„Gott hat mich angelächelt“

Trauerfeier für eine alte Frau, die zuletzt damit rechnete, bald sterben zu müssen, und von Visionen erzählte, Gott selbst gesehen zu haben und ihn im Herzen zu tragen.

"Gott hat mich angelächelt": Ein rotes Herz mit der Inschrift "God" = "Gott", umgeben von einem größeren blaugrünen Herzen

Gott im Herzen tragen (Bild: OpenClipart-Vectors – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau R., die im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Wir beten mit Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du … hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Wir singen das Lied 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Liebe Trauernde!

„Leite mich auf ewigem Wege“, so haben wir mit dem 139. Psalms gebetet. „Führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich“, so haben wir gesungen.

Frau R. hat das Ende ihres irdischen Lebens erreicht und das Tor zur Ewigkeit durchschritten. In dieser Stunde blicken wir zurück auf ihr Leben und machen uns bewusst, in welcher Weise es ein unverwechselbares, einmaliges, erfülltes Leben war.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Ihre letzte Wohnung, in der sie über ein Drittel ihres Lebens lang gewohnt hat, liebte sie sehr, und es wäre ihr sehr schwer gefallen, noch einmal umziehen oder in ein Pflegeheim zu gehen. Besonders gefiel ihr auch der Blick durch die Fenster nach draußen, denn sie liebte die Natur und hatte viel Freude an den Eichhörnchen und den farbenprächtigen Vögeln, die sie da beobachten konnte. „So schöne Vögel hast du nicht“, sagte sie zu ihrer Tochter und meinte: „Wie kann man da traurig sein, wenn man in die Natur guckt!“

Sicher gab es auch traurige Zeiten in ihrem Leben, zum Beispiel als ihr Mann starb. Sie pflegte ihn hingebungsvoll bis zuletzt, und als er sterben musste, konnte sie der Tochter von ihm ausrichten: „Sag ihr, dass ich eingeschlafen bin.“

Über die Familie hinaus hatte Frau R. viele weitere Freunde und Bekannte. Sie war nie allein; ihre Tür war für alle offen. Wenn jemand Hilfe brauchte, sprang sie ein. „Ich glaub, ich hab heilende Hände“, meinte sie, denn sie verstand es, Schmerzen wegzumassieren. Einmal pflegte sie mehrere Wochen lang ein älteres Ehepaar, um deren Kindern einen lange geplanten Urlaub zu ermöglichen. Noch letztes Jahr saß sie regelmäßig am Bett einer schwerkranken Frau, für die sie pflegerisch nichts mehr tun konnte, die ihr aber sagte: „Es ist besser, wenn du da bist.“

Sie war ein zufriedener und freudiger Mensch, hat bei festlichen Anlässen immer Stimmung gemacht. Sie konnte die Sonne auf dem Balkon genießen. Ihr Geist war klar bis zum Schluss, auch ihr Gedächtnis war gut, und ihren starken Lebenswillen hat sie bewahrt bis zuletzt. Eigentlich wollte sie immer 100 Jahre alt werden.

Vor einiger Zeit jedoch fing sie an, mit einem früheren Tod zu rechnen. „Der Tag kommt,“ das hatte ihr Mann damals immer gesagt, man kann dem eigenen Tod nicht für immer ausweichen. Dass sie nicht bewusst ans Sterben denken oder darüber reden wollte, lag vielleicht auch daran, dass sie diesen Gedanken nicht ihrer Tochter zumuten wollte, von der sie wusste, wie traurig sie sein würde.

Im Nachhinein ist Ihnen aufgefallen, dass Frau R. sich in ihrem Innern vielleicht bereits seit längerer Zeit mit dem Heimgang in die Ewigkeit beschäftigt hat. Einmal sah sie vor sich einen kleinen Jungen, „er stand ganz stramm vor mir“, meinte sie: da erinnerte sie sich wohl an ihren als Baby verstorbenen kleinen Sohn, den sie im Himmel in die Arme würde schließen können.

Außerdem war es ihr mehrmals so, als habe sie ihren Schutzengel und sogar den lieben Gott gesehen, und sie konnte diese Vision genau beschreiben: sein Lächeln, seine langen silbernen Locken und seine blauen Augen – „aber so ein schöner Mann“. Als sie meinte: „Gott hat mich angelächelt“, da haben Sie zu ihr gesagt: „Er wartet auf dich.“ Ob sie den lieben Gott in ihrem Herzen hatte? Sie meinte: „Das hab ich.“ Da haben Sie mit Recht zu ihr gesagt: „Dann brauchst du keine Angst zu haben.“

Eigenartig, dass sie meinte, Gott gesehen zu haben. In der Bibel sagt Jesus (Matthäus 5, 8):

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Sie muss wohl zu den Menschen reinen Herzens gehört haben, wenn ihr solche Visionen Gottes geschenkt waren.

Inzwischen ist sie noch einen Schritt weiter; denn sie hat die Schwelle vom irdischen zum ewigen Leben überschritten und weiß mehr als wir alle, wie es wirklich ist in der Ewigkeit. Wir können gewiss sein, dass der Gott, den sie hier in einer Vision vor Augen gehabt hat, sie dort mit Ehren und in Gnaden aufgenommen hat.

Und so schwer es auch fällt, Abschied zu nehmen von einem Menschen, der so viele Jahre immer da war und den man so sehr geliebt hat, Sie müssen in dieser Stunde nicht nur traurig sein. Denn ihr Leben war erfüllt von so viel Liebe, dass Sie sich mit tiefer Dankbarkeit an Frau R. erinnern können, an eine Mutter, Großmutter, Schwester, Verwandte, Freundin und gute Bekannte, die Ihnen zwar fehlen wird, an die sie sich aber immer mit guten Gefühlen erinnern werden.

In zuversichtlichem Vertrauen auf Gott und seine Engel, die uns begleiten, dürfen wir Frau R. loslassen, denn sie geht in ihrem Tode nicht verloren. Amen.

Wir singen das Lied 393:

6. Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Vater gehet mit; er selbst will bei uns stehen bei jedem sauren Tritt; er will uns machen Mut, mit süßen Sonnenblicken uns locken und erquicken; ach ja, wir haben‘s gut, ach ja, wir haben‘s gut.

7. Kommt, Kinder, lasst uns wandern, wir gehen Hand in Hand; eins freuet sich am andern in diesem wilden Land. Kommt, lasst uns kindlich sein, uns auf dem Weg nicht streiten; die Engel selbst begleiten als Brüder unsre Reihn, als Brüder unsre Reihn.

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