Zwei Spuren auf dem Weg zum Berg Morija

Die eine Spur ist die Frage: Welches Bild hat Abraham eigentlich von seinem Gott und wie verändert es sich? Die andere Spur geht der Frage nach: Was geht eigentlich vor in der Beziehung dieses Vaters zu seinem Sohn Isaak? Wie muss sich das Bild der Eltern von ihrem Kind verändern, wenn das Kind erwachsen wird?

Kirchenfenster: Abraham muss seinen Sohn Isaak nicht opfern - Isaak kniet mit selbstbewusst ausgebreiteten Armen vorn im Mittelpunkt

Isaak wird quasi vom Tod erweckt und seinem Vater neu geschenkt (Foto des Kirchenfensters: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Judika, den 20. März 1994, um 9.00 Uhr in Biebelnheim und um 10.00 Uhr in Bechtolsheim
Lied 299, 1-6:

1) Was Gott tut, das ist wohlgetan es bleibt gerecht sein Wille; wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not mich wohl weiß zu erhalten; drum lass ich ihn nur walten.

2) Was Gott tut, das ist wohlgetan, er wird mich nicht betrügen, er führet mich auf rechter Bahn; so lass ich mir genügen an seiner Huld und hab Geduld; er wird mein Unglück wenden, es steht in seinen Händen.

3) Was Gott tut, das ist wohlgetan, er wird mich wohl bedenken; er als mein Arzt und Wundermann wird mir nicht Gift einschenken für Arzenei; Gott ist getreu, drum will ich auf ihn bauen und seiner Güte trauen.

6) Was Gott tut, das ist wohlgetan, dabei will ich verbleiben. Es mag mich auf die rauhe Bahn Not, Tod und Elend treiben, so wird Gott mich ganz väterlich in seinen Armen halten; drum lass ich ihn nur walten.

Herzlich willkommen im Gottesdienst in Bechtolsheim! Vielleicht sind Sie enttäuscht; eigentlich sollte ja unsere Dekanin, Frau Holzbrecher, heute zum Abschluss der Bibelwoche den Gottesdienst halten, und ich sollte in Albig und Heimersheim sein; wegen einer Taufe in der eigenen Gemeinde bleibt sie aber heute doch dort, und ich bin hier. Ich bin Pfarrer Schütz, arbeite als Krankenhausseelsorger in Alzey. Bei den Lesungen wird mich heute Frau … unterstützen, sie ist auch als ehrenamtliche Helferin in der Nervenklinik tätig.

Wie gesagt: In unserem Dekanat Alzey endet heute die Bibelwoche unter dem Thema: „Auf Saras und Abrahams Spuren“. Im Mittelpunkt unseres Gottesdienstes heute steht eine unheimliche, eine bestürzende, eine anstößige Abrahamsgeschichte: Abraham soll seinen Sohn opfern. Wir fragen uns: Was ist das für ein Gott, unser Gott, welche Opfer kann er, darf er uns abverlangen – er, in dessen Namen wir auch diesen Gottesdienst feiern:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“
Psalm 51:

12 Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, / und gib mir einen neuen, beständigen Geist.

13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, / und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.

14 Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, / und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

„Was Gott tut, das ist wohlgetan!“ so haben wir gesungen. Gott im Himmel, ist das wirklich wahr? Bist du wirklich ein treuer Gott, der es nie böse mit uns meint? Wendest du alles zum Guten, hältst du uns immer väterlich in deinen Armen? Manchmal zweifeln wir, zu glauben fällt nicht immer leicht. Wir möchten klagen: Was mutest du uns Menschen alles zu! Herr, erbarme dich unser!

„Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“
Psalm 51:

17 Herr, tu meine Lippen auf, / dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.

18 Denn Schlachtopfer willst du nicht, ich wollte sie dir sonst geben, / und Brandopfer gefallen dir nicht.

19 Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, / ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.

