder weiteren Verwendung im priesterlichen Dienst, als auch gegen einen weithin uneingeschränkten Einsatz aus. Ausgeschlossen bleiben solle in jedem Fall ein Amt, das den Umgang mit Kindern erforderlich mache.“ (36)

Doch in Deutschland neigen kirchenleitende Organe immer noch eher zu „Lösungen“ unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit, die mehr dem Täterschutz dienen als dem Schutz möglicher neuer Opfer. Gleicherweise beunruhigend sind Nachrichten über relativ milde Gerichtsurteile gegen geistliche Missbrauchstäter.

Ein Missbrauchsprozess zum Beispiel gegen einen Kasseler Pfarrer, der „mehrfach Messdiener unsittlich berührt habe“, ist „mit einem relativ milden Urteil und deutlichen Vorwürfen an die Kirchenleitung“ zu Ende gegangen. „Das Bistum habe… nichts unternommen, um ihn aus der Gemeindearbeit herauszunehmen… Der Kasseler Staatsanwalt Peter Harz sagte, dass er aus diesem Grund gegen Bischof Johannes Dyba und Weihbischof Johannes Kapp ermittele. Der Vorwurf laute unter anderem Verletzung der Fürsorgepflicht und Förderung sexueller Handlungen an Minderjährigen durch Unterlassen.“ (37)

Eine milde „Bewährungsstrafe von zwei Jahren“ gegen einen 44jährigen Pfarrer mit einer besonderen „Leidenschaft für Mädchenschenkel“ wurde dadurch begründet, „der Pfarrer sei gelegentlich beim Streicheln der bekleideten Mädchen versehentlich auch in den Schambereich abgeglitten.“ (38)

Der bereits erwähnte pädophile evangelische Pfarrer in Bayern wurde erst des Amtes enthoben, als ein betroffener Vater, ein Offizier, „auch als Vater von der zackigen Sorte“, den zuständigen Vorgesetzten, Dekan und Oberkirchenrat, mit dem Staatsanwalt drohte (39).

„Wenn ein Seelsorger einem zu nahe kommt“

In den Niederlanden gibt es bereits ein Netzwerk von Vertrauenspersonen, mit denen man Kontakt aufnehmen kann, wenn man von kirchlichen Mitarbeitern sexuell missbraucht oder belästigt wurde. Es wurde von einer „Interkonfessionellen Initiativgruppe gegen sexuellen Missbrauch in seelsorgerlichen Beziehungen“ eingerichtet, die sich zusammensetzt „aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern offizieller kirchlicher Organe der Römisch-Katholischen Glaubensgemeinschaft, der Niederländischen Reformierten (Hervormde) Kirche, der Reformierten (Gereformeerde) Kirche in den Niederlanden, der Remonstratensischen Bruderschaft und der Mennonitischen Bruderschaft, außerdem des »Katholischen Büros für Aufklärung und Begleitung in Fragen der Sexualität und Partnerschaftsbildung« (KBSR) und der »Protestantischen Stiftung für Aufklärung und Bildung im Blick auf Partnerschaft und Sexualität« (PSVG).“ (40)

Ein von dieser Gruppe herausgegebenes Faltblatt „Als een pastor je te na komt“ („Wenn ein Seelsorger einem zu nahe kommt – Über sexuellen Missbrauch in seelsorgerlichen Beziehungen“) erhielt ich von Marieke Brouwer, einer Seelsorgerin der lutherischen Kirche von Amsterdam, und ich sah es auch in Kirchengemeinden und im Büro der Studentenpastorin Gezien Ridderbos an der Freien Universität von Amsterdam ausliegen (41).

Den einleitenden Abschnitt dieses Faltblatts (42) zitiere ich hier vollständig:

Missbrauchtes Vertrauen.

In guter Seelsorge entsteht eine Beziehung, in der man einander vertraut. Dinge, die man niemandem gegenüber äußern durfte, erzählt man manchmal dem Seelsorger: Traurigkeit, Angst, Leid und Unsicherheiten.

Es kommt leider vor, dass ein Seelsorger, ein Prediger, ein Kirchenvorsteher oder ein anderer kirchlicher Mitarbeiter dieses Vertrauen enttäuscht und Ihre Grenzen überschreitet.

