Kein Ort wie jeder andere

Am „Tag des Friedhofs“ gehen wir über den Friedhof in dem Bewusstsein, dass dieser Ort uns an den Zusammenhang von Leben und Tod erinnert – nicht, um uns zu ängstigen, sondern zu trösten, nicht um uns in depressive Stimmung zu versetzen, sondern mit Dankbarkeit zu erfüllen. Denn an diesem Ort wird erkennbar, dass das Leben ein unendlich kostbares Geschenk ist.

Bläserkreis und Gottesdienstteilnehmer zu Beginn des Gottesdienstes unterwegs

Bläserkreis und Gottesdienstteilnehmer zu Beginn des „Gottesdienstes unterwegs“ auf dem Neuen Friedhof

Gottesdienst unterwegs am Samstag, 15. September 2012, um 16.00 Uhr auf dem Friedhof am Rodtberg Gießen
Vorspiel Bläserkreis
Station 1: „Leben als Geschenk“

Herzlich willkommen zum Gottesdienst unterwegs auf dem Neuen Friedhof! Seit 2003 feiern wir einen solchen Stationengottesdienst hier zum fünften Mal, und zum zweiten Mal tun wir es am „Tag des Friedhofs“ in ökumenischer Zusammenarbeit. Dieser Gottesdienst findet statt in der Verantwortung der evangelischen Stadtkirchenarbeit und der katholischen Cityseelsorge, und zu Dritt haben wir den Gottesdienst vorbereitet: Frau Gaby Engel von der Evangelischen Stephanusgemeinde, Herr Andreas Pithan von der Katholischen Pfarrgemeinde St. Albertus und ich, Pfarrer Helmut Schütz, von der Evangelischen Paulusgemeinde. Die Musik steuert ein Bläserkreis aus der Michaelsgemeinde Wieseck bei, geleitet von Andreas Gramm. Allen Mitwirkenden gilt ein herzlicher Dank!

Nun lasst uns diese n Gottesdienst feiern im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Der Bläserkreis auf dem FriedhofsvorplatzDer „Tag des Friedhofs“ stand in diesem Jahr unter dem Motto: „Kein Ort wie jeder andere“. Unter diesem Leitmotiv steht auch unser Gottesdienst. Wir gehen über einen Teil des Friedhofs in dem Bewusstsein, dass dieser Ort uns an den Zusammenhang von Leben und Tod erinnert, und zwar nicht, um uns zu ängstigen, sondern zu trösten, nicht um uns in depressive Stimmung zu versetzen, sondern mit Dankbarkeit zu erfüllen. Denn an diesem Ort wird erkennbar, dass das Leben ein Geschenk ist, das wir nur auf Zeit zur Verfügung haben und das gerade darum unendlich kostbar ist.

Als erstes singen wir das Lied 424:
Deine Hände, großer Gott, halten unsre liebe Erde

Wir betreten nun den Friedhof auf der Ostseite und werden bei der nächsten Station Worte der Bibel hören.

Station 2 und 3: „Liebe“

Grabstein-Inschrift: "Die Liebe höret nimmer auf"Was im so genannten Alltag unseres normalen Lebens oft unausgesprochen bleibt: hier auf dem Friedhof ist es oft ein Thema: die Liebe, auf die wir angewiesen sind und auf deren Unvergänglichkeit wir hoffen.

Eisengitter an einem Grab mit der Bibelversangabe "1. Kor. 13 V. 13"Hier haben wir ganz nahe beieinander zwei Grabsteine, die uns etwas aus der Bibel von der Liebe erzählen. Auf dem einen steht „1. Kor. 13, V. 13“ und auf dem anderen wird aus dem gleichen Kapitel Vers 8 zitiert: „Die Liebe hoeret nimmer auf.“ Was der Apostel Paulus im Zusammenhang zwischen diesen beiden Versen 8 bis 13 im 13. Kapitels seines 1. Briefes an die Korinther sagt, trägt uns nun Herr Pithan vor (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

8 Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht.

