Gott hilft in Sturm und Wellen

Wie? Jesus streckt den Arm aus, und die Wasser teilen sich nicht? Ist er weniger mächtig als Mose? Ist er nur wie ein Gespenst, das den Weltlauf nicht wirklich ändern kann? Aber die ausgestreckte Hand Jesu zieht immerhin den Petrus aus dem Wasser. Jesus zieht auch uns raus aus dem Unglück, manchmal sogar dann, wenn wir auf seine Hand draufhauen.

Jesus stillt den Sturm, nachdem er Petrus zurück ins Boot geholt hat

Jesus stillt den Sturm, nachdem er Petrus aus dem Meer gezogen hat (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 4. Sonntag nach Epiphanias, den 30. Januar 2011, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Die Predigt stützt sich inhaltlich auf Aussagen aus dem exegetischen Aufsatz von Ton Veerkamp, Gespenster von Jesus, in der Zeitschrift Texte und Kontexte 87 (2000), S. 18-31.

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum Gottesdienst in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus Psalm 66, 5:

Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.

Um die Stürme und Wellen des Lebens geht es in diesem Gottesdienst, und vor allem darum, wie Gott uns in aller Not beschirmt. Davon singen wir zuerst das Lied 611:

1. Harre, meine Seele, harre des Herrn; alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Sei unverzagt, bald der Morgen tagt, und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach. In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott.

2. Harre, meine Seele, harre des Herrn; alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht; größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Ewige Treue, Retter in Not, rett auch unsre Seele, du treuer Gott!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 107:

24 Die des HERRN Werke erfahren haben und seine Wunder auf dem Meer,

25 wenn er sprach und einen Sturmwind erregte, der die Wellen erhob,

26 und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund sanken, dass ihre Seele vor Angst verzagte,

28 die dann zum HERRN schrien in ihrer Not, und er führte sie aus ihren Ängsten

29 und stillte das Ungewitter, dass die Wellen sich legten

30 und sie froh wurden, dass es still geworden war…:

31 die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut

32 und ihn in der Gemeinde preisen und bei den Alten rühmen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Hochwasser und Stürme können auch Landratten in Angst versetzen, wenn Flüsse über die Ufer treten, wenn Straßen und Keller überflutet werden. Aber auch wenn das Wetter draußen uns in Ruhe lässt, kann es in unserem Leben Sorgen und Ängste geben, in denen wir zu versinken drohen: Stress, der uns überfordert, Konflikte, die uns belasten, Trauer, die einfach nur weh tut, Verantwortung, an der wir scheitern. Barmherziger Gott, sei uns nahe in den Stürmen unseres Lebens und beruhige unser Herz, so dass wir klar denken und gute Entscheidungen treffen. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir loben Gott mit Psalm 89:

9 HERR, Gott Zebaoth, wer ist wie du? Mächtig bist du, HERR, und deine Treue ist um dich her.

10 Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade; ein Wohlgefalln Gott an uns hat, nun ist groß Fried ohn Unterlass; all Fehd hat nun ein Ende.“

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Vater im Himmel, auf den wir vertrauen wollen, nicht immer fällt es uns leicht, im Vertrauen zu leben. Oft fühlen wir uns geknickt in unserer glaubensvollen Zuversicht, wenn wir für die Welt keine Hoffnung sehen und nicht wissen, was wir tun sollen, um schlimme Zustände zu verändern. Mach in uns den Glauben stark: ein Vertrauen auf deine Kraft, eine Zuversicht, die sich nicht beugen lässt, eine Liebe, mit der wir für die Menschen da sind, die uns brauchen. Darum bitten wir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören im 2. Buch Mose – Exodus 14, was geschah, nachdem das Volk Israel die Flucht aus der Sklaverei in Ägypten angetreten hatte:

10 Die Israeliten hoben ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN

11 und sprachen zu Mose: … Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast?

13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, stehet fest und sehet zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. …

15 Und der HERR sprach zu Mose: …

16 Hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, so dass die Israeliten auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen.

21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich.

22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.

23 Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Männer, mitten ins Meer.

24 Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer

25 und hemmte die Räder ihrer Wagen und machte, dass sie nur schwer vorwärtskamen. Da sprachen die Ägypter: Lasst uns fliehen vor Israel; der HERR streitet für sie wider Ägypten.