Vertrauen wird auf diese Weise missbraucht, und es wird ein Eingriff in Ihre Intimität und Integrität verübt.

Das kann auf sehr verschiedene Arten geschehen. Zum Beispiel durch die Aufnötigung größerer Vertraulichkeit, sexuelle Anspielungen und unerwünschten Körperkontakt.

So kann die seelsorgerliche Beziehung sexualisiert oder erotisiert werden.

Wie es nun scheint, sind hiervon meist Frauen die Opfer.

Aber auch von Männern, zum Beispiel ehemaligen Seminar- und Internatsschülern, sind Erzählungen über sexuellen Missbrauch bekannt.

So weit das Zitat aus dem Faltblatt.

Das Flugblatt informiert weiter darüber, dass es bereits „Frauen und Männer gibt, die den Mut hatten, über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch in seelsorgerlichen Beziehungen zu sprechen und deutlich machten, dass ihre Grenzen überschritten wurden“, und ermutigt dazu, wenn man ähnliche Erfahrungen gemacht und den Wunsch nach einer vertraulichen und – falls gewünscht – anonymen Aussprache hat, sich über eine der Kontaktadressen an das „interkonfessionelle Netzwerk von Vertrauenspersonen“ zu wenden (43). Diese Vertrauenspersonen helfen zunächst telefonisch oder auch nach Absprache durch eine persönliche Begegnung. Falls notwendig helfen sie auch dabei, kirchliche Disziplinarmaßnahmen oder gerichtliche Schritte einzuleiten (44).

Eine der Aufgaben, die sich die genannte Initiative gestellt hat, ist übrigens auch die Einrichtung geeigneter disziplinarrechtlicher Rechtswege in den verschiedenen Kirchen, damit Missbrauchsopfer innerhalb der kirchlichen Institution zu ihrem Recht kommen können und damit auch für diejenigen, die Missbrauch verüben, Rechtssicherheit besteht (45). Außerdem arbeiten sie an Vorbeugungsprogrammen, die in der kirchlichen Ausbildung und in Pfarrkonventen zur Sprache kommen sollen, sie untersuchen die Faktoren in Kirche und Theologie, die den Missbrauch fördern (46).

Dagegen gab es auch Widerstand. „Ist es wirklich notwendig, den Ruf der Kirche und ihrer Mitarbeiter mit negativen Berichten zu belasten? …Geht es nicht nur um bedauernswerte Einzelfälle, die man besser in aller Stille bereinigt? …Wird nicht auch ein Sensations- und Klatschbedürfnis befriedigt? Werden nicht, was noch schlimmer ist, Menschen, für die ein seelsorgerlicher Kontakt hilfreich sein könnte, daran gehindert, einander zu vertrauen?“ (47)

Die Gruppe fühlt sich den durch das Verhalten von manchen Geistlichen geschädigten Menschen verbunden, möchte andererseits auch nicht die gesamte Berufsgruppe der Pfarrer in ein übles Licht rücken. Aber dem Problem, dass viele Menschen neue Argumente in die Hand bekommen könnten, die Kirche insgesamt in Misskredit zu bringen, steht die Tatsache gegenüber, dass das Schweigen oder ein verschleierndes Reden über sexuellen Missbrauch in der Seelsorge einen größeren Schaden verursacht: „Schweigen vergrößert die Möglichkeit, dass mehr Menschen solche schädigenden Erfahrungen durchmachen müssen.“ (48)

Anmerkungen

(1) Gabi Fischer und Annelie Hammes, Sexueller Missbrauch an Kindern ist Gewalt. Erfahrungsbericht einer LehrerInnenfortbildung, S. 17. In: Päd extra & Demokratische Erziehung, 3. Jahrgang, Heft 6, S. 16-18.

(2) Sabine Rückert und Kuno Kruse, Der verlorene Hirte, S. 13. In: Die Zeit, 2. Juni 1995, S. 13-15.

(3) Vgl. folgende Artikel in der Herder-Korrespondenz:

  • Klaus Nientiedt, USA: Priester der Pädophilie angeklagt. In: Herder-Korrespondenz, 47. Jahrgang, Heft 9, 1993, S. 444-446.
  • Ulrich Ruh, Irland: Ein Priester sorgt für Turbulenzen. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 2, 1995, S. 68-70.
  • Alexander Foitzik, Offensiv. Wiener Erzbischof unter Verdacht des sexuellen Kindesmissbrauchs. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 5, 1995, S. 221-222.

