Stillhalten

Ich wünsche mir, dass unsere Konfirmanden etwas mit Kirche, Gott und Glauben anfangen können. Aber manchmal rede ich gegen eine Wand. Eine Wand aus Watte. Nicht einmal Widerstand ist da, nur Desinteresse. Stillhalten ist gefragt. Ich kann auf Taten verzichten, die ich nur tue, weil ich mich machtlos fühle. Stattdessen erlaube ich mir, Vertrauen und Hoffnung zu haben.

Weiße Wolle

Manchmal rede ich wie gegen eine Wand aus Watte oder weicher Wolle (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Altjahresabend, Donnerstag, den 31. Dezember 1998, um 18.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

„Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte“ (Psalm 103, 8).

Lied 58, 1-5:

1) Nun lasst uns gehn und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.

2) Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern, wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen

3) durch so viel Angst und Plagen, durch Zittern und durch Zagen, durch Krieg und große Schrecken, die alle Welt bedecken.

4) Denn wie von treuen Müttern in schweren Ungewittern die Kindlein hier auf Erden mit Fleiß bewahret werden,

5) also auch und nicht minder lässt Gott uns, seine Kinder, wenn Not und Trübsal blitzen, in seinem Schoße sitzen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus Psalm 121:

1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?

2 Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.

4 Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

5 Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

7 Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

8 Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Erwarten wir unsere Hilfe von Gott? Haben wir im vergangenen Jahr mit seiner Hilfe gerechnet? Oder haben wir uns lieber auf uns selber verlassen? Fühlten wir uns manchmal von allen guten Geistern verlassen? Damit wir nicht ohne Hilfe sind, rufen wir zu Dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wer vor Gott die eigene Schuld bekennen und Ihn um Vergebung bitten möchte, der sage laut oder leise oder auch still im Herzen:

Ja!

Gott ist da und nimmt alle Last von uns ab – das Leid des alten Jahres ebensowie die Schuld, die wir angehäuft haben. Er vergibt uns, was uns leid tut, er lindert, was uns weh tut, er heilt, was in unserer Seele zerbrochen ist.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Großer Gott, am Ende eines alten Jahres feiern wir noch einmal Gottesdienst. Noch ein letztes Mal in diesem Jahr willst du uns Deinen Dienst erweisen: Uns nahe sein in Worten der Bibel, in Liedern und Gebeten. Uns trösten in unserem Kummer, uns Mut machen, wenn wir verzagt sind, uns aufrütteln, wenn wir träge geworden sind. Lass uns die Chance nutzen, die in diesem Gottesdienst steckt – in Stille und Konzentration zu Dir und zu uns selbst zu finden. Amen.

Wir hören die Lesung aus dem Römerbrief 8, 31b-39:

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?

32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht.

34 Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.

35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?

36 wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.«

37 Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.

38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,

39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen vor der Predigt aus dem Lied 64 die ersten drei Strophen:

Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir aus dem Buch Jesaja 30, 15-17:

15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht

16 und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen.

17 Denn euer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrigbleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.

Liebe Gemeinde! Als der Prophet Jesaja diese Worte spricht, herrscht Krieg, das Land wird von Feinden bedroht, und die Politiker machen Pläne. Wie können wir uns wehren? Ein Heer aufstellen! Verbündete suchen! Rasch zuschlagen, um einem Angriff zuvorzukommen! Was ist das Beste? Jesaja macht auch einen Vorschlag: Gar nichts tun! Still halten!

Hast du den Verstand verloren? wird man ihm entgegnet haben. Wenn man uns angreift, müssen wir doch etwas tun! Aber Jesaja bleibt dabei: Je mehr ihr tun wollt, um so eher werdet ihr scheitern, je stärker ihr auftreten werdet, um so schwächer werdet ihr sein. Jesus wird später dem Petrus sagen (Matthäus 26, 52):

Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.

Ganz ähnlich sagt Jesaja den Menschen seiner Zeit: Wer so schnell sein will, als könnte er fliegen, der wird bald ebenso schnell fliehen. Wer schnelle Renner reiten will, den werden noch schnellere Reiter überrennen.

