Der König am Kreuz

Der Machtpolitiker Pilatus und der Messias Jesus.

Engstirnige Religionsvertreter, deren Herzen immun gegen Vernunfterwägungen und Mitleidsregungen sind, erfüllen selbst den abgebrühten Machtpolitiker Pontius Pilatus mit Furcht. Der Pilatus des Johannesevangeliums steht zwischen zwei Ängsten – dem unheimlichen Grauen vor dem Fanatismus der gewaltbereiten Religion – und der beunruhigenden Infragestellung seiner weltlichen Macht durch die Vollmacht, die Jesus ausstrahlt.

Jesus vor Pilatus

Jesus vor Pilatus (Foto des Reliefs: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Karfreitag, den 18. April 2003, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Gottesdienst am Karfreitag besinnen wir uns auf den Tod Jesu am Kreuz. Wir tun dies, indem wir Texte des Johannesevangeliums hören, die Jesus als den König der Juden verkünden. Ein König, der am Kreuz hängt, das klingt wie ein Widerspruch in sich selbst. Und doch wohnt in dem Gekreuzigten die Allmacht der Liebe Gottes.

Wir singen das Lied 90:

Ich grüße dich am Kreuzesstamm, du hochgelobtes Gotteslamm, mit andachtsvollem Herzen. Hier hängst du zwar in lauter Not und bist gehorsam bis zum Tod, vergehst in tausend Schmerzen; doch sieht mein Glaube wohl an dir, dass Gottes Majestät und Zier in diesen Leibe wohne und dass du hier so würdig seist, dass man dich Herr und König heißt, als auf dem Ehrenthrone.

Ich folge dir durch Tod und Leid, o Herzog meiner Seligkeit, nichts soll mich von dir trennen. Du gehst den engen Weg voran; dein Kreuzestod macht offne Bahn den Seelen, die dich kennen. Ach Jesu, deine höchste Treu macht, dass mir nichts unmöglich sei, da du für mich gestorben; ich scheue nicht den bittern Tod und bin gewiss in aller Not: „Wer glaubt, ist unverdorben.“

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Dass das Kreuz ein Ehrenthron für einen König sein soll, das will uns nicht in den Kopf. Dass Gottes Allmacht in dem geschundenen Leib des gekreuzigten Jesus wohnen soll, ist unbegreiflich. Und doch ist genau das die Verkündigung des Karfreitags.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Im Namen der Menschlichkeit werden Verbrechen begangen. Im Namen der Religion begehen Menschen Terrortaten. Im Namen des christlichen Abendlandes wird im Irak ein Krieg geführt. Doch all das geschieht nicht im Namen des Königs, der am Kreuz hängt. Wir rufen zu Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wo finden wir den Gekreuzigten Jesus heute? Da wo Mütter um ihre Kinder und um gefallene Söhne weinen. Da wo verwundete Kinder vor Schmerzen schreien und ihre getöteten Eltern vermissen. Wo Ratlosigkeit herrscht und verzweifelte Wut, wo das Chaos regiert und Krankenhäuser ausgeplündert werden, da ist Jesus bei denen, die dennoch Mensch bleiben.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Heiliger Gott im Himmel, dir hat es gefallen, deine Allmacht in einem sterblichen Menschen zu verbergen, in der Liebe des Jesus zu bergen. Lass uns erkennen, wie du in ihm die Welt regierst und lass uns auf dich hören, wenn du uns rufst – in die Nachfolge Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Schon im ersten Kapitel des Evangeliums nach Johannes wird Jesus als König der Juden bezeichnet. Wir hören Johannes 1, 45-51:

45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.

46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es!

47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.

48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.

49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!

50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres als das sehen.

51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, vielleicht fragen Sie sich: Wo bleibt das Lied vor der Predigt? Die Antwort ist: wir singen heute fünf Strophen aus dem Passionslied 77 eingebettet in die Predigt. Denn dieses Lied zeichnet den Todestag Jesu nach, von der Mitternacht bis zur Todesstunde um die 9. Stunde 3 Uhr nachmittags.

