Aus der Angst in eine neue Freiheit

Reformationspredigt am 31. Oktober 2015 in der evangelischen Petruskirche Gießen.

Gott gibt uns Seligkeit in das ängstlich geöffnete Herz. Deshalb können wir beginnen, die Angst und Ungewissheit, die für Millionen Menschen, die auf der Flucht sind, ganz alltäglich ist, in neuer Weise zu teilen. Wir lassen uns von Seligkeit entängstigen und tun mit Gottvertrauen, was wir tun können.

Predigttext Matthäusevangelium 5, 1-12:

1 Als Jesus aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.

2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.

12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

Dekan Frank-Tilo Becher

Dekan Frank-Tilo Becher

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

die Welt machte den Menschen Angst und Gott machte den Menschen Angst. So könnte man die Epoche der Reformation, die Zeit Martin Luthers beschrieben. Martin Luther selbst fand sich in dieser Angstfalle wieder, aus der es kein Entkommen gab. Ein Leben, wie ein von Angst gehetzter Hase.

Nicht, dass die Kirche sich nicht gekümmert hätte. Sie war sogar geistlich-theologisch hyperaktiv. Die Gottesdinge waren weithin durchdefiniert und gut verwaltet. Für jede offene Flanke, die die Angst ins Leben riss, lag etwas bereit – gab es einen Ablass, einen Heiligen, einen Seitenaltar oder eine Gebetsfolge. Wallfahrten und Reliquienhandel in immer aberwitziger Form, auch Jesu Windel war auf dem Markt, kennzeichneten ein kirchliches Leben, das sich professionell aber banal, prunkvoll aber kommerzialisiert und zur Trivialisierung verführt, darstellte.

Die Zweifel und Sinnsuche der Menschen wurden vertröstet. Die Frömmigkeit sollte im gut geregelten Ritualen Halt finden. Und sie blieb, im Ritual erstarrt, doch die Antwort schuldig. Bedrohlich schwebte das vernichtende Urteil des richtenden Gottes über allen Seelen. Die Welt machte den Menschen Angst und Gott machte den Menschen Angst.

Martin Luther hat in diesem Angst-Kontext das Zentrum seines Reformanliegens in der Neu-entdeckung Gottes als dem in Christus barmherzigen Gott gefunden. Die einzelne Seele, also der existentiell betroffene Mensch, fand sich nicht mehr vor einem vermeintlich gerechten, aber in jedem Fall verurteilenden Richter wieder, sondern vor einem Gott, der barmherzig, gnädig und von großer Güte ist. Martin Luther brachte das Evangelium, die frohe Botschaft, neu zu den Menschen, weil er die Menschen mit der Botschaft Gottes ent-ängstigte. Wer über die Reformation nachdenkt und spricht, der muss über die Freiheit nachdenken, die aus der Ent-ängstigung des Lebens erwächst.

Und wir haben eben gerade in der Übersetzung Martin Luthers die göttliche Poesie der Entängstigung gehört. Gott hält der Angst die Seligkeit entgegen. Selig, der Angst enthoben, werden hier Menschen, die eigentlich in der Angst versinken müssten – weil sie im Leid ertrinken, unter Ungerechtigkeit leiden, verfolgt werden, in ihrer Sanftmut zu Opfern werden, die mit ihrer Friedlichkeit am Krieg verzweifeln – ihr, ihr seid selig. – – – – Ja, wieso eigentlich? Man könnte es zynisch hören, als hinge dem Elend selbst eine Seligkeit an. Aber es ist genau anders – die Seligkeit entreißt aus der Angst des Elends und eröffnet einen neuen, freien Blick auf mein Leben. Ich werde mitten in der Angst der, der in Gottes freundlichen, gütigen Armen Zukunft findet. Es gibt eine Freiheit, nicht nur mitten in der Welt – sondern mitten in der Angst.

