„Von Erde genommen…“

Was ist der Mensch? Er ist von Erde genommen; im Hebräischen ist das Wort für Mensch – adam – praktisch das gleiche wie das Wort für die Erde: adamah. In Millionen von Jahren sind aus niederen Lebewesen nach und nach immer höhere Lebensformen entstanden. Und doch besteht der Mensch immer noch aus Material von der Erde: Kohlenstoffverbindungen, komplizierte Eiweiße usw.

Ein nackter Mann auf Ackerboden, von Erde bedeckt

Der Mensch, von Erde genommen… (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Erntedankfest, den 6. Oktober 1996, um 9.00 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst am Erntedankfest! Unsere Kapelle ist für diesen Sonntag von Mitarbeitern der Gärtnerei und des Gutshofes bescheiden, aber festlich geschmückt worden, und wir sind ihnen von Herzen dankbar. Besonders begrüße ich heute den Evangelischen Kirchenchor aus Bechtolsheim und Biebelnheim, der uns mit einigen Liedern erfreuen will und bereits seit einigen Jahren das Erntedankfest hier in der Klinik mitfeiert.

Und alle diese Dinge, für die wie uns untereinander dankbar sind, führen uns auch hin zum Dank an Gott, ohne den wir gar nichts hätten und gar nichts tun könnten. So beginnt der Kirchenchor nun mit einem Lied des Dankes an Gott, der uns die Saat und auch die Ernte gibt:

„Du gibst die Saat und auch die Ernte“
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus den Psalmen 145 und 104:

15 Aller Augen warten auf dich, Gott, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

16 Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.

10 Du lässest Wasser in den Tälern quellen, dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,

11 dass alle Tiere des Feldes trinken und das Wild seinen Durst lösche.

12 Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen.

13 Du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

14 Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst,

15 dass das Gewächs des Weinstocks erfreue des Menschen Herz und das Brot des Menschen Herz stärke.

27 Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.

28 Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.

29 Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.

30 Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, / und du machst neu die Gestalt der Erde.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wenn unser Tisch gedeckt ist zu Hause oder auf der Station, dann gab es Menschen, die ihn gedeckt haben, die eingekauft und gekocht haben. Wir essen und genießen, und wir arbeiten auch dafür.

Wenn wir einkaufen am Kiosk in der Klinik-Caféteria oder mit dem Einkaufswagen bei MASSA oder ALDI, dann zahlen wir mit Geld, das wir bekommen haben, das uns zusteht. Wir kaufen dafür Dinge, die wir zum Leben brauchen oder uns einfach mal gönnen wollen. Meist sind diese Dinge bereits durch viele Hände gegangen, Landwirte, Fabrikarbeiter, Händler und andere haben dazu beigetragen, dass wir für unser Geld etwas bekommen.

Aber alles, was wir kaufen und verkaufen, alles, was wir ernten, alles, was unsere Hände bearbeiten, das hätten wir nicht ohne Dich, Gott. Denn Du, Herr, schenkst uns die Erde mit allem, was auf ihr wächst und mit allen Rohstoffen, aus denen wir Menschen so viele Dinge herstellen. Du schenkst uns das Leben und die Begabungen, die wir haben, und wenn wir Kraft haben, etwas zu tun, dann kommt auch diese Kraft von dir. Dafür danken wir dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus 6, 25-34, wo Jesus spricht:

25 Ich sage euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Wir singen vor der Predigt das Lied 508:

Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand: der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein, er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her, der Strohhalm und die Sterne, der Sperling und das Meer. Von ihm sind Büsch und Blätter und Korn und Obst von ihm, das schöne Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

Er lässt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf; er lässt die Winde wehen und tut den Himmel auf. Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot; er gibt den Kühen Weide und unsern Kindern Brot. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!