Lobsinget Gott, erhebet seinen Namen! „Lob, Ehr und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne und dem, der beiden gleich im höchsten Himmelsthrone, dem dreimal einen Gott, wie es ursprünglich war und ist und bleiben wird jetzund und immerdar.“

Lasst uns beten:

Vater im Himmel, hilf uns zu lernen, was Vertrauen heißt – Vertrauen zu dir, dem treuen Gott – nicht blinden Gehorsam, sondern sehendes Vertrauen! Schenke uns das Sehen mit den Augen des Herzens! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 18, 1-6 und 10-14:

1 Die Jünger [traten] zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich?

2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie

3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.

5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.

6 Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.

10 Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.

12 Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte?

13 Und wenn es geschieht, dass er’s findet, wahrlich, ich sage euch: er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.

14 So ist’s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem blauroten Liederbuch das Lied Nr. 644:

Wir bitten, Herr, um deinen Geist, dass du uns deine Kraft verleihst!
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Führe mich nicht in Versuchung!“ so beten wir in jedem Gottesdienst zu Gott. Doch in unserer Abrahamsgeschichte im 1. Buch Mose – Genesis 22 hat es den Anschein, dass genau dieses Schreckliche geschieht, dass Gott selber einen Menschen „versucht“, auf eine furchtbare Probe stellt, in eine geradezu ausweglose Situation hineinführt:

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.

„Nach diesen Geschichten“ – so fasst der Erzähler alles zusammen, was Abraham bisher mit Gott erlebt hat: Wie er seine Heimat verlassen und mit Gottes Hilfe eine neue Heimat in der Ferne gefunden hat. Und wie er schließlich in seinem hohen Alter es noch hat erleben dürfen, dass ihm und seiner Frau Sara ein Sohn geschenkt wurde: Isaak! Und durch diesen einen Sohn sollte er, Abraham, der Stammvater eines ganzen Volkes werden, des heiligen Volkes Gottes!

Nun beginnt eine neue Geschichte Abrahams mit seinem Gott. Wie schon oft hört Abraham in seinem Innern diese Stimme, und er denkt sofort: „Da spricht Gott zu mir. Gott selbst will etwas von mir.“ Und so antwortet er einfach: „Hier bin ich!“ als ob er sagen wollte: „Ich stehe ganz zu deiner Verfügung.“ Was Abraham allerdings heute von seinem Gott zu hören bekommt, ist ungeheuerlich:

2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

An zwei Bibelabenden in Bechtolsheim und Biebelnheim und in zwei Bibelgesprächen in der Nervenklinik haben wir in dieser Woche über diesen Text gesprochen. Und wir fanden grausam, was Gott hier von einem Vater verlangt.

Grausam genug ist es, wenn z. B. ein Kind an einer Krankheit oder durch einen Unfall stirbt. Da wird der Glaube der Eltern auf eine harte Probe gestellt. Aber ich kann und will nicht glauben, dass Gott absichtlich den Tod eines Kindes will, um Eltern zu prüfen. Alles, was Jesus über die Kinder gesagt hat, spricht dagegen. Und erst recht lehne ich es ab zu glauben, dass das wirklich der wörtlich zu nehmende Wille Gottes ist, Abraham solle seinen Sohn töten.

Was soll dann aber diese Geschichte? Ich möchte in dieser Predigt zwei Spuren verfolgen, auf die wir in den Bibelgesprächen letzte Woche gekommen sind.

Die eine Spur ist die Frage: Welches Bild hat Abraham eigentlich von seinem Gott und wie verändert es sich? Finden wir vielleicht in dieser Frage auch uns selbst wieder? Müssen wir vielleicht auch manchmal die Vorstellungen überprüfen, die wir uns von Gott machen?

Die andere Spur geht der Frage nach: Was geht eigentlich vor in der Beziehung dieses Vaters zu seinem Sohn? Welches Bild machen sich Eltern von ihrem Kind, und wie muss sich dieses Bild verändern, wenn das Kind erwachsen wird?

