Kapitel 7: Stark und schwach sein dürfen

Sexueller Missbrauch als Herausforderung an Seelsorge, Kirche und Bibelauslegung.

Im siebten Kapitel seines Buches geht es Helmut Schütz um die Überwindung von Gefühlsverboten und Überverantwortlichkeit. Wie können Opfer sexueller Gewalt es lernen, stark und schwach sein zu dürfen und überhaupt erst einmal zu fühlen, was sie fühlen?

Zum Gesamt-Inhaltsverzeichnis des Buches „Missbrauchtes Vertrauen“

Pfarrer Helmut Schütz

Pfarrer Helmut Schütz (Foto: Franz Möller)

Inhalt dieses Kapitels

Darf man fühlen, was man fühlt?

Extremfall: Selbstfürsorge durch Selbstschädigung

Überverantwortlichkeit und Bedürfnisbefriedigung

Psalm 23: Kein Mangel an dem, was wir brauchen

Überlebensstrategien als Form von Stärke

Schwäche und Machtlosigkeit akzeptieren

Matthäus 14, 22-33: Der starke Petrus braucht Hilfe

Neue Stärke entwickeln

Macht und Herrschaft in patriarchalen Verhältnissen

1. Mose 3, 1-6: Eva als Repräsentantin der Menschheit

2. Mose 22, 15f. + 20, 14 und Hosea 2, 16ff.: Bibel und Patriarchalismus

Anmerkungen zu diesem Kapitel

Darf man fühlen, was man fühlt?

Die Frage, ob man fühlen darf, was man fühlt, stellt sich oft als die Frage danach, ob man immer stark sein muss oder sich auch einmal „gehen oder hängen lassen“ darf, ob man sich schwach oder schlecht fühlen darf oder sich immer „zusammenreißen“ und „die Zähne zusammenbeißen muss“. Vielfach versteht man Stärke als Unabhängigkeit von Gefühlen oder willensmäßige Überwindung von Gefühlsimpulsen, man bleibt cool und bewahrt zumindest äußerlich Haltung. Gerade Missbrauchsopfer neigen häufig zu dieser Art von Stärke, da ihnen Gefühle ja entweder verboten sind oder zu viel Angst auslösen.

Sigmund Freud hatte Probleme mit gefühlsmäßigen Interaktionen vor allem zwischen Psychoanalytikern und ihren Klientinnen. Er wusste zum Beispiel seinem Kollegen C. G. Jung, der eine seiner Patientinnen in der Therapie sexuell missbraucht hatte, keine anderen „Abwehrformen“ zu empfehlen als die folgenden: „Er solle seine Liebessehnsüchte mit »Indifferenz« niederhalten und sich eine »harte Haut« zulegen.“ Die Kehrseite dieser Medaille ist nach Cremerius jedoch: „Analytiker, die die Abstinenzhaltung mit der Chirurgen-Spiegelhaltung zu einer Trias vereinen, geraten bei entsprechender psychischer Struktur leicht in eine Situation, in der sie ihre Lebendigkeit unterdrücken müssen.“ (1)

Hinzu kommt nach Ferenczi eine erzwungene „Frühreife“ des Missbrauchsopfers; „das sexuell angegriffene Kind kann die in ihm virtuell (= der Möglichkeit nach) vorgebildeten zukünftigen Fähigkeiten, die zur Ehe, zur Mutterschaft, zum Vatersein gehören, und alle Empfindungen eines ausgereiften Menschen unter dem Druck der traumatischen Notwendigkeit plötzlich zur Entfaltung bringen.“ Für diese Frühreife findet Ferenczi ein eindrucksvolles Bild: „Es liegt nahe, an das schnelle Reif- oder Süßwerden von Früchten zu denken, die der Schnabel eines Vogels verletzt hat.“ (2)

Bereits in einem früheren Vortrag hatte er ähnliche Gedanken geäußert: „Fühlt sich der Patient in der analytischen Situation verletzt, enttäuscht, im Stich gelassen, so beginnt er manchmal wie ein verlassenes Kind mit sich selbst zu spielen. Man hat entschieden den Eindruck, dass Verlassensein eine Persönlichkeitsspaltung nach sich zieht. Ein Teil der eigenen Person beginnt Mutter- oder Vaterrolle mit dem restlichen Teil zu spielen und macht dadurch das Verlassensein sozusagen ungeschehen… Es scheint wirklich, dass unter dem Druck einer imminenten Gefahr ein Stück unserer selbst sich als selbstwahrnehmende und sich-selbst-helfen-wollende Instanz abspalte, möglicherweise schon im frühen und allerfrühesten Kindesalter. Ist es uns doch allen bekannt, dass Kinder, die moralisch oder körperlich viel gelitten haben, die Gesichtszüge des Alters und der Klugheit bekommen. Sie neigen dazu, auch andere zu bemuttern, sie dehnen dabei offenbar die Kenntnisse, die sie beim Behandeln des eigenen Leidens schmerzlich errungen haben, auch auf andere aus, sie werden gut und hilfsbereit.“ (3)

In einer Missbrauchsbeziehung sind die Generationsgrenzen durchbrochen worden, die Rollen zwischen Eltern und Kindern wurden vertauscht (4). Das Kind übernimmt zwangsläufig ein Stück erwachsene Verantwortung für den erwachsenen „Partner“, d. h. im Grunde für den Anteil des Erwachsenen, der ein Kind geblieben ist, da er seiner erwachsenen Verantwortung nicht gerecht geworden ist. Die natürliche Eltern-Kind-Symbiose, die im Laufe des Sozialisationsprozesses normalerweise Schritt für Schritt aufgelöst wird, so dass das Kind sein Kindsein entsprechend der Altersstufe auslebt und zugleich immer mehr Kompetenzen für sein Selbständig- und Erwachsenwerden erwirbt, wird hier auf den Kopf gestellt: Je früher das Kind missbraucht wurde, desto tiefgreifender ist das Verbot, ein Kind zu sein, kindlich zu fühlen und kindliche Bedürfnisse zu haben, und desto überfordernder ist das Gefühl: Ich bin schon groß und muss es sein! Einerseits bleibt also das Kind fixiert „in einer archaischen Abhängigkeit“ und sucht „mit der Mutter per Identifikation Einheit herzustellen“; andererseits muss es „eine selektive Frühreifung erfahren… und vorschnell seine Unabhängigkeit“ anstreben – so Ulrich Sachsse, der es mit Patienten zu tun hat, die „von Geburt an… einem Klima von Deprivation oder gewalttätiger Misshandlung ausgesetzt“ waren (5).

Extremfall: Selbstfürsorge durch Selbstschädigung

Sachsse beschreibt in seiner Arbeit über „Selbstschädigung als Selbstfürsorge“ das Phänomen, dass manche Menschen – und er findet unter ihnen überdurchschnittlich häufig Frauen, die „Inzest, inzestnahe Verhältnisse oder Vergewaltigung“ (6) erlitten haben – sich selbst verletzen, zum Beispiel durch Schnittwunden, Verbrennungen, Verbrühungen oder Verätzungen, (7) und zwar als eine Möglichkeit, um überfordernden Situationen aus dem Weg zu gehen. Überfordernd für sie „können alle Situationen sein, die Konflikte hervorbringen…, …besonders… Einsamkeit und Entscheidungssituationen.“ Das Denken wird sozusagen ausgeschaltet, und die Selbstbeschädigung erfolgt in „einer Art Trance“ (8). Selbstfürsorglich im Sinne eines Überlebensmechanismus ist dieses Verhalten trotz allem, da es den Patienten davor bewahrt, der Einsamkeit, Entbehrung, Überforderung und Depression zu sehr ausgesetzt zu sein, in einen psychotischen Schub hineinzugeraten oder Suizid zu begehen (9).

Solange die inneren Kraftreserven ausreichen, können derart dauerhaft überforderte Menschen den „Eindruck relativer Stabilität und Gesundheit“ erwecken und „die Schwere ihrer seelischen Störung und Symptomatik völlig verleugnen“, die daraus erwächst, dass sie zwar „durch die Parentifizierung (10) mit der frühen Übertragung von Verantwortlichkeiten in der Familie sowie ihrer Flucht in die Autarkie (11) auch viele Fähigkeiten besonders praktischer und intellektueller Art erworben haben“, dass sie diese „allerdings nie selbstfürsorglich einsetzen können.“ Patienten, die wegen starker selbstschädigender Tendenzen in die psychiatrische Klinik kamen, „stellen sich in einer irritierenden Diskrepanz dar: Bei einer auf den ersten Eindruck kompetenden, lebenstüchtigen Persönlichkeit findet sich ein archaisches, primitives Syndrom, das sonst bei schwerst psychotischen Patienten oder bei Oligophrenen zu finden ist.“ (12) Sie haben nicht gelernt, „sich des eigenen Körpers liebevoll-selbstfürsorglich anzunehmen.“ Sachsse bezieht sich auf Krystal (1978), der feststellte, dass „bei den psychosomatischer Erkrankungen“ u. a. „ein Überich-Verbot“ zu finden sei, „sich des eigenen Körpers liebevoll fürsorglich anzunehmen, weil er Teil der Mutter der Symbiose bleiben muss“; die Patientin kann es sich also nicht erlauben, sich als das bedürftige und verletzte Kind zu empfinden, das sie tatsächlich ist (13).

Stattdessen haben sie gelernt, sich selbst zu schädigen. Das kommt daher, weil sie den Körper gleichsetzen mit ihrem „bedürftigen, triebhaften, leidenden und somit schlechten Selbst-Anteil“, und sie nur den anderen Teil von sich selbst akzeptieren können, „der mit Denken, Funktionieren und Leistung identisch ist“, einen „leistungsfähigen, funktionsfähigen, autarken, kalt-perfekten und narzisstisch (14) hoch besetzten Selbst-Anteil“ (15). Da also die Grundbedürfnisse als sowieso nicht erfüllbar angesehen werden und auch das Gefühl des Schmerzes darüber nicht auszuhalten wäre, erscheint es in Extremsituationen als eine Art letzter Ausweg, seine Stärke zu beweisen, indem man sich selber Schmerz zufügt; darin zeigt sich „eine Art von Allmachtsgefühl und Stolz darüber, dass man nicht auf die Befriedigung durch andere angewiesen ist“ (16).

Ein krasser Einzelfall wird von Sachsse so geschildert: „Eine meiner Patientinnen hatte sich einen Korkenzieher durch den Handrücken gerammt und lehnte mit spöttischer Verachtung in der Chirurgischen Ambulanz eine Lokalanästhesie ab, »obwohl es höllisch weh tat, als die das wieder rausgezogen haben. Aber gleichzeitig war ich unheimlich stolz«“. Er beklagt, dass die „narzisstische Besetzung der Symptomatik mit ihren Möglichkeiten, masochistische Triumphe zu feiern, die hartnäckigsten Behandlungsschwierigkeiten“ bedingt (17).

Man sieht dieses Phänomen manchmal auch in weniger extremer Form im Kindergarten bei Kindern, die gehauen wurden und dennoch lauthals verkündigen: „Hat ja nicht wehgetan!“ Wenn durch das Verhalten missbrauchender Personen die „Fähigkeit, die eigenen Gefühle und Gedanken und das eigene Verhalten zu kontrollieren“, zerstört worden ist, wenn „Traumatisierungen… zu Kontrollverlust geführt“ haben, dann kann ein scheinbarer Ausweg aus diesem „Gefühl des ohnmächtigen Ausgeliefertseins“ darin bestehen, dass man durch „selbstdestruktives Verhalten“ die Möglichkeit der Kontrolle wiederzufinden versucht (18).