9 Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden;

10 wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk.

11 Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.

12 Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.

13 Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

Interessant fanden wir an diesem Grabstein das auf beiden Seiten angebrachte Symbol der Waage mit dem Lot. Soll es andeuten, dass „alles im Lot“ ist, wenn die Liebe nicht aufhört, dass Ausgeglichenheit und Gerechtigkeit durch Liebe erreichbar sind? Drei senkrechte Geraden, drei Kreise und drei ausgefüllte Punkte könnten sowohl die Dreiheit von Glaube, Liebe und Hoffnung hervorheben als auch die Dreieinigkeit Gottes im christlichen Glauben. Dass es sich um ein christliches Grabmal handelt, wird nicht nur durch den Bibelspruch ersichtlich, sondern erst recht durch das Kreuz in der Mitte.

Monumentales Grabmal mit der Inschrift oben: "Die Liebe höret nimmer auf"Wie vergänglich gegenüber der Liebe weltliche Symbole wie etwa das Eichenlaub als Zeichen der Standhaftigkeit und Treue sein können, zeigt eine Grabstelle zwischen den beiden Grabsteinen mit dem Bezug auf die Liebe: Der Zahn der Zeit in Form von Rost und Verfall hat die aus Eisen gefertigte Umfriedung dieses Grabes mit Eichenlaub schon ganz schön angegriffen. Klar – auch die Grabinschriften zur Liebe halten nicht ewig; das, worauf sie hinweisen, bleibt jedoch in Ewigkeit: das Vertrauen auf Gott und seine Liebe ist beständiger Grund unserer Hoffnung.

Eisenumfriedung mit Eichenlaub - vom Zahn der Zeit angegriffenWir gehen zur vierten Station nur ein paar Schritte weiter.

Station 4: „Der Meister ruft dich“

Gottesdienstteilnehmer an der Station 4: "Der Meister ruft dich"Das Sandstein-Grabmal eines Pfarrers mit Jesus: "Der Meister ist da und ruft dich"Dieser Stein spricht uns mit mehreren Aussagen an, da ist zum einen das Bild Christi in Gestalt eines Hirten. Darunter steht geschrieben (Johannes 11, 28):

Der Meister ist da und ruft dich.

Die Frage, die sich einem nun stellt, an wen ist dieser Aufruf gerichtet? Sind es quasi die letzten Worte an den Verstorbenen, dass er nun den Weg zu Gott gehen darf, um dort seine endgültige Heimat zu finden?

Ich denke nein, denn ein Grabstein stellt ja eher die Erinnerung an den Toten in den Vordergrund. Wenn wir jetzt noch beachten, dass der Verstorbene Pfarrer war, so können wir die Aussage auf uns alle übertragen.

Der Meister ist da und ruft dich, er möchte mit dir reden, er möchte dich trösten in deinem Leid. Es ist auch ein Aufruf zur Nachfolge. Der Meister ist da und ruft dich, er wartet auf dich, er wartet auf unser Bekenntnis zu ihm.

Relativ unscheinbar ist die Textangabe am unteren Rand des Steines sie lenkt unseren Blick auf das Alte Testament. Ich lese aus Jeremia 31, 3:

Der HERR ist mir erschienen von ferne: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.

Prädikantin Gaby Engel spricht an der Station 4: Der MeisterVermutlich wurde der Spruch während der Trauerfeier benutzt.

Auch hier stellt sich wieder die Frage, an wen wendet sich dieser Spruch? Nun, im ursprünglichen Textzusammenhang spricht Gott zu Jeremia, aber seine Liebe gilt dem gesamten Volk Israel. Da wir Christen durch Jesu Tod und Auferstehung zu dem Kreis der geliebten Kinder Gottes dazugehören, gilt diese Aussage auch für uns. Auch hier steht die Unvergänglichkeit der Liebe im Vordergrund. Sie überwindet sogar die Grenzen der Völker, da Gott selbst seine Liebe über sein Volk hinaus ausdehnt.