(4) Sabine Rückert und Kuno Kruse, Der verlorene Hirte. In: Die Zeit, 2. Juni 1995, S. 13-15.

(5) Wunibald Müller, Dem Problem nicht ausweichen. Zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 7, 1995, S. 362-366.

(6) Marie M. Fortune, Fehltritte von Seelsorgern. Sexueller Missbrauch in der seelsorglichen Beziehung, S. 180. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 178-185.

(7) Elinor Burkett und Frank Bruni, Das Buch der Schande. Kinder und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Aus dem Amerikanischen von Sabine Steinberg, Wien / München 1995, S. 187.

(8) Wunibald Müller, Dem Problem nicht ausweichen. Zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester, S. 364. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 7, 1995, S. 362-366.

(9) Elinor Burkett und Frank Bruni, Das Buch der Schande. Kinder und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Aus dem Amerikanischen von Sabine Steinberg, Wien / München 1995, S. 82.

(10) Ebenda, S. 81.

(11) Wunibald Müller, Dem Problem nicht ausweichen. Zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester, S. 365. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 7, 1995, S. 362-366.

(12) Alexander Foitzik, Offensiv. Wiener Erzbischof unter Verdacht des sexuellen Kindesmissbrauchs, S. 222. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 5, 1995, S. 221-222.

(13) Marie M. Fortune, Fehltritte von Seelsorgern. Sexueller Missbrauch in der seelsorglichen Beziehung, S. 179f., wo sie eine Studie von Blackmon, 1984, zitiert. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 178-185.

(14) Elinor Burkett und Frank Bruni, Das Buch der Schande. Kinder und sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Aus dem Amerikanischen von Sabine Steinberg, Wien / München 1995, S. 60.

(15) Wunibald Müller, Dem Problem nicht ausweichen. Zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester, S. 363. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 7, 1995, S. 362-366.

(16) Gideon van Dam und Marjo Eitjes, „Een pastor moet je toch kunnen vertrouwen!“ Over seksueel misbruik door pastores, Zoetermeer 1994, S. 14: „Eind 1990 zijn enkele mensen uit verschillende kerken samengekomen om te proberen iets struktureels te doen aan dit probleem. Allereerst gebeurde dat door het instellen van een interkerkelijke initiatiefgroep tegen seksueel misbruik in pastorale relaties.“

(17) Diese Informationen erhielt ich am 4.10.1995 von einer Pastorin der holländischen Prämonstratenserkirche, Edith Plantier, in Amsterdam. Diese Bruderschaft ist eine kirchliche Gemeinschaft, die es in Deutschland nur in Friedrichstadt in Schleswig-Holstein gibt.

(18) Thomas Layne, Macht und Machtmissbrauch in der therapeutischen Arbeit mit Inzestopfern und -überlebenden. Übersetzung aus dem Amerikanischen und Textbearbeitung von Reinhard Fuhr, S. 41. In: Gestalttherapie, Jahrgang 6, Heft 2, 1992, S. 35-43.

(19) Marie M. Fortune, Fehltritte von Seelsorgern. Sexueller Missbrauch in der seelsorglichen Beziehung, S. 181. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 178-185.

(20) Mathias Hirsch, Psychoanalytische Therapie mit Opfern inzestuöser Gewalt, S. 141. In: Jahrbuch der Psychoanalyse. Beiträge zur Theorie und Praxis, Band 31, 1993, S. 132-148.

(21) Hansjörg Pfannschmidt, Das Erleben von Patient und Analytiker bei der Übertragung ödipal-inzestuöser Impulse. Die Bedeutung und Handhabung der Abstinenz, S. 210. In: Forum der Psychoanalyse, Jahrgang 3, Heft 3, 1987, S. 205-214.

(22) Ebenda, S. 211.

(23) Marie M. Fortune, Fehltritte von Seelsorgern. Sexueller Missbrauch in der seelsorglichen Beziehung, S. 181. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 178-185.