Erste Spur: Abraham lebt in einer Umwelt, in der man an die verschiedensten Götter glaubt. Und diese Götter erwarten von den Menschen Unterwerfung, sie sind eifersüchtig und möchten den Beweis, dass man wirklich an sie glaubt. Was den Menschen am liebsten ist, fordern diese Götter als Opfer – das Erste, was man erntet, die besten Tiere, die man züchtet, das erste Kind, das geboren wird. Ja, so grausam ging es in diesen Religionen zu: Da floss das Blut in Strömen – auch Kinder wurden geopfert; und noch aus den alten Märchen kennen wir die Vorstellung, dass junge Mädchen einem Drachen geopfert werden.

Ein solcher Gedanke ist plötzlich auch in Abraham da. Sein Gott, den er anbetet, ist er nicht der Höchste, ist er nicht der einzige Gott, hat er nicht das Recht, alles zu fordern? Er hat ihm doch auch alles geschenkt. Nun hört er die Stimme seines Gottes: Zeige mir, dass du wirklich nur mir vertraust. Opfere deinen einzigen Sohn, obwohl ich genau weiß, dass du ihn über alles liebhast!

Hat Abraham die Stimme Gottes richtig verstanden? War das, was Abraham hörte, wirklich Gott? Würde ein Mann uns hier und heute sagen: „Ich habe Gottes Stimme gehört! Gott hat mir heute gesagt: Ich soll meinen Sohn opfern wie ein Tier auf einem Altar!“ – dann würden wir ihn doch wohl einweisen bei uns in die Nervenklinik.

Lassen wir zunächst offen, was mit der Stimme ist, die Abraham hört, und wenden uns der anderen Spur zu: Wie steht dieser Vater zu seinem Sohn? Ich sehe in Abraham einen Vater, der unendlich große Hoffnungen auf seinen Sohn setzt. Isaak ist nicht nur sein geliebtes Kind, sondern er soll die Erfüllung aller seiner Träume und Verheißungen bringen. Ohne Isaak keine Nachkommen, kein Volk Gottes, kein Segen für die Völker! Spiegelt sich darin nicht etwas von den Hoffnungen wider, die viele Eltern in ihre Kinder setzen? Mütter, die sich ein Kind wünschen, um nicht mehr einsam zu sein, um jemanden zu haben, der sie braucht. Väter, die sich einen Nachfolger für den Betrieb, für das Geschäft wünschen. Männer und Frauen, die es nicht so weit gebracht haben und den Wunsch haben: Mein Kind soll es einmal besser haben, sprich: es soll meinen Weg erfolgreich zu Ende gehen. Ich denke, dass Abraham für alle Eltern steht, die ganz feste Vorstellungen haben, wie die Zukunft ihres Kindes aussehen soll – ich sehe förmlich dieses feste Band zwischen Vater und Sohn, das nicht allein ein Band des Liebhabens ist, sondern auch ein Band der Abhängigkeit: der Sohn muss den Weg gehen, den der Vater ihm vorgezeichnet hat, sonst verliert das Leben des Vaters seinen Sinn.

Wenn ich diese zweite Spur verfolge, dann lese ich unsere Abrahamsgeschichte wie einen Alptraum, den Abraham träumt: Aus der Tiefe seiner Seele steigt eine Ahnung auf, die ihm bisher unbewusst und verborgen war: Habe ich meinen Sohn bisher behandelt wie meinen Besitz? Wie ein Stück Vieh, über das ich verfügen kann nach meinem Belieben? War das nicht ein Irrtum? Ist dieser Sohn mir nicht von Gott nur anvertraut? Kann ich mit ihm einfach so meine Zwecke verfolgen, ohne ihn zu fragen? Ein Traum drückt solche Fragen in drastischer Bildersprache aus: Wenn dein Sohn dir ist wie ein Stück von deinem Besitz, dann opfere ihn, mach mit ihm, was du mit deinem Schlachtvieh machst! Mach wenigstens so deutlich, dass du noch weißt: Was dir gehört, ist dir von Gott geschenkt. Er kann es auch zurückfordern. Dein Sohn ist nicht dein Eigentum.