Und selbst wenn diese Patienten nach längerer Therapie kleine Fortschritte erzielen, zum Beispiel besser für sich zu sorgen, bleiben sie immer noch geneigt, nach ihrem gewohnten Denkschema zu reagieren: „Jeder Fortschritt bedeutet innerseelisch einen endgültigen Verzicht auf Hilfsbedürftigkeit, Hilfsanspruch und Hilfe. Bei jedem kleinen Schritt nach vorn müssen die Patienten ab sofort fehlerfrei funktionieren.“ (19)

Vielfach lösen Patienten, die sich selbst beschädigen, starke Abwehr aus, denn „die vollzogene Selbstbeschädigung wirkt als Signal, dass die Umwelt zu insuffizient, zu schlecht war, um halten, trösten und bewahren zu können“, und ist sozusagen ein hilfloser Versuch, sich dennoch nicht unterkriegen zu lassen (20). Zugleich kann man ihr Verhalten auch als eine versteckte Mitteilung darüber deuten, was man ihnen in der Kindheit angetan hat oder schuldig geblieben ist. Man kann „den Akt der Selbstbeschädigung als Reinszenierung einer Kindesmisshandlung deuten.“ (21)

Mit solchen Formen der Selbstbeschädigung heilend umzugehen, ist nur in einem langfristigen therapeutischen Setting möglich, in vielen Fällen ist der Schutz einer betreuenden Einrichtung notwendig. Ulrich Sachsse hat in seinem Buch „Selbstverletzendes Verhalten. Psychodynamik – Psychotherapie“ ausführlich dargestellt, wie er in klinischem Setting selbstschädigende Patienten behandelt, mit Erfolgen, die sich durchaus sehen lassen können (22).

Ich selber hatte mit einzelnen Frauen zu tun, die sich zum Beispiel durch das Ausreißen von Haaren oder das Schlagen des Kopfes an die Wand oder das Schneiden mit Rasierklingen oder Glasscherben selbst verletzten. In einem Fall erlebte ich, dass eine Frau nach längerer Therapie ihr Verhaltensmuster aufgeben konnte, sich selber wehzutun, und stattdessen lernte, sich mit ihren Gefühlen – vor allem ihrer Wut und ihrem frühkindlichen Schmerz – und Bedürfnissen dem Therapeuten anzuvertrauen und nach Möglichkeiten zu suchen, anders damit umzugehen.

Wenn die gleiche Struktur des Denkens und Fühlens auf einer weniger zerstörerischen Ebene auftritt, kann man mit ihr auch in einem nicht-therapeutischen Setting umgehen. Wenn zum Beispiel jemand nicht gut ein Lob annehmen kann, dass er etwas auf eine neue, gute Art gemacht hat, kann das daran liegen, dass er sich unter den Druck setzt, in dieser Hinsicht jetzt immer perfekt sein zu müssen und nicht mehr um Hilfe bitten zu dürfen. Man kann ihm helfen, seinen Denkfehler zu überwinden und ihm klarmachen, dass er Lob annehmen kann und zugleich auch noch Fehler machen und Hilfe beanspruchen darf, was sich innerlich sehr befreiend auf ihn auswirken kann.

Überverantwortlichkeit und Bedürfnisbefriedigung

Auch wenn die Abspaltung der eigenen Bedürftigkeit und der eigenen Gefühle nicht solche extremen Formen der Selbstbeschädigung annimmt, führt doch die Rollenverkehrung zwischen Eltern und Kindern im Falle des Missbrauchs immer dazu, dass Eltern ihren Kindern die Befriedigung wichtiger Bedürfnisse schuldig bleiben und umgekehrt die Kinder sich für die erwachsenen Personen der Familie verantwortlich fühlen. „Wenn das Bedürfnis des Kindes, beachtet, verstanden, respektiert und ernstgenommen zu werden, von den Eltern befriedigt wird, beginnt es zu begreifen, dass die Eltern von ihm selbst verschieden sind und wird ein gesundes Selbstgefühl und Verständnis für andere entwickeln. Wird diese Entwicklung gestört, findet das Kind in den Spiegelungen seiner Eltern keine vollwertigen und selbständigen Menschen, wird es vielmehr nur mit den Erwartungen, den Bedürfnissen und den ungelösten Konflikten seiner Eltern konfrontiert, so wird es den Rest seines Lebens vergebens nach seinem eigenen Selbst suchen, und seinem Selbstgefühl wird schwerer Schaden zugefügt“ (23).

Bereits unabhängig von sexuellen Formen des Missbrauchs kann ein Kind durch seine Eltern gefühlsmäßig missbraucht und ausgebeutet werden, wenn den Eltern „nichtsexuelle Bedürfnisse“ wie das „Bedürfnis nach affektiver Zuwendung, zu jemandem zu gehören, Wurzeln zu haben und einen Schutz vor der bedrohlichen Welt, das Bedürfnis, abhängig zu sein, um genährt zu werden“, niemals erfüllt worden sind. „Der Versuch, dieses Bedürfnis von einem Kind befriedigen zu lassen, schafft die Bühne, auf der sich Inzest abspielt.“ (24)

Das heißt: „Sexuell missbrauchte Menschen haben oft gelernt, sehr verantwortlich zu sein. Sie waren oft die Fürsorger, die kleinen Eltern in der Familie.“ (25) Und diese Haltung der Überverantwortlichkeit setzt sich auch in der Beziehung zu anderen Menschen fort. „Inzestopfer… haben nicht gelernt, an sich selbst zu denken und dem anderen »Nein« zu sagen und meinen auch nicht, dass sie ein Recht dazu hätten. Sie glauben, sie hätten nur ein Recht zu leben, wenn sie die Bedürfnisse der anderen in jeder Weise befriedigen. Über ihre eigenen Bedürfnisse sind sie sich nicht im klaren, und ihre Versuche, diese zu befriedigen, enden oft in Selbstzerstörung. So kann es dazu kommen, dass eine Frau, die während des Inzestgeschehens gelernt hat, ihren Körper gefühllos zu machen, später nur schwer einschätzen kann, ob sie krank ist und deshalb erst bei fortgeschrittener Krankheit zum Arzt geht. Insbesondere über ihr Zärtlichkeitsbedürfnis können sich Inzestopfer nur schwer klarwerden, und viele… Phänomene, wie Essensprobleme, Körperverletzungen und die Beziehung zu einem gewalttätigen Partner, stellen Versuche dar, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Inzestopfer haben noch mehr als andere Frauen gelernt, fremde Bedürfnisse zu erfüllen, und viele streben deshalb in traditionelle Frauenberufe, wie Krankenschwester, Kinderschwester, Therapeutin und weitere Arbeitsfelder, die dafür geschaffen sind, anderen zu helfen.“ (26)

In einem Bericht über stationäre Therapie für Opfer von sexueller Gewalt wurde unter der Überschrift „Verschwommene Grenzen“ als eine unter mehreren Überlebensstrategien von sexuell missbrauchten und vergewaltigten Frauen folgendes Verhaltensmuster beschrieben: „Die Patientin, die wenig Zuwendung und Anerkennung erfahren hat, versucht dies zu erreichen, indem sie sich allem anpasst, jedes Zeichen von Aufmerksamkeit anderer als Zuneigung interpretiert, dann versucht, vermeintliche Erwartungen des anderen zu erfüllen, ohne eigene Grenzen wahrzunehmen oder zu realisieren, dass das Gegenüber andere Ansichten oder Bedürfnisse hat.“ (27)

Auch und gerade in der Beziehung von Missbrauchsopfern zu helfenden Personen wie TherapeutInnen oder SeelsorgerInnen „liegt es ihnen, für uns zu sorgen“, wie Thomas Layne auf einem Gestalt-Therapie-Kongress darlegte. „Selbst nach ein oder zwei Jahren Therapie versucht sie (= die Klientin) beispielsweise noch, für Sie zu sorgen, um sicherzugehen, dass Sie auch weiterhin mit ihr arbeiten werden.“ Das ist für manche vielleicht ein ungewohnter Gebrauch des Wortes „sorgen“, da ja rein äußerlich gesehen weiterhin die Eltern das Sorgerecht für das Kind ausüben und der Seelsorger oder die Therapeutin weiterhin ihrer Berufsrolle entsprechend für die helfende Beziehung verantwortlich sind. Aber die überverantwortliche Ratsuchende „ist sehr empfindsam gegenüber dem, was Sie brauchen.“ (28)

Wenn ich als Seelsorger mich etwa frage, ob ich es verkrafte, bestimmte Erlebnisse anzuhören und bestimmte Gefühlsausbrüche aufzufangen, wird mein Gegenüber es spüren und sich intuitiv davor hüten, sich allzuviel zu öffnen. Ähnlich schreibt Layne im Blick auf eine hilfesuchende missbrauchte Frau: „Wenn wir nicht möchten, dass sie auf uns wütend wird, weil wir Männer sind…, dann verändere ich meine Arbeit mit ihr vielleicht in einer Weise, die beweisen soll, dass ich nicht wie andere Männer bin. Ich werde vielleicht zum Beschützer, wenn sie keinen Beschützer will. Ich vermeide es vielleicht, das zu erforschen, was sie erlebte und was sie fühlt, weil es für sie zu schmerzlich ist (oder für mich zu unangenehm). Ich bleibe vielleicht ihr gegenüber in Distanz, um von ihr nicht sexuell stimuliert zu werden, denn damit möchte ich nichts zu tun haben. All dies ist ein Missbrauch meiner Macht. Es vergrößert das Gefühl der Klientin von ihrer Hilflosigkeit, ihrer Scham, ihrer Isolation, ihrem Misstrauen, ihrem Empfinden, dass sie immer noch ein Kind, immer noch ein Opfer ist, das immer noch den Schutz der Männer braucht – und gleichzeitig muss sie für Sie »sorgen«, denn sie ist sehr empfindsam gegenüber dem, was Sie brauchen (das heißt, Ihr Bedürfnis, über bestimmte Aspekte ihrer Erfahrung nicht zu sprechen)“ (29).

Und selbst wenn ich von mir aus bereit bin und es auch aushalte, mich den aggressiven und verzweifelten Gefühlen der Ratsuchenden auszusetzen, kann es immer noch sein, dass mein Gegenüber sich nicht darauf einlässt, weil es sich erstens nicht gehört, solche Gefühle offen zu äußern, weil zweitens eine besondere Lebensgeschichte bestimmte Gefühlsäußerungen mit einem verstärkten Verbot belegt hat und drittens weil ich für sie eine scheinbar unangreifbare Autorität verkörpere.

Bereits 1932 wurde Ferenczi auf dieses Problem aufmerksam: „Allmählich kam ich dann zur Überzeugung, dass die Patienten ein überaus verfeinertes Gefühl für die Wünsche, Tendenzen, Launen, Sym- und Antipathien des Analytikers haben, mag dieses Gefühl auch dem Analytiker selbst ganz unbewusst sein. Anstatt dem Analytiker zu widersprechen, ihn gewisser Verfehlungen oder Missgriffe zu zeihen, identifizieren sie sich mit ihm; nur in gewissen Ausnahmemomenten der hysteroiden Erregung… raffen sie sich zu Protesten auf, für gewöhnlich erlauben sie sich keine Kritik an uns, ja solche Kritik fällt ihnen nicht einmal ein, es sei denn, wir geben ihnen spezielle Erlaubnis dazu, ja muntern sie zu solcher Kritik direkt auf.“ Ferenczi folgerte daraus, dass jeder Therapeut selber Therapie braucht: „Das führt zum Seitenproblem des Analysiertseins des Analytikers, das mehr und mehr an Wichtigkeit gewinnt.“ (30) In der Krankenhausseelsorge gehört es mittlerweile zum Standard, dass auch SeelsorgerInnen Supervision brauchen, um mit den eigenen Gefühlen samt ihren Blockierungen umzugehen, die sie in die seelsorgerliche Begegnung einbringen.

