Rettung für Judas

Vielleicht sind wir Judas am ähnlichsten in seiner Hoffnungslosigkeit. Aber wenn es stimmt, dass auch die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, kann auch Judas nach seinem Selbstmord die Stimme gehört haben, die ihm sagt: „Du sollst leben!“ Ich habe keinen Grund, mich höher zu stellen als den Judas, aber ich brauche mich auch nicht zu verdammen.

Judas verrät Jesus mit einem Kuss

Jesus verrät Judas mit einem Kuss (Foto der Skulptur: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Karfreitag, 5. April 1985, um 9.30 Uhr in Heuchelheim, 10.30 Uhr in Reichelsheim und 13.00 Uhr in Dorn-Assenheim
Glockenläuten und Orgelvorspiel

Zur Begrüßung im Karfreitagsgottesdienst möchte ich Ihnen heute ein Gedicht vorlesen, das ein Mädchen aus der Reichelsheimer Jugendgruppe verfasst hat und das auch im Kirchenblättchen abgedruckt ist:

Nachdenklichkeit erbeten

Gestern hab ich meinen Schreibtisch aufgeräumt
Zwischen all den Büchern und Papieren
lag viel Vergessenes
ein gelesener Zeitungsartikel
eine liegengebliebene Bananenschale
ein angefangener Brief
Und ganz unten
lag Jesus
genagelt an ein Kreuz
man vergisst oft das Wichtigste
über all dem Kleinkram

Nachdenken über das Wichtigste, sich Anrührenlassen von Jesus am Kreuz, dazu ist jetzt Gelegenheit beim Singen, Beten und Hören.

Lied EKG 56, 1-3 (EG 77):

1. Christus, der uns selig macht, kein Bös’ hat begangen, ward für uns zur Mitternacht wie ein Dieb gefangen, eilend zum Verhör gebracht und fälschlich verklaget, verhöhnt, verspeit und verlacht, wie denn die Schrift saget.

2. In der ersten Stund am Tag, da er sollte leiden, bracht man ihn mit harter Klag Pilatus dem Heiden, der ihn unschuldig befand, ohn Ursach des Todes, ihn derhalben von sich sandt zum König Herodes.

3. Um drei hat der Gottessohn Geißeln fühlen müssen; sein Haupt ward mit einer Kron von Dornen zerrissen; gekleidet zu Hohn und Spott ward er sehr geschlagen, und das Kreuz zu seinem Tod musst er selber tragen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3, 16)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste, wie es war von Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. „Amen.“

Gott, Vater im Himmel, viele Menschen verstehen dich nicht, wie du deinen Sohn hast sterben lassen können. Sie halten dich für einen grausamen Gott, der auch nichts gegen das Leiden vieler anderer Menschen tut, obwohl du doch der Vater aller Menschen bist. Gott, du verlangst nicht von uns, vor dir unsere Zweifel zu verstecken. Du hältst es aus, wenn wir dir Ungerechtigkeit vorwerfen. Bewahre uns aber davor, von dir wegzulaufen. Lass uns nicht der Illusion verfallen, dass wir ohne dich leben könnten. Wir sind auf dich angewiesen und müssen uns mit dir auseinandersetzen, auch wenn du für uns unbequem bist oder ungerecht erscheinst. So hilf uns heute, dass wir uns einlassen können auf das, was mit deinem Sohn geschehen ist, was du hast mit ihm geschehen lassen, was ja dein Wille war. Wozu war das nötig, Gott? Das fragen wir dich, den Vater Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Lukas 23, 33-49. Während der Lesung werden zum Zeichen des Gedenkens an Jesu Tod die Altarkerzen gelöscht, wir werden eine Zeit der Stille haben und auch anschließend heute kein Halleluja singen.

Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn [Jesus] dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: „Er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.“ Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“ Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: „Dies ist der Juden König.“ Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ Da wies ihn der andere zurecht und sprach: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ Und er sprach: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang im Tempel zerriss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und als er das gesagt hatte, verschied er.

