Ein Senfkorn lehrt uns Hoffnung

Gerade die unscheinbaren Gesten der Liebe lassen uns leben. Das Gefühl, ein Arzt tut meine Sorgen nicht einfach ab – eine Schwester hört mich an mitten in der Nacht, wenn ich vor Angst nicht schlafen kann – eine Mitpatientin nimmt mich in den Arm. In all dem hält Gott uns fest und lässt uns nicht in einen Abgrund fallen.

Symbol des Wachstums in Form eines großen grünen Triebes mit großen grünen Blättern, der aus einem Gebüsch hervorwächst und von einem gelben Kreis umgeben ist

Aus einem kleinen Senfkorn wächst ein großer Baum (Grafik: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Tag der Psychiatrie, Samstag, den 13. Juni 1992, um 10.00 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im ökumenischen Gottesdienst heute am Tag der Psychiatrie! Ökumenisch ist der Gottesdienst, obwohl ich ihn heute als evangelische Geistlicher allein gestalte – denn die anderen Kollegen, sind durch Krankheit, Urlaub oder durch andere Verpflichtungen daran gehindert, heute hier zu sein. Sie lassen aber herzlich grüßen!

Mit diesem Gottesdienst eröffnen wir den Tag der Psychiatrie in Alzey. Dieser Tag hat in Alzey gut Fuß gefasst, ist eine Institution geworden. Wo man sich wohlfühlt, wo es zu essen und zu trinken gibt, wo es Musik gibt und außerdem auch ein bisschen Information, da gelingt es vielleicht, so ganz nebenbei auch ein paar Vorurteile abzulegen, die mancher immer noch gegenüber einer Nervenklinik hat.

Im Gottesdienst besinnen wir uns auf Worte, die Paulus und Jesus gesagt haben, es werden Worte sein zum Thema „Hoffnung“, – und wir werden viel singen. Einen Teil der Lieder begleitet wie immer Herr Vogel auf der Orgel, zwei Lieder, die in dem roten Gesangbuch stehen, einen anderen Teil werde ich selbst auf der Gitarre begleiten, das sind einige von den Liedern, die auf dem weißen Liedblatt abgedruckt sind.

Mit einem dieser Lieder beginnen wir nun den Gottesdienst, mit dem bekannten Lied: Danke!

Danke für diesen guten Morgen
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des Psalms 91:

1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt / und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2 der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, / mein Gott, auf den ich hoffe.

4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. / Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

5 dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, / vor den Pfeilen, die des Tages fliegen…

9 Denn der HERR ist deine Zuversicht, / der Höchste ist deine Zuflucht.

11 Er hat seinen Engeln befohlen, / dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12 dass sie dich auf den Händen tragen / und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Lasst uns diesen Gott loben mit dem in beiden Konfessionen bekannten Loblied 436, 1-3:

1) Großer Gott, wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

2) Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen, stimmen dir ein Loblied an, alle Engel, die dir dienen, rufen dir stets ohne Ruh: „Heilig, heilig, heilig!“ zu.

3) Heilig, Herr Gott Zebaoth, heilig, Herr der Himmelsheere! Starker Helfer in der Not: Himmel, Erde, Luft und Meere sind erfüllt von deinem Ruhm; alles ist dein Eigentum.

Gott im Himmel, wie schwer ist das, mit Menschen zurechtzukommen, die uns fremd sind. Da ist einer, der ist krank, was mag er nur haben, wie gehe ich mit ihm um? Da ist einer, der scheint gesund zu sein, der wirkt so stark, ich weiß nicht, ich fühle mich bedroht. Gemischte Gefühle treiben mich um: Wie gern würde ich auf jemanden zugehen. Aber manchmal ist es sicherer und angenehmer, ganz für sich zu bleiben. Guter Gott, du kennst uns, du kennst unsere geheimsten Gedanken und Gefühle. Nimm uns so an, wie wir sind! Hilf uns, darauf zu achten, was jetzt gerade gut für uns uns ist, hilf, dass wir uns nicht überfordern, und schenke uns Mut und Kraft, wenn wir uns mehr zutrauen können, als wir es bisher dachten. Amen.