Es ist also sicher manchmal auch sinnvoll, zur Kritik zu ermutigen oder geäußerte Vorbehalte und Enttäuschungen zu verstärken, statt zu versuchen, sie argumentativ zu entkräften, zum Beispiel in dieser Form: „Ich spüre Ihre Vorbehalte, vielleicht Enttäuschung, vielleicht Ärger. Möchten Sie mir mehr darüber sagen, was Sie mir gegenüber empfinden? Ich halte das aus.“

Im Rahmen einer längeren intensiven Beratung erklärte ich einer Frau immer wieder, warum ich für sie nur begrenzt Zeit habe und dass ich ihr nicht helfen könne, ihre schreckliche Vergangenheit ungeschehen zu machen. Sie verstand das auch als Erwachsene, aber ihr inneres Kind wollte es nicht verstehen, sondern es war traurig und enttäuscht und fühlte sich abgelehnt. Erst nachdem sie gelernt hatte, mir gegenüber ärgerliche Gefühle auszudrücken, machte sie mir in einem Wutausbruch klar, dass sie immer das Gefühl gehabt habe, ich wolle ihrem inneren Kind mit meinen Erklärungen wieder einmal verbieten, zu fühlen, was es fühlt. Sie spürte intuitiv, dass ich offenbar lange Zeit geglaubt hatte: Wenn ein Wunsch unerfüllbar ist, nützt es ja auch nichts, wenn man darüber traurig ist, das ändert nichts an der Unerfüllbarkeit. Sie spürte meine nicht eingestandene Scheu davor, sie enttäuschen zu müssen und ihre Traurigkeit auszuhalten – nicht über etwas, das von ihrer Ursprungsfamilie, sondern von mir ausging. Im Grunde hatte ich Angst gehabt vor einer Art von Unersättlichkeit, vor einer nicht-stillbaren Traurigkeit. Als sie dann die Erlaubnis von mir spürte, enttäuscht und traurig sein zu dürfen, weil niemand ihr die verlorene Kindheit ganz und gar zurückgeben kann, stellte sich heraus, dass das Gegenteil der Fall war: Gefühle sind nicht grenzenlos, sie scheinen nur so, wenn sie nicht ausgedrückt werden dürfen. Menschen mit ihren Bedürfnissen sind nicht unersättlich, sie scheinen nur so, wenn auf ihre wirklichen Bedürfnisse nicht eingegangen wird – in diesem Fall das Bedürfnis, einen Verlust betrauern zu dürfen. Wird dieses berechtigte Verlangen, Traurigkeit fühlen zu dürfen, nicht gestillt, nährt man damit aber zugleich die Illusion, grenzenlose Wünsche könnten doch erfüllbar sein, da man sie ja nicht betrauern darf. Und daraus entsteht ein unendlicher Kampf nicht um die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse, sondern um die Erfüllung wirklich unersättlicher und unerfüllbarer Wünsche. Letzten Endes fühlt sich die ratsuchende Person ähnlich wie ein Kind in der Familie, das zwischen Verwöhnung und Ablehnung hin- und hergerissen ist. Sie spürt zwar intuitiv: Ich bekomme nicht, was ich brauche. Sie weiß aber auch nicht, was sie eigentlich braucht, sondern denkt: man will mir nicht geben, was ich will, weil ich ja sowieso böse bin oder weil man mich ja sowieso nicht lieb hat.

Die Warnung vor der Unersättlichkeit sowohl der Kinder als auch der Patienten ist alt, wir lesen sie z. B. bei Freud: „Ein Zuviel von elterlicher Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem es die sexuelle Reifung beschleunigt, auch dadurch, dass es das Kind »verwöhnt«, es unfähig macht, im späteren Leben auf Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem geringeren Maß davon zu begnügen. Es ist eines der besten Vorzeichen späterer Nervosität, wenn das Kind sich unersättlich in seinem Verlangen nach Zärtlichkeit der Eltern erweist.“ (31) Welche Folgen es für die Kindererziehung hat, wenn er zur Abhärtung gegen Verweichlichung den Verzicht auf allzuviel zärtlichen Körperkontakt empfiehlt, kann man sich lebhaft vorstellen. Man muss lernen zu verzichten, sich zusammenzureißen, Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken, damit man später nicht unersättlich wird – viele von uns kennen diese Sorte Pädagogik auch außerhalb des psychoanalytischen, nämlich im allgemeingesellschaftlichen Kontext.

Aus meiner Erfahrung sowohl in der eigenen Familie als auch in therapeutischem Setting weiß ich allerdings, dass das Gefühl des Sattseins, des Genughabens und In-sich-Ruhens gerade dann auftritt, wenn die Eltern bzw. Vertrauenspersonen auch genug zu geben bereit ist – wenn ein Kind bzw. Hilfesuchender „satt“ ist, wird es/er von selbst nichts mehr wollen. Unersättlichkeit kommt umgekehrt eher aus der Erfahrung, das Sattsein und Genughaben nicht zu kennen: Ich kriege sowieso nie genug, darum muss ich immer mehr und mehr haben. Zuwendung muss sozusagen gehortet werden.

Helmut Kentler erläutert den wahren Ursprung der Verwöhnung: „Manche Leute glauben, Kinder brauchten von früh an eine gewisse Abhärtung, sie würden durch zu viel Zärtlichkeit verzärtelt und verwöhnt. Das ist Unsinn. Verwöhnte Kinder haben meist Eltern, die nicht genug Zärtlichkeit geben können, weil sie zu kühl und zu gehemmt sind oder weil sie zuwenig Zeit für ihr Kind haben. Die Verwöhnung entsteht dadurch, dass die Eltern die fehlende körperliche Zuwendung wettzumachen versuchen, indem sie dem Kind jeden Wunsch erfüllen. Verwöhnung ist Zärtlichkeitsersatz. Das verwöhnte Kind reagiert darum so wütend, wenn es einen Wunsch nicht erfüllt bekommt, weil es fürchtet, es könnte die Eltern nun ganz verlieren.“ (32)

Ulrich Sachsse führt ein lehrreiches Beispiel an (33), wie er als Therapeut in einer psychiatrischen Versorgungsklinik mit einer Patientin umgeht, die ihn jedesmal anspricht, „wenn ich gerade die geschlossene Station verlassen will: »Herr Dr. Sachsse, ich habe über eine Stunde hier auf Sie gewartet. Ich muss Sie unbedingt heute noch ganz kurz was fragen, unbedingt…« Sie ist sehr drängend, und immer handelt es sich um Dinge, die aus meiner Sicht nicht gleich heute entscheidungsbedürftig wären…

In der Supervision wird klar, dass Frau D. die Trennung von mir nicht gut verträgt… Frau D. hat so viele Trennungssituationen, so viel Verlassenheit und Deprivation erfahren, dass jede alltägliche Trennung von einem wichtigen Menschen für sie auslösend wird für bedrohliche dysphorische Verlassenheitszustände. Sie versucht, die Trennung hinauszuzögern und vor meinem Fortgang noch etwas »Dr. Sachsse zu tanken«. Wir überlegen, dass ich mit Frau D. zukünftig jeweils 10 Minuten spreche, bevor ich die Station verlasse. Dafür fällt einer der beiden 30-Minuten-Termine aus, denn ich kann und will meine Zeit nicht einfach ausweiten.

Frau D. protestiert dagegen, denn sie braucht »gerade ganz viel Zeit, die paar Minuten bringen mir doch nichts«. Aber ich bleibe bei dieser Termingestaltung und sage ihr: »Ich stimme Ihnen zu, dass Sie eigentlich ganz viel Zeit brauchen. Ich würde Ihnen auch gerne mehr Zeit zur Verfügung stellen. Aber ich habe da Grenzen und muss mich auch Ihren Mitpatientinnen widmen…«“.

Über seinen eigenen Lernprozess teilt Sachsse folgendes mit: „Ich habe gelernt, keine spontanen Zusagen zu geben, wenn ich noch einen Rest Zweifel in mir spüre. Es ist mir passiert, dass ich Beziehungsangebote wie z. B. längere Termine gemacht habe, um nur ja nicht so unterversorgend und enttäuschend erlebt zu werden wie die bisherigen Bezugspersonen der Patientin. Schon bald habe ich mit dem inneren Gefühl gearbeitet, mich zu verausgaben, zu viel versprochen zu haben… Die Patientin hatte eine ausgeprägte Haltung altruistischer Abtretung eigener Bedürfnisse entwickelt, behandelte depressiv andere so, wie sie selbst gerne behandelt worden wäre. So ging auch ich mit ihr um, bemerkte aber zunehmend, wie ich innerlich ausbrannte und die Patientin immer weniger gerne sah. Da es mir wichtig ist, verlässlich zu sein, hatte ich große Schwierigkeiten, die Situation wieder zu verändern… Ich habe solche Erfahrungen schließlich innerlich als »Lehrgeld« verbucht. Schließlich musste ich mich als Therapeut mit meinen Möglichkeiten und Grenzen ja auch erst kennenlernen.

Aufgrund meiner inneren und äußeren Wirklichkeit kann und will ich einer Patientin auch nicht das Angebot machen: »In Krisen können Sie mich Tag und Nacht erreichen.«… Wenn meine Patientin nun in der Sicherheit lebte, ich wäre in der Not sofort erreichbar, würde sie sich möglicherweise zusammenreißen und bis zum letzten Moment kämpfen. Wäre ich dann nicht sofort erreichbar, trüge ich nach meiner Auffassung an dem folgenden SVV (= selbstverletzenden Verhalten) oder Suizidversuch Mitschuld, weil ich sie in trügerischer Sicherheit gewogen hätte. Ich will ein solches Arrangement, das viele meiner Kollegen ja machen, aber auch aus inneren Gründen nicht anbieten. Aufgrund meiner inneren Struktur, mit der ich mich inzwischen leidlich angefreundet habe, brauche ich Zeiten am Tag, in denen ich für nichts und niemanden verfügbar bin… Die Grenzen anderer sind ganz andere. Ich finde es wichtig, die eigenen kennenzulernen und selbstfürsorglich mit sich umzugehen… Krass gesagt, halte ich einen absolut verlässlichen Termin im Monat für besser als tägliche Termine, die dauernd ausfallen. – Eine Beziehungsbegrenzung ist natürlich auch ein Signal von Unbewusst zu Unbewusst. Meine Weigerung, zeitlich unbegrenzt verfügbar zu sein, bedeutet auf der unbewussten Ebene, dass ich eine symbiotische Verschmelzung ablehne. Mein Angebot ist das einer verlässlichen, stabilen, aber begrenzten therapeutischen Beziehung.“

Ich zitiere diese Überlegungen so ausführlich, weil sie auch auf Seelsorgebeziehungen übertragbar sind.

Psalm 23: Kein Mangel an dem, was wir brauchen

In diesem Zusammenhang möchte ich an den wohl bekanntesten Psalm 23 erinnern, der in seinem ersten Vers schon häufig als allzu optimistisch angesehen wurde: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Auch dieses alte Lied der Bibel geht nicht von einer Erfüllbarkeit aller Wünsche aus, sondern davon, dass es nach Gottes Willen für die, die vertrauen können, keinen Mangel an dem gibt, was Menschen wirklich brauchen. Im Bild von den Schafen werden Grundbedürfnisse nach Nahrung und Wasser, nach Erquickung und Schutz in aller Gefahr als grundsätzlich erfüllbar beschrieben. Zentral ist das Bedürfnis nach Nähe und nach barmherziger Liebe, das im Bild der Begleitung der Schafe durch das finstere Tal ausgedrückt wird und das Immanuel Kant einmal als die wichtigsten vier Worte der Weltgeschichte bezeichnet hat, neben denen alle seine philosophischen Werke nichts bedeuten würden: „Du bist bei mir!“ (34) Wenn diese Grundhaltung des Vertrauens auf die von einem göttlichen Gegenüber herrührende Liebe unsere christliche Seelsorge prägt, braucht sie nicht den in unserer Gesellschaft verbreiteten Pessimismus zu teilen, der von der Knappheit aller Güter einschließlich der Streicheleinheiten ausgeht, sondern sie kann beharrlich daran festhalten, dass es niemanden auf der Erde gibt, dem diese Worte nicht gelten: Niemand sollte einen Mangel an Liebe leiden müssen.