Die Station 5 ist ebenfalls nicht weit entfernt; wir kehren zurück auf den Weg, von dem wir kamen und gehen nur ein paar Schritte weiter.

Station 5: „Grenzstein des Lebens, nicht der Liebe“

Grabstein mit Inschrift am unteren Rand: "Grenzstein des Lebens, aber nicht der Liebe"Dieser Grabstein ergänzt das, was wir vorhin zur Liebe gehört und gesagt haben. Er versteht sich selber als einen Grenzstein, und zwar als einen „Grenzstein des Lebens, aber nicht der Liebe“.

Mit dem Tod hört unser irdisches Leben auf; aber da Gott die Liebe ist und wir mit dem Tod zu Gott zurückkehren, bleibt das von unserem Leben, das durch Liebe berührt und verwandelt worden ist, auch in der Ewigkeit aufbewahrt und lebendig. An diesem Grabstein singen wir ein Lied von dieser Verwandlung durch Gottes Liebe, die bereits hier in diesem Leben beginnt, das Lied 584:

Meine engen Grenzen

Der Bläserkreis begleitet ein gemeinsam gesungenes LiedWir gehen zur Station 6.

Station 6: „Hebräische Inschrift“

Ein Friedhof ist kein Ort wie jeder andere. Wo könnte man sonst in Gießen hebräische Inschriften sehen und zu entziffern versuchen?

Dieser Grabstein hat es mir besonders angetan, weil er in seiner Form an die steinernen Gesetzestafeln erinnert, die Mose von Gott erhalten hat. Offenbar wollten die Hinterbliebenen deutlich machen, dass das jüdische Ehepaar, das hier begraben liegt, sich ein Leben lang den Zehn Geboten verpflichtet gefühlt und nach den Weisungen Gottes gelebt hat.

Jüdischer Grabstein mit hebräischer Inschrift in Form zweier Gesetzestafeln

Die vollständige Übersetzung der hebräischen Inschrift dieses Grabsteins findet sich am Ende dieser Seite

Die hebräischen Buchstaben P und N

Die hebräischen Buchstaben P und N

Auf fast jedem jüdischen Grabstein stehen oben (wie auch hier in der ersten Zeile) die Buchstaben P und N. Immer von rechts nach links gelesen. Das ist eine Abkürzung für poh nigbar = „Hier ist begraben“.

Der Name von Mann und Frau ist unterschiedlich angegeben. Sein Name ist rechts in der zweiten und dritten Zeile auf Hebräisch so geschrieben: Joseph bar Naphtali Schtrauss – er ist also der Sohn eines Naphtali.

Hebräisch: ha-ischa-bole = ehrbare Frau

Ha-ischa-bole: Die herausragende Frau

Sie wird in der zweiten Zeile ha-ischa bole genannt, das bedeutet „die herausragende Frau“, wobei das Wort bole vielleicht auch lautmalerisch ihren Namen „Pauline“ ins Hebräische überträgt. Die dritte Zeile nennt sie dann weiter ischat-Joseph-Schtrauss = „Ehefrau des Josef Strauß“; das heißt, ihre Ehrbarkeit wird traditionell patriarchalisch in Abhängigkeit von ihrem Ehemann ausgedrückt.

Fast alle weiteren Zeilen enthalten für Mann und Frau parallele Aussagen gleicher Bedeutung. In der vierten Zeile steht hier rechts: niftar = „er starb“ und hier links: niftarah = „sie starb“. In der fünften Zeile rechts steht: we-nikbar = „er wurde begraben“ und in der sechsten links: we-nikbarah = „sie wurde begraben“.

Der Tag des Todes und des Begräbnisses wird nach dem jüdischen Kalender angegeben. Demzufolge sind beide im gleichen jüdischen Jahr 5671 gestorben, er im 2. Monat marcheschwan und sie im 11. Monat ab, aber nach unserem Kalender fällt dieses Datum in zwei verschiedene Jahre.