Wir hören die Lesung aus dem Brief des Paulus an die Römer 5, 1-5:

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;

2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.

3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,

4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,

5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Amen.

Vielleicht wissen Sie es schon, dass wir seit einiger Zeit einen Singkreis in der Klinik haben, der trifft sich immer donnerstags um 16.00 Uhr hier in der Kapelle (außer an Feiertagen wie z. B. in der nächsten Woche), und wir singen Lieder, die uns Freude machen, kirchliche und volkstümliche, alte und neue. Und da singen wir besonders gern ein sehr schönes Lied von der Hoffnung. Es heißt: „Kleines Senfkorn Hoffnung“ und ruft zur Hoffnung nicht allein mit Worten auf, sondern stellt sie uns in verschiedenen Bildern vor Augen:
Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir aus dem Evangelium nach Matthäus 13 ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat:

31 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte;

32 das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

Liebe Gemeinde,

als wir vor ein paar Wochen im Turnverein Volleyball spielten, da verlor meine Mannschaft an diesem Abend mit 0:5 Punkten. Ich denke, es wird wohl auch an mir gelegen haben, ich bin kein so guter Spieler. Auf dem Weg zum Duschen sagte ich zu einem aus der anderen Mannschaft: Weißt du, im sechsten Spiel hätten aber wir gewonnen! Da meinte der: Naja, du darfst ja die Hoffnung nicht aufgeben, schon aus beruflichen Gründen nicht!

Sicher, an diesem Abend haben wir nur herumgeflachst. Und ob man nun im Volleyball gewinnt oder verliert, ist ja nicht lebenswichtig – Hauptsache, man hat Spaß dabei und hält sich ein wenig fit. Aber trotzdem hat mein Sportsfreund auch im allgemeinen irgendwie Recht. Meine alltägliche Arbeit als Pfarrer könnte ich ohne Hoffnung wirklich nicht tun. Seelsorge ist immer auch Hilfe zur Hoffnung. Und ich denke, Ähnliches gilt auch für Ärzte und Pflegende, für Sozialarbeiter und Therapeuten – jeder möchte mit seiner Arbeit doch dazu beitragen, dass es den ihm anvertrauten Menschen besser geht. Doch wenn jemand nicht mehr für einen anderen hoffen kann, dann wird sich das auch in seinem Verhalten auswirken.

Nur: wie gewinnt man Hoffnung? Es gibt ja keine Tankstelle für Hoffnung, in der man für entsprechende Bezahlung Hoffnung auffüllen kann, so wie man Benzin in den Autotank füllt. In der Tat gibt es doch viel mehr Situationen im Leben, in denen man sich überfordert fühlt, in denen man versagt, in denen man trotz aller Bemühungen nicht schafft, was man erreichen wollte. Wie gewinnt man Hoffnung, wie hält man trotzdem fest an Hoffnung?

Ich denke, dass wir alle, alle, die wir hier sitzen oder stehen, mit dieser Frage im gleichen Boot sitzen. Wir alle können ohne Hoffnung nicht leben. Wohl ist es wahr, dass viele der Patienten hier in der Klinik viel mehr als andere Menschen damit konfrontiert werden, etwas nicht mehr zu schaffen, einer Lebenssituation nicht mehr gewachsen zu sein, den Glauben an sich selbst verloren zu haben. Völlig zusammengebrochen zu sein, sich am Ende fühlen – diese Erfahrungen sind den meisten Patienten hier nicht fremd. Aber wir Nicht-Patienten, wir kennen doch ebenso Erfahrungen, wo wir am Rande unserer Kräfte und Möglichkeiten stehen, und der Schritt vom Gesundsein zum Kranksein ist oft nicht sehr weit. Einflüsse, die uns belasten und evtl. auch krank machen könnten, gibt es genug.