Der Transaktionsanalytiker Claude Steiner hat sich bemüht, die „Ökonomie der Streichelheiten“ zu überwinden, „die zu einem Leben der Lieblosigkeit und Liebesunfähigkeit führt“ (35), und die er in seinem „Märchen von den Kuscheltüchern“ illustriert (36). „Ganze Generationen von Menschen wurden unter der Annahme erzogen, dass ein zufriedener Mensch nicht arbeitet und keine weiterreichenden Verantwortungen auf sich nimmt. Meine These ist eine andere: Nach meiner eigenen Erfahrung mit Menschen, deren Bedürfnis nach Streicheleinheiten zunehmend befriedigt wird, sind diese viel eher in der Lage, in Harmonie mit sich selbst, mit den anderen und der Natur zu leben.“ (37)

Wenn wir davon ausgehen, können wir einen Menschen nicht einfach aufgeben, auch wenn er beziehungsunfähig oder völlig unerreichbar für unsere Zuwendung zu sein scheint. Mein Kollege Michael Schüßler in der Alzeyer Psychiatrieseelsorge hat in seiner Arbeit über „Schizophrene Langzeitpatienten“ so über den Psalm 23 meditiert, dass anhand seiner Bilder die Beziehungsdefizite zum Vorschein kommen, die wir in der Begegnung mit schizophrenen Patienten erleben. Ich zitiere seine Meditation (38), um meiner etwas idealtypischen Darstellung eine extreme Realität gegenüberzustellen:

„Du bist für mich kein Hirte, sondern eine Herausforderung.
Wenn ich dir begegne, merke ich, was mir alles fehlt.
Du erinnerst mich an die Wüsten meiner Seele
und daran, wie abgestanden mein Lebenswasser oft schmeckt.
Das Zusammensein mit Dir belastet mich:
Unsere Gespräche enden fast immer in Sackgassen.
Deine finstere Traurigkeit
kann ich manchmal kaum mehr aushalten
und wenn du zornig wirst, bekomme ich Angst.
Den Tisch räumst du ab,
bevor ich mich dazusetzen kann.
Meinen Teller hast du leergefuttert und meinen Kaffee umgekippt.
Du schimpfst herum, wenn der Zucker alle ist.
Dein Schicksal verunsichert mich und mein Lebenskonzept.
Und wenn du während der Predigt aufstehst
und türeknallend die Kirche verlässt, dann merke ich:
Dich kann heute keiner erreichen.“

Als Sándor Ferenczi Ende der Zwanziger Jahre in die psychoanalytische Therapie überverantwortlicher Erwachsener Methoden der Kindertherapie einführte – man muss „den Patienten eine Weile, gleichsam wie ein Kind, gewähren lassen“ und kann erst später „vorsichtig an jene Versagungsforderungen herangehen, die unsere Analysen sonst kennzeichnen“ – zog er den Verdacht auf sich, er verwöhne und verzärtele die Patienten in unguter Weise. Freud selbst warnte seinen langjährigen Freund vor der „Technik der Mutterzärtlichkeit“, weil er offenbar auch die Gefahr sah, dass sie in die Nähe sexueller Übergriffe gerückt werden könnte, und schrieb ihm in einem Brief: „Ich glaube gar nicht, Ihnen in dieser Warnung etwas gesagt zu haben, was Sie nicht selbst wissen. Aber da Sie die zärtliche Mutterrolle gern gegen andere spielen, dann vielleicht auch gegen sich selbst. Und dann sollen Sie von brutaler väterlicher Seite die Mahnung hören, dass – nach meiner Erinnerung – die Neigung zu sexueller Spielerei mit Patienten Ihnen in voranalytischer Zeit nicht fremd war, so dass man die neue Technik mit der alten Verfehlung in Zusammenhang bringen könnte.“ (39) Ferenczi selbst wehrte sich gegen diese Unterstellungen: „»Jugendsünden«, Verfehlungen, wenn sie überwunden und analytisch durchgearbeitet sind, können einen sogar weiser und vorsichtiger machen, als Leute, die solche Stürme nicht durchmachten.“ (40)

Aber Ferenczi sah ganz richtig, dass es Menschen gibt, die nie wirklich Kind sein durften, niemals ihre Bedürftigkeit und ihre Gefühle spüren durften und dass es daher auch keine Verwöhnung ist, „lässt man diese Patienten eigentlich erstmalig die Unverantwortlichkeit des Kindesalters genießen, was gleichbedeutend ist mit der Einführung positiver Lebensimpulse und Motive für die spätere Existenz.“ (41) Johannes Cremerius wies in diesem Zusammenhang ganz richtig darauf hin, dass Ferenczi die punktuelle Befriedigung eines Bedürfnisses in der Therapie sehr wohl zu unterscheiden wusste von dem verwöhnenden Versuch, unersättliche Wünsche zu erfüllen: Die „besorgte Liebe, welche der Analytiker dem Patienten gibt“, ist „die Liebe, welche der neurotische Patient braucht, nicht notwendigerweise die Liebe, welche er zu brauchen meint und nach der er demzufolge verlangt.“ (42)

Überlebensstrategien als Form von Stärke

Zunächst ist es wichtig, noch einmal zu betonen: Auch die erwähnten Überlebensstrategien sind eine Form von Stärke. „Falls du dich überfordert fühlst…, denk daran, dass du das Schlimmste, den Missbrauch, bereits überlebt hast… Eine Eigenschaft, die ganz bestimmt jede Überlebende hat, ist Stärke.“ (43)

So lange keine anderen Bewältigungsformen ohne negative Kehrseite zur Verfügung stehen, muss man es als Form von Stärke positiv würdigen, wenn es jemanden gelungen ist, den Inzest zu überleben, zum Beispiel durch „ein gewisses Verleugnen der Realität“ oder auch durch „das Vermeiden, Bagatellisieren, Distanzieren, Abspalten, das Aufzeigen positiver Werte in widrigen Ereignissen.“ (44) Solch ein „Bewältigungsverhalten“ dient „nicht in erster Linie der Problemlösung, sondern hat vor allem die Funktion, die emotionale Not eines Menschen erträglicher zu machen.“ Im Englischen wurde dafür der Begriff „coping“ geprägt, unter dem Lazarus seit 1966 „jeden Versuch, jede Anstrengung im Umgang mit Stress“ versteht, „ein prozessorientiertes, ständig wechselndes, von spezifischen Anforderungen abhängiges Verhalten.“ (45) Zum Beispiel in der Weigerung, von traumatischen Erfahrungen zu sprechen, sieht Rauchfleisch zwar einerseits „eine immer wieder von neuem ausgeübte Vergewaltigung…, andererseits aber auch eine Überlebensstrategie, die diese Menschen vor dem totalen Zusammenbruch schützt.“ (46)

Wichtig ist es, Betroffenen „deutlich zu machen, dass ihre Art der Bewältigung die damals einzig mögliche Art war zu überleben; dass diese Bewältigungsstrategien heute aber »Kosten« haben. Der Schwerpunkt liegt darauf, die Patientinnen aus der »Opferrolle zu holen«, sie auf ihre damaligen Bewältigungsversuche aufmerksam zu machen sowie ihnen die Gewissheit zu geben, auch weiterhin etwas für sich tun zu können.“ (47) „Wir unterstützen sie vor allem darin, die körperlichen Beschwerden, Beziehungsstörungen, emotionalen Beeinträchtigungen und Selbstwertprobleme als individuelle, in einem bestimmten biographischen Kontext bestmögliche »Notlösungen« und »Überlebensstrategien«… zu würdigen, die allerdings die aktuelle Lebensbewältigung eher behindern.“ (48)

Auch Judith G. Rothen betonte 1990 auf einer Tagung im Haus Villigst: „Indem Überlebensstrategien (Rationalisierung, Anpassung, Fluchtverhalten, Identifikation mit dem Täter, sexualisierendes Verhalten und dergleichen) als solche erkannt werden, wird die Klientin sich jener Momente bewusster, wann sie diese Strategien anwendet. Hat sie mehr Kontrolle darüber, so ermöglicht dies die Wahl zwischen der Wiederholung und dem Loslassen dieser Strategien. Die Therapeutin sollte auch den positiven Seiten und den ursprünglichen Absichten dieser Überlebensstrategien Aufmerksamkeit schenken.“ (49)

In ähnlicher Weise kann man den „Störungsbegriff“ der Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers nutzen, um einen Zugang zu dem zu finden, was das scheinbar sinnlose oder nur zerstörische „Verhalten erzählt“, in dem „etwas Verborgenes ans Licht kommen“ will. „Welchen Sinn dieses Verhalten hat, kann man nur erkennen, indem man sich in die Welt des anderen hineinbegibt und sich mit ihm auf die Suche macht.“ (50) So kann die Abspaltung von Gefühlen und Bedürftigkeit sowie die Zurschaustellung einer äußerlich harten, gefühlskalten, überlegenen Haltung – als Notlösung – eine gewisse Stärke darstellen (51).

Schwäche und Machtlosigkeit akzeptieren

Tatsache bleibt aber auch, dass eine scheinbare Haltung der Stärke nicht auf Dauer durchzuhalten ist, weil die abgespaltenen Teile der Persönlichkeit ja nicht wirklich verschwunden sind. So gibt es Inzestopfer, die zwischen Stärke und Schwäche hin- und herschwanken: „Ich war alles auf einmal, brav, oppositionell und arrogant… Mal schaffte ich Dinge, die die Leute unwahrscheinlich gut fanden, gerade weil ich mir nicht erlaubte, schwach zu sein – um dann nach kurzer Zeit völlig zusammenzubrechen, mich in mein Häuschen zurückzuziehen, alles aufzugeben und Dinge zu zerstören, die ich gern hatte und die ich selber geschaffen hatte.“ Was sie zunächst am nötigsten brauchen, ist die Erlaubnis, ihre Verletzbarkeit, ihre Angst vor Menschen, ihre Probleme, „einen Tag nach dem anderen zu schaffen“, nicht mehr vor allen anderen verbergen zu müssen und es wagen zu können, „bei anderen um Hilfe zu bitten.“ Nini Leick lässt Anna, 29 Jahre alt, mit ihren eigenen Erfahrungen zu Wort kommen: „Erst als der Inzest aufhörte, ging es mir wirklich schlecht, ich bekam Angstzustände und fühlte mich unwirklich und merkte, wie sehr ich darum kämpfen musste, einen Tag nach dem anderen zu schaffen. Es war, als ob ich, während es passierte, so viel Energie brauchte, um alles noch einigermaßen zu schaffen, dass ich fast keine Kraft übrig hatte, mich selbst zu bemitleiden. – Später wurde ich verletzbarer bei Konflikten und Kritik, scheute immer mehr Auseinandersetzungen… hatte immer größere Angst vor Menschen… Ich habe Schwierigkeiten, mich selbst und meine Gefühle zu spüren, besonders Wut…, und ich hatte Probleme, weil ich so traurig war und weil ich nicht wagte, es zu zeigen und bei anderen um Hilfe zu bitten.“ (52)