Taten sind keine Garantie für den Erfolg in einer Auseinandersetzung, sagt Jesaja denen, die Taten sehen wollen. Am Ende könnt ihr am Boden zerstört sein, ein leeres Schlachtfeld erinnert an eure Niederlage, eine armselige, verlassene Fahne hängt dort an einem armseligen verlassenen Mast. Nicht einmal eine zahlenmäßige Überlegenheit garantiert den Sieg, warnt Jesaja, die größten Großmäuler verlieren am schnellsten den Mut, wenn es gefährlich wird. Auch dies erinnert an Petrus, der Jesus auf keinen Fall im Stich lassen wollte, dann aber sogar abstritt, ihn zu kennen.

Anstelle von Taten schlägt Jesaja vor, stille zu bleiben. Manchmal ist es gut, nicht gleich zu überlegen, was könnten wir tun. Aber wann gilt das? Es gilt vor allem in Situationen, in denen wir machtlos sind und uns davor fürchten, machtlos zu sein.

Mir fällt dazu ein kleines Beispiel ein. Letzten Sonntag war ich einfach als Teilnehmer im Gottesdienst und saß da hinten, wollte zuhören – der Musik, den Worten des Pfarrers oder auch in mir drin den eigenen Gedanken. Aber was geschah? Meine Konzentration wurde gestört – von einzelnen Konfirmanden, die sich unterhielten und herumhampelten. Ich habe mich geärgert und hinterher überlegt: wie können wir dieses Problem endlich einmal lösen? Sollen die Konfirmanden vorne sitzen? Oder alle einzeln, über die ganze Kirche verteilt? Soll man aufhören, die Konfirmanden zum Kirchgang zu zwingen? Andererseits sind sie in einem Alter, wo man manches unter Druck macht – und es kommt trotzdem etwas dabei heraus, zum Beispiel in der Schule. Dann habe ich noch überlegt: Müssten wir nicht mehr Gottesdienste in anderer Form anbieten, in denen mehr los ist, die den Konfirmanden mehr Spaß machen? Aber wären die Konfirmanden bereit, solche Gottesdienste auch mit vorzubereiten? So habe ich gegrübelt: Was können wir nur tun?

Und dabei merke ich: Ich stoße an Grenzen. Eigentlich wünsche ich mir, dass unsere Konfirmanden etwas mit der Kirche, mit Gott, mit dem Glauben anfangen können. Aber viele interessieren sich kaum dafür. Sie kommen zum Unterricht, weil die Eltern es wollen, weil die Oma es will, weil man das eben immer noch macht, weil es am Ende des Jahres Geschenke gibt. Trotzdem bleibt es unsere Aufgabe als Pfarrer, irgendwie das Interesse der jungen Leute zu wecken. Und dabei kommt es mir manchmal so vor, als redete ich gegen eine Wand. Manchmal gegen eine Wand aus Watte. Nicht einmal Widerstand ist da, nur Desinteresse. Und wenn das der Fall ist, bin ich machtlos. Da kann ich nichts mehr tun. Da ist es gut, zuzugeben: Mit meiner Macht ist nichts getan. Noch mehr anstrengen, noch mehr tun, Zwang anwenden, Tricks versuchen, das nützt alles nichts. Stillhalten ist gefragt, Aushalten, was nicht zu ändern ist, jedenfalls nicht durch meine Aktivität.

Und vielleicht gerade dann, wenn ich nicht mit dem Kopf durch die Wand will, geschieht doch mehr, als ich dachte. Vielleicht bleibt ja doch manches in Unterricht oder Gottesdienst bei den Konfirmanden hängen. Als ich Konfirmand war, vor 33 Jahren, da habe ich unserem Pastor schon zugehört. Den anderen Konfirmanden gegenüber habe ich das aber lieber nicht gezeigt.

Stille sein, stillhalten. Das muss nicht Untätigkeit sein. Aber ich kann auf Taten verzichten, die ich nur tue, weil ich mich machtlos fühle. Stattdessen erlaube ich mir, Vertrauen und Hoffnung zu haben. Ich vertraue und hoffe auf Gott. Auf die Macht, die mich trägt, wie das Wasser die Fische trägt, auf die Liebe, die um mich herum ist wie die Luft zum Atmen.