26 Aber der HERR sprach zu Mose: Recke deine Hand aus über das Meer, dass das Wasser wiederkomme und herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und Männer.

27 Da reckte Mose seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen. So stürzte der HERR sie mitten ins Meer.

28 Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Männer, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, so dass nicht einer von ihnen übrigblieb.

29 Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.

30 So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand.

31 … Und das Volk fürchtete den HERRN, und sie glaubten ihm und seinem Knecht Mose.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Das Volk Israel zog durch das Rote Meer in die Freiheit. Wir leben nicht in Sklaverei, sind nicht buchstäblich bedroht von Sturm und Wellen, sind auch nicht auf dem Absprung, um aus unserem Land zu fliehen. Unser Land ist heute eher ein Zielpunkt für die Flucht vieler Menschen, die woanders unter unerträglichen Bedingungen leben mussten. Wilhelm Willms und Peter Janssens haben in dem Lied „Wenn das Rote Meer grüne Welle hat“ versucht, Erfahrungen von heute mit dem Auszug Israels aus Ägypten zu verbinden, selbst wenn wir hier im Land bleiben. Wir singen das Lied vom Liedblatt:

Wenn das rote Meer grüne Welle hat
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Fließen unsere Tränen bereits rückwärts? Gibt es in unserer Welt keinen Grund mehr für Trauer? Schlägt es 13, so dass die Totenglocke für jede Form von Unrecht und Machtmissbrauch auf unserer Erde geschlagen hat, dass Flüchtlinge nicht mehr im Stacheldraht hängen bleiben, Kinder nicht mehr im Krieg getötet werden oder als Kindersoldaten töten müssen? Hat das Land, unser Land, für jeden, der hier leben möchte, eine sichere Bleibe? Ist unser Land für uns noch Heimat? Fühlen wir uns in unserem Leben, in unserer Familie, in unserer Gemeinde zu Hause, geborgen – behütet und beschützt vor Stürmen, Wind und Wellen?

Fragen über Fragen, liebe Gemeinde. Hören wir, ob der Predigttext für den heutigen Sonntag im Evangelium nach Matthäus 14, 22-33, uns Antwort auf einige Fragen gibt:

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.

23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.

24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.

26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht.

27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.

29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.

30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!

31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

32 Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich.

33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Liebe Gemeinde, nach der Geschichte vom Meer, das Mose mit ausgestrecktem Arm bezwungen hat, indem der Wind die Wellen duckte, wie es wörtlich im hebräischen Text heißt, duckt Jesus hier den Wind, der die Wellen auf dem See Genezareth aufpeitscht und seine Jünger in Lebensgefahr bringt. Zwei unglaubliche Geschichten, was sollen wir mit ihnen anfangen, was haben sie mit den Stürmen unseres Lebens zu tun?

Lassen wir die Geschichte von Jesus, wie Matthäus sie erzählt, noch einmal Vers für Vers auf uns wirken. Es ist nicht einfach ein Märchen aus alten Zeiten, sondern hier wird unsere Geschichte erzählt, die Geschichte von dem Schiff, das sich Gemeinde nennt. Diese Geschichte beginnt mit Jesus.

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.

Was Jesus hier tut, passt nicht zum handelsüblichen Jesusbild. Er zwingt seine Jünger, ins Boot zu steigen, ihm vorauszufahren, bis er endlich die Menschenmenge losgeworden ist, die ihn den ganzen Tag belagert hat. Auch Jesus braucht im buchstäblichen Sinn einen Feier-Abend, eine Pause: zum Innehalten, zum Auftanken neuer Kräfte, zum Beten. Das ist es, was er hier für sich selber vorbereitet: Er sorgt dafür, dass er für sich allein einen Ort und eine Zeit zum Beten findet:

23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.

Wozu muss der Gottessohn beten? Ist er nicht selber Gott? Hat er das Gebet nötig? Ja, gerade er. Denn er ist Gottes Sohn, gerade indem er mit Gott enger als jeder andere Mensch im Gebet verbunden ist.

