Freude auch unter Tränen

Wie kann es neues Licht, neue Freude geben, wenn eine Familie mehrfach von bitterem Leid getroffen wurde? Der Psalmbeter ist sich dessen gewiss: „Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen.“

Ein Mann blickt zum Himmel und scheint in den ausgestreckten Händen die auf- oder untergehende Sonne zu halten

„Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen“ (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind aus traurigem Anlass zusammengekommen, müssen den letzten Gang gehen mit Herrn T., der nach schwerer Krankheit im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist. Wir suchen nach Worten, die uns in dieser Stunde trösten, mit denen wir ausdrücken können, was uns bewegt.

Worte der biblischen Psalmen können uns dabei helfen. So hören wir Worte aus Psalm 102 (GNB):

1 Gebet eines Unglücklichen, dem die Kräfte schwinden und der dem Herrn seine Not klagt.

2 Herr, höre mein Gebet, lass meinen Hilferuf zu dir dringen!

3 Jetzt, im Augenblick der Not, verbirg dich bitte nicht vor mir! Hör mich doch jetzt, ich schreie zu dir; erhöre mich bald!

4 Mein Leben schwindet dahin wie ein Rauch, mein ganzer Körper glüht wie ein Ofen.

5 Meine Lebenskraft verdorrt wie Gras in der Sonnenglut, sogar das Essen vergesse ich.

6 Ich kann nur noch stöhnen und bin nichts als Haut und Knochen.

7 Ich gleiche dem wilden Vogel in der Wüste, der Eule, die in Ruinen haust.

8 Ich liege wach und bin allein gelassen wie ein einsamer Vogel auf den Dach.

12 Mein Leben gleicht dem sinkenden Tag! Bald wird die Nacht die Schatten verschlingen. Wie Gras auf der Wiese verwelke ich.

13 Doch du, Herr, regierst für alle Zeiten, und alle Generationen werden von dir sprechen.

18 Das Gebet der Unterdrückten weist du nicht ab, sondern nimmst es freundlich an.

20 Der Herr blickt vom Himmel herab auf die Erde, von seiner heiligen Höhe neigt er sich,

21 um das Stöhnen der Gefangenen zu hören und die zum Tode Verurteilten freizulassen.

24 Der Herr hat meine Kraft zerbrochen mitten in meinem Lauf, er hat mein Leben abgekürzt.

25 Darum sage ich zu ihm: »Mein Gott! Lass mich doch nicht im besten Alter sterben!« Du selber überdauerst die Generationen.

26 Vor langer Zeit hast du die Erde gegründet, den Himmel hast du mit eigener Hand gemacht.

27 Sie werden vergehen, du aber bleibst. Sie werden alt und zerfallen wie Kleider, du wechselst sie aus wie ein Gewand, und sie müssen verschwinden.

28 Du aber bleibst derselbe, und deine Jahre werden niemals enden.

29 Unsere Kinder werden in Sicherheit wohnen, und auch ihre Kinder werden sicher sein unter deinem Schutz.

Liebe Frau T., liebe Trauergemeindel

Im Psalm, den wir gehört haben, schüttet einer sein Herz vor Gott aus. Er beklagt sein Schicksal, er bittet und fleht, er bringt alles vor Gott und findet auch wieder zur Zuversicht. Er weiß, dass nicht alle Wünsche erfüllbar sind, und doch spricht er seine Sehnsucht und seine Hoffnung so aus, wie er sie empfindet. Er bittet: „Lass mich doch nicht im besten Alter sterben!“ Er hofft: „Unsere Kinder werden in Sicherheit wohnen!“ Und zugleich stellt er es Gott anheim, dass seine Wege mit uns doch anders sein können, als wir sie uns vorstellen. Von den Psalmbetern können wir lernen, dass wir ehrlich sein dürfen vor Gott, dass wir uns nicht verstellen müssen ihm gegenüber, dass wir ihm alles sagen können. Gott hält unsere Tränen, unsere Klage, unsere Zweifel aus und will uns tragen und trösten, wo wir nicht mehr weiter wissen, so wie eine Mutter tröstet, die ihr Kind in den Arm nimmt und hält.

Sie brauchen viel Kraft, um auszuhalten, was Sie getroffen hat; viel Leid haben Sie innerhalb von kurzer Zeit hinnehmen müssen. Nach dem Tod einer Tochter ist ihr der Vater nachgefolgt, der einen langen Krankheits- und Leidensweg zu gehen gehabt hat.

Aber es wäre nun, glaube ich, nicht in Herrn T.s Sinne, wenn wir die Klage über sein Leiden und über seinen Tod nun ausdehnen und recht tief da hineingehen würden. Ich möchte nun vielmehr noch einmal an sein Leben erinnern, denn sein Bild steht so klar vor unseren Augen, so beeindruckend, dass die Dankbarkeit, diesen Menschen bei uns gehabt zu haben, ganz im Vordergrund stehen sollte.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Er konnte hart und viel arbeiten und hat es gern getan. Erst in den letzten Monaten seiner Krankheit, als seine Kräfte abnahmen, konnte er Arbeit auch einmal ungetan sein lassen und auf morgen verschieben. Und selbst am Vorabend seines Todes machte er noch Pläne, was er tun würde, wenn er noch einmal wieder zu Kräften käme.

