„Nicht Frieden, sondern das Schwert“

Jesus sagt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen auf die Erde“? Widerspricht das nicht allem, was wir von Jesus wissen? Jesus will doch, dass wir Frieden machen. Aber worin besteht die Chance zur Heilung der Zerrissenheit, die wir in Familien, in der Gesellschaft und zwischen Völkern erleben?

Jesus bringt nicht das Schwert, um siegreich über Feinde zu triumphieren - er bringt echten, nicht faulen Frieden.

Jesus bringt nicht das Schwert, um siegreich über Feinde zu triumphieren (Bild: pixabay.com – azboomer)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 21. Sonntag n. Trinitatis, 5. November 2017, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Mit diesem Wort aus Matthäus 5, 9 begrüße ich Sie herzlich zu diesem Abendmahlsgottesdienst. Die Prädikantin, die ursprünglich zugesagt hatte, diesen Gottesdienst zu halten, war dann doch verhindert. Darum ist Pfarrer Helmut Schütz kurzfristig für sie eingesprungen und wird ihn mit uns feiern. Herzlich willkommen!

Das Lied 403 kann uns darauf einstimmen, dass es in diesem Gottesdienst um Jesus geht. Er schafft auf seine Weise Frieden und will uns auf den Weg seines Friedens mitnehmen. Wir singen es nach der ersten Melodie:

1. Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Herren, Gottes und Marien Sohn, dich will ich lieben, dich will ich ehren, meiner Seele Freud und Kron.

2. Schön sind die Wälder, schöner sind die Felder in der schönen Frühlingszeit; Jesus ist schöner, Jesus ist reiner, der mein traurig Herz erfreut.

3. Schön ist der Monde, schöner ist die Sonne, schön sind auch die Sterne all. Jesus ist feiner, Jesus ist reiner als die Engel allzumal.

4. Schön sind die Blumen, schöner sind die Menschen in der frischen Jugendzeit; sie müssen sterben, müssen verderben: Jesus bleibt in Ewigkeit.

5. Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist gefasst in dir allein. Nichts soll mir werden lieber auf Erden als du, liebster Jesus mein.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir haben gehört, dass Jesus die Friedfertigen selig preist, wörtlich: die Friedensmacher. Aber in der Predigt werden wir hören – Jesus sagt auch (Matthäus 10):

34 Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Ganz so einfach scheint es also mit dem Frieden nicht zu sein. Auf das schwierige Thema „Frieden in einer zerrissenen Welt“ möchte ich uns einstimmen mit Worten aus dem Psalm 7. Dieser Psalm nimmt die Ängste ernst, die wir haben, wenn wir in den Nachrichten hören, was alles auf unseren Straßen und in der Welt passiert, wie schwierig es ist, unser Land zu regieren, und wie viele Menschen es gibt, die Schrecken verbreiten mit Hass und Gewalt:

2 Auf dich, HERR, mein Gott, traue ich! Hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich,

3 dass sie nicht wie Löwen mich packen und zerreißen, weil kein Retter da ist.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Der Psalm 7 geht auf die Angst ein, die wir vor anderen Menschen haben, oft gerade vor Menschen, die wir überhaupt nicht kennen. Doch gleich im nächsten Vers folgt die selbstkritische Frage, ob nicht vielleicht auch wir anderen Angst gemacht oder Unfrieden gestiftet haben. Würden wir dann nicht Strafe verdienen?

4 HERR, mein Gott, hab ich solches getan und ist Unrecht an meinen Händen,

5 hab ich Böses vergolten denen, die friedlich mit mir lebten, oder geschädigt, die mir ohne Ursache feind waren,

6 so verfolge mich der Feind und ergreife mich und trete mein Leben zu Boden und lege meine Ehre in den Staub.

Aber, Herr, davor bewahre uns, dass wir Böses mit Bösem oder gar Gutes mit Bösem vergelten! Bewahre uns davor, dass man uns mit Recht Vorwürfe macht! Vergib uns unsere Schuld und lehre uns deinen Frieden!