Gott sorgt für uns, so verkündigt es Jesus in seiner Bergpredigt, deshalb braucht ihr Menschen euch nicht um alles Sorgen machen. Deshalb könnt ihr den heutigen Tag so annehmen, wie er ist; ihr könnt die heutigen Probleme meistern, euch den heutigen Herausforderungen stellen, euch heute freuen, euch heute ernähren, heute trauern, zornig sein – je nachdem, was gerade dran ist. Jesus sieht genau, dass Menschen, die mehr wollen, im Grunde weniger bekommen: Wer Kontrolle auch über die Zukunft will, der verliert das Heute. Wer sich zu viele Sorgen macht, kann sich nicht mehr genug auf das konzentrieren, was er wirklich meistern kann. Wer sich gegen alles absichern will, was unerwartet auf ihn hereinbrechen könnte, lebt am Leben vorbei und betäubt seine Gefühle. Wer immer stark sein und auf niemandes Hilfe angewiesen sein möchte, egal was kommt, wird seine Kräfte aufbrauchen und leerbrennen.

Jesus war allerdings nicht der erste, der so von Gott gesprochen hatte. Euer Vater im Himmel sorgt für euch, er weiß, was ihr braucht, das war auch schon dem Volk Israel klar. In den Zeiten des Königs David hatte man sich nämlich im Gottesvolk Israel Gedanken gemacht über Gott und die Welt. Ist die Welt ein guter Ort oder ein böser? Kann man sich wohlfühlen auf der Erde oder muss man in ständiger Furcht leben? Hat es eigentlich einen Sinn, dass die Welt und wir selbst da sind, oder entspringt das alles nur einem schrecklich großen Zufall?

Wie immer, wenn Menschen früherer Völker solche grundsätzlichen Fragen über Gott und die Welt beantworten wollten, erzählten sie eine Geschichte. Und da es um etwas gehen sollte, was die Welt im Ganzen heute und zu allen Zeiten betrifft, hat man sich gesagt: Wir stellen uns einfach einmal vor, wie das am Anfang war, als Gott alles geschaffen hat. Wie hat Gott die Welt eigentlich gewollt, was hat er eigentlich mit unserer Erde im Sinn gehabt? Im 1. Buch Mose – Genesis 2 ist diese Geschichte aufgezeichnet, und sie beginnt so:

4 Es war [an dem Tage], da Gott der HERR Erde und Himmel machte.

Luther hat ein Wort in diesem Satz anders übersetzt: „Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Himmel und Erde machte.“ Aber wörtlich steht im hebräischen Urtext das Wort „Jom“, und das Wort „Jom“ heißt „Tag“, das kennen einige von Ihnen vielleicht von dem höchsten jüdischen Fest, dem Versöhnungstag, der auf hebräisch „Jom Kippur“ heißt. „Am Tage, als Gott Erde und Himmel machte“, steht da. Eigentümlich: hier ist von nur einem einzigen Schöpfungstag die Rede, nicht von sieben, wie in dem anderen Schöpfungsbericht, der im ersten Kapitel der Bibel steht. Dort wird vierhundert Jahre später geschildert werden, wie Gott bei der Erschaffung der Welt ganz geordnet in sieben großen Schritten der Schöpfung vorging.

Der Erzähler des zweiten Kapitels der Bibel möchte aber nur auf einen Teil der Schöpfung eingehen, der ihm besonders wichtig ist, und er benutzt Bilder aus dem menschlichen Alltag, um zu verdeutlichen, was sonst zu hoch für unseren Verstand wäre. So stellt er sich Gott wie einen Handwerker vor, der sich an eine besonders wichtige Arbeit macht. Er hält sich einen Tag frei von allen anderen Aufgaben, und an diesem Tag konzentriert er sich voll und ganz auf ein äußerst wichtiges Werk. Ein Tag, das scheint wenig für etwas so Großes wie die Schöpfung. Aber im Verhältnis zu Gott ist unsere Erde ja auch klein, und wir Menschen sind noch winziger. Dennoch sind wir und unser Lebensraum Gott so wichtig, dass er sich ganz auf uns konzentriert.

Bevor wir nun schauen, was der Erzähler der Schöpfungsgeschichte nun im einzelnen zu schildern weiß, hören wir ein weiteres Lied vom Kirchenchor:
„Du meine Seele, singe“

Liebe Gemeinde, der Erzähler der Schöpfungsgeschichte im zweiten Buch der Bibel berichtet nicht von einer Schöpfung aus dem Nichts. Am Tag, als Gott Erde und Himmel machte und sozusagen die Ärmel hochkrempelte, um etwas ganz Besonderes zu schaffen, da war durchaus schon etwas da. Aber das, was da war, wirkte alles ziemlich trostlos:

5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;

6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.