Liebe Gemeinde, wer über die Reformation nachdenkt und spricht, der muss über die Freiheit nachdenken, die aus der Ent-ängstigung des Lebens erwächst. Ich möchte über die Bedeutung der Reformation nachdenken und sprechen. Reformation heute – ganz ehrlich, ich sehe eine Botschaft, die im 21. Jahrhundert alles Kraftvolle verloren zu haben scheint. Wer will sich heute noch von einem Gott aus der Angst in neue Freiheit führen lassen? Es ist doch so: wir Insider vergewissern uns hinter verschlossenen Kirchentüren in vertrauten Ritualen, dass dieser reformatorischen Erkenntnis etwas Kostbares inne wohnt. Aber wo wäre da eine Angst zu spüren, die wirklich nach einem Ausweg schreit? Bevor uns nicht das ganz persönliche Schicksal an eine Abgrund führt, gilt doch: wir sehen uns gesichert – und tausendfach versichert – und es braucht schon lange keinen Gott mehr, der uns die Angst nehmen müsste. Wir leben doch in größter Seligkeit – geübt darin, die Sorge vor dem Herzinfarkt und anderen widrigen Schicksalsschlägen zu verdrängen. Geübt darin, die Angst vielleicht mal an der langen Leine spazieren zu führen, wenn die Fernsehbilder uns die Katastrophen aus fremden Ländern einspielen. Und vielleicht ist deshalb Halloween doch wichtig, weil es wenigstens ein Angst-Erinnerungsfest ist.

Um uns und unseren Glauben zu verstehen, müssen wir wohl die Angst ein wenig genauer studieren. Denn auch das Gegenteil ist wahr. Wir leben mitten in Ängsten, die manchmal größer sind, als je zuvor. Kein Kind kann heute noch den Baum bis in die Wipfel erklettern. Die Mutter, der Vater – sie wären vorher vor Angst gestorben. Und Magengeschwüre erzählen die Geschichten von uneingestandenen Existenzängsten, von Überforderung und Leistungsdruck. Ohne Angst geht gar nichts mehr – jetzt nicht mal mehr das Wurst-Essen. Wir leben, wie es ein Soziologe in den 90er Jahren beschrieben hat, in einer Risikogesellschaft. Das Risiko hat viele Gesichter. In unserem Land geht es nicht allen Menschen gut, aber es ist ein Wohlstandsland. Und eine Umfrage eines großen Versicherungsunternehmens hat ergeben, dass alle Menschen in Deutschland, von Nord bis Süd, von Ost bis West die größte Angst davor haben, dass ihr Wohlstand kleiner wird. Das ist auf hohem Niveau, aber es ist auch ein gefühltes Lebensrisiko, eine Lebensangst.

Nur deshalb brauchen wir noch lange keinen Gott, der uns die Seligkeit zurückgibt. Wir leben im Zeitalter der selbst ausgerufenen Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir müssen nur schlau und pfiffig sein, dann werden wir den Wohlstand halten – nein mehren. Oder hat von ihnen irgendjemand in seinem Lebensplan aufgenommen, ein wenig ärmer zu werden? Und wenn es passiert, dann hat derjenige nicht ordentlich geristert. Wir können, wenn wir wollen, alles im Griff behalten – auch die Angst. Dazu brauchen wir den lieben Gott nicht.


Und dann passiert es. Sie strömen wie die Ameisen ins Land. Sie kommen aus Löchern, die wir noch gar nicht bemerkt hatten. Sie schleichen um die Barrieren und finden immer eine Lücke, um schließlich mit Badelatschen und Plastiktüten mitten unter uns zu stehen – und sie bitten um Asyl. Wir sind erstmal gute Christenmenschen, freundlich und bereit zu teilen. Doch langsam kriecht die Angst im Lande hoch. Und die Angst treibt Menschen auf die Straße. Sie demonstrieren laut und hässlich gegen die Menschen, die ihnen die selbstgemachte Seligkeit zu nehmen drohen. Unser Leben gerät in Unordnung. Die Politik taumelt. Sie hat sich verführen lassen, nicht zuerst auf die Ängste im eigenen Land zu blicken – sondern in die verängstigten Augen derer, die auf der Flucht sind. Eine Kanzlerin, die zu sagen scheint: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir“, der muss nun bald der liebe Gott wirklich helfen. Wir wollen unsere alte Ordnung wieder – nichts mit Reformation. Denn nun wird die Zukunft so unsicher, dass wir neu in den Ablasshandel einsteigen. Wieviel Flüchtlinge muss ein europäisches Land kaufen, dass es seinen Seelenfrieden behalten kann?