Und hat Jesus es nötig, auf einen Berg zu steigen, um Gott dort näher zu sein? Viel näher am Himmel ist man da oben auch nicht, das müsste Jesus wissen. Aber darum geht es nicht. Im griechischen Urtext steht: Jesus stieg auf „den“ Berg. Die vielen Berge, die Jesus besteigt, als Bergprediger, als Heiler, als Verklärter im Gespräch mit Mose und Elia und zum Schluss als der, der die Jünger zu allen Völkern sendet, werden alle nicht mit Namen genannt, aber Matthäus nennt sie alle „den“ Berg, auf dem Jesus Gott begegnet, seinem und unserem Vater im Himmel. „Der“ Berg ist ein Ort in Raum und Zeit, den Gott wählt, um dort zu Jesus zu sprechen und durch ihn zu uns. Genau so hatte Gott auf dem Gottesberg zu Mose und Elia gesprochen, der damals allerdings Namen trug: Horeb, Sinai, Karmel.

Allein ist Jesus da oben. Warum wird das so betont? Er ist doch gar nicht allein, er spricht mit dem Vater im Himmel. Oder wird hier bereits angedeutet, was er am Kreuz aussprechen wird, dass man sich sogar im Gebet allein fühlen kann, sogar als Gottessohn, alleingelassen von Gott: „Warum hast du mich verlassen?“ Spürt Jesus schon hier etwas vom Gegenwind, der seiner Botschaft entgegenstehen wird, wenn der Jubel der Volksmassen umschlägt in rasenden Zorn auf einen enttäuschenden Messias, der kein populärer Volksführer sein, die Römer nicht mit Gewalt aus Israel verjagen will?

Szenenwechsel in der Erzählung: Gefahren, die Jesus im einsamen Gebet ahnen mag, spüren seine Jünger im Boot hautnah am eigenen Leib:

24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

Weit vom trockenen Land entfernt ist die Gefahr des Ertrinkens sehr groß, wenn man in Seenot gerät. Die Wellen bedrohen das Boot, weil der Wind Gegenwind ist, nicht ein hilfreicher Wind wie damals zur Zeit des Mose, als ein Wind dabei half, die Israeliten vor der Vernichtung durch den Pharao zu retten (2. Buch Mose – Exodus 14):

21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich.

So ein Wind kommt den Jüngern jetzt nicht zu Hilfe, der das Meer trocken legt und teilt. Stattdessen türmt ein Gegenwind die Wellen bedrohlich auf. Bedenken wir, wann Matthäus sein Evangelium aufgeschrieben hat: einige Zeit nach dem Jahr 70, als Jerusalem und der jüdische Tempel von dem Römer Titus vernichtet wurde. Matthäus hat sich sicher gewünscht, dass Gott den Titus ähnlich wie den Pharao in seinem Völkermord stoppen würde. Aber Gott glättete die Wogen des Krieges im Jahr 70 nicht, bewahrte nicht den Tempel in Jerusalem vor der Zerstörung; Jesus kam nicht als rettender Messias zurück. Und schon im Jahr 33 gab es für Jesus selbst keine Rettung vor dem Tod am Kreuz.

Was kann uns auf diesem verzweifelten Hintergrund die Geschichte in Matthäus 14 sagen, die nun erst richtig losgeht?

25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.

Dass Jesus in der vierten Nachtwache kommt, ist kein Zufall. Zum gleichen Zeitpunkt, nämlich der Morgenwache, begann Gott einzugreifen, als Israel mitten im Meer von den Ägyptern eingeholt zu werden drohte. Aber die Jünger – trauen sie Jesus ein ähnlich machtvolles Eingreifen zu?

26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht.

Diese Reaktion kommt mir sehr modern vor. Ein Jesus, der auf dem Wasser geht, kann nicht real sein, der ist zum Fürchten oder zum Lachen: „ein Gespenst!“

27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Der Furcht begegnet Jesus, indem er Mut, Zuversicht und Trost zuspricht. „Ich bin‛s“, sagt er, „ihr kennt mich doch, ich bin euch vertraut.“ Aber da ist auch etwas Unvertrautes drin, wenn er wörtlich eigentlich nicht sagt „Ich bin es“, sondern „Ich bin“, so steht es da im Griechischen. Darin klingt für jeden Juden der unaussprechliche Gottesname an: „Ich bin, der ich bin“, „Ich bin für euch da“. Dieser Gott hatte Israel aus Ägypten befreit, ließ damals die Wasser durch einen starken Wind zurückweichen.