Diese Predigt will die Frage beantworten: Inwiefern ist Jesus ein König? Wie kann er König sein, einer, der Macht hat, wenn er doch ans Kreuz gehängt wird? Im Johannesevangelium wird diese Frage in der Konfrontation Jesu mit Pontius Pilatus gestellt. Dieser Statthalter Roms in Jerusalem, der im christlichen Glaubensbekenntnis namentlich vorkommt, interessiert sich sehr für den Machtanspruch Jesu. Was für ein König ist Jesus?

Die entsprechenden Texte aus Johannes 18 und 19 liest Herr …, und ich füge auslegende Worte hinzu.

Zuvor singen wir aus dem Lied 77 die 1. Strophe. Sie schildert, was im Dunkel der Nacht vom Gründonnerstag auf Karfreitag geschieht: Die religiösen Machthaber in Jerusalem lassen Jesus verhaften und verhören ihn; Misshandlungen und Spott muss er ertragen.

Christus, der uns selig macht, kein Bös‘ hat begangen,
ward für uns zur Mitternacht wie ein Dieb gefangen,
eilend zum Verhör gebracht und fälschlich verklaget,
verhöhnt, verspeit und verlacht, wie denn die Schrift saget.

Im Laufe der Nacht wird der Vertreter der römischen Staatsmacht in Jerusalem mit dem Fall Jesus konfrontiert.

Die seinen Tod wollen, erheben Anklage gegen Jesus vor Pontius Pilatus, denn nur er darf in Israel Todesurteile fällen (Johannes 18):

28 Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten.

29 Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor?

30 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet.

31 Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten.

Zwischen Pilatus und Jesus entspinnt sich ein denkwürdiger Dialog:

33 Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden?

Pilatus weiß, dass Jesus als Messias in Jerusalem begrüßt worden ist. Er weiß, welche Erwartungen das Volk mit einem Messias verbindet: das Ende der Herrschaft der Römer, den Beginn eines ewigen Friedens in der Welt unter der Führung des Königs der Juden. Darum seine Frage an Jesus: „Bist du dieser König der Juden?“

34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt?

Jesus stellt die Rückfrage nicht ohne Grund. Pilatus soll nicht vom Hörensagen urteilen, sondern selbst nachdenken.

35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan?

Pilatus weigert sich, auf die religiösen Spitzfindigkeiten eines von Rom eroberten Fremdvolkes einzugehen. Das geht ihn nichts an. Als oberster Richter im Land ist er nur an harten Fakten interessiert: „Was hast du verbrochen?“

36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.

Die Antwort Jesu lautet: Ein Aufrührer, wie du ihn definieren würdest, bin ich nicht. Das Reich, um das es mir geht, kann man nicht aufrichten und nicht verteidigen, indem man zu den Waffen greift. Es ist kein abgrenzbarer Bereich in dieser Welt, über den man mit Beamten und Soldaten herrscht. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Gott regiert die Welt anders. Jesus spricht es nicht aus, aber er meint: mit der Macht seiner Liebe.

37 Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.

Mit dem Stichwort „Wahrheit“ unterstreicht Jesus den entscheidenden Unterschied: Sein Reich ist ein Reich der Wahrheit, nicht der Lüge. Geheimnisvoll ist der Weg, wie sich diese Wahrheit durchsetzt: Zum einen setzt sie sich durch, indem Jesus als Mensch zur Welt kommt und in seiner ganzen Person die Wahrheit bezeugt. In der Begegnung mit dieser Person wird Wahrheit zu einer inneren Haltung, die man entweder teilt oder eben nicht: entweder man ist aus der Wahrheit und hört Jesu Stimme oder man ist taub für die Wahrheit, die sich in Jesus offenbart.

38 Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.