Abkürzung B-Sch-Q-P für "In Sabbats heiligem Inneren"

Abkürzung B-Sch-Q-P für (wörtlich übersetzt) „In Sabbats heiligem Inneren“

Besonders interessant ist ihr Todestag. Nicht deswegen, weil sie zwei Tage vor der Geburt meines Vaters gestorben ist, sondern weil es ein Samstag, also der jüdische Ruhetag war. Darauf geht der Grabstein in der vierten und fünften Zeile links ausführlich ein: niftarah be-schabbat kadosch penina = „sie starb im Inneren des Heiligen Sabbat“, ra‛ah kabod ha-rab menachem = „sie sah die Herrlichkeit des Herrn als Trost“.

Die hebräische Abkürzung T N Z B H in der letzten Zeile bezieht sich auf den Segen, den König David von Abigajil empfängt, der sehr klugen Frau eines seiner Feinde (1. Samuel 25). Sie sagt:

29 Und wenn sich ein Mensch erheben wird, dich zu verfolgen und dir nach dem Leben zu trachten, so soll das Leben meines Herrn eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen bei dem HERRN, deinem Gott.

T N Z B H - Es sei seine/ihre Seele eingebunden in Bündel der Lebendigen

„Es sei seine/ihre Seele eingebunden ins Bündel der Lebendigen“

Es ist der Satz tanitah nafscho/nafschah zerurah bizror ha-chajjim = „Es sei seine/ihre Seele eingebunden ins Bündel der Lebendigen“, der auf fast jedem jüdischen Grabstein steht. Und das bedeutet: Auch und gerade im jüdischen Glauben ist Gott kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen.

Nach diesem anstrengenden kleinen Hebräisch-Kurs geht es weiter zur Station 7. Ich verspreche: Dort ist alles wieder leichter zu verstehen, denn der nächste Grabstein enthält nur auf Deutsch übersetzte Worte aus dem Hebräischen.

Station 7: „Friedlicher Schlaf“

Grabkreuz aus Stein mit Inschrift: "Ich liege und schlafe ganz mit Frieden..."Nachdem wir einen jüdischen Grabstein betrachtet haben, finden wir hier auf einem christlichen Grabstein eine Inschrift aus einem jüdischen Gebet. Die Psalmen haben wir Christen ja als unsere Gebete zu Gott übernommen und wir lassen uns von diesem Grabstein dazu auffordern, Worte aus dem Psalm 4 mitzubeten:

2 Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst; sei mir gnädig und erhöre mein Gebet!

4 Erkennet doch, dass der HERR seine Heiligen wunderbar führt; der HERR hört, wenn ich ihn anrufe.

7 Viele sagen: »Wer wird uns Gutes sehen lassen?« HERR, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!

8 Du erfreust mein Herz, ob jene auch viel Wein und Korn haben.

9 Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.

Gottesdienstteilnehmer hören zuDas christliche Lied 486 ist diesem Psalm nachgedichtet worden. Aus ihm singen wir vier Strophen:

Ich liege, Herr, in deiner Hut und schlafe ganz mit Frieden
Station 8: „Treue“

Gaby Engel spricht bei der Station 8: "Treue"Wir stehen hier an einem Grabstein, der das Motto des heutigen Tages: „Kein Ort wie jeder andere“ noch einmal aufnimmt. Nachdem wir schon an einigen Grabsteinen mit hebräischer Schrift vorbeigegangen sind, begegnen wir noch einer weiteren Sprache.

„Zijt getrauw tot den dood“ können wir hier lesen. Es ist ein Zitat aus der Offenbarung auf Holländisch. „Sei getreu bis in den Tod“, heißt es im deutschen Text.