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Indem wir aus der Versöhnung mit Gott leben und uns an die Gebote der Gerechtigkeit und des Friedens halten, dürfen wir uns darüber freuen, dass Gott ein gerechter Richter ist, so dass Unrecht und Gewalt in unserer Welt nicht auf Dauer triumphieren können. So beten wir weiter mit Psalm 7:

9 Der HERR ist Richter über die Völker. Schaffe mir Recht, HERR, nach meiner Gerechtigkeit und Unschuld!

10 Lass der Gottlosen Bosheit ein Ende nehmen, aber die Gerechten lass bestehen; denn du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren.

12 Gott ist ein gerechter Richter und ein Gott, der täglich strafen kann.

13 Wahrlich, wieder hat einer sein Schwert gewetzt und seinen Bogen gespannt und zielt.

14 Doch sich selber hat er tödliche Waffen gerüstet und feurige Pfeile bereitet.

15 Siehe, er hat Böses im Sinn, mit Unrecht ist er schwanger und wird Lüge gebären.

16 Er hat eine Grube gegraben und ausgehöhlt – und ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat.

18 Ich danke dem HERRN um seiner Gerechtigkeit willen und will loben den Namen des HERRN, des Allerhöchsten.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Wir kommen zu dir, Gott, mit allem, was in uns ist, mit Glück und Freude, aber auch mit Sorgen und Nöten. Wir kommen zu dir, Gott, in einer Welt, die auf uns einstürmt mit der ganzen Wucht ihrer Vielfalt und in der wir nicht immer den Reichtum deiner Schöpfung widergespiegelt finden, sondern die uns oft auch überfordert und Angst macht. Wir kommen zu dir, Gott, und finden oft auch Widersprüchliches im Wort deiner Bibel. Hilf uns, das auszuhalten, und lehre uns zu verstehen, was du uns sagen willst. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 10:

1 Und Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.

11 Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; und bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht.

12 Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es;

13 und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen. Ist es aber nicht wert, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 255 die Strophen 1, 4, 7 und 8:

1. O dass doch bald dein Feuer brennte, du unaussprechlich Liebender, und bald die ganze Welt erkennte, dass du bist König, Gott und Herr!

4. Verzehre Stolz und Eigenliebe und sondre ab, was unrein ist, und mehre jener Flamme Triebe, die dir nur glüht, Herr Jesu Christ.

7. Schmelz alles, was sich trennt, zusammen und baue deinen Tempel aus; lass leuchten deine heilgen Flammen durch deines Vaters ganzes Haus.

8. Beleb, erleucht, erwärm, entflamme doch bald die ganze weite Welt und zeig dich jedem Völkerstamme als Heiland, Friedefürst und Held.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, nur drei Mal taucht im Matthäusevangelium das Wort „Frieden“ auf. Am bekanntesten ist die Stelle aus den Seligpreisungen, die wir am Anfang gehört haben: „Selig sind die Friedensmacher, denn sie sind Gotteskinder!“

Die zweite Stelle haben wir eben in der Schriftlesung gehört. Da sendet Jesus seine zwölf Jünger mit klaren Aufträgen durch die Ortschaften Israels. Sie sollen Kranke gesund machen, die bösen Geister von Angst und Unfrieden vertreiben. Sogar Tote sollen sie aufwecken, und ich denke dabei an Menschen, die mitten in ihrem Leben wie tot sind, weil die Liebe in ihnen tot ist, weil jedes Vertrauen in ihnen abgestorben ist. Aber wie sollen die Jünger herausfinden, ob jemand überhaupt ihren Dienst annehmen will? In diesem Zusammenhang kommt das Stichwort „Frieden“ ins Spiel (Matthäus 10):

12 Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es;

13 und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen. Ist es aber nicht wert, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden.

Mit einem Friedensgruß sollen die Jünger auf die Menschen zugehen. Den können sie niemandem aufzwingen. Sie sollen niemanden bekehren, niemanden nötigen, ihre Botschaft, Hilfe und Heilung anzunehmen. Nur anbieten können sie, was sie selber von Jesus empfangen haben; ob wirklich Friede entsteht, das haben sie nicht in ihrer Hand.