Wie viele Menschen haben sich immer sagen können: ich schaffe es schon im Leben. Ich komme allein zurecht. Für andere kann ich sorgen, ich selbst brauche ja nicht viel. Und dann kommt ein Zeitpunkt, an dem sie es nicht mehr schaffen, an dem alles so mühsam wird, keine Lust mehr, irgendetwas zu tun, keine Kraft mehr für die alltäglichsten Selbstverständlichkeiten. Sie fragen sich: Ist nun alles aus, alles am Ende?

Und manche Menschen quälen sich schon seit vielen Jahren mit einer Krankheit herum: Dürfen sie noch hoffen?

Hier möchte ich nun auf unsere Bibeltexte zurückkommen. In der Lesung hörten wir etwas von dem, was Paulus über die Hoffnung denkt. Er meint, dass gerade aus Bedrängnissen Hoffnung erwachsen kann. Gerade wenn man sich am Ende fühlt, wenn man sich schwer bedrängt fühlt, kann man Geduld und Hoffnung lernen. Paulus versteht das als eine Art Bewährungsprobe für den Glauben.

Aber mit dem Glauben ist es ja auch nicht so einfach. Was ist denn, wenn jemand sagt: Ich habe keinen Glauben. Oder jedenfalls nicht genug. Oder: Ich habe keinen Glauben mehr, er ist erschüttert, er ist zerstört worden.

Manche sagen: Da ist eben nichts mehr zu machen. Sie denken vielleicht: Ein Kind darf noch seinen Kinderglauben haben, ein Erwachsener glaubt an nichts mehr.

Andere denken gerade umgekehrt: Ein Kind hat noch einen einfachen Glauben, aber ein Erwachsener muss einen reifen Glauben entwickeln. Da gehört ein Stück Pflichtgefühl dazu, viel Verantwortungsbewusstsein und vor allem Glaubensstärke.

Ist das denn wahr: Ist der Glaube eine Art Leistung, die wir als Christen uns abverlangen müssen?

Nein, das sieht die Bibel ganz anders. Jesus versteht, dass niemand von allein einen großen Glauben haben kann. Der Glaube an Gott kann und darf gar nicht als eine Pflicht verstanden werden. Der Glaube ist ja vielmehr ein Vertrauen, ein Vertrauen zu einer Person, die mich lieb hat. Und dieses Vertrauen kann ich in mir nicht erzwingen. Genau so wenig wie ich es erzwingen kann, dass diese andere Person mich lieb hat.

Der Glaube ist ja ein inneres Gefühl des Vertrauens, und so ein Vertrauen muss wachsen können. Ganz langsam wächst es, so wie ein kleines Kind heranwächst, ganz langsam wächst es, wenn man immer neu die Erfahrung macht: Ich kann mich wirklich auf jemanden verlassen. Das ist mit einem Menschen, der mir zuhört, der mich ernst nimmt, grundsätzlich nicht anders als mit Gott. Um auf Gott vertrauen zu können, brauche ich allerdings wohl auch wenigstens ein paar gute Erfahrungen mit Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Umgekehrt können Menschen immer nur in begrenzter Weise für mich da sein, während Gott mich nie allein lässt. Er ist meine letzte Hoffnung, ganz gleich, was geschieht.

Alles, was gut werden soll, muss klein beginnen, sagt Jesus. Vertrauen beginnt vielleicht mit einem Gespräch, mit einer guten Begegnung, mit einer Erfahrung: da nimmt mich jemand ernst.

Und Jesus erzählt dazu eine ganz kleine Geschichte von einem ganz kleinen Samenkorn. Er nimmt ein kleines Senfkorn in die Hand und sagt: „So wie mit diesem Senfkorn ist es mit allem, was Gott euch schenken will. Es gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.“

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal ein Senfkorn gesehen haben. Vielleicht wenn es saure Gurken zu essen gab, da sind manchmal im Gurkenglas auch diese kleinen gelben Senfkörner drin. Wie leicht kann man ein solches Senfkorn zerdrücken! Man sieht ihm nicht an, was in ihm steckt. In dem Land, in dem Jesus gelebt hat, da hat man solche kleinen Senfkörner in den Boden gelegt und wachsen lassen. Man musste nur warten, so wuchs aus dem Senfkorn ganz langsam eine kleine grüne Pflanze heraus, die wurde dann immer größer, ja in vielen Jahren wurde sie ein richtiger Baum, der sogar größer wurde als andere Bäume.