Wie schwierig es ist, diese Gefühle wirklich zuzulassen, zeigt die Bemerkung einer Frau auf einer Veranstaltung in Berlin: „Unter den Frauen der Frauenbewegung konnte ich endlich sprechen, ich durfte auch weinen, …aber ich musste auch gleich wieder stark sein, ich durfte nicht zusammenbrechen.“ (53) Und gerade wenn betroffene Frauen sozusagen in einer Bekennersituation vor einem größeren Publikum von eigenen schmerzlichen Erfahrungen berichten und sich vielleicht auch stark machen wollen für andere Leidensgenossinnen, geraten sie gelegentlich in die Versuchung, ihre eigene Unangreifbarkeit zu beschwören und erneut ihre Verletzbarkeit und ihre schwachen Seiten zu verleugnen, wie in einem Teufelskreis, zum Beispiel wenn sich eine Frau über ihre Gefühle während einer öffentlichen Darstellung ihrer Inzestbetroffenheit in dieser Weise äußert: „Ich bin sachlich und doch emotional beteiligt, ruhig und doch stark, keiner erreicht mich mit Angriffen. Meine eigene Erfahrung mit dem Thema gibt mir Stärke und Sicherheit, lässt keine Frage offen.“ (54)

Matthäus 14, 22-33: Der starke Petrus braucht Hilfe

Die Unfähigkeit, sich eigene (Hilfe-)Bedürftigkeit einzugestehen und sich einer als Autoritätsfigur erlebten hilfreichen Person anzuvertrauen, ließ einmal in unserem Bibelkreis eine Frau überdeutlich werden, die auch als Kind von ihrem Vater missbraucht worden war, worüber sie aber fast nie sprach. Als wir die Stelle in der Geschichte des sinkenden Petrus besprachen, wo er schreit: „Herr, hilf mir!“ und Jesus sogleich die Hand ausstreckt und ihn ergreift, rief sie aus: „Ich hätte ihm wahrscheinlich auf die Finger gehauen!“ (Matthäusevangelium 14, 30-31)

Die Gestalt des Petrus selbst, der aus Angst vor Angst- und Schwachheitsgefühlen sich gefühlsblind in der Verleugnung Jesu genau von diesen Gefühlen überwältigen lässt, indem sie sich an seinem bewussten Denken vorbei unmittelbar in beziehungsabbrechendes Handeln umsetzen, ist für mich das Bild eines nur scheinbar starken Menschen, der erst lernen muss, sich auch derjenigen Gefühle bewusst zu werden, die er als Gefühle der Schwäche erlebt hatte: Angst vor Gefangennahme und Tod, vor allem, wenn man nicht gewaltsam kämpfen darf, Trauer über selbstverschuldeten Beziehungsabbruch, Annahme der Vergebung als Wiederherstellung der Beziehung zu Jesus, allerdings erst nach Jesu Tod. Ich denke, dass in der Szene vom sinkenden Petrus, in der er um Hilfe schreit und sich durch die Hand Jesu aus dem Wasser der Angst und Verzweiflung herausziehen lässt, die Erlösung des Petrus verdichtet dargestellt ist: die Erlösung davon, nur immer stark sein zu müssen, nie schwach sein zu dürfen.

Im Klinik-Bibelkreis konnten sich einige Male Frauen mit einem Burn-Out-Syndrom in dieser Geschichte wiederfinden. Sie hatten sich jahrzehntelang überverantwortlich für ihre Familie buchstäblich aufgeopfert, bis sie mit einem totalen Zusammenbruch ihrer Kräfte auf der geschlossenen Station der Psychiatrie aufgenommen werden mussten. Die Petrusgeschichte half ihnen zu lernen, ihren seelischen Zusammenbruch nicht als absolutes Ende ihrer Möglichkeiten und ihres Lebens zu deuten, sondern nur als das Ende einer einseitigen Art, auf eine bestimmte Art von zupackender, sich selbst zusammenreißender, gefühls- und bedürfnisverdrängender Stärke zu vertrauen. Stattdessen ließen sie sich dazu ermutigen, sich einfach auch schlecht, schwach, hilfebedürftig fühlen zu dürfen, und die Annahme von Hilfe nicht unbedingt als Demütigung ihres inneren Stolzes zu verbuchen, doch auf jeden Fall das Leben ganz allein aus eigener Kraft meistern zu müssen. Ich weiß nicht, ob in jedem einzelnen dieser Fälle auch sexueller Missbrauch in der Lebensgeschichte eine Rolle gespielt hat, zumindest kann man wohl umgekehrt sagen, dass dieses Thema, schwach sein zu dürfen, ohne enttäuscht oder erneut verletzt zu werden, sondern stattdessen Hilfe zu erfahren, für alle missbrauchten Menschen von zentraler Bedeutung ist. „Mädchen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden, erfahren fast nie die Bestätigung: ja, es muss furchtbar gewesen sein, es war ein Unrecht, du hast ein Recht zu leiden, ein Recht auf Mitgefühl und Zuwendung. Wir bewundern dich, wie du mit dieser Situation fertig geworden bist, ohne zu zerbrechen. Ganz im Gegenteil: Wenn es ihnen schlecht geht, werden ihnen die Symptome oft vorgeworfen“ (55) – mit der Folge, dass sie sich um so mehr anstrengen, sich zusammenzureißen und ihre Symptomatik damit noch verschlimmern.

Nur am Rande erwähne ich den ersten der „Zwölf Schritte“ der Anonymen Alkoholiker: „Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“ (56) Es würde zu weit führen, die Querverbindungen zwischen Missbrauchserfahrung und Sucht im einzelnen zu beleuchten; ich kenne Inzestopfer, die ihre scheinbare Stärke über Jahre hinweg nur aufrechterhielten, indem sie alle Gefühle des Schmerzes, der Demütigung und der Schwäche mit Hilfe von Alkohol oder Tabletten zu betäuben versuchten. Auch abgesehen von der Suchtproblematik spielt das Zugeben der Machtlosigkeit für Inzestopfer eine entscheidende Rolle, weil sie sich für das, was ihnen angetan wurde, selber schuldig fühlen.

Felisa Elizondo weist noch auf einen anderen Aspekt des Themas der tatsächlichen Schwäche hin, die sich unter scheinbarer Stärke verbirgt: „Die Weisheit des Christentums leitet auch dazu an, die Schwachheit der Gewalttätigen zu begreifen.“ (57) Nicht um Gewalttäter von ihrer Schuld freizusprechen, sondern gerade um sie damit zu konfrontieren, dass sie verantwortlich für ihre Taten sind und bleiben, muss Gewalt als das bezeichnet werden, was es ist: ein untaugliches Mittel sowohl zur Unterdrückung von Gefühlen als auch zur Konfliktlösung. Von männlichen Inzestopfern weiß man, dass viele von ihnen als Erwachsene selber Missbraucher werden; missbrauchte Frauen richten ihre Gewaltimpulse eher gegen sich selbst. In beiden Fällen ist davon auszugehen, dass diese Menschen gegen sich oder andere dann gewalttätig werden, wenn sie ihre eigentlichen Gefühle nicht fühlen oder in einer angemessenen Weise ausdrücken können.

Marion Reinhold hat mit dem „Depressions-Kontrollverlust-Modell“ zu erklären versucht, „wie ein Opfer immer wieder zum Opfer werden könnte“. „Kontakte zu lieblosen / kränkenden / gewalttätigen Menschen“ bedingen „soziale Kontrollverluste“, das heißt den Glauben, es sei „unmöglich, Liebe und Bestätigung zu bekommen, unmöglich, sich vor Kränkung und Gewalt zu schützen“; diese wiederum führen zu dem Gefühl: „ich bin schuld, weil ich minderwertig und nicht liebenswert bin“, und dazu, dass man sich unter Druck setzt: „sei froh, wenn sich einer mit Dir abgibt“, „streng Dich an, sei nett, damit Dich einer mag“, und schließlich gerade so handelt – „stellt eigene Interessen zurück, richtet sich nach den Wünschen anderer, sucht Partner unkritisch aus“ -, dass man es wieder mit lieblosen, kränkenden oder gewalttätigen Menschen zu tun bekommt (58). „Aber selbst wenn eine Person aggressiv reagieren kann, kann sie damit Kontrollverlusterlebnisse auslösen, wenn sie in den falschen Momenten oder unangemessen stark aggressiv reagiert“; in diesem „Depressions-Aggressions-Kontrollverlust-Modell“ pendelt man sozusagen zwischen Schuldvorwürfen an sich selbst und an die anderen hin und her. Falls man die anderen beschuldigt, „weil sie egoistisch und unfair sind“, an sich die Mahnung richtet: „schütze dich“, und „für andere unverständlich aggressiv reagiert“, kann wiederum der „Interaktionspartner mit Ärger oder Kontaktabbruch“ reagieren, was wieder als Kränkung erlebt wird (59). In ungünstigen Fällen „kann eine Person ihre Kontrollverlusterfahrungen ausschließlich anderen Menschen zuschreiben und die noch verzerrtere Vorstellung entwickeln: »Alle Menschen sind gegen mich und lassen sich durch mich nicht davon abbringen, weil sie schlecht sind«. Im extremsten Fall kann sich die Person aufgrund ihres Feindbildes dazu berechtigt fühlen, sich für diese »ungerechte Behandlung« zu rächen, indem sie anderen Gewalt antut oder durch Vergewaltigung menschliche Zuneigung und Bestätigung zu erzwingen versucht. Vielleicht erlebt sie dies als eine letzte Möglichkeit, Kontrollerlebnisse zu sammeln, mit denen sich ihre kränkenden Ohnmachtsgefühle kurzzeitig lindern lassen. Eine eventuelle gerichtliche Verfolgung und die gesellschaftliche Verachtung führen aber zu erneutem Kontrollverlust“. Dieses letztgenannte „Aggressions-Kontrollverlust-Modell“, das erklärt, „wie ein Opfer zum Täter werden könnte“, trifft häufiger auf Männer als auf Frauen zu, denn „von Frauen wird erwartet, dass sie für andere sorgen, freundlich und empathisch sind, eigene Interessen zurückstellen, Kontrollverluste hinnehmen und aggressive Verhaltensweisen zur Gegenwehr unterlassen“, aber „Männern wird ein oft unrealisierbares Maß an Kompetenz, Durchsetzung und Kontrolle über die Umwelt abverlangt, und es ist Männern eher gestattet, aggressive Reaktionsweisen, bis hin zur körperlichen Gewalt dafür zu entwickeln und einzusetzen.“ (60)

Bei Birgit Rommelspacher finde ich einen ähnlichen Gedanken: „Gewalt ist nicht identisch mit Macht. Zwar kann Gewalt nur ausgeübt werden, wenn – wie im Falle der sexuellen Gewalt – physische, psychische und soziale Überlegenheit vorhanden ist. Aber wenn Gewalt angewandt wird, dann ist genau sie Ausdruck dafür, dass kein Einverständnis mehr existiert, sonst wäre diese Gewalt eben gerade nicht notwendig.“ (61) Somit kann man umgekehrt von einer „Kraft“ reden, die „in den Schwachen mächtig“ ist (2. Korintherbrief 12, 9-10), wenn es Menschen gelingt, ihre Gefühle zu fühlen, beim Fühlen nicht das Denken auszuschalten und nicht jeden Gefühlsimpuls sofort in möglicherweise übergreifendes oder gewalttätiges Handeln münden zu lassen. Diese Art von Stärke steht nicht in einem Gegensatz zu Gefühlen der Schwäche, sondern versteht sie mit dem Rest der Persönlichkeit zu versöhnen; sie führt auch nicht notwendig zum Kampf aller gegen alle, sondern möglicherweise sogar zur Versöhnung bisher gegeneinanderstehender Menschen. „Für Klarsicht und Stärke hat es unter Frauen hervorragende Beispiele gegeben, wenn sie sich in einer großen Entscheidung dazu durchgerungen haben, das »kostbare Geschenk« der Vergebung zu machen. Dies ist keine Resignation angesichts dessen, was unerträglich scheinen muss, sondern die »Kraft der Schwachheit« und ein Weg, von Gewalt zu befreien, indem man sie mit dem Wunsch nach Gemeinschaft überwindet.“ (62)

Neue Stärke entwickeln

Genau so wichtig, wie es ist, die schwachen Seiten der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren, ohne sich erneuter Verletzung preiszugeben, ist es auch, in einer ganz neuen Weise Zutrauen zur eigenen Kraft und zu den eigenen Stärken zu finden. Eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle „Wildwasser“ in Worms, Frau Winzig, legte gerade diese beiden Anliegen einer christlichen Seelsorge ans Herz, da die Kirchen in der Vergangenheit Menschen wenig darin bestärkt hätten, sich im Bewusstsein ihrer eigenen Stärke auch gegen Verletzungen zu wehren, und im Bewusstsein ihrer eigenen Verwundbarkeit zuverlässigen Schutz in der christlichen Gemeinschaft zu suchen.