Hören wir nun, was Abraham tut:

3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.

4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne

5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.

Schrecklich nüchtern werden die alltäglichen Handgriffe und Verrichtungen vor und bei der Reise geschildert. Kein Wort dagegen von dem, was auf Abrahams Seele lastet. Und gerade in diesem Schweigen spüren wir den unmenschlichen Druck, dem sich Abraham ausgesetzt sieht.

Ich nehme wieder die beiden Spuren auf, die ich vorhin verfolgt habe. Spur Eins – Abraham und sein Gott: Machtlos scheint sich Abraham ihm ausgeliefert zu fühlen. Gottergeben tut er, was von ihm verlangt wird. Er klagt nicht einmal wie Hiob, der in einer ähnlichen Lage zu Gott schreit: Warum bist du so ungerecht gegen mich?

Allerdings: Abrahams Gehorsam ist nicht einfach ein blinder Kadavergehorsam, er folgt nicht aus bloßer Angst einem bösen Tyrannen. Abraham ist vielmehr offenbar fest davon überzeugt, dass Gott trotz allem alles zum Besten wenden wird: Den Knechten sagt er: „wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen“. „Wir“, sagt er. Nicht nur er allein, „wir“, er und sein Junge. Abraham kann nicht anders – er hält fest an seinem Vertrauen zu einem liebenden Gott, auch wenn er dieses Vertrauen im Augenblick nicht in Einklang bringen kann mit dem, was die Stimme dieses Gottes ihm gesagt hat.

Nun wieder zur zweiten Spur – Vater und Sohn: Etwas fällt mir auf: Die beiden gehen „miteinander“, Vater und Sohn gehen den gleichen Weg. Und doch ist der Weg für beide ein ganz anderer. Der Sohn, körperlich offenbar kräftig, bekommt das Holz auf den Rücken gelegt, so wie ja ein Kind in der Beziehung zu seinen Eltern auch manchmal stöhnt über das, was die Eltern ihm alles auferlegen. Der Vater selbst aber trägt das Messer und das Feuer; er trägt eine Verantwortung, die er nicht auf den Sohn abwälzen kann. Der Vater ist dafür verantwortlich, was zwischen ihm und dem Sohn geschehen wird: Wird er ihn loslassen können – wird er die Nabelschnur zu Isaak endgültig durchtrennen? Wird er fähig sein, Isaak sein eigenes Leben lassen zu können, ohne ihn für sich selbst zu missbrauchen, damit sein eigenes Leben nicht sinnlos wird? Wird er diesen Schmerz aushalten können, der in ihm wie Feuer brennen wird, wenn er einsieht: Mein Sohn gehört mir ja gar nicht, ich muss bereit sein, ihn herzugeben in Gottes Hände?

Bis jetzt wurde noch kein Wort zwichen Vater und Sohn erwähnt. Aber nach drei nervenzerreibenden Tagen muss Abraham seinem Sohn doch Rede und Antwort stehen:

7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Sieh, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?

8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

Eigentümlich: Als der Sohn den Vater anspricht, reagiert Abraham mit genau den gleichen Worten, mit denen er anfangs Gott geantwortet hat: „Hier bin ich, mein Sohn!“ Hier überschneiden sich die beiden Spuren, die wir verfolgt haben. Der Vater will dem Sohn zur Verfügung stehen, will ganz für ihn da sein. Und er vertraut darauf, dass er letzten Endes doch nicht entscheiden muss zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu seinem Sohn. Auf die einfache Frage Isaaks nach dem fehlenden Schaf zum Brandopfer antwortet Abraham nämlich voller Gottvertrauen und zugleich voller Vaterliebe: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Abraham vertraut sich und seinen Sohn Gott an, und so gehen sie in enger Vertrautheit gemeinsam einen eigentlich unerträglichen Weg.