Aber das war noch gar nicht unser heutiger Predigttext, der kommt erst noch. Er steht im selben Kapitel, in dem wir eben das Wort „Frieden“ zum zweiten Mal im Matthäusevangelium gefunden haben. Als Jesus seine Jünger aussendet, sagt er ihnen nämlich noch einige weitere Dinge, und da taucht zum dritten und letzten Mal im Evangelium nach Matthäus das Wort „Frieden“ auf (Matthäus 10):

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.

36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.

38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.

Das klingt in meinen Ohren erst einmal gar nicht gut. Was denn nun? Jesus sagt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen auf die Erde“? Widerspricht das nicht allem, was wir von Jesus wissen? Widerspricht das nicht völlig den anderen beiden Versen aus demselben Matthäusevangelium, die wir zum Thema „Frieden“ gehört haben? Jesus will doch, dass wir Frieden machen. Er will, dass seine Jünger mit dem Friedensgruß zu den Menschen gehen, ihnen Heil und Segen anbieten, Vertrauen einflößen, vom Gott der Befreiung erzählen. Und nun dies:

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Ganz wörtlich kann das nicht gemeint sein. Schon deswegen nicht, weil Jesus im selben Evangelium nach Matthäus einen seiner Gefährten heftig zurechtweisen wird, der im Garten Gethsemane seine Gefangennahme verhindern will, sein Schwert zieht und einem der Soldaten ein Ohr abschlägt (Matthäus 26):

52 Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.

Nun wissen wir aus dem Brief an die Hebräer 4, dass das Wort „Schwert“ auch in einem übertragenen Sinne gebraucht werden kann:

12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Es mag also sein, dass Jesus sagen will: Denkt nicht, dass ich einen faulen Frieden bringe. Ein fauler Friede, das wäre eine Harmonie um jeden Preis. Um keine Unruhe zu erzeugen, verschweigt man Unrecht. Man tut so, als sei alles in Ordnung, obwohl vieles nicht in Ordnung ist. Das lag Jesus überhaupt nicht. Er richtete das Schwert seines Wortes gegen Heuchler oder ungerechte Richter oder Reiche, die auf Kosten anderer lebten. So verstanden, hebt Jesus mit seinem schwierigen Satz also nicht das andere auf, was er über den Frieden sagt, sondern erklärt es näher. Selig sind, die Frieden schaffen – und zwar einen echten Frieden, bei dem so lange geredet und gestritten wird, bis man von Gerechtigkeit und von Versöhnung sprechen kann.

Schon im Bereich persönlicher Beziehungen kann eine falsche Harmoniesucht das Gegenteil von dem bewirken, was man eigentlich will. Ein Beispiel: Ich fühle mich von jemandem verletzt, sage aber nichts, um des „lieben Friedens willen“. In Wirklichkeit ist dieser Friede gar nicht lieb, sondern faul. Er lässt mich auf meiner inneren Verletzung sitzen und vergiftet wahrscheinlich die Beziehung zu dem, der mich verletzt hat, noch mehr. Vielleicht bin ich innerlich sogar so voller verstecktem Zorn, dass ich den an anderen Leuten auslasse, die sich weniger wehren können. So wird aus falsch verstandenem Frieden tatsächlich schlimmerer Unfrieden.

„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Vielleicht meint Jesus damit auch noch etwas anderes. Er bringt das Schwert sicher nicht, um es selbst zu führen, das haben wir gehört. Aber indem er seine Stimme für Menschen erhebt, die keine Rechte haben, indem er unbequem wird für Menschen, die mächtig sind, bringt er sich in eine Position, in der er selbst Gewalt erleidet. Indirekt bringt er das Schwert auf die Erde, indem er es selber zu spüren bekommt. Wieder nicht im wörtlichen Sinn, er wird ja nicht mit dem Schwert getötet, aber er erleidet einen anderen, noch schrecklicheren Tod am Kreuz. Und so sagt er kurz nach seinem schwierigen Satz über den Frieden dann auch noch:

38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.