Es ist auch wichtig, dass wir als Theologen ein Vorurteil gegenüber dem Gefühl des Stolzes auf eigene Stärken abbauen. Wir müssen unterscheiden zwischen Stolz auf eine falsche Art von Stärke, auf eine Unabhängigkeit von jeder Hilfe, die viel zu tun hat mit der „Sünde“, die nach Karl Barth „des Menschen Hochmut“ ist (63), und einem menschlich notwendigen Stolz auf das, was man selber kann und weiß, ohne dass man sich dadurch vor Gott oder gegenüber anderen Menschen größer (oder auch kleiner) zu machen versucht. In letzterem Sinne schreibt auch Ulrike Kopp: „Wichtig ist, eine vom Missbrauch betroffene Frau immer wieder darauf hinzuweisen, was sie schon erreicht hat. Natürlich nicht nach dem Motto: »Kopf hoch, ist doch alles nicht so schlimm«, sondern in dem Sinn, dass sie Gott die Ehre geben und gleichzeitig auf gute Weise stolz auf sich sein kann.“ (64)

Man muss sich dabei deutlich vor Augen führen, dass zwar das kleine Kind dem Missbraucher ohnmächtig ausgeliefert war, dass aber mit wachsendem Lebensalter auch die Möglichkeiten wachsen, sich der eigenen Kraft bewusst zu werden und sich durch fremde Hilfe zu schützen. Allerdings ist es schwer, das in der Kindheit erlernte Gefühl, sich sowieso nicht wehren zu können, zu überwinden. Nach Weiss sind missbrauchte Kinder „im tiefsten Sinne des Wortes ohn-mächtig“, denn „die kindlichen Widerstandsformen (»Ich hab‘ aber nein gesagt«, »ich hab‘ geschlafen«, »ich hab‘ die Luft angehalten«, »ich hab‘ so geweint«) werden übergangen.“ (65)

Auf der bereits erwähnten Tagung in Villigst gab es auch Ansätze, Inzestbetroffenen durch Tanztherapie „einen positiven Zugang zur eigenen Kraft“ (wieder)entdecken zu lassen, was oft schwierig ist, da sie „Kraft nur in Form von Gewalt erfahren haben und ihre eigene Kraft in Form von Widerstand nicht akzeptiert wurde.“ Gerade wegen der Überbewertung des geistig-seelischen Bereichs gegenüber dem körperlich-sinnlichen Erleben im Rahmen kirchlicher Arbeit möchte ich die Tanztherapeutin Klaudia Becker zu diesem Thema ausführlich zitieren: „Körperkraft steht nicht, wie vielleicht zunächst angenommen, ausschließlich in direkter Verbindung mit Körper-Größe und Gewicht, sondern entscheidender ist die Körper-Spannung… (d. h.) die Fähigkeit des Menschen seinen/ihren Körper mit Energie aufzuladen und zu entladen. Wir können unsere Spannung gradartig steigern, können die ganze Skala von »gespannt – überspannt – angespannt – entspannt – spannungslos« in allen nur denkbaren Nuancen erfahren… Eigene Kraft zu spüren, kann Freude hervorrufen, überraschen, wie stark Frau/Mann sein kann, größer und gewichtiger werden lassen, mutig machen und anstrengend sein. Fremde Kraft zu beobachten kann erschrecken, ohnmächtig machen, aber auch zum Widerstand und Kräftemessen auffordern… und auch Faszination hervorrufen.“ (66)

Im Rahmen der Klinikseelsorge kommt die körperliche Bewegung und Kraftentfaltung nur selten zum Zuge, außer wenn in unserem Singkreis gelegentlich zu rhythmischer Musik auf den Bongos oder anderen Instrumenten gespielt wird.

In der Abwandlung eines Liedes von Peter Saueressig und Paul Gerhard Walter (67) habe ich für unseren Singkreis übrigens einmal starke menschliche Eigenschaften durchmeditiert (geändert habe ich vor allem jeweils Saueressigs Zeile: „doch weil ich Freunde um mich seh“ – denn Freunde sind für psychische Kranke oft gerade nicht verfügbar oder verlässlich oder müssen erst wieder neu gewonnen werden):

So stark wie ein Fels bin ich nicht;
Erfolg und Siege sind nicht von Gewicht;
weil ich um Hilfe bitten kann und manchmal helfen mag,
bin ich stark, bin ich stark, bin ich stark!

Refrain:

Nimm, was ich hab‘, ein bisschen Spaß, ein wenig Zeit;
gib, was du kannst; ich brauch‘ auch deine Traurigkeit,
kommt, lasst uns teilen, Freunde, bleibt bloß nicht allein;
ein Stück für dich, ein Stück für mich kann neues Leben sein.

So groß wie ein Berg bin ich nicht;
ich fühl‘ mich klein, wenn man mir widerspricht;
doch weil ich sein darf, wie ich bin, sitz nicht auf hohem Ross,
bin ich groß, bin ich groß, bin ich groß!

Refrain

So frei wie ein Vogel bin ich nicht;
es lasten Angst und Schuld auf mir wie ein Gewicht;
doch weil ich Gott vertrauen lern‘ und bitte: »Gott, verzeih‘!«,
bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei!

Refrain

So klug wie Albert Einstein bin ich nicht;
vielleicht mit Mühe nur lern‘ ich ein Gedicht;
doch weil ich weiß, was für mich gut und was mir ist genug,
bin ich klug, bin ich klug, bin ich klug!

Refrain

So schön wie ein Stern bin ich nicht;
kein Lied, kein Dichter von mir spricht;
doch weil es Menschen um mich gibt, die mich mit Liebe seh’n,
bin ich schön, bin ich schön, bin ich schön!

Refrain

So alt wie ein Baum werd ich nicht;
Zeit und Sterben stehn mir im Gesicht;
doch weil mein Gott mich nie verlässt, hab‘ ich im Leben Halt,
bis ich alt, bis ich alt, bis ich alt!

Refrain

In meiner Beratungstätigkeit ist es schon vorgekommen, dass eine Frau, die die seelisch verursachte Fühllosigkeit ihres Beins überwunden hatte, mit mir zusammen neu zu laufen und sogar erstmals in ihrem Leben zu rennen übte. Gelegentlich konnte ich miterleben, wie sich eine Krankengymnastin oder Tanztherapeutin (sowohl im Rahmen der Klinik als auch in freier Praxis) mit sehr viel Einfühlungsvermögen auch auf körperlich und seelisch in ihrer Kindheit sehr schwer verletzte Menschen einstellen und ihnen einen Zugang zu eigenen Kraft- und Energiereserven eröffnen konnte. In einigen Fällen erfuhr ich von Ratsuchenden, dass einfach durch die Erlaubnis, die eigenen Gefühle und den eigenen Körper fühlen zu dürfen, Menschen sich wieder stärker fühlten; denn auch die Unterdrückung von Gefühlen jedweder Art und das Fühllos-Machen von Körperregionen oder Gliedmaßen zehren ungeheuer viel Energie auf. Eine Frau sagte mir, nachdem solche Kraftreserven in ihr frei geworden waren: „Ich spüre Kraft im Wandern, im Spazierengehen, danach spüre ich jeden Beinmuskel und Erschöpfung und Zufriedenheit und Wärme im Herzen!“

Macht und Herrschaft in patriarchalen Verhältnissen

Einen Gesichtspunkt zum Thema Macht und Stärke im spannungsreichen Gegenüber der Geschlechter steuert Birgit Rommelspacher bei. Sie wehrt sich gegen „eine puritanische Ethik, in der der Frau Unwissenheit und Tugendhaftigkeit zugeordnet wird, dem Mann aber Macht und Leidenschaft. – Ein solches Bild ist verführerisch, weil es die Welt auf so einfache Weise in Gut und Böse einteilt. Letztlich ist aber genau diese Polarisierung selbstschädigend, weil sie die Frauen in der Opfer- und damit auch Objekt-Rolle festhält. Sie macht die Männer für alles verantwortlich und delegiert an sie mit der Schuld auch die Macht.“ (68)

1. Mose 3, 1-6: Eva als Repräsentantin der Menschheit

Die Paradiesgeschichte ist fast immer im patriarchalen Sinn ausgelegt worden, als ob Eva eine größere, ja die eigentliche Schuld am menschlichen Sündenfall träfe und als ob man daher in der Kirche die Frau dem Mann grundsätzlich unterordnen müsse. Brigitte Kahl legt umgekehrt die Geschichte Kains als typischen „Sündenfall des Mannes“ in seinem „Nicht-Bruder-Sein-Können“ aus (69).

Nun könnte man aber auch im Sinne Rommelspachers umgekehrt argumentieren, dass derjenigen, die schuldiger werden kann, doch an sich auch die größere Macht zukommen müsse. Somit ist es widersinnig, wenn eine machtbesitzende Männergesellschaft, die im Laufe der Welt- und Kirchengeschichte auch vielfach Schuld auf sich geladen hat, die Verantwortung für ihre Taten an die Frau abschob. Es sei denn, man versteht Schuld einseitig von der Abwertung der Bereiche des Gefühls und der Sexualität her und will die Männerwelt mit ihrer Kopforientiertheit von vornherein von Sünden entlasten. An den Problemen der Sexualität sind sie angeblich auch nicht schuld, da Eva sie verführt habe. „Mythen über kindliche, männliche, vor allem aber weibliche sexuelle Sehnsüchte oder Ängste sind tief in den religiösen, psychologischen, maßgeblichen psychoanalytischen Erklärungsmodellen verankert und leben in den Köpfen vieler Menschen – ich muss hier leider sagen, insbesondere von uns Männern – weiter!“ Einer dieser Mythen lautet: „Der Mann erliegt sozusagen als Opfer der Verführung der Frau (Paradiesthema).“ (70) Fiora Schüssler Fiorenza führt die Bibelstellen im 2. Korintherbrief (11, 2-3) und 1. Timotheusbrief (2, 11-15) an, nach denen angeblich „nicht Adam, sondern die Frau sich verführen“ ließ. „Die religiösen Wurzeln des kulturellen Verhaltensmusters, den Opfern von Vergewaltigungen, Inzest oder Schlägen das Gefühl zu vermitteln, sie selber trügen die Schuld und Verantwortung für das erlittene Unrecht, liegen in der Lehre der Schrift, dass durch Eva die Sünde in die Welt kam und die Frau vor allem dadurch gerettet wird, dass sie Kinder zur Welt bringt und »in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt«.“ (71)

Mit Eugen Drewermann halte ich es jedoch für abwegig, die Paradiesgeschichte so einseitig auszulegen. Der Erzähler stellt jedenfalls Eva als die aktive Dialogpartnerin der Schlange und Repräsentantin der gesamten Menschheit dar, und er entfaltet in diesem Dialog das, was allen Menschen geschieht, wenn sie das Vertrauen zu Gott außer Acht lassen und sich ihrer grundlegenden menschlichen Mangelsituation als in die Existenz geworfene Staubkörnchen im All bewusst werden: Aus Angst vor dem Abgrund des Nichts versucht die Frau verzweifelt sich ewiges Leben aus eigener Kraft und gegen den Willen Gottes zu verschaffen – und erreicht damit das Gegenteil, den Tod, der in der Trennung von dem lebenspendenden Gott besteht. „Auf das genaueste versucht die Frau in Gen 3,3 gegenüber den Verdächtigungen und Infragestellungen der »Schlange« sich die Weisungen Gottes in Erinnerung zu rufen – Wort für Wort zitiert sie, was Gott wirklich dem Menschen gesagt hat; aber sie kann das Gebot nur wiederholen in dem Gefühl und in der Verschärfung der Angst.“ (72)

Hier interessiert mich nur ein Punkt: Mit dem, was Eva tut, repräsentiert sie nicht nur den weiblichen Anteil der Menschheit, sondern auch den männlichen; so gesehen entsteht ein Gleichgewicht zwischen dem zuerst geschaffenen Adam, der die Natur benennt, und der aus Adams Rippe erschaffenen Eva, die die existentielle Spannung des menschlichen Lebens zwischen der von Gott vorgesehenen Bestimmung und der menschlichen, aus Angst geborenen Eigenmächtigkeit begründet.