Löschen der Kerzen. Stille.

Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“ Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Amen.

Lied EKG 56, 4-6 (EG 77):

4. Um sechs ward er nackt und bloß an das Kreuz geschlagen, an dem er sein Blut vergoss, betet mit Wehklagen; die Zuschauer spott’ten sein, auch die bei ihm hingen, bis die Sonne ihren Schein entzog solchen Dingen.

5. Jesus schrie zur neunten Stund, großer Qual verfallen, ihm ward dargereicht zum Mund Essigtrank mit Gallen; da gab er auf seinen Geist und die Erd erzittert, des Tempels Vorhang zerreißt und manch Fels zersplittert.

6. Da man hatt’ zur Vesperzeit die Schächer zerbrochen, ward Jesus in seine Seit mit dem Speer gestochen; daraus Blut und Wasser rann, die Schrift zu erfüllen, wie Johannes zeiget an, nur um unsertwillen.

Gottes Gnade sei mit uns allen. Amen.

Wir hören zur Predigt einen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium 27, 1-8:

Am Morgen [des Karfreitages] aber fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu töten, und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus. Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: „Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe.“ Sie aber sprachen: „Was geht uns das an? Da sieh du zu!“ Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich. Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: „Es ist nicht recht, dass wir sie in den Gotteskasten legen; denn es ist Blutgeld. Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für Fremde. Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag.

Soweit der Bericht des Matthäus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Warum ist Jesus gestorben? Weil es Menschen gegeben hat wie Judas, der ihn verriet, wie die Hohenpriester, denen er im Weg war, wie Pilatus, der zu feig war, um sich gegen das aufgehetzte Volk zu stellen. Gründe für die Kreuzigung Jesu könnte man noch mehr aufzählen.

Aber damit würden wir die Frage nicht beantworten, warum Gott das zugelassen hat. Warum wollte der Vater im Himmel diesen Tod seines Sohnes?

Der erste, der eine Antwort auf diese Frage gibt, ist im Lukasevangelium der eine Übeltäter, der neben Jesus gekreuzigt wurde. Er sieht, dass Jesus im Gegensatz zu sich selbst den Tod nicht verdient, macht aber daraus nicht Gott einen Vorwurf, sondern bittet Jesus um Fürsprache bei Gott. Dieser Verbrecher, der in seiner letzten Stunde am Kreuz von Jesus zugesagt bekommt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“, er ist der erste von vielen Menschen, die seither die Erfahrung gemacht haben: „Jesus ist am Kreuz für mich gestorben!“ Petrus hat später diese Erfahrung gemacht, als er spürte: er, der Jesus plötzlich nicht mehr kennen wollte, wurde von ihm nicht fallengelassen. Oder Paulus, der die Christen verfolgt hatte, und plötzlich vom Glauben an Christus überwältigt wurde.

Ist Jesus auch für Judas gestorben? Regelmäßig, wenn ich über Judas nachdenke, komme ich ins Grübeln. Wir sehen ihn ja in der Regel als den Ausbund an Schlechtigkeit. Nicht einmal Jesu Vergebung kann ihn noch erreichen, weil er sich ja selbst tötet. Jesus selbst soll beim letzten Abendmahl über Judas gesagt haben (Matthäus 26, 24):

Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.

Aber ist es nicht furchtbar, wenn es Menschen gibt, die nicht Vergebung erfahren können? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es Menschen geben soll, die für immer und ewig verdammt sein sollen.

D. h. vorstellen kann ich es mir schon; nur macht mir eine solche Vorstellung furchtbare Angst. So ist es auch kein Wunder, dass die Jünger sich gegenseitig ängstlich befragen: „Bin ich‛s?“, als Jesus ihnen beim letzten Abendmahl eröffnet (Matthäus 26, 21):

Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.

Denn sind wir so viel anders als Judas?