Pilatus stellt die berühmte Frage: „Was ist Wahrheit?“ und bestätigt damit, was Jesus meinte. Pilatus geht nicht so weit wie in den Evangelien des Markus und Matthäus der Hauptmann unter dem Kreuz, der das Bekenntnis ausspricht: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ Er bleibt skeptisch, ob man Wahrheit überhaupt erkennen kann, erkennt jedenfalls in Jesus nicht die Wahrheit. Aber er kann Jesus auch keiner Lüge überführen.

Wir singen die 2. Strophe aus dem Lied 77:

In der ersten Stund am Tag, da er sollte leiden,
bracht man ihn mit harter Klag Pilatus dem Heiden,
der ihn unschuldig befand, ohn Ursach des Todes,
ihn derhalben von sich sandt zum König Herodes.

Das Lied folgt hier dem Evangelium des Lukas. Nur der erwähnt, dass Jesus auch dem König Herodes vorgeführt wird. Johannes weiß davon nichts; er konzentriert sich ganz auf die Beziehung des Pilatus zu Jesus.

Vor den Anklägern vertritt Pilatus also die Unschuld Jesu, dann macht er einen Vorschlag zur Güte:

39 Es besteht aber die Gewohnheit bei euch, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?

40 Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber.

Pilatus wagt es nicht, Jesus wegen erwiesener Unschuld freizulassen. Stattdessen versucht er, die Entscheidung auf das Volk abzuwälzen. Wenn Jesus in Wahrheit der König der Juden ist, dann müssten die Menschen dieses Volkes, die Leute von der Straße und ihre Mächtigen, doch für ihn eintreten. Aber Menschen, die Gott zu besitzen meinen, sind blinder für die Wahrheit als Pilatus; sie wollen lieber Barabbas frei haben. Das Wort, das Luther mit „Räuber“ übersetzt, bedeutet übrigens nicht, dass Barabbas ein Straßenräuber oder Einbrecher ist, sondern dass er Kapitalverbrechen gegen Leib und Leben verübt hat; er ist vermutlich ein Freiheitskämpfer gegen die Römer, der auch vor Terrormethoden nicht zurückschreckt ist. Er ist in den Augen des Volkes ein Held – seine Freilassung fordert die Menge; für Jesus, dessen Reich nicht von dieser Welt ist, rührt sie keinen Finger (weiter mit Johannes 19):

1 Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln.

2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an

3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden! und schlugen ihm ins Gesicht.

4 Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde.

Pilatus treibt weiter ein doppeltes Spiel. Er lässt Jesus grausam auspeitschen mit Geißeln, die die Haut in Fetzen reißen, und überlässt ihn seinen Soldaten, die ihn als König mit Dornenkrone verspotten. Den so misshandelten Jesus führt er noch einmal dem Volk vor – müssten sie nicht wenigstens aus Mitleid seine Unschuld anerkennen?

5 Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch!

Wir singen die 3. Strophe aus dem Lied 77:

Um Drei hat der Gottessohn Geißeln fühlen müssen;
sein Haupt ward mit einer Kron von Dornen zerrissen;
gekleidet zu Hohn und Spott ward er sehr geschlagen,
und das Kreuz zu seinem Tod musst er selber tragen.

Das Lied meint mit 3 Uhr die 3. Stunde am Tag, also etwa 9 Uhr morgens – unaufhaltsam naht die Stunde der Kreuzigung, obwohl Pilatus ein drittes Mal die Unschuld Jesu bestätigt.

6 Als ihn die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige! kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.

7 Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.

Wer verbohrt genug auf dem eigenen Recht beharrt und sich in diesem Rechthaben auch noch von Gottes Gesetz gestützt weiß, dessen Herz ist offenbar weder von Vernunfterwägungen noch von Mitleidsregungen erreichbar. Diese engstirnige und fanatische Form der Religion erfüllt selbst den abgebrühten Machtpolitiker Pilatus mit Furcht.

8 Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr

9 und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort.