Interpretiert man die Geschichte psychoanalytisch, so wird allerdings nicht nur Adam von Eva verführt, sondern auch Eva von einer als männlich phallisch vorstellbaren Schlange, womit wieder die Ausgewogenheit der Geschlechter hergestellt wäre. Im Blick auf die rationalisierenden Aussagen vieler Missbraucher über die Verführungskünste der Frauen und auch schon kleiner Mädchen ist es wichtig, die Paradiesgeschichte in diesem Sinn neu zu interpretieren.

Humorvoll variiert dieses Thema ein von Ele Schöfthaler beschriebenes Trivial-Kunstwerk: „Die Äpfel im Paradies hängen in einer Ton-Skulptur in der Ausstellung so hoch, dass Adam seine Eva kräftig hochstemmen muss, damit sie ihm die verbotene Frucht pflücken kann. Hatte es nicht immer geheißen, die Frau sei schuld an der Vertreibung aus dem Paradies? Der Schwabacher Pfarrer schmunzelt und meint: »Hier sieht man den wahren Schuldigen.«“ (73)

Nach Rommelspacher ist es jedenfalls fatal, „das Bild vom sexuell missbrauchten Mädchen“ als „Symbol für weibliche Unschuld und männliche Verworfenheit“ im Sinne einer absolut geltenden Polarisierung zu verselbständigen. „Wir können also nicht an einem Bild festhalten, das den Männern alleine die Macht zur Gestaltung der Wirklichkeit gibt. Vielmehr müssen wir auch den spezifischen Anteil der Frauen sehen, der sie mächtig, aber damit auch potentiell schuldig werden lässt… Entsprechend ihrem Entscheidungsspielraum sind auch sie für ihr Tun verantwortlich.“ Im Blick auf Inzest-Täterinnen und Mittäterinnen schreibt Birgit Rommelspacher an der gleichen Stelle: „Wenn wir Frauen verstehen und Männer beschuldigen, dann nehmen wir eine weitere Polarisierung vor: wir verabsolutieren gegenüber den Frauen eine Innensicht, die in einem nachvollziehenden Verstehen die Bedingtheit ihres Handelns begreift, und dem Mann gegenüber eine Außensicht, die ausschließlich die Wirkung seines Handelns auf die anderen bewertet.“ (74)

In diesem Zusammenhang werfe ich einen Blick auf zwei Auffassungen zum Ursprung der männlich-weiblichen Geschlechterhierarchie und ihrer möglichen Überwindung. Die eine, die sich auf das seelische Erleben aller Menschen bezieht, die eine Frau als erste Bezugsperson haben, fand ich bei Lynn Margulis und Dorion Sagan in Anlehnung an Dorothy Dinnerstein: „Ein Teil unserer späteren Geschlechterprobleme beruht darauf, dass wir von Frauen nicht nur geboren, sondern meist auch großgezogen werden… In einem dunklen Eckchen unseres Verstandes halten die meisten von uns an der vorlogischen Perspektive des Kleinkindes fest und betrachten die Frau nicht als menschliche »Sie«, sondern als irrationales »Es«, als Abstraktion, die uns genauso gefährlich und unbezwingbar erscheint wie »die Natur« oder »der Leib«. Aufgrund unserer frühkindlichen Erfahrungen bleibt der weibliche Körper etwas Magisches, wobei der Mann versucht, diesen Körper, der ihm doch nie ganz gehört hat, zu kontrollieren und sich zugänglich zu machen. Was männlich und menschlich ist, bestimmt sich aus dem Gegensatz zu dieser frühen gottgleichen Macht der Frau. Dinnerstein unterstellt, dass sowohl Männer als auch Frauen ein unterschwelliges Ressentiment gegen die Frau hegen, da mütterliche Macht sich unterschiedslos auf alle Kinder erstreckt. Die einzige Möglichkeit, diese kulturell verfestigte Angst und Abneigung abzubauen, besteht für Dinnerstein darin, dass Männer sich gleichermaßen an der Kinderaufzucht beteiligen.“ (75)

Die andere geht von der kulturanthropologischen Forschung aus und bezieht sich im Besonderen auf die Rechtsentwicklung im Alten Testament.

2. Mose 22, 15f. + 20, 14 und Hosea 2, 16ff.: Bibel und Patriarchalismus

Eckart Otto stellt in einer Untersuchung des u. a. in 2. Mose 22, 15f. zum Ausdruck kommenden „Besitzrechts des Vaters an der unverheirateten Tochter“ (76) und „des exklusiven Anspruchs des Ehemannes auf die Sexualität der Ehefrau“ die Frage: „Gibt es eine gesellschaftliche Logik dieses patriarchalischen Rollenverständnisses jenseits der Irrationalität männlicher Herrschaftsansprüche?“ (77) Seine Antwort auf diese Frage baut auf folgender Grundlage auf: „Überlebenssicherung durch patrilokale Exogamie (78) in optimaler Ausnutzung der biologischen Reproduktionsfähigkeit und Ökonomie des sesshaften Getreideanbaues führen zur patriarchalischen Gesellschaftsstruktur“ (79). „Daraus folgt ein anderes Bild des pater familias (= Familienvaters) als das des autoritären Herrschers in der Familie. Seine Funktion ist die der Überlebenssicherung und des Schutzes der Familie durch seine Kraft.“ (80)

Weiter führt er aus, dass der Patriarchalismus jedoch bereits im Alten Testament grundsätzlich überwunden worden sei: „Hatte das apodiktische Ehebruchsverbot in Ex. 20, 14 ursprünglich die Funktion, den Besitzanspruch des Mannes über die Frau zu sichern, so wird dieses Gebot in der Unterstellung unter das erste Gebot und die Einstellung des Dekalogs (81) in den Zusammenhang des Sinaibundes einer Interpretation aus der Bundesstruktur des Gottesverhältnisses geöffnet… Vom Propheten Hosea wird das Partnerschaftsverhältnis als Analogon des Gottesverhältnisses gebraucht (Hos. 2, 16ff.). Damit ist die im Interesse des Gesellschaftsprozesses verankerte Bindung des Gebotes an das Patriarchat und die damit gesetzte Ungleichheit der Geschlechter zugunsten der Sicherung eines partnerschaftlichen Treueverhältnisses überwunden. as apodiktische Verbot in Ex. 20, 14 dient nun nicht mehr dazu, die Verletzung von Besitzrechten des Mannes auf die Frau zu verhindern, sondern den Bruch eines Treueverhältnisses.“ (82)

Anmerkungen

(1) Johannes Cremerius, Abstinenz – Maxime und Realität, S. 324. In: Gabriele Ramin (Hg.), Inzest und sexueller Missbrauch. Beratung u. Therapie. Ein Handbuch, Paderborn 1993, S. 317-333.

(2) Sándor Ferenczi, Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind. Die Sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft (1933), S. 311. In: Sándor Ferenczi, Schriften zur Psychoanalyse II, Frankfurt am Main 1972, S. 303-313.

(3) Sándor Ferenczi, Kinderanalysen mit Erwachsenen (1931), S. 282f. In: Sándor Ferenczi, Schriften zur Psychoanalyse II, Frankfurt am Main 1972, S. 274-302.

(4) Vgl. das Kapitel „Elterliche Verantwortung für Grenzüberschreitungen“.

(5) Ulrich Sachsse, Selbstschädigung als Selbstfürsorge. Zur intrapersonalen und interpersonellen Psychodynamik schwerer Selbstbeschädigungen der Haut, S. 54. In: Forum der Psychoanalyse, Jahrgang 3, Heft 1, 1987, S. 51-70.

(6) Ebenda, S. 55.

(7) Ebenda, S. 52.

(8) Ebenda, S. 61.

(9) Ebenda, S. 60-65.

(10) Parentifizierung (vom englischen Wort „parents“ = „Eltern“ und dem lateinischen Wort „facere“ = „machen“) bedeutet, dass man ein Kind in die Rolle der Eltern oder eines Elternteils versetzt.

(11) Autarkie bedeutet, zur Befriedigung seiner Bedürfnisse nicht auf andere Menschen angewiesen zu sein.

(12) Ulrich Sachsse, Selbstschädigung als Selbstfürsorge. Zur intrapersonalen und interpersonellen Psychodynamik schwerer Selbstbeschädigungen der Haut, S. 59. In: Forum der Psychoanalyse, Jahrgang 3, Heft 1, 1987, S. 51-70.

(13) Ebenda, S. 66.

(14) Narzissmus ist ein Begriff aus der Psychoanalyse und meint eine übersteigerte, ungesunde Selbstliebe. Wer narzisstisch liebt, versucht auch in der Beziehung zu einem anderen Menschen nur sich selber wiederzufinden.

(15) Ulrich Sachsse, Selbstschädigung als Selbstfürsorge. Zur intrapersonalen und interpersonellen Psychodynamik schwerer Selbstbeschädigungen der Haut, S. 57. In: Forum der Psychoanalyse, Jahrgang 3, Heft 1, 1987, S. 51-70.

(16) Ebenda, S. 59.

(17) Ebenda, S. 63.

(18) Ursula Wirtz, Seelenmord. Inzest und Therapie, Zürich 1989, S. 139.

(19) Ulrich Sachsse, Selbstschädigung als Selbstfürsorge. Zur intrapersonalen und interpersonellen Psychodynamik schwerer Selbstbeschädigungen der Haut, S. 61f. In: Forum der Psychoanalyse, Jahrgang 3, Heft 1, 1987, S. 51-70.

(20) Ebenda, S. 64f.

(21) Ebenda, S. 57, unter Bezugnahme auf Plassmann, Teising und Freyberger, Ein »Mimikry«-Patient (1985).

(22) Ulrich Sachsse, Selbstverletzendes Verhalten. Psychodynamik – Psychotherapie, Göttingen / Zürich 1994, S.156ff.

(23) Eva Hildebrand, Therapie erwachsener Frauen, die in ihrer Kindheit inzestuösen Vergehen ausgesetzt waren, S. 56f. In: Lone Backe, Nini Leick, Joav Merrick und Niels Michelsen (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien, Köln 1986, S. 52-68.

(24) Zitat von Justice / Justice (nach Hirsch 1987, S. 130), zitiert von Rolf Katterfeldt, Inzest: Eine traumatische Beziehung, S. 284. In: Praxis der Psychotherapie und Psychosomatik, 38. Jahrgang, Heft 5, 1993, S. 278-286. Vgl. auch das Buch von Patricia Love und Jo Robinson, Wenn Kinder unter Liebe leiden: Beziehungsfalle Familie. Aus dem Amerikanischen von Almuth Dittmar-Kolb, Hamburg 1991., das die schädlichen Folgen eines „emotionalen Inzests“ beschreibt, selbst wenn es nicht zu sexuellen Handlungen kommt.