So blieb ihm bis zum Schluss auf der einen Seite die Hoffnung, alles werde noch einmal so werden wie zuvor, als er arbeiten und für andere da sein konnte; doch auf der anderen Seite hat er wohl geahnt und sich auch damit abgefunden, dass der Tod ihm schon nahe war. Jammern und Klagen lag ihm nicht, darum hat er darüber wohl auch nicht viele Worte verloren. Ihm war wohl in erster Linie wichtig, die Verbundenheit mit seiner Familie zu spüren. Und darüber hinaus war er mit vielen verbunden, in der Nähe und in der Ferne, mit Schulkameraden und Arbeitskollegen, mit Nachbarn und Freunden.

Als Herr und Frau T. heireteten, bekamen sie von ihrem damaligen Pfarrer C. als Trauspruch Psalm 97, 11:

Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen.

In diesem Spruch wird vorausgesetzt, dass es viel Dunkelheit und Unglück, viel Angst und Traurigkeit in unserem Leben gibt, auch im Leben dessen, der sich zu Gott hält und ein verantwortliches Leben führt. Gerecht ist der, der Gott recht ist. Gerecht ist der, den Gott annimmt mit seinen Stärken und Schwächen und der das Rechte tut aus Dankbarkeit gegen Gott und aus Liebe zu seinen Mitmenschen. Und ein frommes Herz ist nichts anderes als eine innere Offenheit für Gott, die äußerlich gar nicht sichtbar sein muss. Solch einer Aufgeschlossenheit für Gott wird in dem Psalmwort immer wieder neu das Aufgehen des Lichtes verheißen, auch wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet. Und Freude kann auch wieder möglich sein, wenngleich auch die Trauer durchlebt sein will.

Wenn die Bibel vom Licht spricht, das uns aufgeht, und von der Freude, die uns verheißen ist, dann weist sie damit immer auch auf das Licht hin, das uns in Jesus Christus aufgegangen ist. Und es ist gut, daran zu denken, dass auch dieses Licht gerade mitten in der Finsternis erschienen ist, dass das Kind des Höchsten in einem Stall geboren wurde, von Anfang an bedroht durch die Soldaten eines grausamen Königs, und schließlich nach wenigen Jahrzehnten den Kreuzestod starb. Nicht was nach unseren Maßstäben Glück und Macht und Herrlichkeit bedeutet, ist im Leben dieses Jesus von Nazareth Wirklichkeit geworden. Sondern er, Gott selber (EG 23, 6),

ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm.

Gott hat in Jesus am eigenen Leibe gespürt, worunter wir Menschen leiden, und auch, wie wir Menschen einander das Leben schwer machen. Ein für alle Mal ist damit klar, dass wir Gott nicht gleichgültig sind, dass er zu uns steht wie ein Mensch, der uns liebhat. Darum kann es Freude geben auch unter Tränen, und wir können Zuversicht gewinnen für die Wege, die vor uns liegen, den schweren Weg heute und viele andere Wege, die noch kommen.

Herr T. hat in seinem Leben immer wieder Hoffnung gehabt und Freude erfahren, auch wenn Unglück und Krankheit über ihn hereinbrachen. Er war kein freudloser Mensch. Nun ist er von uns gegangen, dorthin, wohin wir mit unseren irdischen Augen nicht blicken können. Wir vertrauen ihn der Liebe unseres Gottes an, auch wenn wir dessen Wege nicht begreifen. Wir bitten Gott, dass er gnädig auf den Verstorbenen blicke und ihm neues Leben schenke in der Ewigkeit, wo das Licht ein für alle Mal über denen aufgeht, die Gott gerecht spricht, und wo die Freude nie aufhört. Amen.

Wir beten mit einem Lied aus dem Gesangbuch (EKG 301 1+3+5, im EG nur in der Ausgabe für Österreich 627, 1+2+4):

1. Ach Gott, verlass mich nicht! Gib mir die Gnadenhände; ach führe mich, dein Kind, dass ich den Lauf vollende zu meiner Seligkeit. Sei du mein Lebenslicht, mein Stab, mein Hort, mein Schutz; ach Gott, verlass mich nicht!

2. Ach Gott, verlass mich nicht! Ich ruf aus Herzensgrunde: Ach Höchster, stärke mich in jeder bösen Stunde. Wenn mich Versuchung plagt und meine Seel anficht, so weiche nicht von mir; ach Gott, verlass mich nicht!

4. Ach Gott, verlass mich nicht! Ich bleibe dir ergeben. Hilf mir, o großer Gott, recht glauben, christlich leben und selig scheiden ab, zu sehn dein Angesicht; hilf mir in Not und Tod; ach Gott, verlass mich nicht!

Amen.

Hinweise zur Veröffentlichung anonymisierter Texte von Trauerfeiern auf dieser Homepage

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.