Wie die Erde entstanden ist, wird nicht näher ausgemalt, sie ist einfach schon da. Der Erzähler stellt sie sich vor als ein Ackerfeld, dem drei Dinge fehlen: Sträucher, Kraut und Regen. Die Erde ist eine Wüste, auf der nichts wachsen kann, weder wildes Naturgesträuch oder gar ein Urwald, noch die von Menschen kultivierten Feldpflanzen, denn den Menschen gab es auch noch nicht. Allerdings eines lässt schon hoffen: Eine bestimmte Art von Wasser gibt es doch – Nebel, der von der Erde aufsteigt und den Wüstenstaub feucht macht. Mit Nebel übersetzt jedenfalls Luther das seltene hebräische Wort, das nur zweimal in der Bibel vorkommt. Vielleicht ist aber damit auch das Wasser gemeint, das unter der Wüste schon tief in der Erde verborgen ist und als Nässe langsam nach oben steigt.

Jedenfalls wird hier angedeutet, wie kunstvoll Gott schon sein eigentliches Schöpferwerk vorbereitet hat, denn aus Wüstensand allein kann man keine festen Gebilde formen. Der Erdboden muss schon feucht und knetbar sein, wir nennen ihn dann Lehm oder Ton, damit ein Töpfer etwas daraus herstellen kann. Und genau wie einen unendlich kunstfertigen Handwerker stellt sich der Erzähler nun Gott vor, der liebevoll den Menschen aus dem Material des Erdbodens formt:

7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Beschreibt dieser Satz, wie der erste Mensch entstanden ist? Nein, auf diese Weise ist niemals tatsächlich ein erster Mensch entstanden. Trotzdem ist dieser Satz wahr, für jeden Menschen, für den ersten und den letzten und für alle Menschen aller Zeiten. Denn eine Geschichte, die vom ersten Tag handelt, gilt nach der Weltanschauung der Bibel für den Menschen durch alle Zeiten hindurch.

Was also ist der Mensch? Er ist von Erde genommen, wie wir bei Beerdigungen sagen. Wir Menschen bestehen aus Material, das von der Erde kommt. Erdlinge sind wir; im Hebräischen ist das Wort für Mensch – adam – praktisch das gleiche wie das Wort für die Erde: adamah. In Millionen von Jahren sind aus niederen Lebewesen nach und nach immer höhere Lebensformen entstanden, bis schließlich der Mensch die Welt der Tiere hinter sich gelassen hat. Und doch besteht der Mensch immer noch aus den gleichen Stoffen, aus denen auch die Tiere bestehen: Kohlenstoffverbindungen, komplizierte Eiweiße und was nicht noch alles. Wenn wir sterben, bleibt von unserem Körper nur tote Materie übrig, Erde, Staub, Asche. Und wären wir nur das, wären wir nur aus Erde, dann könnten wir niemals lebendig sein und uns nicht von selber bewegen – so wie eine leblose Puppe.

Lebendige Wesen sind wir nur deshalb, weil wir außerdem von Gott lebendigen Atem eingehaucht bekommen haben. Niemand weiß, was das eigentlich ist, Leben. Warum kann ich mich bewegen, fühlen, denken? Warum bin ich mir bewusst, dass ich hier bin und dass ich die Außenwelt wahrnehme? Und irgendwann werde ich das nicht mehr sein – Leben ist ein Wunder zwischen einem Nochnichtsein vor unserer Geburt und einem Nichtmehrsein nach dem Tod.