(25) Thomas Layne, Macht und Machtmissbrauch in der therapeutischen Arbeit mit Inzestopfern und -überlebenden. Übersetzung aus dem Amerikanischen und Textbearbeitung von Reinhard Fuhr, S. 39. In: Gestalttherapie, Jahrgang 6, Heft 2, 1992, S. 35-43.

(26) Eva Hildebrand, Therapie erwachsener Frauen, die in ihrer Kindheit inzestuösen Vergehen ausgesetzt waren, S. 55. In: Lone Backe, Nini Leick, Joav Merrick und Niels Michelsen (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien, Köln 1986, S. 52-68.

(27) Diana Ecker, Bettina Graf, Sigurd Mempel, Brigitte Scheidt und Helga Tempel-Griebe, Ausgewählte Problembereiche in der Behandlung sexuell missbrauchter und vergewaltigter Frauen im Rahmen eines stationären Settings: Diagnostische Aspekte, gruppentherapeutische Erfahrungen und Probleme der BehandlerInnen, S. 121. In: Praxis der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation, Heft 14, 1991, S. 116-124.

(28) Thomas Layne, Macht und Machtmissbrauch in der therapeutischen Arbeit mit Inzestopfern und -überlebenden. Übersetzung aus dem Amerikanischen und Textbearbeitung von Reinhard Fuhr, S. 39. In: Gestalttherapie, Jahrgang 6, Heft 2, 1992, S. 35-43.

(29) Ebenda, S. 40.

(30) Sándor Ferenczi, Kinderanalysen mit Erwachsenen (1931), S. 304f. In: Sándor Ferenczi, Schriften zur Psychoanalyse II, Frankfurt am Main 1972, S. 274-302.

(31) Sigmund Freud, Die Umgestaltungen der Pubertät, S. 92. In: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und verwandte Schriften. Auswahl und Nachwort von Alexander Mitscherlich, Frankfurt am Main 1961/74, S. 78-109.

(32) Helmut Kentler, Eltern lernen Sexualerziehung, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 48.

(33) Ulrich Sachsse, Selbstverletzendes Verhalten. Psychodynamik – Psychotherapie, Göttingen / Zürich 1994, S. 62f.

(34) Diesen Satz Kants fand ich vor Jahrzehnten auf einem Blatt des „Neukirchener Kalenders“; das Datum weiß ich leider nicht mehr und auch keine Belegstelle aus Kants Werken oder der Sekundärliteratur.

(35) Claude Steiner, Wie man Lebenspläne verändert. Deutsche Übersetzung v. Stefan Mitzlaff, Paderborn 1982, S. 142.

(36) Ebenda, S. 131ff.

(37) Ebenda, S. 142.

(38) Michael Schüßler, Schizophrene Langzeitpatienten. Annäherungen eines Seelsorgers an eine fast schon wieder vergessene Menschengruppe. Unveröffentlichtes Manuskript, Alzey 1991, S. 58 (inzwischen doch veröffentlicht, nämlich hier auf der Bibelwelt).

(39) Zitiert bei Jeffrey Moussaieff Masson, Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 185f., nach Jones.

(40) Ebenda, S. 187.

(41) Sándor Ferenczi, Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb (1929), S. 255. In: Sándor Ferenczi, Schriften zur Psychoanalyse II, Frankfurt am Main 1972, S. 251-256.

(42) Johannes Cremerius, Abstinenz – Maxime und Realität, S. 1007 (Anm. 17). In: Gabriele Ramin (Hg.), Inzest und sexueller Missbrauch. Beratung u. Therapie. Ein Handbuch, Paderborn 1993, S. 317-333.

(43) Ellen Bass und Laura Davis, Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für missbrauchte Frauen. Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Ayche, Berlin 1992, S. 32.

(44) Ursula Wirtz, Seelenmord. Inzest und Therapie, Zürich 1989, S. 135.

(45) Ebenda, S. 135.

(46) Udo Rauchfleisch, Psychoanalyse und theologische Ethik. Neue Impulse zum Dialog, Freiburg im Breisgau 1986, S. 104.

(47) Diana Ecker, Bettina Graf, Sigurd Mempel, Brigitte Scheidt und Helga Tempel-Griebe, Ausgewählte Problembereiche in der Behandlung sexuell missbrauchter und vergewaltigter Frauen im Rahmen eines stationären Settings: Diagnostische Aspekte, gruppentherapeutische Erfahrungen und Probleme der BehandlerInnen, S. 121. In: Praxis der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation, Heft 14, 1991, S. 116-124.

(48) Ebenda, S. 122.

(49) Judith Rothen, Die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse nach sexuellem Missbrauch, S. 39. In: Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen, Villigster Forum: „Therapie, Interventionen u. Prävention bei sexuellem Missbrauch von Mädchen u. Jungen“, 24.-25.3.1990 in Haus Villigst, Schwerte 1991, S. 35-52 und 97-102.

(50) U. J. Heintz, Sexueller Missbrauch am Kleinkind. Versuch einer Aufarbeitung anhand des Persönlichkeitsmodells von Carl Rogers, S. 25. In: GwG-Zeitschrift 84, 1991, S. 23-31 (GwG = Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie).

(51) Diesen Überlebensmechanismus werde ich im Kapitel über die Geschichte der Töchter Lots noch eingehender darstellen.

(52) Nini Leick, Inzestopfer erzählen…, S. 42. In: Lone Backe, Nini Leick, Joav Merrick und Niels Michelsen (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien, Köln 1986, S. 39-51.

(53) Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter, Väter als Täter. Sexuelle Gewalt gegen Mädchen, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 54.

(54) Zitiert nach Katharina Rutschky, Erregte Aufklärung. Kindesmissbrauch: Fakten & Fiktionen, Hamburg 1992, S. 78.

(55) Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter, Väter als Täter. Sexuelle Gewalt gegen Mädchen, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 65.

(56) Zitiert in Helmut Harsch, Alkoholismus – Schritte z. Hilfe f. Abhängige, deren Angehörige u. Freunde, München 1980, S. 60.

(57) Felisa Elizondo, Strategien des Widerstands und Quellen der Heilung aus dem Christentum, S. 177. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 171-178.

(58) Marion Reinhold, Verhaltenstherapie bei sexuellen Gewalterfahrungen – eine Falldarstellung und ihr konzeptioneller Hintergrund. In: Praxis der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation, Heft 14, 1991, S. 97-104, S. 98.

(59) Ebenda, S. 99.

(60) Ebenda, S. 100.

(61) Birgit Rommelspacher, Der sex. Missbrauch als Realität u. Metapher, S. 27. In: Klaus Holzkamp u. a. (Hg.), Sexueller Missbrauch: Widersprüche eines öffentlichen Skandals, Forum Kritische Psychologie, Hamburg 1994, S. 21-32. Sie fügt hinzu: „Tatsächlich aber fängt Gewalt da an, wo Macht aufhört, wie Hannah Arendt (1969) sagt“.

(62) Felisa Elizondo, Strategien des Widerstands und Quellen der Heilung aus dem Christentum, S. 177. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 171-178.

(63) Karl Barth, Die Lehre von der Versöhnung, Erster Teil. In: Die Kirchliche Dogmatik, Vierter Band, Zollikon-Zürich 1953, S. 458ff.

(64) Ulrike Kopp, „Ich habe einfach keine Ahnung, wer ich bin“. Erfahrungen aus der Christlichen Therapie mit missbrauchten Frauen, S. 25. In: Befreiende Wahrheit, Zeitschrift für Seelsorge und Christliche Therapie, Heft 4, 1995, S. 20-25.

(65) Wilma Weiss, Was tun? Möglichkeiten und Grenzen der Hilfestellung gegen sexuelle Gewalt, S. 27. In: Kindergarten heute, 25. Jahrgang, Heft 7/8, 1995, S. 26-34.

(66) Klaudia Becker, Aspekte der Tanz- und Bewegungstherapie in der Arbeit mit Inzestbetroffenen und / oder für den Bereich der Prävention, S. 82. In: Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen, Villigster Forum: „Therapie, Interventionen u. Prävention bei sexuellem Missbrauch von Mädchen u. Jungen“, 24.-25.3.1990 in Haus Villigst, Schwerte 1991, S. 76-79 und 82-86.

(67) Peter Saueressig und Paul Gerhard Walter, „Nimm, was ich hab“. Gemeinsames Lied aus der Friedens-Beatmesse „Den Frieden leben“ auf dem 19. Deutschen Evangelischen Kirchentag, 18. Juni Hamburg 1981.

(68) Birgit Rommelspacher, Der sex. Missbrauch als Realität u. Metapher, S. 27ff. In: Klaus Holzkamp u. a. (Hg.), Sexueller Missbrauch: Widersprüche eines öffentlichen Skandals, Forum Kritische Psychologie, Hamburg 1994, S. 21-32.

(69) Brigitte Kahl, Kain – Vom Sündenfall des Mannes. Zum Predigttext für den 13. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 1994, 1. Mose 4, 1-16, S. 423f. In: Junge Kirche, 55. Jahrgang, Heft 7/8, 1994, S. 423-426.

(70) Lutz Besser, Zerbrechende Seelen, fürs Leben geschädigt. Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch, S. 506. In: Ergotherapie & Rehabilitation, Heft 6, 1993, S. 503-514.

(71) Elisabeth Schüssler Fiorenza, Gewalt gegen Frauen, S. 100. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 95-107.

(72) Eugen Drewermann, Tiefenpsychologie und Exegese, Band II. Die Wahrheit der Werke und der Worte. Wunder, Vision, Weissagung, Apokalypse, Geschichte, Gleichnis. Olten und Freiburg im Breisgau 1991, S. 13. Zur Auslegung von Gen. 3, 1-7 vgl. auch Drewermann, Strukturen des Bösen, Band I, S. 53-110; Band II, S. 221-247; Band III, S. XIV-XX; 137-144, 201-203, 436-497 – dieses Werk hat mir aber zu dieser Arbeit nicht vorgelegen. Vgl. auch Eugen Drewermann, Tiefenpsychologie und Exegese, Band I. Die Wahrheit der Formen. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende. Olten und Freiburg im Breisgau 1991, S. 434.

(73) Ele Schöfthaler, Schmachtende Engel und betende Hände. Nicht nur Kreuze sind Glaubenszeugnisse in deutschen Wohnzimmern. In: epd-Wochenspiegel Nr. 37 vom 14.9.1995, S. 23f.

(74) Birgit Rommelspacher, Der sex. Missbrauch als Realität u. Metapher, S. 27 und 29. In: Klaus Holzkamp u. a. (Hg.), Sexueller Missbrauch: Widersprüche eines öffentlichen Skandals, Forum Kritische Psychologie, Hamburg 1994, S. 21-32.

(75) Lynn Margulis und Dorion Sagan, Geheimnis & Ritual. Die Evolution der menschlichen Sexualität. Aus dem Amerikanischen von Margit Bergner und Monika Noll, Berlin 1991, S. 15f.

(76) Eckart Otto, Zur Stellung der Frau in den ältesten Rechtstexten des Alten Testamentes (Ex. 20, 14; 22, 15f.) – wider die hermeneutische Naivität im Umgang mit dem Alten Testament, S. 284. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik, 26. Jahrgang, 1982, S. 279-305.

(77) Ebenda, S. 290f.

(78) Der Begriff der „patrilokalen Exogamie“ bezeichnet die gesellschaftliche Norm der Einheirat von Frauen in die Familie des Mannes.

(79) Ebenda, S. 293.

(80) Ebenda, S. 294.

(81) Der Dekalog im Buch Exodus (abgekürzt: Ex.) ist das theologische Fachwort für die „Zehn Gebote“ im 2. Buch Mose, Kapitel 20.

(82) Ebenda, S. 300.

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