Von der Frage „Warum?“ zur Frage „Wozu?“

Trauerfeier für einen jungen Mann, der mitten aus seinem aktiven Leben gerissen wurde. Die Frage nach dem „Warum?“ ist nicht zu beantworten. Können Menschen der Bibel uns dabei helfen, das auszuhalten und irgendwann die Frage „Wozu?“ zu stellen?

Vom Warum zum Wozu: Vier an Schnüren nebeneinander hängende Kugeln mit den Fragen "Wo", "Wann", "Wie", "Warum" sollen von einer fünften Kugel mit einem Fragezeichen angestoßen werden.

Wo, wann, wie, warum – welche Frage führt aus fruchtlosem Grübeln heraus? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind vom Tod betroffen. Wir können es noch nicht begreifen, dass wir von Herrn V. Abschied nehmen müssen.

Liebe Frau V., liebe Angehörige des Verstorbenen, es ist ein schwerer Weg für Sie. Niemand kann Ihnen diesen Abschied ersparen. Doch Sie sind in dieser Stunde nicht allein, und wir suchen gemeinsam nach Hilfe und Trost.

Unser Gott, wir stehen hilflos und betroffen, verschreckt und untröstlich vor dir. Der Tod lähmt unsere Hoffnung, er stellt unseren Glauben in Frage. Wir sehen plötzlich so viel Sinnloses und sehnen uns doch nach Sinn.

Wir suchen nach Worten, um zu beten, in einem alten Lied der Bibel, dem Psalm 77; vielleicht hilft uns der Beter des Volkes Israel, auch selbst wieder beten zu lernen:

2 Ich rufe zu Gott und schreie um Hilfe, zu Gott rufe ich, und er erhört mich.

3 In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab; denn meine Seele will sich nicht trösten lassen.

4 Ich denke an Gott – und bin betrübt; ich sinne nach – und mein Herz ist in Ängsten.

5 Meine Augen hältst du, dass sie wachen müssen; ich bin so voll Unruhe, dass ich nicht reden kann.

6 Ich gedenke der alten Zeit, der vergangenen Jahre.

7 Ich denke und sinne des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen.

8 Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen?

9 Ist‘s denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Verheißung für immer ein Ende?

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?

11 Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder

13 und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut, du hast deine Macht bewiesen unter den Völkern.

16 Du hast dein Volk erlöst mit Macht.

21 Du führtest dein Volk wie eine Herde.

Liebe Frau V., liebe Trauergemeinde!

Es ist heute, eine Woche nach dem urplötzlichen Auftreten einer schweren Krankheit bei Herrn V., noch immer nicht zu fassen, dass er nicht mehr lebt. Niemand hätte das noch gestern vor einer Woche vorausgeahnt. Kurz waren die Tage des Bangens und Hoffens im Krankenhaus, bis – zu früh für diesen Mann in der Mitte seines Lebens – die schreckliche Gewissheit da war: Herr V. ist gestorben, mit [über 40] Jahren.

Die Gedanken gehen in dieser Stunde zurück zu dem, was das Leben von Herrn V. ausgemacht hat, zu dem, was Sie gemeinsam mit ihm erlebt und erfahren haben, was Sie für ihn empfunden haben und was er für Sie bedeutet hat.

Erinnerungen an das Leben und das Wesen des Verstorbenen

Wir können nicht in einen Menschen hineinschauen, wollen das auch nicht tun. Doch in uns meldet sich die Frage „Warum?“ Warum musste Herr V. so früh sterben? Warum muss die Mutter dieses Leid ertragen? Warum lässt Gott das zu, warum ist Gott so hart und grausam und nach unseren Maßstäben ungerecht?

Es gibt keine einfache, vielleicht gar keine Antwort auf diese Frage „Warum?“ Was ich Ihnen aber heute an diesem Sarg sagen kann, ist, dass wir mit dieser Frage und mit dieser Hilflosigkeit nicht allein bleiben müssen. Der Mann des Alten Testaments, dessen Psalm wir vorhin gebetet haben, muss viel Hartes und Schweres erduldet haben, der kann sich nicht beruhigen und trösten lassen. Doch er macht uns etwas vor, was uns so schwer fällt: er spricht seinen ganzen Kummer, seine tiefe Verzweiflung, ja seinen großen Zweifel an Gott selbst – vor Gott aus. „Ich denke an Gott“, sagt er, „und ich bin betrübt; ich sinne nach – und mein Herz ist in Ängsten.“ Er klagt vor Gott sein Leid, ja, er klagt vor Gott sogar gegen Gott. Er spricht aus, wie er unter Gott leidet: „Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.“

Billiger Trost wäre es, den Schmerz zu verharmlosen, den Verlust erträglich erscheinen zu lassen, die Trauer wegschieben zu wollen. Hilfreich ist die Nähe von Menschen in der Trauer, die wissen, dass sie hilflos sind, die stark genug sind, den Tränen ihr Recht zu lassen, die mit ihrer lebendigen Nähe den Trauernden empfinden lassen, dass er nicht allein ist, dass er lebt mit seinem Schmerz, dass da Menschen sind, zu denen eine Beziehung besteht, die er braucht und die ihn wieder brauchen werden.