Zwei Dinge sagt die Bibel hier: Leben kommt von Gott – und Leben gibt es für uns Menschen nicht ohne den Stoff, aus dem wir gemacht sind: Erde und Odem gehören in uns Menschen zusammen. Erst aus beidem zusammen wird der Mensch ein lebendiges Wesen oder, wörtlich nach dem Hebräischen übersetzt, eine „lebendige Seele“, näfäsch hajah. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut, mit Knochen und Sehnen. Und als solche Menschen fühlen wir auch; wir haben gut ausgebildete Sinne, ein kompliziertes Nervensystem und ein Bewusstsein von uns selbst. Wir können uns freuen und traurig sein, wir können sogar wissen, dass wir einmal sterben müssen, wir können hassen und lieben und auch gleichgültig sein. „Seele“ ist also nach der Bibel jedenfalls hier auf der Erde nicht ohne den Leib denkbar, alle Gefühlsbewegungen spüren wir ja im Körper, unser Denken ist ans Gehirn gebunden, und auch körperliche Erkrankungen können seelische Ursachen haben. Ein Ganzes ist der Mensch, so wie er von Gott geschaffen ist, als lebendige Seele mit Körper und Geist, mit sichtbaren und unsichtbaren Anteilen, erdgebunden und sterblich und dennoch von Gott mit Leben beschenkt.

Können wir das dankbar annehmen, dass Gott uns so geschaffen hat, dass wir seine wunderbaren Geschöpfe sind – oder lassen wir diese Wahrheit nicht an uns heran? Wie schön ist es, wenn wir spüren dürfen: „Gott gab uns Atem, damit wir leben…“.

Das ist übrigens auch der Anfang eines Liedes, das ich jetzt, mitten in der Predigt, mit Ihnen singen möchte, Nr. 432, 1-3:
Gott gab uns Atem, damit wir leben.

Liebe Gemeinde, im Lied haben wir gesungen: Gott gab uns nicht nur Atem und Augen und Ohren, Hände und Füße, damit wir leben können, sondern er gab uns auch die Erde. Heute am Erntedankfest denken wir ja besonders an das, was die Erde hervorbringt, an all die Dinge, die wir Menschen brauchen, um unser Leben erhalten zu können, an Essen und Trinken, an Pflanzen und Tiere. Gerade weil die Bibel die Seele immer nur in Verbindung mit dem Körper denken kann, behält sie auch im Blick, dass der Mensch nur leben kann, wenn seine Bedürfnisse befriedigt werden.

Genauso sieht es auch der Erzähler der Schöpfungsgeschichte, und er beschreibt die Erde als einen wunderbaren Garten, in den Gott die Menschen hineinsetzt:

8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.

Der Garten Eden wird immer als Paradiesgarten bezeichnet, der den Menschen nach dem Sündenfall leider unerreichbar geworden ist. Aber er wird eigentlich ganz realistisch und nüchtern beschrieben – ein ganz normaler Garten, der dem Menschen gehören soll. In den Göttersagen anderer Völker gibt es auch Gärten, die von den Göttern angelegt werden. Aber die bleiben nur für die Götter reserviert. Hier in der Bibel ist die Erde als Garten für den Menschen geplant. Für Gott steht der Mensch im Mittelpunkt der Schöpfung. Er vertraut uns die Erde an als einen Garten, der uns genug bietet – zum Essen und zum Freuen:

9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Das meiste im Garten ist verlockend und zugleich gut zu essen, es verspricht Genuss ohne Reue. So ist die von Gott geschaffene Welt, so könnte sie sein, wenn Menschen sie nicht entstellt hätten, das von Gott geschenkte nicht ins Gegenteil verkehrt hätten.

Auf diese dunkle Wahrheit, sozusagen die menschliche Kehrseite der guten göttlichen Schöpfungsgeschichte, weisen schon hier zwei geheimnisvolle Symbole hin: die beiden Bäume, die mitten im Garten stehen, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Es ist ein und derselbe Baum, wenn Menschen ihn stehen lassen als das Symbol für das Leben, das Gott uns schenkt. Aber der Baum des Lebens wird für uns unerreichbar, wenn wir ihn erobern wollen, so als würde uns nichts geschenkt, als müssten wir uns gegen den Willen Gottes nehmen, was Gott uns nicht freiwillig geben wollte. Dann wird der Baum des Lebens für uns zum Baum der Erkenntnis – und zwar der Erkenntnis unserer Sünde. Wir erkennen nämlich ohne das Vertrauen zu Gott nur, dass wir Sünder ist, dass wir uns das Recht zu leben nicht verdienen können und dass wir ohne die Liebe Gottes verzweifeln müssen.

