Geburtshelfer für eine Neugeburt durch Gott

Vielleicht spürt durch uns ein anderer Mensch, dass auch er ein geliebtes Kind Gottes ist. Wenn das Vertrauen zu Gott und zum Leben und zu uns selbst in uns gewachsen ist, können wir anderen Menschen mit weniger Angst begegnen, wir können uns wehren, wenn wir verletzt oder ausgenutzt werden, wir können uns gegenseitig achten und schützen und behutsam miteinander umgehen.

Ein Männchen mit Baby auf dem Arm - ein Geburtshelfer

Wir können Geburtshelfer für eine Neugeburt durch Gottes Liebe sein (Grafik: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Jubilate, den 10. Mai 1992, 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen in unserer Klinik-Kapelle, guten Morgen! Wissen Sie, was für einen Namen dieser Sonntag trägt? Muttertag? Ja, viele feiern heute Muttertag; aber es ist so eine Sache damit: Wer sich gut mit seiner Mutter versteht und ihr viel zu verdanken hat, der kann natürlich heute besonders an sie denken und ihr alles Gute wünschen; aber eigentlich bräuchte er ja nicht extra einen besonderen Tag, um das zu tun. Was ist aber mit all denen, die von ihrer Mutter nicht bekommen konnten, was sie brauchten, die ohne echte Mutterliebe aufwachsen mussten, obwohl sie eine Mutter hatten? Diese Töchter und Söhne sollten doch auch am Muttertag nicht dazu genötigt werden, ihr dankbar zu sein. Nur so viel heute zu diesem Thema; der Muttertag ist im übrigen gar kein kirchlicher Feiertag.

Aber wie heißt dieser Sonntag denn im Kreis des Kirchenjahres? Wir sind immer noch in der nachösterlichen Zeit, und der heutige Sonntag trägt den Namen „Jubilate“, das heißt auf deutsch: „Jubiliert! Freut euch von Herzen!“

Sicher kann man das nicht auf Kommando: Jubeln, sich freuen. Deshalb ist dieser Name auch kein Befehl, sondern eher eine Art Einladung: Schaut doch mal hin, schaut hin, was Menschen von Gott erzählen, achtet einmal darauf, was Menschen mit Jesus erlebt haben, gibt es da nicht Hoffnung, gibt es da nicht etwas Neues, das uns wirklich einmal zum Jubeln bringen kann?

Wir werden wieder viel singen heute im Gottesdienst, zum Teil von dem Liedblatt, zum Teil auch aus dem Gesangbuch. Wir fangen an mit dem Loblied 181, das genau zum Thema dieses Sonntags passt, und singen die Strophen 3 bis 4:

3) Rühmt, Völker, unsern Gott; lobsinget, jauchzt ihm, der uns sich offenbart, der uns vom Tod zum Leben bringet, vor Straucheln unsern Fuß bewahrt. Du läuterst uns durch heißes Leiden – das Silber reinigt die Glut -, durch Leiden führst du uns zu Freuden; ja, alles, was du tust, ist gut.

4) Du hast uns oft verstrickt in Schlingen, den Lenden Lasten angehängt; du ließest Menschen auf uns dringen, hast rings umher uns eingeengt. Oft wollten wir den Mut verlieren im Feuer und in Wassersnot, doch kamst du, uns herauszuführen, und speistest uns mit Himmelsbrot.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des Psalms 66 – es ist das alte Lied aus der Bibel, dem das Lied nachgedichtet wurde, das wir eben gesungen haben:

1 Ein Psalmlied, vorzusingen. Jauchzet Gott, alle Lande!

2 Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich!

3 Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke! Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.

4 Alles Land bete dich an und lobsinge dir, lobsinge deinen Namen.

5 Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.