Wie werden die Jünger auf einen Jesus reagieren, der ihnen weniger als Heiliger Geist, mehr als Gespenst erscheint? Können sie glauben, dass ihnen in seiner Stimme Gott selbst begegnet, der eine befreiende Gott Israels? Oder wird das Schiff, das sich Gemeinde nennt, hier buchstäblich in einem kleinen Boot im großen Meer vor Angst verzweifeln?

Bevor ich darauf in der Predigt weiter eingehe, singen wir das Lied vom Schiff, das sich Gemeinde nennt:

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt

Liebe Gemeinde, als Kirche sitzen wir im Boot mit Jesus, der uns manchmal so unwirklich vorkommt wie ein Gespenst. Wir reagieren wir auf das, was Jesus uns zuspricht? Zunächst müssen wir nichts tun, einer prescht vor, Petrus handelt für uns alle. Als einziger Evangelist erzählt Matthäus von einer besonderen Tat des Petrus:

28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.

Petrus handelt hier als Stellvertreter. Nicht als Gottes, sondern unser Stellvertreter. Er vertritt die Gemeinde, die Kirche. Und er tritt hier wirklich stark auf. Die Kirche – wir – sind dort stark, wo wir auf Jesus schauen, auf ihn hören. Petrus erbittet von Jesus Wegweisung, erwartet von ihm Unmögliches.

29 Und Jesus sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.

Jesus traut zu. Er mutet zu. Mit Erfolg. So lange Petrus auf Jesus zugeht, kann er auf dem Wasser gehen, als hätte es Balken. So lange wir auf Jesus zugehen, uns etwas von ihm zutrauen lassen, behalten wir Boden unter den Füßen, selbst in unsicheren Gewässern, selbst wo alles ins Trudeln gerät, wo unser Privatleben aus den Fugen gerät, wo in der Politik niemand unser Vertrauen zu verdienen scheint, wo alte Werte ihre Geltung verlieren. Mit dem Blick auf Jesus ist uns trotzdem gewiss: Er ist mächtiger als die Mächtigen, selbst wenn sie ihn töten. Er ist und bleibt der Liebende, selbst wenn in der ganze Hass der Welt trifft. Er ist stärker als der Tod, denn die Macht Gottes lebt in ihm. Er bleibt Gottes Sohn sogar in dem Augenblick, in dem er sich von Gott verlassen glaubt. Haben wir Jesus so im Blick?

30 Als Petrus aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!

Aber da ist der Gegenwind. Petrus erschrickt und verliert seine Sicherheit und fängt an unterzugehen. Das kennen wir. Keine Hoffnung mehr. Kein Ausweg aus Angst und Verzweiflung. Wo Gleichgültigkeit und Zynismus regieren, kann man Gott und Jesus aus den Augen verlieren.

31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus…

Jesus bietet Hilfe an, und ich werde bei dieser Stelle immer an die Frau aus dem Bibelkreis in der psychiatrischen Klinik denken, die dazu sagte: „Ich hätte Jesus auf die Finger gehauen.“ Ich hätte zu viel Angst gehabt, mir helfen zu lassen. Es gehört Mut dazu, Jesu Hand zu ergreifen, Hilfe anzunehmen. Jesus ist einer, der immer wieder ermutigt, und dieses Ermutigen kann auch eine Zumutung sein.

Durch den Theologen Ton Veerkamp bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die ausgestreckte Hand Jesu auch an die ausgestreckte Hand des Mose erinnert. Wie Mose hat Jesus auf die Stimme des Gottes mit dem Namen „Ich bin“ gehört. Wie Mose streckt er jetzt die Hand aus – ja, um was zu tun? Die Wasser zu teilen, die Mächte des Bösen dieser Welt untergehen zu lassen, jetzt die Römer wie damals die Ägypter, wie heute die global players, die an der Börse das Geld der armen Menschen dieser Welt verzocken? Jesus steht in der Tat gegen all diese bösen Mächte, gegen jeden Zynismus, gegen Gewalt, Entwürdigung. Er steht gegen alles, was die Bibel mit einem gewaltigen und gewaltig missverstandenen Wort „Sünde“ nennt: Sünde ist Aufstand gegen Gott, Absonderung von unserem Ursprung, ohne den niemand auf Dauer leben kann. Gegen das Meer dieser Sünde streckt Jesus seine Hand aus. Und was geschieht?

