Der Maler Claus Wallner und seine Glasfenster für Gießener Kirchen

Ein Künstlerportrait von Dagmar Klein für die Zeitschrift „Denkmalpflege & Kulturgeschichte“.

Der Künstler Claus Wallner 1953 vor dem Entwurf eines Glasfensters für die Kirche St. Gertrud in Hamburg (Foto aus dem Nachlass von Claus Wallner in Hamburg)

Der Künstler Claus Wallner 1953 vor dem Entwurf eines Glasfensters für die Kirche St. Gertrud in Hamburg (Foto aus dem Nachlass von Claus Wallner in Hamburg)

Die Altarfenster in der Kapelle auf dem Friedhof Rodtberg und die Fenster der Pauluskirche stammen von dem Hamburger Maler Claus Wallner (1926-1979), der als Entwerfer von Kirchenfenstern in ganz Deutschland tätig war. Seine bedeutendsten Arbeiten sind die Glasfenster für das Ulmer Münster, für die St. Petri-Kirchen in Hamburg und in Braunschweig, die Trinitatiskirche in Hannover-Misburg und die romanische Stiftskirche von Gandersheim. Dazu kommen Arbeiten im westfälischen Soest und Recklinghausen; die weiter südlich gelegenen Städte Gießen und Ulm sind offenbar die Ausnahme. Aufwändige Recherchen führten zum Kontakt mit der Wallner-Tochter Dorothee, die die Forschungen unterstützte. Leben und Werk Wallners wurden sichtbar, außerdem fanden sich im Nachlass zwei farbige Vorzeichnungen zu den Gießener Glasfenstern: zum Altarfenster der Friedhofskapelle und zum quadratischen Westfenster der Pauluskirche.

Claus Wallner wurde 1926 in Berlin geboren, bereits als Schüler nahm er Unterricht im Zeichnen. Nach seiner Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg und in britischer Gefangenschaft arbeitete er in München als Bühnenbildner. 1948-1951 studierte er an der Landeskunstschule in Hamburg-Lerchenfeld (heute Hochschule für Bildende Künste). Danach erlernte er die Herstellung von Glasfenstern in Ulm. Ab 1952 erhielt Wallner zahlreiche Aufträge für Kirchen und öffentliche Gebäude. Bleiglas und Betonfenster, Mosaike und Deckenmalerei wurden seine bevorzugten Techniken. Er arbeitete für sakrale und profane Bauten, häufig gemeinsam mit seiner Frau Ursula Querner (1921-1969), die als Bildhauerin im norddeutschen Raum bekannter war als er. Sie starb mit 48 Jahren; zum Andenken publizierte ihr Mann 1971 das Buch „Ursula Querner. Plastiken und Grafiken 1946-1969“ (Christans-Verlag Hamburg o. J.).

Im Nachruf auf den ebenfalls früh verstorbenen Claus Wallner heißt es: „Er fühlte sich mehr als Maler, sie als Bildhauerin; jeder beherrschte aber das andere Fach ebenso vollkommen, dass Claus Wallner die Gandersheimer Bronzetür vollenden konnte, als seine Frau Ursula nach Anfertigung des Entwurfs 1969 frühzeitig starb. Beide hatten die Thematik und den Entwurf so durchgesprochen, dass jeder des anderen Werk mitgestaltete.“ Wallner hatte 1970 Erika Querner geheiratet, die Schwester seiner ersten Frau. Diese war Textilkünstlerin und arbeitete ebenfalls im kirchlichen Bereich. Er schlug sie für entsprechende Arbeiten in der Gießener Pauluskirche vor, wie den Bauakten zu entnehmen ist; man entschied sich aber für die Arbeiten einer Marburger Künstlerin.

Wallner kam über den Architekten Langmaack zu seinem ersten Glasfenster-Auftrag für Gießen. Der Hamburger Architekt war mit der Bauplanung für die Pauluskirche beauftragt. Bei der Einweihung der Kirche am 14. September 1958 waren erst die Seitenfenster und das Fenster über der Orgelempore fertiggestellt; als örtlicher Bauleiter fungierte der Gießener Architekt Otto Seibert. Gerhard Langmaack (1898-1986) hatte sich in der Nachkriegszeit auf Kirchenbauten spezialisiert. In seinem Werkverzeichnis sind für Gießen folgende Gebäude verzeichnet: 1952 der Ausbau der Michaels-Kapelle im Stadtkirchenturm, 1954 das Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Gießen im Gebiet am Sandfeld, 1955/56 den dortigen Kinderhort und als letztes Gebäude 1958 die Paulus-Kirche.

