Das achte Gebot

Ein Junge sieht traurig aus und hockt auf einer Bank mit dem Rücken zu Schulbüchern

Wie erzählt ein Schüler zu Hause, wenn er schlechte Noten bekommen hat? (Bild: pixabay.com)

Ein Kind wird nach der Schule von den Eltern gefragt, ob es die Rechenarbeit zurückbekommen habe. „Nein“, sagt das Kind. Später findet die Mutter das Heft in der Schultasche. „Mangelhaft“ steht unter der Arbeit. „Warum hast du uns angelogen?“ reagieren die Eltern. „Jeder kann doch mal eine schlechte Arbeit schreiben“. Das Kind hat Angst gehabt. Voriges Mal hatte es wegen einer Fünf Ohrfeigen gegeben.

Am gleichen Tag will eine Frau das alte Auto der Familie kaufen. Die Eltern bitten das Kind, ihr nichts von dem Unfall zu erzählen, den sie mit dem Wagen gehabt haben. „Sonst nimmt sie ihn womöglich nicht!“ (nach U. Wölfel, Lügen)

Als Kinder lernten wir das achte Gebot in der Formulierung: „Du sollst nicht lügen!“ Sag nie die Unwahrheit! Aber ist es das gleiche, wenn ein Dreijähriger aus seiner Phantasiewelt heraus begeistert erzählt, er habe die Straßenbahn umgeschmissen und vom Briefträger hundert Briefe bekommen, wenn das Schulkind aus Angst lügt oder wenn die Eltern wegen eines Vorteils beim Autoverkauf die Wahrheit „nicht so genau“ nehmen?

Altertümlich und schwerfällig klingt das Gebot in Martin Luthers Übersetzung (2. Buch Mose – Exodus 20, 16):

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!

Aber hier wird das Wesen der Lüge deutlicher: dass es nicht einfach um die Behauptung falscher Tatsachen geht, sondern um die Menschen, die wir durch Unwahrheit täuschen, schädigen oder in ihrem guten Ruf verletzen. Der Dreijährige richtet sich in seinem Phantasieren noch nicht „wider seinen Nächsten“. Wo die Lüge Vertrauen zerstört, wird sie zu einer traurigen und schrecklichen Sache, oder wo wir vor einem Menschen, dem wir nicht genug Vertrauen entgegenbringen, unsere wahren Gefühle verbergen.

Der Umgang mit der Wahrheit ist schon im familiären Bereich nicht leicht, da gestörtes Vertrauen nicht durch Strafen oder Vorwürfe wiederhergestellt werden kann, sondern nur durch die Einsicht in eigene Fehler und durch Verzeihung. Wieviel schwerer ist es im Bereich der Öffentlichkeit und Politik, von Vertrauen und Wahrheit zu reden! Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass Günter Wallraff unter falschem Namen bei der „Bild“-Zeitung gearbeitet hatte. Er benutzte eine Lüge, um einer Sensations- und Schlagwortberichterstattung hinter die Schliche zu kommen, bei der, wie der ehemalige „Bild“-Reporter Schulte-Willekes in seinem Jugendbuch „Schlagzeile“ formuliert, „die Wahrheit manchmal wie ein Gummiband gezogen wird“ (S. 89). Wie wenig Rücksicht Boulevardzeitungen auf die Gefühle von Menschen nehmen, die in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses geraten sind, zeigte unlängst wieder das Verhalten der Fotoreporter, die sich über das Fotografierverbot während eines Dankgottesdienstes der befreiten Flugzeuggeiseln hinwegsetzten (Wetterauer Zeitung vom 19.10.77). Dass Wallraff den Erlös seines Buches denen zugute kommen lassen will, die sich bisher gegen üble Nachrede durch eine mächtige Zeitung aus Geldmangel nicht gerichtlich zu wehren wagten, finde ich erfreulich.

Gerade jetzt über den öffentlichen Umgang mit der Wahrheit zu reden, hat noch einen weiteren ernsten Anlass. Seit die zweifellos notwendige Terroristenfahndung unter Mithilfe der Bevölkerung läuft, beginnt mancher in jedem einen Anhänger der Terroristen zu sehen, der anders denkt und lebt. Immer öfter höre ich von Haussuchungen bei Wohngemeinschaften, die durch anonyme Anrufe ausgelöst wurden. Die berechtigte Empörung über den Terror verführt leicht zu vorschnellem Urteil und damit zu „falschem Zeugnis“ gegenüber politisch Andersdenkenden.

Terror mit dem Strafgesetz zu bekämpfen, nach den Regeln des Rechtsstaates, ist eine wichtige Aufgabe. Ebenso notwendig ist es, dem Terrorismus den Nährboden zu entziehen, der in der Auffassung besteht: unsere Gesellschaft sei nicht mehr in der Lage, ihre wirtschaftlichen und sozialen Probleme demokratisch durch Diskussion und gewaltlose Interessenkämpfe zu lösen; sie sei nicht reformierbar und daher gewaltsam zu verändern.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie wir über Menschen reden, die andere Vorstellungen von der Zukunft unseres Landes haben als wir, die kritische Anfragen an unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung richten, und deren Absichten wir schwer verstehen oder ablehnen. Ein Wort Luthers mag uns einen Hinweis geben, welche Möglichkeiten im klärenden Gespräch mit Andersdenkenden liegen: „Es ist nichts an und im ganzen Menschen, das mehr und weiter beide Guts schaffen und Schaden tuen kann in geistlichen und weltlichen Sachen denn die Zunge, so doch das kleinste und schwächste Glied ist“.

Zum Nachdenken im Jahr 1977 in der Wetterauer Zeitung von Helmut Schütz, Friedberg-Bauernheim

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.