6 Er verwandelte das Meer in trockenes Land, sie konnten zu Fuß durch den Strom gehen. Darum freuen wir uns seiner.

8 Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen,

9 der unsre Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, du bist uns ganz nahe. Du bist uns nah und bedrohst uns doch nicht. Du bist der Gott unserer Seele, der uns im Innersten kennt und versteht. Du fühlst mit uns, du hältst uns fest, du lässt uns niemals fallen. Und so verwandelst du uns, lässt Vertrauen in uns wachsen, hilfst uns Angst aushalten, schenkst uns auch wieder Freude mitten im Leid. Gott, dir ist es nicht zu viel, mit uns mitzufühlen, darum hilf uns, dass wir nicht selber uns zumachen für deine Liebe. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören eine Lesung aus dem Evangelium nach Markus 9, 33-37:

33 Und sie kamen nach Kapernaum. Und als er daheim war, fragte er sie: Was habt ihr auf dem Weg verhandelt?

34 Sie aber schwiegen; denn sie hatten auf dem Weg miteinander verhandelt, wer der Größte sei.

35 Und er setzte sich und rief die Zwölf und sprach zu ihnen: Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.

36 Und er nahm ein Kind, stellte es mitten unter sie und herzte es und sprach zu ihnen:

37 Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen nun ein Lied zur Gitarre, es steht im Liedblatt oben auf der rechten Innenseite:

Wir wünschen, Herr, dass jedes Kind
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

den Predigttext möchte ich heute erst etwas später vorlesen. Zuerst will ich noch einmal auf den Namen des heutigen Sonntags eingehen. Er lautet: „Jubilate!“, ich habe es schon gesagt. Ein schöner Name eigentlich – jubeln, sich überschwenglich freuen ist etwas Herrliches! Nur – wer kann das heute noch – jubeln?

Im unserem öffentlichen Leben sieht man solchen Jubel eigentlich fast nur noch im Sport. Wenn zum Beispiel Boris Becker ein Tennisturnier gewonnen hat – er reißt die Arme hoch und bricht in Jubel aus; oder jetzt in Bremen sind viele Leute auf die Straße gegangen und haben lautstark singend und tanzend gefeiert, weil ihre Fußballmannschaft einen Pokal gewonnen hat.

Im persönlichen Leben werden solche überschwenglichen Gefühle selten gezeigt. Kinder kommen vielleicht jubelnd nach Hause, wenn sie im Zeugnis viele Einser und Zweier haben. Die meisten Erwachsenen freuen sich eher auf eine stillere Weise, wenn jemand z. B. eine Prüfung bestanden hat, oder wenn jemand einen Freund gefunden hat, oder wenn jemand endlich aus der Klinik entlassen wird. Ich weiß allerdings noch, wie froh ich war und dass ich hätte jubeln können, als unsere Kinder geboren wurden – wie schön ist es, wenn man sich als Vater oder Mutter auf sein kleines Kind freut und es auf der Erde herzlich willkommen heißt!

Aber die meisten unter uns hier und heute im Gottesdienst sind ja krank, sind schwer belastet, tragen Probleme mit sich herum, die sie nicht allein bewältigen können. Wie soll man da heute jubeln können? Wenn wir gemeinsam fröhliche Lieder singen, müssen sich dabei nicht manche einfach ausgeschlossen fühlen?

Nein, das muss nicht so sein. Es ist eigentümlich: Manche Loblieder kann man auch dann mitsingen, wenn einem eigentlich gar nicht zum Lachen und Jubeln zumute ist. Und ich glaube, das liegt daran:

Wenn die Bibel vom Jubeln, vom Jauchzen spricht, dann ist das kein oberflächliches Lachen, keine Maske, die man sich aufsetzen muss, weil man seine wahren Gefühle nicht zeigen darf. Denn die Bibel will keine Gefühle verdrängen oder verbieten.

So unglaublich es für viele Menschen klingt: Gott sagt uns durch die Worte der Bibel: Wenn es euch traurig zumute ist, dann seid traurig. Wenn ihr Angst habt, dann fühlt die Angst. Wenn ihr Zorn fühlt, dürft ihr zornig sein.

Und wenn ihr Angst vor all diesen Gefühlen habt, dann dürft ihr euch jemanden suchen, zu dem ihr Vertrauen habt, dürft ihm zeigen, was ihr fühlt, dann seid ihr nicht allein mit dem, was euch bewegt, was euch zerreißt, dann hilft euch jemand auszuhalten, was so weh tut. Wie gut tut es, wenn man einen Menschen findet, bei dem man sein Herz ausschütten kann! Wie gut tut es, wenn man außerdem spürt, dass Gott immer da ist, dass wir uns ihm im Gebet jederzeit anvertrauen und alle unsere Sorgen auf ihn werfen können!

Und dann kann es geschehen, dass mitten im Leid plötzlich auch ein Gefühl der Freude auftaucht. Das Gefühl: ich bin nicht allein in meinem Schmerz, jemand versteht mich, ich darf vertrauen, jemand hat mich von Herzen lieb.