Grabstein mit holländischer Inschrift: "Zijt getrauw tot den dood"Es geht in der Offenbarung um die Treue der Gläubigen zu Gott. Da dieser Satz auf einem Grabstein eines Ehepaares steht, stellt sich mir die Frage: „Ist hier vielleicht eher die eheliche Treue gemeint?“ Wir kennen ja doch das Versprechen: „Bis dass der Tod uns scheidet.“

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass die Frau fast 30 Jahre länger gelebt hat. Dennoch scheint sie ihrem Mann bis zu ihrem eigenen Tod die Treue gehalten zu haben. Vielleicht wurde der Spruch ja als Erinnerung an diesen ehelichen Treueschwur von der Frau angebracht.

Gottesdienstteilnehmer an der Station 8: "Treue"Man könnte den Spruch aber auch als Ermahnung an alle Lebenden verstehen. Siehe Mensch, wenn du noch nicht einmal einem Menschen, die Treue halten kannst, wie schwer wird es für dich sein, Gott die Treue zu halten.

Auch wenn es uns schwer fällt, Gott die Treue zu halten, so gibt uns dieser Stein Zuversicht, denn der Vers verspricht uns eine Belohnung. In der Offenbarung 2, 10 geht der Satz noch weiter. Es heißt dort:

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Treue hat auch was mit Liebe zu tun, denn wenn wir uns der Liebe Gottes anvertrauen, so kann uns der irdische Tod nichts anhaben und wir werden das ewige Leben erlangen.

Station 9: „Christus, der ist mein Leben“

Grabkreuz aus Marmor mit Liedstrophe: "Christus, der ist mein Leben..."Hier halten wir an einem Grabstein, auf dem nicht ein Bibeltext, sondern eine ganze Liedstrophe eingraviert ist. Das Lied 516 singen wir hier gemeinsam:

1. Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn; ihm will ich mich ergeben, mit Fried fahr ich dahin.

4. Wenn meine Kräfte brechen, mein Atem geht schwer aus und kann kein Wort mehr sprechen: Herr, nimm mein Seufzen auf.

5. Wenn mein Herz und Gedanken zergehen wie ein Licht, das hin und her tut wanken, wenn ihm die Flamm gebricht:

6. alsdann lass sanft und stille, o Herr, mich schlafen ein nach deinem Rat und Willen, wenn kommt mein Stündelein.

7. In dir, Herr, lass mich leben und bleiben allezeit, so wirst du mir einst geben des Himmels Wonn und Freud.

Station 10: „Gottes Wege“

Grabdenkmal für eine Mutter und ihr zehnjähriges KindWir stehen am Grab eines Kindes und seiner Mutter.

  • Ein Kind stirbt zwei Tage vor seinem 10. Geburtstag.
  • Seine Mutter stirbt drei Tage später.
  • Dargestellt sind beide ruhig und gelassen, friedlich, lächelnd.
  • Sie gehen in Sonnenstrahlen hinein, die durch Wolken brechen.
  • Daneben kniet der Ehemann und Vater, vom Schmerz gebeugt.
  • Bewacht wird die Szene von einem mild-lächelnden Engel.
  • Überschrift: „Meine Wege sind nicht eure Wege.“

Dieser Satz bezieht sich auf eine Bibelstelle in Jesaja 55, 8-9:

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Andreas Pithan spricht an der Station 9: "Gottes Wege"Spricht hier die Willkür eines Gottes, der mit Menschen spielt, wie mit Schachfiguren? Erinnert dieses Wort an Zeus auf dem Olymp und an die anderen griechischen Götter, in deren Hand die Menschen Spielbälle sind?

Nein, auch wenn wir Wege gehen müssen, die wir nicht verstehen, dürfen wir die Gewissheit haben, dass Gott unsere Wege mitgeht. Gottes Wort der Bibel ist insofern ein Trost für Hinterbliebene, denn Gott lässt sie in ihrer Trauer nicht allein.