(24) Gideon van Dam und Marjo Eitjes, „Een pastor moet je toch kunnen vertrouwen!“ Over seksueel misbruik door pastores, Zoetermeer 1994, S. 138: „Ook een pastorant kan de pastorale relatie willen seksualiseren. Toch blijft, tenzij de pastorant geweld gebruikt, de pastor verantwoordelijk voor het bewaken van de grenzen.“

(25) Bernhard Kleining, Plädoyer für die Beibehaltung des Inzest-Tabus, S. 65. Leserzuschrift in: GwG-Zeitschrift 81, 1991, S. 65-66 (GwG = Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie).

(26) Ulrike Kopp, „Ich habe einfach keine Ahnung, wer ich bin“. Erfahrungen aus der Christlichen Therapie mit missbrauchten Frauen, S. 20. In: Zeitschrift für Seelsorge und Christliche Therapie, Heft 4, 1995, S. 20-25.

(27) Wunibald Müller, Dem Problem nicht ausweichen. Zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester, S. 363. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 7, 1995, S. 362-366.

(28) Ebenda, S. 366.

(29) Marie M. Fortune, Fehltritte von Seelsorgern. Sexueller Missbrauch in der seelsorglichen Beziehung, S. 182. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 178-185.

(30) Romeo Assirati, Lieber Armin! Leserzuschrift in: GwG-Zeitschrift 81, 1991, S. 66 (GwG = Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie).

(31) Wunibald Müller, Dem Problem nicht ausweichen. Zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester, S. 366. In: Herder-Korrespondenz, 49. Jahrgang, Heft 7, 1995, S. 362-366.

(32) Marie M. Fortune, Fehltritte von Seelsorgern. Sexueller Missbrauch in der seelsorglichen Beziehung, S. 183f. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 178-185.

(33) Ebenda, S. 182.

(34) Mary Shawn Copeland, Gewalt, S. 188. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 186-188.

(35) Thomas Doyle, The Canonical Rights of Priests Accused of Sexual Abuse, S. 355. In: Studia canonica, Heft 24, 1990, S. 335-356. Das Zitat im Original: „It is incorrect to assume that any priest with a sexual difficulty is unfit for ministry, either from the viewpoint of the disorder itself, or the possibility of civil liability.“ „Naturally, the aftercare program and continued supervision is a must.“

(36) Klaus Nientiedt, USA: Priester der Pädophilie angeklagt, S. 445. In: Herder-Korrespondenz, 47. Jahrgang, Heft 9, 1993, S. 444-446.

(37) Mildes Urteil für Pfarrer. Messdiener missbraucht / Ermittlung gegen Bischöfe. dpa-Bericht in: Allgemeine Zeitung Mainz, 7. Juli 1995.

(38) Mädchen missbraucht. Pfarrer verurteilt / Nach Messe bedrängt und angefasst. Zeitungsartikel unter dem Kürzel „lrs“ in: Allgemeine Zeitung Mainz, 29. Juni 1995.

(39) Sabine Rückert und Kuno Kruse, Der verlorene Hirte, S. 13. In: Die Zeit, 2. Juni 1995, S. 15.

(40) Diese und die folgenden Informationen stammen aus dem niederländischen Faltblatt: „Als een pastor je te na komt“. Over seksueel misbruik in pastorale relaties. Folder van de Interkerkelijke Initiatiefgroep tegen seksueel misbruik in pastorale relaties, Driebergen, S. 5: „Het netwerk van vertrouwenspersonen is opgezet door de interkerkelijke initiatiefgroep tegen seksueel misbruik in pastorale relaties. Deze is tot nu toe samengesteld uit medewerk(st)ers van: – officiële kerkelijke organen van het Rooms-Katholiek Kerkgenootschap, de Nederlandse Hervormde Kerk, de Gereformeerde Kerken in Nederland, de Remonstratentse Broederschap en de Doopsgezinde Broederschap, – het Katholiek bureau voor voorlichting en begeleiding bij seksualiteit en relatievorming (KBSR) en de Protestantse stichting voor voorlichting en vorming omtrent relaties en seksualiteit (PSVG).“

(41) Ebenda, S. 1: „Als een pastor je te na komt – Over seksueel misbruik in pastorale relaties“. Das Flugblatt ist auch abgedruckt im Buch von Gideon van Dam und Marjo Eitjes, „Een pastor moet je toch kunnen vertrouwen!“ Over seksueel misbruik door pastores, Zoetermeer 1994, S. 143-145.