Wenn dem Judas wirklich die ewige Verdammnis droht, dann müssen wir uns natürlich von ihm absetzen. Dann wäre es unerträglich für uns, mit ihm auch nur im Entferntesten verglichen zu werden. Aber wir haben viel gemeinsam mit Judas. Judas gehörte zum engsten Jüngerkreis, genau wie wir uns heute bewusst zum Gottesdienst begeben haben und zur Gemeinde gehören wollen, die auf Gottes Wort hört. Judas war ein eifriger Anhänger Jesu; er wollte Gerechtigkeit, notfalls auch mit Gewalt. Judas wandte sich gegen Verschwendung, als einmal eine Frau Jesus ein kostbares Geschenk machte. Und Jesus behielt ihn im Jüngerkreis, obwohl er ihn gelegentlich auch zurechtwies. Aber das machte er ja auch mit anderen Jüngern, z. B. mit dem Petrus.

Und dann heißt es in einem Evangelium: der Satan sei in den Judas gefahren, so dass er den Priestern Jesus verriet. So wie wir manchmal nicht verstehen, wie jemand, den wir gut kennen, plötzlich etwas völlig Unbegreifliches tut. Es ist böse, was er tut, und wir können es nicht entschuldigen; aber wir sind wie wie vor den Kopf geschlagen, weil wir dachten: dem hätte ich das nie zugetraut. Und dann fragen wir uns wohl auch: Könnte ich auch so etwas Unverantwortliches tun? Wäre ich auch dazu fähig? Und wir hoffen, einer derartigen Versuchung niemals zu erliegen, ohne uns hundertprozentig sicher sein zu können.

Und nun hören wir etwas von Judas, was ihn in meinen Augen menschlicher erscheinen lässt als viele andere, die ebenfalls Unrecht tun: er bereut seine Tat. Er hört, was sein Verrat für Konsequenzen gehabt hat, und bringt das Blutgeld zu den Priestern zurück. Er verzweifelt über das Böse, was er getan hat, und erkennt, genau wie der eine Übeltäter am Kreuz: ich habe mein Leben verspielt, ich habe kein Recht mehr zu leben, Gott hat allen Grund, mich zu verdammen. Im Unterschied zu dem Verbrecher am Kreuz hat Judas aber nicht Jesus bei sich, begegnet er ihm nicht in seiner Verzweiflung. Die Hohenpriester lassen ihn allein mit sich selbst.

Und da zieht Judas eine Konsequenz, die immer wieder Menschen ziehen, die keine Hoffnung mehr haben: er tötet sich selbst. Ist das nicht verständlich? Nach dem, was er getan hat? Würde er denn je wieder glücklich werden können, je wieder einem anderen Menschen in die Augen sehen können?

Vielleicht sind wir gerade in diesem Punkt dem Judas am ähnlichsten: in seiner Hoffnungslosigkeit. Dass wir denken: es gibt Schuld, die nicht vergeben werden kann. Es gibt Menschen, die sich sowieso nicht ändern werden. Es gibt Dinge, die ich mir selbst nie verzeihen würde.

Oder sind wir eher wie die Hohenpriester, die sagen: „Was geht uns das an?“ Er ist ja der Verrräter, nicht wir! Er mag verzweifelt sein, aber damit muss er selbst fertig werden. Er hätte es ja nicht zu tun brauchen. Sie wissen zwar, dass an dem Geld des Judas Blut klebt, aber in gefühlloser Weise beraten sie über eine angemessene Verwendung. Um einen Friedhof für die Ausländer anzulegen, ist es gerade gut genug. Die, die sich selber als die Reinen vorkommen, bezahlen mit unreinem Geld einen Friedhof für die sogenannten Unreinen. Ist es nicht merkwürdig, dass auf diese Weise sogar noch das Geld, für das Jesus verraten wurde, den Menschen zugute kommt, denen sich Jesus am meisten verbunden fühlte, den Ausgestoßenen und Verachteten?