Wir halten einmal inne im Text und singen das Lied 302, 1+5+6:

1) Wie Gott mich führt, so will ich gehn ohn alles Eigenwählen; geschieht, was er mir ausersehn, wird mirs an keinem fehlen. Wie er mich führt, so geh ich mit und folge willig Schritt für Schritt in kindlichem Vertrauen.

5) Wie Gott mich führt, so bleib ich treu im Glauben, Hoffen, Leiden. Steht er mit seiner Kraft mir bei, was will mich von ihm scheiden? Ich fasse in Geduld mich fest; was Gott mir widerfahren lässt, muss mir zum Besten dienen.

6) Wie Gott mich führt, so will ich gehn, es geh durch Dorn und Hecken. Sein Antlitz lässet Gott nicht sehn; zuletzt wird er aufdecken, wie er nach seinem Vaterrat mich treu und wohl geführet hat. Dies sei mein Glaubensanker.

Abraham und Isaak kommen endlich dort an, wo sie nach Gottes Willen ankommen sollen. Was wird nun geschehen auf diesem Berg?

9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz

10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

Wichtig ist nun, dass wir unsere beiden Spuren weiterverfolgen und jetzt sehr säuberlich auseinanderhalten.

Beginnen wir diesmal mit der zweiten Spur, auf der wir verfolgt haben, wie Abraham mit seinem Sohn umgeht. Es ist eine Szene, die wir im Blick auf Abraham und Isaak keinesfalls wörtlich nehmen dürfen, als ob Abraham seinem Sohn das Leben nehmen wollte. Nein, im Gegenteil: Abraham ist bereit, einen Schnitt zu machen zwischen sich und seinen Sohn, er ist bereit, die Nabelschnur endgültig durchzutrennen, das Gummiband der Abhängigkeit, das den Sohn nur schwerlich würde erwachsen und unabhängig werden lassen. So gesehen verhält sich Abraham wie ein Winzer, dem es weh tut, dass sein Sohn nicht das Weingut weiterführen wird, und der dennoch sagt: Geh deinen eigenen Weg, es ist dein Leben! Er verhält sich wie eine junge Mutter, die die Verantwortung für die Erziehung ihres neugeborenen Kindes nicht selber tragen kann und es freigibt zur Adoption, damit es gute Eltern bekommt. Indem Abraham den Isaak symbolisch für Gott opfert, ihn sozusagen zurücklegt in Gottes Hände, gibt er ihn frei, lässt er ihn sein eigenes Leben leben. Würde er sich klammern an Isaak, würde er ihn behalten wollen als sein Eigentum, würde er ihn nicht erwachsen werden lassen – gerade dann würde er wirklich das Leben Isaaks aufs Spiel setzen, dann würde er ihn auf dem Altar seines eigenen Egoismus opfern.

Allerdings könnte nun jemand sagen: In der Geschichte steht nun einmal wörtlich da: Abraham fesselt seinen Sohn, legt ihn auf das Holz, hebt das Messer. Er will ihn doch abschlachten. Also müssen wir noch einmal den Blickwinkel wechseln und fragen: Was geschieht hier eigentlich zwischen Abraham und Gott?

Kann es sein, dass ein Vater wirklich denkt: ich muss Gott beweisen, dass ich ihm vertraue, dass ich ihn mehr liebe als alles andere, sonst bin ich seiner nicht wert! Kann es sein, dass er meint: Ich muss nicht nur symbolisch das Abhängigkeitsband durchschneiden, sondern das Kind selbst töten?

Nein, dieser Deutung widersprechen eindeutig die folgenden Verse – gerade indem Abraham zum Messer greift, hört er nämlich noch einmal Gottes Stimme, und diesmal ganz anders, viel klarer, viel deutlicher, menschlicher, näher:

11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

Der Engel des HERRN spricht nun zu Abraham. Vorher hat er allgemein die Stimme der Gottheit gehört, in die sich für ihn vielleicht etwas hineingemischt hat, was Abraham von Göttern aus anderen Religionen kannte – die Forderung etwa, einen Menschen zu opfern, die man blutig vollziehen musste. Nun erkennt er: Das will mein Gott, der einzige Gott aller Menschen, ja gar nicht! Der will ja, dass mein Sohn lebt! Das einzige Opfer, was er will, ist eben gerade, dass ich diesen Sohn leben lasse, sein eigenes Leben lasse, dass ich ihn nicht für mich missbrauche!

