Doch nicht ganz einsam

Trauerfeier für einen Mann, der einsam gestorben ist, aber dem dann doch eine ganze Reihe von Menschen die letzte Ehre erwiesen haben.

Doch nicht ganz einsam: Ein einzelner Mann auf einem riesigen dunklen Parkplatz

Warum musste Herr U. so einsam sterben? (Bild: harutmovsisyan – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Anwesende, wir haben die traurige Pflicht, Herrn U. zu bestatten. Er ist bereits vor einiger Zeit gestorben, vor genau einem Monat hat man ihn tot in seiner Wohnung gefunden, und drei Wochen zuvor hatte man ihn zuletzt lebend gesehen. Da niemand von seinen wenigen Angehörigen erreichbar war oder sich für die Beerdigung verantwortlich zeigte, hat das Gartenamt die Bestattung für heute angeordnet.

Ich weiß nur, wo er geboren ist. Ob er in seinem Geburtsort auch aufgewachsen ist, wo er zur Schule gegangen ist, welche Berufstätigkeit er ausgeübt hat, auf welchen Wegen er schließlich hierher kam, all das weiß ich nicht. Ja, ich weiß nicht einmal genau, an welchem Tag und auf Grund welcher Ursache er gestorben ist.

Vor ein paar Tagen wusste ich nicht einmal von irgend jemandem, der den Verstorbenen kannte. Dann sprach ich doch ganz kurz mit einem seiner Nachbarn; der hatte nicht besonders viel mit ihm zu tun und wollte das auch nicht; in dem Haus, in dem er wohnte, blieben die meisten lieber für sich. Mancher möchte lieber einsam sein, als dass er sich unter die Menschen wagt, vielleicht weil er schon zu viele schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Aber durch eine besondere Fügung traf ich dann doch mit Menschen zusammen, die ihn kannten. Und die wiederum wussten von anderen, die sich um ihn gekümmert hatten, als er Unterstützung brauchte. Und einige von Ihnen sind heute hier, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Gemeinsam verstehen wir diese Trauerfeier als einen Gottesdienst, mit dem Gott ihm einen letzten Dienst hier auf Erden erweist. Wir tragen Herrn U. zu Grabe im Namen eines Gottes, der jedes seiner Menschenkinder kennt und mit Namen ruft (Jesaja 43, 1):

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Ganz ähnlich spricht Jesus davon, wie wichtig für Gott im Himmel unser Name ist (Lukas 10, 20):

Freut euch…, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Wenn Gott den Namen eines Menschen weiß und aufschreibt, dann ist damit mehr gemeint, als dass wir einen Namen im Geburten- oder Sterberegister aufschreiben. Gott weiß, wer wir sind, er kennt uns besser, als wir selbst uns kennen. Gott kennt auch Herrn U. Sein Herz, seine Seele, sein ganzer Charakter ist ihm nicht verborgen. Gott weiß, was er durchgemacht hat, wofür er sich interessiert hat, was seine Hoffnungen und Erwartungen ans Leben waren; er weiß auch um die Erfüllungen und Enttäuschungen seines Lebens.

Menschen, die ihn kannten, erzählen vom Leben des Verstorbenen

Ich spreche für Herrn U. ein Gebet mit Worten aus dem Psalm 102. In dem Gebet kommt das Bild eines einsamen Vogels auf dem Dach vor, das mich an sein unbemerktes Sterben hinter den Türen seiner Wohnung erinnert hat.

1 Ein Gebet für den Elenden, wenn er verzagt ist und seine Klage vor dem HERRN ausschüttet.

2 HERR, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen!

3 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald!

4 Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch, und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer.

5 Mein Herz ist geschlagen und verdorrt wie Gras, dass ich sogar vergesse, mein Brot zu essen.

6 Mein Gebein klebt an meiner Haut vor Heulen und Seufzen.

7 Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern.

8 Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.

12 Meine Tage sind dahin wie ein Schatten, und ich verdorre wie Gras.

13 Du aber, HERR, bleibst ewiglich und dein Name für und für.

18 [Gott] wendet sich zum Gebet der Verlassenen und verschmäht ihr Gebet nicht.

20 Denn er schaut von seiner heiligen Höhe, der HERR sieht vom Himmel auf die Erde,

21 dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes.

Lebendiger Gott, du bist ein Gott des Lebens, du lässt auch die Toten nicht verloren gehen. Wir vertrauen dir auch Herrn U. an, der unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Wir klagen vor dir über seine Einsamkeit, über vieles, was wir nicht wissen, und wir bitten dich: Nimm die Bruchstücke seines Lebens und lass sie in deiner Ewigkeit vollendet werden, so dass sein Leben nicht vergeblich gelebt worden ist.

Hilf uns, dass wir unser eigenes Leben als kostbares Geschenk aus deiner Hand annehmen. Lass uns nach vorn schauen, um unseren Weg zu gehen in der Verantwortung vor dir. Amen.

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