Das klingt jedenfalls nicht danach, als ob der Glaube an Jesus so etwas wäre wie „Friede, Freude, Eierkuchen“. Wir können anecken mit dem, wofür Jesus steht. In manchen Ländern der Welt kann man auch heute noch verfolgt oder sogar getötet werden, nur weil man dazu steht, dass man an Jesus glaubt oder eine Bibel besitzt und in ihr liest. Bei uns wird man deswegen vielleicht nur belächelt. Aber den eigenen Glauben für sich selber und für die Welt um uns herum wichtig zu nehmen, das ist auch in unserem Land keineswegs selbstverständlich.

„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Das kann auch noch in einem dritten Sinn gemeint sein. Das gleiche Jesuswort steht so ähnlich auch im Lukasevangelium – mit einer kleinen Abweichung. Dort steht nicht „Schwert“, sondern „Entzweiung“. „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern Entzweiung.“ Jesus bringt Streit, manchmal sogar mitten in Familien oder Hausgemeinschaften hinein:

35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.

36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.

Wieder finde ich diese Sätze unerträglich hart. Kann Jesus das denn wollen, dass wir uns mit unseren Kindern oder Eltern zerstreiten? Dazu erinnere ich zunächst an Jesu eigene Familie. Seine Mutter und seine Brüder fanden es verrückt, dass er seinen Zimmermannsberuf an den Nagel hängt und als Wanderprediger über die Dörfer zieht. Ihnen lässt Jesus ausrichten: „Meine wahre Familie, das sind die, die Gottes Willen tun.“ Später, unter dem Kreuz, versöhnt sich Jesus mit seiner Mutter, vertraut er sie und seinen besten Freund einander an, dass sie füreinander da sein sollen.

Konflikte in Familien können also dort aufbrechen und unvermeidlich sein, wo Eltern einem Kind einen Lebensweg aufzwingen wollen, zu dem das Kind nicht bereit ist. Oder umgekehrt: Wenn Kinder auf die schiefe Bahn geraten und drogenabhängig oder kriminell werden, dann kann es falsch sein, sie um jeden Preis vor den Konsequenzen schützen zu wollen, so weh das den Eltern auch tut. Ich habe auch schon erlebt, dass es Streit in einer Familie gibt, wenn der Sohn eine Frau heiraten will, die aus einer anderen Kultur oder Religion stammt, oder wenn ein Mädchen nicht mehr mit ihrer Schwester reden kann, weil die einen Freund hat, der zu einer fremdenfeindlichen Partei gehört und plötzlich auch selber mit Nazisprüchen um sich wirft.

Dann ist mir aufgefallen: Nicht als erster in der Bibel spricht Jesus davon, dass Mitglieder einer Familie gegeneinanderstehen. Schon der Prophet Micha schildert eine Zeit, in der es keine Gerechtigkeit mehr gibt und in der einer den anderen jagt. So wie auch heute manche Menschen kein Vertrauen mehr in „die da oben“ haben. Und manche Politiker haben zwar selber kaum durchdachte Konzepte, um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, schüren aber die Ängste in der Bevölkerung und sagen über die von ihnen so genannten etablierten Politiker: „Wir werden sie jagen!“ Solche Worte sind nicht neu, es gab sie schon vor zweieinhalbtausend Jahren (Micha 7):

2 Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut, ein jeder jagt den andern, dass er ihn fange.

3 Ihre Hände sind geschäftig, Böses zu tun. Der Fürst und der Richter fordern Geschenke. Die Gewaltigen reden nach ihrem Mutwillen, um Schaden zu tun, und drehen‘s, wie sie wollen.

5 Niemand glaube seinem Nächsten, niemand verlasse sich auf einen Freund! Bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft!

6 Denn der Sohn verachtet den Vater, die Tochter widersetzt sich der Mutter, die Schwiegertochter ist wider die Schwiegermutter; und des Menschen Feinde sind seine eigenen Hausgenossen.