12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.

14 Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht.

Hier kommen wir, wenn wir unsere beiden Spuren verfolgen, nun doch zu einem guten Ende. Am Ende seines Weges wird dem Abraham, der sein Kind loslässt und abnabelt, dieses Kind neu geschenkt. So wie Eltern ein erwachsenes Kind, das sie in einem schmerzlichen Prozess in die Freiheit entlassen mussten, auf einmal neu gewinnen als ein erwachsenes Gegenüber.

Und seinen Gott entdeckt Abraham nun eindeutig als den, „der sieht“. Auch wir Christen dürfen in diesem Gott unseren eigenen Gott wiedererkennen: den Gott, der das menschliche Gesicht Jesu trägt. Gott ist den ganzen furchtbaren Weg mitgegangen, und am Ende dieses Weges hat er dem Abraham das Messer aus der Hand genommen. Gott „sieht“. Er „ersieht“ ein Schaf, das stellvertretend für Isaak geopfert wird. Er nimmt unsere menschliche Not wahr, so sehr, dass er schließlich nicht mehr anders kann: er nimmt selbst unser Fleisch und Blut an, er wird selbst zum Opferlamm, er erleidet selbst am eigenen Leibe, was wir Menschen einander antun, er lebt uns in eigener Person vor, wie wir trotzdem auf unserer Erde sinnvoll leben können, wie wir lieben können, als Menschen, die zuerst von Gott geliebt sind. Sich selbst opfert Gott, sich selbst schenkt er uns, in Jesus schlachtet er nicht aus grausamem Zorn heraus seinen Sohn, sondern in Jesus leidet Gott selbst an und unter all dem, was uns Menschen immer wieder kaputtmacht. Gott ist nicht grausam, Gott ist barmherzig, und wenn Jesus sich wie ein Opferlamm abschlachten lässt, dann nicht, um einen zornigen Vater im Himmel zu besänftigen, sondern weil er nur mit seiner scheinbar wehrlosen Liebe den Hass und den Tod unter uns Menschen besiegen kann. Gott selber erleidet in Jesus den geballten Hass von Menschen, er beantwortet ihn nicht mit Gewalt, sondern mit seinem unschuldigen Leiden. Und in diesem Leiden ist er zugleich allen Menschen nahe, die selber sinnloses Leiden ertragen müssen. Wir bleiben nicht allein, was auch immer wir ertragen müssen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem Liederheft das Lied Nr. 667:

Manchmal kennen wir Gottes Willen, manchmal kennen wir nichts
Abkündigungen

Gott im Himmel, in Jesus bist du uns nahe gekommen. In Jesus hast du es uns vorgelebt: die Liebe zu dir und die Liebe zu den Menschen gehören unteilbar zusammen. Wir dürfen dich liebhaben, der du uns zuerst lieb hast, einfach so, wie wir sind! Und wir dürfen unseren Nächsten lieben, so wie wir auch uns selbst liebhaben und gut für uns sorgen dürfen. Als Kinder unserer Eltern lass uns lernen, erwachsen zu werden und die Verantwortung für unser eigenes Leben zu tragen. Als Eltern lass uns lernen, unsere Kinder loszulassen, dass sie ihren eigenen Weg finden und gehen. Halt uns fest in Freude und Leid, lass uns nicht verlorengehen und reiße uns heraus aus dem Abgrund der Verzweiflung. Amen.

Gemeinsam beten wir mit Jesu Worten:

Vater unser

Und nun geht mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

Lied 208, 1-6:

1) Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

2) Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert, dass uns beid, hier und dorte, sei Güt und Heil beschert.

3) Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht; dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

4) Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr; dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.

5) Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held, dass uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.

6) Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott; Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

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