Auch die Bäume, die hier auf dem Gelände der Klinik wachsen, die so schön anzusehen sind, in deren Schatten man im Sommer vor der Hitze geschützt ist, die auch für gute Luft und gutes Klima sorgen, die im Herbst den vielen Staren einen Unterschlupf bieten, bevor sie nach Süden fliegen, auch diese Bäume waren einmal ein kleiner Same, ein kleines Korn. Über 80 Jahre ist es her, seit diese Bäume hier gepflanzt wurden, als sie noch ganz klein waren. Das war damals, als diese Klinik hier gebaut wurde. Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass diese riesigen Bäume einmal ganz klein gewesen sein sollen.

Ganz selbstverständlich geht Jesus davon aus: So wie diese Bäume in einem Menschenalter so riesengroß geworden sind, so dass sich Menschen und Tiere daran erfreuen können, genauso wächst auch das Himmelreich mitten unter uns und mitten in uns. Vertrauen, Hoffnung, Liebe, sie können wachsen, wo man auf diese kleinen Samenkörner achtet, auf die zarten aufgehenden Pflänzchen, wo man sie beschützt und pflegt.

Bevor ich noch weiter predige, möchte ich mit Ihnen ein bekanntes Lied singen, das gut hierher passt. Es ist das Lied 371 im Gesangbuch: „Geh aus mein Herz“, in dem besungen wird, was draußen in den Gärten und im Wald und auch hier im Klinikpark wächst; und in der 14. Strophe wird unser eigenes Leben mit so einem Baum verglichen, der wachsen und groß und schön werden darf. Wir singen die Strophen 1 bis 3 und 14:

1) Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.

2) Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide; Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide.

3) Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein fliegt aus seiner Kluft und macht sich in die Wälder; die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder.

14) Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben; verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.

Gottes Himmel, Gottes Liebe und Hoffnung wächst also in uns und unter uns, liebe Gemeinde, so wie aus kleinen Samenkörnern große Bäume oder schöne Blumen werden. Kaum zu glauben, aber wahr.

Deshalb ist es zugleich so leicht und so schwer, zu glauben, zu vertrauen, Hoffnung zu bewahren.

Leicht ist es deswegen, weil es einfach wahr ist: Gott hat uns lieb. Gott will, dass wir leben. Gott hat viel mit uns vor. Und diesem Gott können wir uns einfach anvertrauen, wie sich ein Kind einem guten Vater oder einer guten Mutter anvertraut.

Schwer ist das dann, wenn wir im Leben schon oft enttäuscht wurden. Vielleicht schon früh durch die eigenen Eltern. Wenn wir gelernt haben: Es wird einem im Leben nichts geschenkt; die Welt ist grausam; man muss immer stark sein, die Zähne fest zusammenbeißen, man darf nicht fühlen oder nicht zugeben, dass man Gefühle oder Wünsche hat. Wenn das so ist, dann sehen wir vielleicht auch Gott so: als einen Gott, der uns straft, wenn wir nicht so sind, wie er uns haben will.

Aber so ist Gott nicht. Er will, dass in uns das Gute wächst. Er überfordert uns nicht, sondern er sät das kleine Senfkorn in uns aus, das kleine bisschen Vertrauen, das kleine bisschen Hoffnung – und dann wird es wachsen.

So ein kleines Senfkorn, wenn es wächst, es braucht manchmal auch Pflege und Begleitung. Nur eins kann man nicht tun: man kann es nicht mit Gewalt ziehen und strecken, so dass es schneller groß werden soll. Dann würde man es verletzen oder gar abreißen und herausziehen.