Die Predigt ist zwar noch nicht ganz fertig, aber wir singen zwischendurch das Lied 428, 1-3. Es ist die Bitte an Gott, zu kommen und uns in unserer Welt zu verändern:

Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben

Liebe Gemeinde, es kommt noch ein letzter Gedankengang in dieser letzten Predigt in diesem Jahr.

Stillehalten – Stillsein: Vielleicht muss ich das auch auf mich selber beziehen und nicht so lange predigen. Nicht so viel in eine Predigt hineinpacken. Es ist eigentümlich. Häufig fällt mir so viel zu einer Predigt ein, dass ich am Ende sehr viel kürzen muss. Diesmal ist mir zwar nicht ganz so viel eingefallen, aber ich habe mich dabei ertappt, wie ich gedacht habe – jetzt musst du aber noch was als Rückblick aufs letzte Jahr sagen oder als Vorblick aufs nächste Jahr. Oder darauf eingehen, dass die Weltuntergangspropheten wieder extrem herumspinnen. Nein, das lasse ich jetzt einfach. Ich lasse stehen, was ich gesagt habe. Wir werden noch singen, das Abendmahl feiern, gemeinsam beten. Und die Predigt schließt, indem ich noch einmal den Satz des Jesaja wiederhole: Wenn wir umkehren zu Gott und stille bleiben, so ist uns geholfen; durch Stillesein und Hoffen sind wir stark. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Fürbittenstille

Wir singen das Lied 64, 4-6:

Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist. Du aber bleibest, der du bist, in Jahren ohne Ende

Lasset uns danksagen dem Herrn, unserm Gott. „Das ist würdig und recht.“

Gott, wir beten zu dir am Abend eines Jahres. Manche verabschieden das alte Jahr mit Krachern und Böllern, doch wir können es auch in der Stille tun – wir vertrauen Dir alles an, was gewesen ist, und nehmen aus Deiner Hand, was kommen wird.

Gemeinsam feiern wir Dein Heiliges Mahl und empfangen Liebe aus Deiner Hand – das Brot Deines Leibes, mit dem Du uns satt machst, den Kelch Deines Blutes, durch das unsere Sünde vergeben ist.

Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. Halleluja! „Und seine Güte währet ewiglich. Halleluja!“

Gott, geleite uns nun vom alten ins neue Jahr. Lass uns durchatmen und Deine Hilfe annehmen, lass uns akzeptieren, was wir nicht ändern können, und mach uns Mut, wo wir kräftig zupacken können. Sprich selber die Menschen an, die wir nicht erreichen, bewege die Herzen derer, die verhärtet sind, hilf denen aus der Verzweiflung heraus, die auf nichts mehr zu hoffen wagen. Wer sich vor der Stille fürchtet – gib ihm den Mut, einmal darüber zu reden. Wer Angst davor hat, in der Stille sich selber und den eigenen ungelösten Problemen zu begegnen – gib ihm den Mut, sich dem zu stellen, was ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Und wenn wir es nicht aushalten, manchmal machtlos dazustehen und nichts tun zu können, dann halte uns fest in unserer Ratlosigkeit. Amen.

Zum Schluss singen wir aus dem Lied vom Anfang, Nr. 58, noch die letzten fünf Strophen 11-15. Es sind noch weitere Fürbitten zum Jahreswechsel.

11) Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen, lass Großen und auch Kleinen die Gnadensonne scheinen.

12) Sei der Verlassnen Vater, der Irrenden Berater, der Unversorgten Gabe, der Armen Gut und Habe.

13) Hilf gnädig allen Kranken, gib fröhliche Gedanken den hochbetrübten Seelen, die sich mit Schwermut quälen.

14) Und endlich, was das meiste, füll uns mit deinem Geiste, der uns hier herrlich ziere und dort zum Himmel führe.

15) Das alles wollst du geben, o meines Lebens Leben, mir und der Christen Schare zum sel’gen neuen Jahre.

Und geht mit Gottes Segen ins Neue Jahr hinein:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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