Da haben wir den Text, den Jesus offenbar zitiert: Nicht nur zur Zeit Michas, auch zur Zeit Jesu ist die Gesellschaft der Menschen so zerrüttet, so zerrissen, dass Kinder ihre Eltern verachten und man sich nicht einmal auf den besten Freund oder die Liebespartnerin verlassen kann. So schlimm ist es in unserem Land heute nicht, aber wir sollten wachsam sein, dass wir in der Art, wie wir mit- oder übereinander reden, nicht Hass und Gewalt noch anstacheln, sondern sachliche Kritik ohne Verallgemeinerungen äußern. Und wir sollten uns den Satz zu Herzen nehmen, den der Prophet Micha dann auch noch sagt:

7 Ich aber will auf den HERRN schauen und harren auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören.

Darum geht es auch Jesus. Mag es in Familien Streit geben; es besteht die Chance für eine Heilung der Zerrissenheit, indem man auf Gott vertraut und um Versöhnung betet. Indem wir auf den Gott der Befreiung und des Friedens schauen, können wir Mut fassen, einen Streit offen, fair und sachlich auszutragen. Auch in der Politik ist das der einzige Weg zu einem echten Frieden: Schwierige Themen nicht ausklammern, Politiker mit unerträglichen Positionen nicht einfach ignorieren oder beschimpfen, sondern mit guten Argumenten für Gerechtigkeit und einen Frieden streiten, der nicht faul ist. In diesem Sinne können wir auf Jesus auch dann hören, wenn er sagt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Denn er sagt das Wort Gottes, das „lebendig und kräftig“ ist „und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“ Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 415 von der Liebe Jesu, die uns zu echtem Frieden bewegt:

1. Liebe, du ans Kreuz für uns erhöhte, Liebe, die für ihre Mörder flehte, durch deine Flammen schmelz in Liebe Herz und Herz zusammen.

2. Du Versöhner, mach auch uns versöhnlich. Dulder, mach uns dir im Dulden ähnlich, dass Wort und Taten wahren Dank für deine Huld verraten.

3. Du Erbarmer, lehr auch uns Erbarmen. Lehr uns milde sein, du Freund der Armen. O lehr uns eilen, liebevoll der Nächsten Not zu teilen.

4. Lehr uns auch der Feinde Bestes suchen; lehr uns segnen, die uns schmähn und fluchen, mit deiner Milde. O gestalt uns dir zum Ebenbilde.

Im Abendmahl sind wir eingeladen, Gottes Frieden zu erfahren, indem wir das Brot der Liebe Jesu schmecken, den Kelch von Gottes Treue kosten und uns als eine Vielfalt ganz unterschiedlicher Menschen zum Leib Christi zusammenfügen lassen.

Gott, nimm von uns, was uns von dir und voneinander trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was uns belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, wahren Frieden von Gott zu empfangen, einen Frieden, der Unrecht und Hass wirklich überwindet, auch quälende Selbstvorwürfe und belastende Schuld. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Christus ist unser Friede. Er heilt unsere Seele und unsere Gemeinschaft. Empfangt den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Austeilen des Brotes

Der Kelch, den wir trinken, besiegelt den neuen Bund der Liebe, den Gott mit uns schließt. Nehmt hin den Kelch der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen des Kelchs

Jesus Christus spricht (Johannes 20, 21-22):

Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch! Nehmt hin den heiligen Geist!

Wir reichen uns die Hände, denn Jesus selbst schließt uns zusammen im Leib seiner Gemeinde, so verschieden wir sind. Geht in seinem Frieden! Amen.

Du, Gott des Friedens, wir danken dir für den Frieden, den du uns schenkst durch dein Wort, durch dich selbst, durch dein heiliges Abendmahl in der Gemeinschaft deiner Kirche. Wir danken dir für kritische Worte, die uns helfen, deinen Frieden besser zu verstehen und echten Frieden zu schaffen.

Du, Gott des Friedens, lehre uns zu erkennen, was wirklich dem Frieden dient, in Familie und Freundschaft, auf dem Schulhof und bei der Arbeit, in der Kirche und in der Politik. Schenke unseren Politikern Besonnenheit und Augenmaß in ihrem Streit um das, was den Menschen, für die sie Verantwortung tragen, wirklich dient. Lass Frieden wachsen in der Unruhe unserer eigenen Herzen.

Weitere Fürbitten aus aktuellem Anlass

Noch ein Lied singen wir von dem Frieden, den Jesus uns schenkt, Nr. 221:

1) Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2) Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3) Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Abkündigungen
Segen
Orgelnachspiel

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