Rückansicht der Pauluskirche im Jahr 1998

Die Rückansicht mit dem ovalen Kirchenfenster im Jahr 1998

Im Bericht der Gießener Freien Presse zur Einweihung heißt es: „Die Besonderheit der Aufgabe (…) lag vor allem darin, mehrere Bauten mit verschiedener Zweckbestimmung auf der verhältnismäßig kleinen Fläche zusammenzuführen. Kirche, Gemeindesaal, Jugend-, Unterrichts- und Amtsräume, Pfarr- und Küsterwohnung sollten gewissermaßen unter einem Dach vereint werden (…). Langmaack löste die Aufgabe, indem er zwei durch einen schmalen Hof getrennte Baueinheiten schuf: der bereits im Oktober 1956 fertig gestellte Kindergarten blieb für sich, während Kirche und Pfarrhaus rechtwinklig zusammengerückt wurden, überhöht von der nach Westen gerichteten Portalfront. (…) Trotz der Klarheit des Raumkörpers handelt es sich um keine nüchterne Kirche. In ihrer Schlichtheit ist sie erhaben und eindeutig als gottesdienstliche Stätte ausgewiesen. Licht und Farbe, verstärkt durch die ornamental gefasste Glasmalerei der Fenster, schwingen unaufdringlich mit und geben dem Raum Stimmung und Wärme.“

Der Innenraum der Pauluskirche mit dem leuchtenden Altarfenster

Der Innenraum der Pauluskirche mit dem leuchtenden Altarfenster

Das Altarfenster weist die ungewöhnliche Form eines breiten Ovals auf, das unterteilt ist in drei Kreisflächen. Auf den unteren beiden sind Szenen aus dem Leben des Apostels Paulus zu sehen. In der größeren Kreisfläche darüber ist der auferstandene Christus mit der Segensgeste dargestellt. Die ihn umgebenden Strahlen erstrecken sich auf den knienden Paulus im Kreisfeld links darunter: die Bekehrung des Saulus zum Paulus wird anschaulich.

Entwurf des Westfensters von Claus Wallner

Das Bild zeigt den Entwurf von Claus Wallner für das Michaelsfenster: Gouache auf Folie, 17 x 18 cm.

Das quadratische Fenster auf der Orgelempore zeigt auf der linken Seite den Erzengel Michael, der mit einer Lanze die vielköpfigen Dämonen der Hölle besiegt.

Das Glasfenster ist über ein gleichschenkliges Kreuz aufgeteilt in gleichgroße Quadranten, die zudem farblich von diesem abgehoben sind. Auf der rechten oberen Seite steht Maria mit dem Kind auf einer Mondsichel, umgeben von einem Strahlenkranz. Ein ungewöhnliches Motiv für eine evangelische Kirche, doch entspricht es der Beschreibung in der Apokalypse (12, 1-7). Maria gilt als Überwinderin des Bösen, das als drachenköpfige Schlange zu ihren Füßen dargestellt ist.

Die Fenster verströmen ein warmes Licht in Braunrot und Ockergelb. Die Figuren sind weiß ausgespart, markante Farbtupfer bildet das Blau-Türkis in den Heiligenscheinen und im Gewand Mariens. Die beiden Themenfenster dominieren mit ihrer kräftigen Farbigkeit bis heute das Raumerleben. Die ebenfalls von Wallner entworfene Seitenfensterfront ist schlicht wie die gesamte 60er Jahre Architektur und auf ein durchgehend weiß-graues geometrisches Muster reduziert.

Wallners zweiter Auftrag für Gießen waren die Altarfenster für die Trauerhalle des Friedhofs Rodtberg, die zum Sommer 1962 fertiggestellt waren. Dargestellt ist das Glaubensbekenntnis: Gekreuzigt, gestorben, begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage wiederauferstanden. Die Farben der Fenster bestimmen auch hier den Raumeindruck. Die ungewöhnliche Kombination Violett mit Grün und Weiß in den Figuren wirkt leicht unterkühlt, als sollten die Farben auf all das Leid in diesem Raum beruhigend einwirken. Auf dem linken Fenster ist die Kreuzabnahme zu sehen, rechts die Verkündigung der Auferstehung Christi durch den Erzengel Gabriel an die drei Marien. Im mittleren Fenster ist das Motiv „Der Abstieg des Lebendigen zu den Toten“ in freier künstlerischer Erfindung umgesetzt. Der stehende Christus reicht den Verdammten die Hand, die in unterschiedlichen Stadien der Erkenntnis dargestellt sind.

Dagmar Klein

Die ausführliche Version des Artikels ist erschienen in der Zeitschrift: Denkmalpflege & Kulturgeschichte, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 1-2005.

Literatur:

Volker Detlev Heydorn: Maler in Hamburg, Bd.3, Christians-Verlag Hamburg 1974.

Dr. Kurt Kronenberg: Die Glasfenster der Gandersheimer Stiftskirche, Große Baudenkmäler 355, Deutscher Kunstverlag, München/Berln 1984.

Olaf Bartels (Hg.): Die Architekten Langmaack. Planen und Bauten in 75 Jahren, Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs, Hamburg 1998.

Gießener Freie Presse 14./15.9.1958: Die fünfte evangelische Kirche ruft zum Gottesdienst.

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