Manchmal wissen wir nicht mehr, wie es weitergehen soll. Hedwig von Redern hat im letzten Jahrhundert diese Erfahrung machen müssen. Nachdem sie die Hilfe Gottes spürte, dichtete sie ein Lied, das meistens auf Beerdigungen gesungen wird, aber auch mitten ins Leben gehört:

Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl
Station 11: Fürbitten

Grabstein mit getrenntem Paar und Inschrift: "Und alles Getrennte - findet sich wieder"Unsere vorletzte Station ist ein modern gestalteter Grabstein mit der Aufschrift „Und alles Getrennte findet sich wieder“. Wieder ist da die Grenze zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, das Geheimnis, das wir Menschen aus eigener Kraft nicht überbrücken können. Und wieder ist dennoch die Hoffnung ausgedrückt, dass diese Grenze keine endgültige Trennung von Liebenden bedeutet. An dieser Stelle bringen wir unsere Fürbitten vor Gott und singen nach jeder Bitte die Strophe 178.12: „Kyrie, Kyrie eleison.“

Wir danken dir, ewiger Gott. Du lässt uns Wohltaten empfangen durch Menschen, die du in unser Leben führst. Manche von ihnen hast du heimgeholt zu dir. Wir danken dir für alle Menschen, die uns nahestanden, die uns lieb waren im Leben.

Kyrie, Kyrie eleison.
Kyrie, Kyrie eleison.

Wir danken dir für die Gemeinschaft, die uns mit ihnen verband, für den Frieden, den sie brachten, für alles Gute, das sie uns schenkten. Sind sie uns auch durch den Tod entrissen, so freuen wir uns im Glauben, dass sie aufgenommen sind bei dir.

Kyrie, Kyrie eleison.
Kyrie, Kyrie eleison.

Wir bitten dich: Nichts möge verloren sein von dem, was in ihrem Leben gut war. Nimm ihr Leben an, erfüllt von Freude und Leid, Größe und Schwachheit. Herr, gib ihnen die ewige Ruhe.

Kyrie, Kyrie eleison.
Kyrie, Kyrie eleison.

Schenke unseren lieben verstorbenen Eltern, Geschwistern, Ehegatten, Verwandten, Mitarbeitern, Freunden und Wohltätern die Vollendung bei dir. Vergilt ihnen das Gute, das sie getan haben. Herr, lass ihnen leuchten das Licht deiner Liebe.

Kyrie, Kyrie eleison.
Kyrie, Kyrie eleison.

Allen, die dich bekannt haben, schenke den Lohn des Glaubens. Jenen, die der Erlösung noch fern sind, komm mit deinem Erbarmen zu Hilfe. Herr, nimm sie auf in deinen Frieden.

Kyrie, Kyrie eleison.
Kyrie, Kyrie eleison.

Die Opfer von Kriegen, Naturkatastrophen und Terror führe in deine Ruhe und deinen Frieden. Herr, gib ihnen das ewige Leben.

Kyrie, Kyrie eleison.
Kyrie, Kyrie eleison.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille

Herr über Leben und Tod, dir, dem dreieinigen Gott, sei Ehre und Dank jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten, die uns unser Herr Jesus Christus zu beten gelehrt hat:

Vater unser
Station 12: „Selig die Toten“

Ein trauernder Engel an einem GrabkreuzUnsere letzte Station hätte auch unsere erste sein können; hier sind wir fast wieder am Ausgangspunkt angelangt.

Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben

– behauptet dieser Grabstein (Offenbarung 14, 13) und beruft sich dabei auf Jesus selbst, der sterbend einen Psalm seiner jüdischen Heiligen Schrift gebetet hat (Psalm 31, 6):

In deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

In dem Herrn sterben, das heißt: In der Gemeinschaft mit Jesus sterben, in der Gemeinschaft derer, die zu seinem Leib gehören, die er zusammenschließt, auch wenn sie grundverschieden sind. Wer auf Gott vertraut, wer von und durch seine Liebe lebt, der lebt und stirbt im Herrn.

Empfangt an diesem Grabstein den Segen dieses Herrn:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er hebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Wir singen das Lied 473:

1. Mein schönste Zier und Kleinod bist auf Erden du, Herr Jesu Christ; dich will ich lassen walten und allezeit in Lieb und Leid in meinem Herzen halten.