Ein Mann in der Bibel war besonders empfindlich gegenüber billigem Trost; das war Hiob. Er verlor seinen Reichtum, alle seine Kinder starben, und er wurde selbst schwer krank. Seine Freunde redeten ihm zu, er solle sich dareinfügen; er habe sicher irgendeine verborgene Schuld auf sich geladen und sei von Gott gestraft worden; gegen Gott dürfe er sich auf keinen Fall wenden. Doch Hiob, der sich Gott gegenüber keiner Schuld bewusst ist, klagt Gott an, gerade weil er an ihn glaubt (Hiob 16):

12 Ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht; er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert. Er hat mich als seine Zielscheibe aufgerichtet;

13 seine Pfeile schwirren um mich her. Er hat meine Nieren durchbohrt und nicht verschont; er hat meine Galle auf die Erde geschüttet.

16 Mein Antlitz ist gerötet vom Weinen, auf meinen Wimpern liegt Dunkelheit,

17 obwohl kein Frevel in meiner Hand und mein Gebet rein ist.

Warum betet Hiob noch, wenn er Gott als so grausam erlebt hat? Warum hält er an ihm fest? Was erwartet er noch von ihm?

Es ist nicht zu erklären. Er hat dieses starke Vertrauen, diesen festen Glauben an Gott. Ihm kommen gar keine Zweifel daran, dass Gott vielleicht gar nicht da wäre. Wohl aber zweifelt er an Gottes Gerechtigkeit. Er teilt nicht den Glauben seiner Freunde, dass Gott die Bösen straft und die Guten belohnt. Er erfährt, dass Gott ihn als frommen Mann grausam behandelt – und er wagt es, Gott das auch vorzuwerfen.

Darin liegt noch Hoffnung. Darin liegt der Grund, dass Hiob sein Leben nicht wegwirft, sondern von Gott trotz allem noch etwas erwartet. Er seufzt (Hiob 16):

18 Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und mein Schreien finde keine Ruhestatt!

19 Siehe, auch jetzt noch ist mein Zeuge im Himmel, und mein Fürsprecher ist in der Höhe.

Hiob kann in Gott noch seinen Fürsprecher erkennen, in dem gleichen Gott, der ihn so schwer hat leiden lassen: Er weiß, dass, wenn Gott wirklich Gott ist, Gott auch als Zeuge für Hiob gegen sich selbst auftreten wird.

Das ist schwer zu verstehen; es ist erst dann nachzuempfinden, wenn man anfängt, mit dieser Art zu glauben Ernst zu machen, wenn man Gott, vor dem zuerst Klage und Anklage ihren Ort haben, zugleich um diesen Glauben bittet.

In Jesus, so bekennen wir, hat Gott selbst gelebt und gelitten. Gott war in Jesus, weil Jesus wie kein zweiter aus der vollkommenen Gemeinschaft mit Gott gelebt hat. Und auch ihn, der lm Alter von 30 Jahren seiner Mutter entrissen wurde, hören wir am Kreuz schreien (Markus 15, 34):

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Das „Warum?“ bleibt auch hier unbeantwortet. Doch wenn der Schmerz nicht weggedrängt wird, wenn man anerkennt, dass man auch als Trauernder noch lebt, dann kann nach einiger Zeit eine neue Frage auftauchen, die nicht unbeantwortbar ist wie die Frage „Warum?“ Diese neue Frage ist die Frage „Wozu?“ und richtet sich darauf, was Gott mit uns in den Tagen, die wir noch auf dieser Erde leben, denn noch vorhaben wird – was er uns zutrauen oder zumuten wird, was wir an Liebe bekommen oder geben werden und was unsere Aufgaben sein werden.

Wozu leidet Hiob? Er weiß es nicht; doch am Ende erfährt er, dass Gott ihm Recht gibt in seinen Anklagen und ihn doch zum Schweigen bringt. Im letzten steht Gott doch zu Hiob, von dem er nun auch weiß, daß er nicht nur an ihn glaubt, wenn es ihm gut geht und wenn der Glaube ihm etwas einbringt.

Wozu leidet der Psalmbeter? Vielleicht, um stärkeres Vertrauen zu gewinnen, dass Gott auch in Zukunft Wunder tun und seinem Volk helfen kann.

Wozu leidet Jesus, der Sohn Gottes? Damit wir wissen, dass Gott mit jedem mitleidet, der Leid erfährt; er hat das auch durchgemacht, sogar die tiefste Gottverlassenheit und Verzweiflung – er, der doch Gott immer am nächsten gewesen war und keinerlei Schuld auf sich geladen hatte; und so ist Gott – auch heute – denen am nächsten, die in Not und Armut, in Trauer und Verzweiflung Hilfe am nötigsten brauchen.

Ich kann Ihnen in dieser Stunde nicht anders zu helfen versuchen, als dass ich Ihnen diese Nähe Gottes wünsche; und dass Sie im Gebet all das ausdrücken können, was Sie in diesen Tagen und auch in allem, was noch kommen wird, empfinden und erleben. Amen.

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