[Jesus] ergriff [Petrus] und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Wie? Jesus streckt den Arm aus, und die Wasser teilen sich nicht? Ist er weniger mächtig als Mose? Kann er nicht Großartigeres tun, als den pitschnassen Petrus aus dem Wasser ziehen? Das römische Weltreich bemerkt nichts von dem, was hier auf dem See Genezareth geschieht. Einige Jahre später werden die Römer genau auf diesem See ein furchtbares Blutbad anrichten, kurz bevor dann auch Jerusalem untergeht. Und Jesus kann auch daran nichts ändern. Es ist, als ob Jesus wirklich nicht mehr als ein Geist, ein Gespenst wäre, der den Lauf der Welt nicht wirklich ändern kann.

Oder sehen wir nur nicht richtig hin? Die ausgestreckte Hand Jesu zieht immerhin den Petrus aus dem Wasser. Jesus zieht auch uns raus aus dem Unglück, manchmal sogar dann, wenn wir auf seine Hand draufhauen. Ich erlebe manchmal nach einer Phase, in der ich mich verzagt und deprimiert fühle, wie ich plötzlich diese bösen Geister von mir abschütteln kann und neuen Lebensmut spüre. Dann ist es, als würde Jesus auch zu mir sagen: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ „Kleingläubig“, wörtlich „wenig vertrauend“, sind wir oft, vor allem, wenn wir an die Zukunft unseres Landes denken, an die Erziehung der Jugend, an Unrecht hier und Korruption dort.

Aber wieso will Jesus uns unseren Zweifel verbieten? Ist es nicht normal und gut, skeptisch zu sein, müssen wir nicht Toleranz üben gegenüber anderen Überzeugungen, müssen wir nicht zweifeln, um zu immer besserer Erkenntnis zu kommen? Diese Art philosophischen oder wissenschaftlichen Zweifelns hat Jesus hier nicht im Blick. Er fragt anders, den Petrus und uns: „Warum warst du mit dir und mit Gott entzweit?“ Was lässt uns hin- und hergerissen sein, was lässt Menschen sogar am Sinn des Lebens überhaupt zweifeln? Bei einem Geburtstagsbesuch hörte ich, wie jemand sich über ein Theaterstück von Max Frisch erregte, „Graf Öderland“, das mit der unausgesprochenen Aufforderung endete, es sei für manche Menschen besser, sich selber umzubringen. In diesen existentiellen Zweifel hinein reicht die ausgestreckte Hand Jesu; diesem Zweifel am Leben überhaupt widerspricht er. „Du musst kein Wenigvertrauender bleiben. Du darfst deinem kleinen Glauben viel zutrauen.“ Wir dürfen tun, was uns zugemutet ist, wir haben die Gebote Gottes, wir haben Liebe, die uns geschenkt ist. Und wenn wir manchmal denken, dass niemand vertrauenswürdig ist, egal ob im Privatleben oder in der Politik? Wir dürfen jedenfalls diesem Jesus vertrauen, der uns viel zutraut. Er ermutigt uns, auch den Leuten mehr zuzutrauen und zuzumuten.

32 Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich.

Petrus tritt ins Boot, an der Hand Jesu. Wir treten ins Boot, mit Jesus. Und der Wind duckt sich, so heißt es hier wörtlich. Genau wie sich das Wasser duckt, damals beim Auszug der Israeliten aus Ägypten. Vielleicht denken wir: Davon ist aber draußen in der Welt nicht viel zu sehen. Es ist aber schon etwas, wenn sich in uns der Sturm duckt, wenn sich in uns der Aufruhr legt, wenn wir aufatmen können, wenn Friede und besonnene Ruhe in uns einkehrt.

33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Hier tauchen nun die anderen auf, für die Petrus stellvertretend die Stellung halten wollte und es nur mit Jesu Hilfe geschafft hat. Sie werfen sich vor Jesus nieder, sie erkennen an: Er ist mächtiger als alle anderen Mächte dieser Welt, egal wie unüberwindlich sie uns erscheinen.

Ergreifen wir also die ausgestreckte Hand Jesu! Hören wir auf seine Worte, die uns Orientierung von Gott her geben! Er zeigt uns Wege für unser Leben.