Pilatus steht zwischen zwei Ängsten – dem unheimlichen Grauen vor dem Fanatismus der gewaltbereiten Religion – und der beunruhigenden Infragestellung seiner weltlichen Macht durch die Vollmacht, die Jesus ausstrahlt.

10 Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen?

11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.

Hier beantwortet Jesus die Frage des Pilatus: „Woher bist du?“ Jesus als Sohn Gottes weiß, dass weltliche Macht nur abgeleitete, verliehene Macht ist. Wo der Staat seine Autorität in rechter Weise wahrnimmt, übernimmt er Aufgaben, die ihm von Gott selbst übertragen sind. Wie wichtig das ist, sehen wir im Irak, wo die erobernden Mächte die einheimische Obrigkeit beseitigt haben, ohne dazu bereit zu sein, selber für Recht und Ordnung zu sorgen. Das Ergebnis ist Anarchie, die die niedersten Instinkte der Menschen begünstigt. Jesus bescheinigt dem Pilatus sogar, dass er weniger Macht hat als die, die ihn dem Statthalter ausgeliefert haben: denn sie konnten anders entscheiden, der Politiker Pilatus muss zugleich den Sachzwängen gerecht werden, die zu seinem Amt gehören.

12 Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn, wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser.

13 Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf hebräisch Gabbata.

Plötzlich steckt Pilatus selber in einer Zwickmühle – lässt er Jesus frei, läuft er Gefahr, als Aufrührer gegen den Kaiser zu gelten, verurteilt er Jesus, vergewaltigt er sein eigenes Gewissen. Einen letzten Versuch startet er, um Jesus zu retten. Er präsentiert ihn dem Volk der Juden ganz bewusst als ihren Messias:

14 Es war aber am Rüsttag für das Passafest um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König!

15 Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser.

Die religiös Mächtigen haben kein Interesse an ihrer eigenen Tradition, wenn sie dann an einen Messias glauben müssten, der ihnen ihre liebgewordene Macht wegnehmen könnte.

16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Wir singen die 4. Strophe aus dem Lied 77:

Um Sechs ward er nackt und bloß an das Kreuz geschlagen,
an dem er sein Blut vergoss, betet mit Wehklagen;
die Zuschauer spott’ten sein, auch die bei ihm hingen,
bis die Sonne ihren Schein entzog solchen Dingen.

Nach dem Johannesevangelium geht das Interesse des Pilatus an Jesus so weit, dass er eigenhändig die Inschrift auf sein Kreuz schreibt, und zwar sogar in mehreren Sprachen:

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.

20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.

22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

So wird ausgerechnet Pilatus, der zwielichtige Vertreter der römischen Staatsmacht, der den Justizmord an Jesus wider besseres Wissen vollstreckt, zum Zeugen für die Wahrheit des Jesus: Jesus ist der König der Juden – und als solcher auch der, der die Macht hat über die Welt.

Indem Pilatus ein ungerechtes Urteil vollstreckt, sorgt er gegen den Augenschein dafür, dass Gottes Plan zu seinem Ziel kommt. Jesus wird erhöht.

Die Staatsmacht kann ihn töten und hoch hinauf ans Kreuz hängen, allen sichtbar als Zeichen der Abschreckung: Seht, so geht es jedem, der Unruhe stiftet und Aufruhr macht. So geht es dem, der sich an die Stelle Gottes setzt und behauptet, Gott sei ein Freund der Sünder.

Doch über dem Kreuz steht die Wahrheit: Jesus von Nazareth ist König, gerade indem er am Kreuz hängt, mit seiner Liebe, die er von oben hat, als Gottessohn, der er bis zuletzt bleibt, ist er mächtiger als die, die seinen Leib töten können.