2. Dein Lieb und Treu vor allem geht, kein Ding auf Erd so fest besteht; das muß ich frei bekennen. Drum soll nicht Tod, nicht Angst, nicht Not von deiner Lieb mich trennen.

3. Dein Wort ist wahr und trüget nicht und hält gewiss, was es verspricht, im Tod und auch im Leben. Du bist nun mein, und ich bin dein, dir hab ich mich ergeben.

4. Der Tag nimmt ab. Ach schönste Zier, Herr Jesu Christ, bleib du bei mir, es will nun Abend werden. Lass doch dein Licht auslöschen nicht bei uns allhier auf Erden.

Herzlich danke ich noch einmal dem Bläserkreis unter der Leitung von Andreas Gramm, der uns musikalisch begleitet hat!

Wer morgen früh noch einmal einen schönen Gottesdienst draußen feiern will, ist herzlich zum Erntedankfest unserer Paulusgemeinde auf dem Gelände des Vereins „Gartenfreunde am Waldbrunnenweg“ eingeladen, für den unsere Konfirmanden in der Bäckerei Braun Brote gebacken haben. Sie unterstützen damit ein Projekt der Aktion „Brot für die Welt“ in Kolumbien, durch das Straßenkinder eine Chance im Berufsleben bekommen sollen. Dafür bitten wir auch heute gleich um Ihre Spende.

Nachspiel des Bläserkreises

Nachspiel des Bläserkreises

Genaue Übersetzung der Inschrift auf dem hebräischen Grabstein

Für diejenigen, die es noch genauer wissen wollen, was auf dem Grabstein von Pauline und Josef Strauß steht, habe ich hier eine noch ausführlichere Übersetzung. Und damit Sie nicht dauernd hochscrollen müssen, um die gesamte Inschrift zu anzuschauen, ist sie hier noch einmal ganz zu sehen:

Grabstein von Pauline und Joseph StraussWichtig ist zu beachten, dass viele Wendungen abgekürzt ausgedrückt werden. Hebräische Buchstaben mit einem Punkt darüber können entweder eine solche Abkürzung darstellen oder aber, was die Sache komplizierter macht, eine Zahl bedeuten – und manchmal sogar beides zugleich!

Hebräisch wird von rechts nach links geschrieben, auch die Inschrift fängt rechts oben an:

p.n. = poh nigbar = hier ist begraben

p.n. = poh nigbar = hier ist begraben

joseph bar naphthali schtrauis = Josef Strauß, Sohn des Naftali

joseph bar naphthali schtrauis = Josef Strauß, Sohn des Naftali

niphtar = er starb

niphtar = er starb

b-jom g. w. am Tag 9 (g und w sind der 3. und 6. Buchstabe des hebr. Alphabets mit einem Punkt darüber bedeuten die Zahlen 3 und 6, sie ergeben zusammengezählt für den Todestag die Zahl 9)

b-jom g. w. = am Tag 9 (g und w, der 3. und 6. Buchstabe des hebräischen Alphabets, bedeuten mit einem Punkt darüber die Zahlen 3 und 6, sie ergeben addiert die Zahl 9 für den Todestag)

 

 

 

 

 

marcheschwan (im Monat) Marcheschwan (dieser jüdische Monat liegt in unserem gregorianischen Kalender in der Zeit zwischen Anfang Oktober und Anfang November, das Datum des Todes von Herrn Strauß entspricht dem Dienstag, 8. November 1910)

marcheschwan = (im Monat) Marcheschwan (dieser jüdische Monat liegt in unserem gregorianischen Kalender in der Zeit zwischen Anfang Oktober und Anfang November, das Datum des Todes von Herrn Strauß entspricht dem Dienstag, 8. November 1910)

 

 

b-niqbar = und wurde begraben

b-niqbar = und wurde begraben

 