Aber zurück zu Judas, und zurück zu uns. Judas hat durch eigene Schuld sein Leben kaputt gemacht. Er hat Jesus nicht mehr getroffen auf dem Weg zu dem Baum, an dem er sich erhängt hat. Und wie viele andere sind seitdem gestorben, ohne dass sie – sichtbar für uns – noch einmal Gelegenheit hatten, mit Jesus ins Reine zu kommen. Ist damit für Judas, ist damit für einen Selbstmörder, ist damit für jeden Verzweifelten, der nicht mehr zur Hoffnung zurückfindet, alles aus? Ist Jesus nicht auch für Judas gestorben?

Wir brauchen gar nicht an die dramatische Ausnahme zu denken. Wir können an den alltäglichen Kleinkram denken, der uns oft vom Wichtigen abhält. Wir können an all das denken, was sich im Schreibtisch stapelt, wie es das Mädchen in ihrem Gedicht vom Anfang dieses Gottesdienstes beschrieben hat. Und unten drunter liegt das Bild von Jesus, dem Gekreuzigten, den wir im Alltag so oft vergessen. Wie oft kommen wir nicht dazu, den Besuch zu machen, den wir uns schon lange vorgenommen haben. Wir viele Entscheidungen schieben wir auf die lange Bank, obwohl sie für uns und andere heilsam wären. Mit welchen Ängsten plagen wir uns herum, ohne uns mit jemandem endlich einmal auszusprechen. Wie viel Unrecht geschieht in unserem Land und in der Welt, und wir schweigen dazu, haben nicht einmal Zeit, uns damit näher zu befassen. Viele Gründe könnten sich jedem von uns aufdrängen, es habe ja doch alles keinen Sinn. Niemand könne aus seiner Haut heraus. Am Unrecht der Welt könnten wir sowieso nichts ändern. Gefühle könnten wir uns nicht leisten, sonst würde in uns alles zusammenbrechen.

Ich weiß nicht, ob ich mich jedem verständlich genug ausgedrückt habe: ich sehe mich und viele andere auf einer Bank mit Judas sitzen. Obwohl ich nie so sein möchte wie Judas. Aber wir können Gott gegenüber nicht so tun, als gebe es kleinere und größere Sünde, als könnten wir leichter vor ihm bestehen, wenn er uns nicht so viel vergeben müsste. Doch umgekehrt hat Jesus ja einmal gesagt, dass gerade der ihn besonders lieb hat, dem viel verziehen worden ist.

Und deshalb glaube ich, dass Jesus auch dem Judas verziehen hat. Dass er auch für Judas gestorben ist. Denn ich kann nicht glauben, dass für ihn mit dem Tode alles aus war. Nach Johannes 5, 25 sagt Jesus:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.

Wenn das stimmt, dass auch die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, dann kann auch Judas seinem Herrn noch begegnet sein. Und er kann nach seinem Selbstmord die Stimme gehört haben, die ihm sagt: „Du sollst leben!“

Damit ist nichts von dem entschuldigt, was Judas getan hat, auch sein Selbstmord nicht! Ich behaupte nur, was viele Stellen der Bibel bezeugen: Die Liebe Gottes gilt allen, sie ist stärker als der Tod, sie ist stärker als die Sünde, sogar stärker als die Schuld des Judas. Und damit können auch wir aufatmen, denn wir brauchen nun nicht mehr über Judas zu grübeln – ob wir vielleicht so schlimm dran sind wie er, und damit verlorene Menschen, oder ob wir vielleicht doch nicht so viel Vergebung nötig hätten. Wir können aufatmen und auf Jesus schauen und sagen: Ja, du bist auch für mich gestorben. Ich habe keinen Grund, mich höher zu stellen als den Judas, aber ich brauche mich auch nicht zu verdammen. Ich kann schon hier in diesem Leben damit ernst machen: Du, Jesus, bist für mich gestorben. Du nimmst mir die Schuld ab. Du lässt mich neu anfangen. Du machst mir Mut. Du gibst mir Trost. Du lässt mich Gemeinschaft finden. Aus Verzweiflung reißt du mich heraus. In diesem Sinn können wir gleich auch das Abendmahl in rechtem Sinn feiern. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 57, 3-5 (nicht im EG):

3. So nicht wär gekommen Christus in die Welt und hätt angenommen unser arm Gestalt und für unsre Sünde gestorben williglich, so hätten wir müssen verdammt sein ewiglich. Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison.