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Mit Essig auf den Lippen spricht Jesus die Worte: „Es ist vollbracht!“ Es erfüllt sich hier, was im Psalm 69, 22 geschrieben steht:

„Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“

Bitter und sauer ist der Geschmack der Welt, in der die Grausamkeit der Gewalt und die Banalitäten des Alltags dicht nebeneinander stehen, und mit diesem Geschmack auf den Lippen stirbt Jesus, indem er zugleich überwindet, was diese Welt so grausam und banal macht. Nur weil die Welt sich gottverlassen vorkommt, glaubt sie an Sinnlosigkeit und an das Recht des Stärkeren. Hier am Kreuz stirbt der, in dem Gottes Liebe wohnt, die niemand töten kann. So behauptet Gott seinen Machtanspruch gerade indem er auf jede weltliche Macht verzichtet. Das ist die Botschaft des Karfreitags: „Es ist vollbracht!“ Die Liebe Gottes in Jesus Christus ist stärker als jede Gewalt und jede Sinnlosigkeit dieser Welt. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen nach der Predigt die 5. und 8. Strophe aus dem Lied 77:

Jesus schrie zur neunten Stund, grosser Qual verfallen,
ihm ward dargereicht zum Mund Essigtrank mit Gallen;
da gab er auf seinen Geist, und die Erd erzittert,
des Tempels Vorhang zerreißt, und manch Fels zersplittert.

O hilf, Christe, Gottes Sohn, durch dein bitter Leiden,
dass wir dir stets untertan Sünd und Unrecht meiden,
deinen Tod und sein Ursach fruchtbar nun bedenken,
dafür, wiewohl arm und schwach, dir Dankopfer schenken.

Lasst uns beten!

Jesus von Nazareth, König der Juden, Gottes Sohn und wahrer Mensch!

Wir stehen vor deinem Kreuz: entsetzt, erschrocken und stumm.

Damals wie heute rufen viele viel zu schnell nach Gewalt. Wo schnell verurteilt wird, leiden die Unschuldigen mit den Schuldigen. Wo Gewalt als Heilmittel gegen andere Gewalt erscheint, wächst das Leid der Menschen ins Unermessliche. Öffne unsere Augen: dass wir dich in den leidenden Menschen erkennen.

Wenn Vertreter der Staatsmacht wie Pilatus nicht einzutreten wagen für das, was sie als Recht erkennen – wecke ihr Gewissen. Wenn Menschen, die fest von ihrem Glauben überzeugt sind, fanatisch werden – schenke ihnen ein Herz, das lieben kann. Wenn wir unser Gewissen und unser Herz haben abstumpfen lassen, bitten wir dich um Vergebung, um rechte Gewissenserforschung, um ein reines Herz, das fühlen kann.

Viele tragen ein Kreuz wie du, Jesus, und brechen zusammen. Viele schauen zu, wenn Kreuze errichtet werden. Viele gehen schweigend vorbei an Gewalt und Hass und wenden sich ab, wenn Unrecht geschieht. Lass Machtlose Kraft finden. Tröste die Traurigen. Gib Mut den Ängstlichen. Führe Gleichgültige zu entschiedenem Handeln und stärke sie, wenn sie die Kreuze dieser Welt sehen. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 92:

Christe, du Schöpfer aller Welt, du König, der die Gläub’gen hält, weil unser Bitten dir gefällt, nimm unser Loblied an, o Held.

Kein Maß hat deine Gnad gekannt, hat in Geduld mit starker Hand durch Leid am Kreuz gelöst das Band, das Adams Sünde um uns wand.

Vor dem die Sterne neigen sich, du kamst ins Fleisch demütiglich, darin zu leiden williglich; in Todesschmerz dein Leib erblich.

Die Hand gebunden ausgestreckt, zu lösen, was in Banden steckt, hast du mit Gnad den Zorn bedeckt, den Menschenschuld in Gott erweckt.

Du hangst am Kreuze sterbend hier, und doch erbebt die Erd vor dir, der Geist der Kraft geht aus von dir, die stolze Welt erblasst vor dir.

Jetzt um dein Siegerangesicht des ewgen Vaters Glanz sich flicht, jetzt mit des Geistes Kraft und Licht, o König du, verlass uns nicht.

Und nun geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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