Nein, es braucht Geduld, um gute Dinge in sich wachsen zu lassen. Geduld und Menschen, die einem helfen, darauf zu achten, wie man mit sich gut umgehen kann. Wie man auch mit all den neuen Gefühlen fertig wird, die man plötzlich in sich spürt, wenn man anfängt, zu vertrauen, wenn man spürt: Ich habe ja ein Recht, zu fühlen und Wünsche zu haben. Ich darf um etwas bitten, ich darf auch einmal Nein sagen, ich darf Kontakt zu Menschen aufnehmen, ich darf mich auch zurückziehen, wenn ich allein sein will.

Es braucht Zeit, solche neuen Dinge in sich wachsen zu lassen, und man braucht Begleitung, zum Beispiel hier in der Klinik durch Gespräche, durch Gruppen, durch das Miteinander im Alltag. Dabei sind am hilfreichsten vielleicht gerade die kleinen Dinge im menschlichen Umgang miteinander, all das, was in der Alltagshektik so leicht untergeht. Das Gefühl, ein Arzt nimmt mich ernst und tut meine Sorgen nicht einfach ab – oder eine Schwester hört mich an mitten in der Nacht, wenn ich vor Angst nicht schlafen kann – oder ein Therapeut traut mir etwas zu, was ich bisher nie gewagt hätte, und er hilft mir auch weiter, wenn ich etwas noch nicht so gut kann – oder eine Mitpatientin nimmt eine andere einfach einmal in den Arm und zeigt ihr: Du bist gar nicht ganz allein auf der Welt. Nein, wir sind wirklich nicht allein, und auch wenn wir immer nur ein ganz kleines bisschen helfen können, manchmal auch Schwachheit und Machtlosigkeit zugeben müssen, so können wir doch neue Hoffnung in uns wachsen lassen und darauf vertrauen, dass Gott uns in seinen starken Armen ganz fest hält und uns nicht in einen Abgrund fallen lässt. Gerade die unscheinbaren Gesten der Liebe, das ehrliche Wort, die kleine Bitte, das winzige Senfkorn Hoffnung – sie lassen uns leben.

Nicht nur im Lied vom kleinen Senfkorn Hoffnung ist von solchen Erfahrungen die Rede. Auch in dem Lied, das wir jetzt gleich nach der Predigt singen wollen, geht es darum, wie kleine Dinge große Kreise ziehen: „Nimm Gottes Liebe an. Du brauchst dich nicht allein zu mühn, denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise ziehn.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen also jetzt das Lied, das im Liedblatt innen auf der rechten Seite unten steht:

Ins Wasser fällt ein Stein ganz heimlich, still und leise

Gott, barmherziger, freundlicher, treuer Begleiter auf unserem Weg, bewahre und beschütze das kleine Senfkorn Hoffnung in unseren Herzen. Lass es wachsen in uns, so dass wir wirklich leben können. Hilf uns auszuhalten, was wir nicht ändern können, hilf uns, neue Ziele zu finden, wo die alten Ziele für uns unerreichbar geworden sind, hilf uns, die kleinen Schritte zu gehen, die uns schwer fallen, aber die uns möglich sind. Das Fest, das wir heute gemeinsam feiern: Lass es gelingen! Schenke uns Spaß und Freude, vielleicht neue Einsichten und gute Begegnungen! Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser

Zum Schluss singen wir noch ein Lied, das schön zusammenfasst, wie es ist, wenn wir unter Gottes Himmel uns beschützt und geborgen fühlen. Es passt auch gut zu unserem Fest, zu dem viele eingeladen sind, kranke und gesunde, alte und junge Menschen, und die Tiere spielen hier auf dem Klinikgelände auch ihre Rolle. Wir singen das Lied „Komm, bau ein Haus“, es steht auf der Rückseite des Liedblattes:

Komm, bau ein Haus
Abkündigungen

Zum Schluss lade ich noch einmal alle herzlich ein, hier auf dem Gelände zu bleiben und das Fest mitzufeiern. Von uns aus ist zu sagen, dass hier in der Kapelle am Nachmittag Klaviermusik zu hören ist, und zwar in der Zeit zwischen 14.00 und 16.00 Uhr. Wer also einfach mal in Ruhe sich hierher setzen möchte zum Musikhören, der kann das tun.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Tag hineingehen und unser Fest feiern:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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