4. Solche große Gnad und väterliche Gunst hat uns Gott erzeiget lauterlich umsonst in Christo, seim Sohne, der sich gegeben hat in den Tod des Kreuzes zu unsrer Seligkeit. Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison.

5. Des solln wir uns trösten gegen Sünd und Tod und ja nicht verzagen vor der Höllen Glut; denn wir sind gerettet aus aller Fährlichkeit durch Christ unsern Herren, gelobt in Ewigkeit. Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison.

Ich lade nun alle, die sich auf die Gemeinschaft mit Jesus, dem Gekreuzigten, einlassen wollen, zur Feier des Heiligen Abendmahls ein. Lasst uns zuvor über unsere Schuld nachsinnen und zu Gott beten:

Ich verstehe den Judas, weil ich Judas bin.
Ich verstehe die Jünger, weil ich Jünger bin.
Ich verstehe den Petrus, weil ich Petrus bin.
Ich verstehe Pilatus, weil ich Pilatus bin.
Ich verstehe die Masse, weil ich Masse bin.

Herr, bin ich‛s? Ich will es nicht sein.
Und bin es doch, bin einer von ihnen.
Heute der und morgen der andre.
Und manchmal bin ich wie alle zusammen.

Herr, bin ich‛s?
Ich bin es und will es nicht bleiben.
Lass mich verstehen dein Wort,
lass mich sein dein Freund.
Lass mich nicht so, wie ich bin,
und ich werde ein Mensch sein, wie du es willst.

Amen.

Wir hören, wie Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung das Heilige Abendmahl eingesetzt hat (Matthäus 26, 20-23.25-28):

[Jesus] setzte … sich zu Tisch mit den Zwölfen. Und als sie aßen, sprach er: „Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.“ Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: „Herr, bin ich‛s?“ Er antwortete: „Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten.“ Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: „Bin ich‛s, Rabbi?“ Er sprach zu ihm: „Du sagst es!“ Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach‛s und gab‛s den Jüngern und sprach: „Nehmet, esset; das ist mein Leib“, und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“

Lied 136: Christe, du Lamm Gottes
Austeilung des Abendmahls

Lasst uns gemeinsam beten.

Gott, lass diesen Karfreitag nicht spurlos an uns vorübergehen. Gib uns etwas mit auf den Weg, dass uns verändern wird, sei es im Kleinen oder im Großen: dass wir dich nicht über dem Alltagskram vergessen, dass wir nicht immer meinen, wir müssten mit unseren Problemen allein fertigwerden, dass wir nicht immer wieder auch andere allein lassen, weil wir mit uns selber zu viel zu tun haben. Wir bringen vor dich unsere Sorgen um Menschen, die krank sind, um Menschen, die fragwürdige Wege gehen. Wir beten für die, denen wir nicht helfen können, und wir bitten um Kraft, immer wieder das Menschenmögliche zu tun. Wir bekennen, dass wir dich, Gott, oft nicht verstehen. Lehre uns begreifen, dass du selbst in deinem Sohn für uns gestorben bist. Dass wir dir so viel wert sind. Dass du niemanden von uns verloren gehen lassen willst. Das lass uns annehmen und daraus die Kraft schöpfen für ein verantwortliches Leben. Amen.

Wir beten mit den Worten, die uns Christus lehrte:

Vater unser
Lied EKG 56, 8 (EG 77):

8. O hilf, Christe, Gottes Sohn, durch dein bitter Leiden, dass wir dir stets untertan Sünd und Unrecht meiden, deinen Tod und sein Ursach fruchtbar nun bedenken, dafür, wiewohl arm und schwach, dir Dankopfer schenken.

Abkündigungen und Segen
Orgelnachspiel

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