Die Ordnung taumelt – und das hat seinen tiefsten Grund nicht in den Bussen, die gefüllt mit Flüchtlingen bei uns ankommen. Hier geschieht etwas Größeres – und es schleicht sich Pathos ein, wenn ich sage: Die deutschen Grenzen halten nicht mehr dicht und die Schuld und die Sünde eilt uns nach, die sich in einer Welt zeigt, die Menschen auf die Flucht bringt. Ja, hinter zu viel Willkommenshallo kann sich genauso Angst verbergen, wie hinter gespenstischen Deutschland-hoch-Demonstrationen.

Ungerechtigkeit und Krieg bringen die Menschen dazu, bei uns anzuklopfen. Da ist nichts anders als 1945, als jedem Menschen klar war, dass die Völkerwanderung nach dem Weltkrieg das Ergebnis von menschlichem Unrecht war. Heute sind es Krieg, Not und Elend – menschliches Unrecht – die Menschen auf die Flucht treiben. Und wir bekommen Angst. Wir bekommen Angst, weil es uns diesmal vielleicht nicht mehr gelingt, mit dem üblichen Ablass von ein wenig Entwicklungshilfe und viel Waffenlieferungen die alte Ordnung zu erhalten. Es gibt kein Zurück, wie es nach dem Thesenanschlag von 1517 kein Zurück mehr gab. Wir sind in die Angst vor der Zukunft geworfen und müssen in ihr unsere Chance finden. Und wir können sie, wie damals Martin Luther, nur mit unserem Gott und bei unserem Gott entdecken.

Jetzt könnte die Reformation tatsächlich wieder wesentlich für uns werden. Denn jetzt brauchen wir die Botschaft vom Gott der Ent-ängstigung wieder ganz existentiell für uns und unser Land. Wir müssen sie für uns neu entdecken, wie sie Martin Luther damals entdeckt hat.

Mit Reformationsohren sollten wir auf die Seligpreisungen als Erlösungsworte hören – und zwar im doppelten Sinn: für die Flüchtlinge – aber endlich auch wieder für uns selbst. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich. – und: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. – aber auch: Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

Flüchtlinge und Sesshafte – sie sind beide erfüllt von Ängsten und von Seligkeit. Die frohe Botschaft des barmherzigen Gottes, den uns Martin Luther erschlossen hat, sie ist für mich die Botschaft von einem Weg, der zwischen Angst und Seligkeit hindurch in die Zukunft führt. Ich lasse die Ängste nicht hinter mir. Und ich gehe nicht auf, in weltvergessener Seligkeit. Aber immer wieder ruft mich die Seligkeit aus der Angst heraus und gibt mir neu das Ziel.

Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Römer 8, 38-39)

Von solcher Gewissheit getragen, kann ich Ängste ansehen, verstehen, interpretieren, ihnen Stand halten. Ich muss sie nicht verhindern, wo sie ehrliches Gefühl sind. Und wenn ich die Ängste nicht mehr verhindern muss, muss ich die Flüchtlinge nicht verhindern. Und wenn Gottes Antwort auf die Angst die Seligkeit ist, dann kommt die Seligkeit gerade in unser Land neu an. Wie unser Glaube uns vor der Macht der Ängste frei macht, daran wird sich viel für uns entscheiden.

Typisch kirchlich schön geredet – so wird man mir entgegen halten. Aber das sei ferne. In Wahrheit ist es hochdramatisch. Die Zukunft ist ungewiss. Es wird nicht bleiben, wie es war. Wenn wir Angst haben und uns fürchten, wir könnten an Wohlstand verlieren, dann ist die Furcht berechtigt.

Aber – und diese Botschaft sollte aus dieser Kirchentür hinaus in die Welt gehen – bei aller Ungewissheit ist eines gewiss: Gottes Antwort ist die Seligkeit, die er uns in das ängstlich geöffnete Herz gibt. Deshalb können wir beginnen, die Angst und Ungewissheit, die für Millionen Menschen, die auf der Flucht sind, ganz alltäglich ist, in neuer Weise zu teilen. Wir tragen die Angst und Sorge gemeinsam mit der Kraft der Seligkeit – finden gemeinsam mit unserem Gott Freiheit und Zukunft – lassen uns von Seligkeit entängstigen – tun mit Gottvertrauen, was wir tun können – und wissen uns und die ganze Welt gerettet. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.

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