 

b-jom h. b-schnat = am Tag 5 (das ist mir unklar, wirklich erst nach fünf Tagen?) im Jahr

b-jom h. b-schnat = am Tag 5 (das ist mir unklar, wirklich erst nach fünf Tagen?) im Jahr

th.r.y.a. = 400+200+70+1 = 671 / l.p.q. = l-parat-qatan = nach der kleinen Zählung (unter Verzicht auf die Darstellung der Zahl 5000 in hebräischen Buchstaben) = im Jahr 5671 nach dem jüdischen Kalender

th.r.y.a. = 400+200+70+1 = 671 / l.p.q. = l-parat-qatan = nach der kleinen Zählung (unter Verzicht auf die Darstellung der Zahl 5000 in hebräischen Buchstaben) = im Jahr 5671 nach dem jüdischen Kalender

th. n. z. b. h. = thehi naphscho zerurah be-zeror ha-chajjim = es sei - seine Seele - eingebunden - ins Bündel - der Lebendigen

th. n. z. b. h. = thehi naphscho zerurah be-zeror ha-chajjim = es sei – seine Seele – eingebunden – ins Bündel – der Lebendigen

poh nigbar = hier ist begraben

poh nigbar = hier ist begraben

ha-ischa bole = die herausragende Frau („bole“ vielleicht für „Pauline“?)

ha-ischa bole = die herausragende Frau („bole“ vielleicht auch für „Pauline“?)

ischat-joseph-schtrauis = die Frau des Josef Strauß

ischat-joseph-schtrauis = die Frau des Josef Strauß

niphtarah = sie starb

niphtarah = sie starb

b.sch.k.p. = b-schabbat-kadosch-penina = im Inneren des heiligen Sabbat

b.sch.k.p. = b-schabbat-kadosch-penina = im Inneren des heiligen Sabbat

 

 

 

 

 

ra‛ah = sie sah / k.h. = kabod ha-rab = die Herrlichkeit des Herrn / menachem = (als) Trost. Die Buchstaben k.h. mit Punkt darüber bedeuten zugleich auch die Zahl 5+20 und geben den Todestag im jüdischen Monat Ab an, der im gregorianischen Kalender der Zeit von Mitte Juli bis Mitte August entspricht und am Anfang der nächsten Zeile genannt wird; demgemäß ist Pauline Strauß am Samstag, 19. August 1911, gestorben.

ra‛ah = sie sah / k.h. = kabod ha-rab = die Herrlichkeit des Herrn / menachem = (als) Trost. Die Buchstaben k.h. mit Punkt darüber bedeuten zugleich auch die Zahlen 5+20 und geben als ihren Todestag den 25. im jüdischen Monat Ab an, der im gregorianischen Kalender der Zeit von Mitte Juli bis Mitte August entspricht und am Anfang der nächsten Zeile genannt wird; demgemäß ist Pauline Strauß am Samstag, 19. August 1911, gestorben.

ab = (im Monat) Ab

ab = (im Monat) Ab

b-niqbarah b-jom b. = = und wurde begraben am Tag 2 (das b mit Punkt für 2 steht erst in der nächsten Zeile)

b-niqbarah b-jom b. = = und wurde begraben am Tag 2 (das b mit Punkt für 2 steht erst in der nächsten Zeile)

 

 

 

 

 

b-schnat th.r.y.a. = im Jahr 400+200+70+1 = 671 (was, wieder mit Verkürzung um die 5000er-Zahlen, ebenfalls das Jahr 5671 nach jüdischem Kalender ergibt)

b-schnat th.r.y.a. = im Jahr 400+200+70+1 = 671 (was, wieder mit Verkürzung um die 5000er-Zahlen, ebenfalls das Jahr 5671 nach jüdischem Kalender ergibt)

th. n. z. b. h. = thehi naphscho zerurah be-zeror ha-chajjim = es sei - seine Seele - eingebunden - ins Bündel - der Lebendigen

th. n. z. b. h. = thehi naphschah zerurah be-zeror ha-chajjim = es sei – ihre Seele – eingebunden – ins Bündel – der Lebendigen

 

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