Zum Beispiel ganz persönlich: Wie es weitergehen soll, wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben. Was dran ist, welche Menschen uns zuerst brauchen. Dass es wichtig ist, zu trauern, und dass wir gerade im Trauen und Loslassen getröstet werden können.

Jesus macht uns auch Mut, Ideen für unsere Gemeinde und unsere Gesellschaft zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Wenn Politiker Gelder streichen, um Langzeitarbeitslose zu unterstützen, müssen wir andere Wege suchen, um die Arbeit unserer Evangelischen Jugendwerkstatt weiterzuführen. Wenn im Stadtteil viele Menschen unterschiedlicher Religion leben, wollen wir wir in unserem Familienzentrum gemeinsam Wege suchen, um friedlich miteinander zu leben.

Ob wir von Sturm und Wellen im persönlichen Leben oder in der Gesellschaft bedrängt werden; im Vertrauen auf Gott, der uns in Jesus entgegenkommt, müssen wir nicht untergehen. Jesus ist mehr als ein Gespenst, er kommt zu uns im Heiligen Geist, der uns mit Kraft und Trost, mit Mut und Hoffnung, mit Vertrauen und Liebe erfüllt. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 351, 1+2+7+12:

1. Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich; sooft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?

2. Nun weiß und glaub ich feste, ich rühm’s auch ohne Scheu, dass Gott, der Höchst und Beste, mein Freund und Vater sei und dass in allen Fällen er mir zur Rechten steh und dämpfe Sturm und Wellen und was mir bringet Weh.

7. Sein Geist wohnt mir im Herzen, regiert mir meinen Sinn, vertreibet Sorg und Schmerzen, nimmt allen Kummer hin; gibt Segen und Gedeihen dem, was er in mir schafft, hilft mir das Abba schreien aus aller meiner Kraft.

12. Kein Engel, keine Freuden, kein Thron, kein Herrlichkeit, kein Lieben und kein Leiden, kein Angst und Fährlichkeit, was man nur kann erdenken, es sei klein oder groß: der keines soll mich lenken aus deinem Arm und Schoß.

Lasst uns beten.

Großer Gott, Vater im Himmel, wir bringen vor dich, wofür wir dankbar sind: Gesundheit, die uns geschenkt ist und über die wir kaum nachdenken, wenn sie nicht beeinträchtigt ist. Familienglück, das wir erleben und für das wir mitverantwortlich sind. Berufliche Erfüllung, die heutzutage nicht selbstverständlich ist. Wir danken dir auch für das Leben in den neuen Gruppen unserer Kita, für die vielen Ideen, die uns kommen, um auch das Familienzentrum mit Leben zu erfüllen.

Großer Gott, Vater im Himmel, wir bringen auch vor dich, was uns belastet. Sorgen um unsere Gesundheit, um unser Familienglück, um Lehrstelle oder Arbeitsplatz. Sorgen, die wir uns machen, wenn in der Politik Entscheidungen getroffen werden, die zu Lasten von sowieso schon Benachteiligten gehen. Steh uns bei, damit wir uns als Gemeinde Jesu Christi für Menschen einsetzen, die Unterstützung brauchen, zum Beispiel Jugendliche mit wenig Chancen auf eine Ausbildung oder Langzeitarbeitslose. Als Menschen mit unterschiedlicher Herkunft in unserer Gemeinde und in unserem Stadtteil lass uns ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben, damit ein gutes Miteinander wächst und gedeiht.

Großer Gott, Vater im Himmel, besonders beten wir heute zu dir für ein verstorbenes Mitglied unserer Gemeinde, für Frau …, die im Alter von … Jahren gestorben ist und kirchlich beigesetzt wurde. Nimm sie gnädig auf in deiner ewigen Liebe und lass ihre Angehörigen in ihrer Trauer nicht allein.

Was wir ganz persönlich auf dem Herzen haben, bringen wir nun in der Stille vor Gott:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 258:

Zieht in Frieden eure Pfade. Mit euch des großen Gottes Gnade und seiner heilgen Engel Wacht! Wenn euch Jesu Hände schirmen, geht’s unter Sonnenschein und Stürmen getrost und froh bei Tag und Nacht. Lebt wohl, lebt wohl im Herrn! Er sei euch nimmer fern spät und frühe. Vergesst uns nicht in seinem Licht, und wenn ihr sucht sein Angesicht.

Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen, Amen, Amen!

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