Das alles wird aber hier nur angedeutet und erst später ausgeführt in der Geschichte von Eva und der Schlange. Darauf will ich heute nicht noch näher eingehen. Heute geht es darum, dass die Erde für uns Menschen ein guter Ort ist, der alles enthält, was wir zum Leben brauchen und für den wir Gott von Herzen danken können.

15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Alles Notwendige bietet uns unsere Erde zum Leben. Früchte aus dem Ackerboden und Früchte von den Bäumen bringt sie hervor. Aber eins wird schon hier in der Schöpfungsgeschichte deutlich: Die Erde sollte ein Paradies sein, aber kein Schlaraffenland, in dem einem die Früchte einfach in den Mund wachsen. Der Mensch muss auch nach seinen Kräften etwas tun, er muss die Erde bebauen, muss das, was die Erde bietet, umformen, kultivieren, er muss säen und ernten, das Geerntete verarbeiten und noch viele andere Dinge tun, damit er satt wird und glücklich lebenkann. Und ganz wichtig ist neben dem Bebauen auch das Bewahren, damit aus dem Bebauen der Erde kein Raubbau wird.

Für die Bibel ist das Paradies kein Wolkenkuckucksheim, sondern diese Erde könnte für uns ein Paradies sein, wenn wir sie mit all ihren Segnungen aus Gottes Hand hinnehmen würden. Viele Menschen können nicht an eine gute Schöpfung glauben, sie fragen sich, wie man dankbar sein kann für gute Gaben, so lange Menschen verhungern müssen. Andere haben gesagt: Es liegt nicht an der guten Schöpfung Gottes, es liegt am Misstrauen der Menschen gegenüber Gott, dass die Menschen aus dem Paradiesgarten eine Ellbogengesellschaft und einen Kriegsschauplatz gemacht haben. Nicht nach Gottes Willen, sondern durch menschliche Schuld ist die Erde zu einem Jammertal geworden.

Doch Jesus hat gesagt: Gottes Reich ist nahe herbeigekommen. Wo wir zu ihm umkehren, zu ihm und seiner Liebe, da wächst wieder ein Stück vom Paradiesgarten, und wir dürfen unser kleines Stück von der Erde bebauen und bewahren. Das geht, auch wenn wir keinen wirklichen Garten haben und keine Landwirte sind. Denn den Garten Eden bebauen wir auch dann, wenn wir Liebe säen und Hoffnung ernten, wenn wir Vertrauen unter uns wachsen lassen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Nun singt der Kirchenchor:

„Du hast gesagt, du bist das Brot“

Und nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander, mit Brot und Traubensaft. Wer daran teilnehmen will, kommt nach vorn, wenn es so weit ist, die anderen mögen auf ihrem Platz bleiben und gehören auch zu uns dazu. Nach den Einsetzungsworten singen wir das Lied 190.2.

Barmherziger Gott, du schenkst uns das Leben und alles, was wir zum Leben brauchen. Du willst auch den Hunger und Durst unserer Seele stillen, den Hunger nach Liebe, den Durst nach Vergebung. Wir Menschen haben Garten des Paradieses einen Ort gemacht, an dem viele nicht mehr leben können, unser eigenes Misstrauen gegen dich vertrieb uns aus dem ungetrübten Glück des Lebens mit dir. Darum vergib uns unsere Schuld, lass uns dankbar deine Gaben, deine Liebe und auch deine Vergebung annehmen, und hilf uns, dass wir das, was du uns schenkst, auch miteinander teilen – so wie wir nun gemeinsam dein heiliges Mahl miteinander feiern. Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Gott, hab Dank für deine Gaben. Hab Dank für Essen und Trinken, für das Dach über dem Kopf und für die Pflege in der Krankheit. Hab Dank für jedes liebe Wort und alle Zeichen der Liebe, die wir einander zuwenden.

Hilf uns nun, dass Dankbarkeit uns barmherziger macht. Lass uns barmherzig umgehen miteinander und auch mit uns selbst. Hilf uns zu teilen, was wir haben. Amen.

Vater unser

Wir hören nun noch ein letztes Lied vom Ev. Kirchenchor aus Bechtolsheim und Biebelnheim, nämlich das Segenslied

„Herr, wir bitten, komm und segne uns“
Abkündigungen

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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