(42) Ebenda, S. 2: „Misbruikt vertrouwen: – Bij goed pastoraat ontstaat een relatie waarin je elkaar vertrouwt. Dingen die je tegenover niemand durfde te uiten, vertel je soms je pastor: verdriet, angst, pijn en onzekerheden. – Het komt helaas voor dat een pastor, een predikant(e), een ouderling(e) of een andere pastorale werk(st)er dit vertrouwen beschaamt en over je grenzen heen gaat. – Vertrouwen wordt op die manier misbruikt en er wordt inbreuk gepleegt op je intimiteit en integriteit. – Dit kan op zeer verschillende manieren gebeuren. Bijvoorbeeld door aandringen op grotere vertrouwelijkheid, toespelingen op seksueel gebied en ongewenst lichamelijk contact. – Zo kan de pastorale relatie geseksualiseerd of geërotiseerd worden. – Zoals het nu lijkt, zijn hiervan meestal vrouwen het slachtoffer. – Maar ook van mannen, die bijvoorbeeld op (klein) seminaries en kostscholen zaten, zijn verhalen bekend over seksueel misbruik.“

(43) Ebenda, S. 3: „Grenzen: – Vrouwen en mannen hebben de moed gehad hun ervaringen met seksueel misbruik in pastorale relaties te vertellen. Zij maakten duidelijk dat hun grenzen waren overschreden. – Het kan zijn dat ook uw pastor of pastorale werker u te na is gekomen en inbreuk gemaakt op uw integriteit. – Misschien hebt u behoefte om er vertrouwelijk en desgewenst anoniem met iemand over te praten. – Dat is mogelijk! – Contactadressen: – Er bestaat een interkerkelijk netwerk van vertrouwenspersonen. Daarmee kunt u contact opnemen via één van de onderstaande adressen…“ Es folgen die Adressen der Ferseh- bzw. Rundfunkpfarrämter, die die Telefonnummern von Vertrauenspersonen weitergeben.

(44) Ebenda, S. 4: „Vertrouwenspersonen: – De vertrouwenspersonen zijn speciaal voor deze taak toegerust. Zij verlenen in eerste instantie telefonische hulp. Maar het is ook mogelijk een afspraak te maken voor een ontmoeting. – Het kan zijn dat alleen een gesprek over uw ervaringen niet voldoende is. Misschien wilt u een klacht (laten) indienen bij de kerk waaraan uw pastor of pastoral werkende verbonden is. – Of u wilt dat er officieel via een burgerlijke rechter recht gesproken wordt. – De klachtenprocedures bij de verschillende kerken staan voorlooping nog niet eenduidig vast. Maar de vertrouwenspersonen kunnen u wel helpen om een weg met u te zoeken waarlangs u recht wordt gedaan.“

(45) Das Buch von Gideon van Dam und Marjo Eitjes, „Een pastor moet je toch kunnen vertrouwen!“ Over seksueel misbruik door pastores, Zoetermeer 1994, S. 149ff., enthält Vorschläge für „Klageprozeduren (klachtenprocedure)“.

(46) Ebenda, S. 15: „- preventieprogramma’s bij de theologische opleidingen en intercollegiale contacten; – onderzoek naar faktoren in kerk en theologie die misbruik bevorderen“. Edith Plantier sagte mir, dass außerdem ein Kabarettprogramm unter dem Titel „Im Dienste des Herrn“ aufgeführt worden sei.

(47) Ebenda, S. 13: „»Is het echt nodig de naam van de kerk en van werkers in die kerk zo te belasten met negatieve verhalen?« »…gaat et niet om betreurenswaardige incidenten? Die kun je toch beter in stilte proberen op te lossen.« … Uiteraard bestaat de kans dat de behoefte aan senatie en kwaadspreken geprikkeld wordt. En, wat erger is, mensen voor wie een pastoraal contact verderhelpend zou kunnen zijn, kunnen geremd worden vertrouwen te geven aan een ander.“

(48) Ebenda, S. 13f.: „Zwijgen vergroot de kans dat er meer mensen deze beschadigende ervaringen moeten doormaken.“

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