Im Lied 288 im Gesangbuch ist von dieser Freude mitten im Leid die Rede; wir singen beide Strophen, bevor ich endlich den Predigttext vorlese:

1) In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist. Hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja! Zu deiner Güte steht unser Gmüte, an dir wir kleben im Tod und Leben, nichts kann uns scheiden. Halleluja!

2) Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hasts in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja! Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja!

Wann können wir also jauchzen, jubeln, uns von innen heraus so richtig freuen, liebe Gemeinde? Wann kann es trotz großer Angst, trotz großer Not dennoch mitten im Leide ein Stück Getrostheit und Freude geben? Dann, wenn wir auf Gott vertrauen können, wenn wir zu Jesus Vertrauen finden. Er hat den Menschen doch eindringlich gesagt und vorgelebt, wie menschlichenfreundlich, sanft und gütig und barmherzig Gott ist. Doch wie finden wir zu einem solchen Vertrauen? Davon spricht unser Predigttext. Da kommt übrigens wieder ein Thema vor, das uns schon vor zwei Wochen in der Predigt beschäftigt hat: das Thema „Geborenwerden“, „wie Neugeboren-Sein“. Offenbar will die Bibel das immer wieder betonen: wer anfängt, zu vertrauen, der wird seelisch neu geboren.

Nun kommt der Predigttext, er steht in einem Brief, 1. Johannes 5, 1-4:

1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.

2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.

3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.

4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Ja, „wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist wie neugeboren.“ Wer damit anfängt, sich Jesus anzuvertrauen, und wer durch ihn einen Halt findet, der von Gott selber kommt, der wird innerlich wie neugeboren. Er bleibt nicht nur ein Kind seiner Eltern, nicht nur ein Kind dieser Welt, er wird ein Kind Gottes, ein Kind des Lebens, ein Kind, das leben darf.

Ich glaube, es ist mit jedem tiefen Vertrauen so, mit jedem Vertrauen, das nicht enttäuscht wird: mit der Zeit verändert es unsere ganze Lebenshaltung, es ist wirklich wie eine neue Geburt unseres inneren Menschen.

Wie ist das zu verstehen? Für den, der nicht vertrauen kann, sieht die Welt doch so aus: Man muss alles unter Kontrolle halten, auf jeden Fall die eigenen Gefühle. Und die eigenen Wünsche. Man darf sich nichts wünschen, oder jedenfalls nicht zu viel. Man darf sich überhaupt nicht jemandem anvertrauen, denn man könnte wieder enttäuscht werden.

Aber wer anfängt, zu vertrauen, der erfährt plötzlich, dass das alles gar nicht stimmt: Gefühle sind dann auf einmal erlaubt! Fühlen ist erlaubt! Gefühle zeigen ist erlaubt! Wünschen ist erlaubt! Sich anvertrauen, jemanden liebhaben, ist erlaubt!

Ein berühmter und sehr guter Gottesgelehrter dieses Jahrhunderts, Paul Tillich, der sich viele Gedanken über Gott und die Welt gemacht hat und sich auch mit der menschlichen Seele gut auskannte, der hat einmal gesagt: Wenn wir zu Gott Vertrauen fassen und von ihm wie neugeboren werden, dann bekommen wir den Mut, „unsere Angst auf uns zu nehmen“. Und dann können wir Loblieder singen, obwohl wir noch mitten in der Angst drinstecken, weil wir wissen: jemand hält uns fest mitten in der Angst.

An dieser Stelle singen wir noch einmal zwei Strophen aus dem Lied vom Anfang: 181, 6-7:

6) Die Gott ihr fürchtet, ich erzähle: Kommt, hört und betet mit mir an! Hört, was der Herr an meiner Seele für große Dinge hat getan. Rief ich ihn an mit meinem Munde, wenn Not von allen Seiten drang, so war oft zu derselben Stunde auf meiner Zung ein Lobgesang.

7) Gelobt sei Gott und hochgepriesen, denn mein Gebet verwirft er nicht; er hat noch nie mich abgewiesen und ist in Finsternis mein Licht. Zwar elend, dürftig bin ich immer und schutzlos unter Feinden hier; doch er, der Herr, verlässt mich nimmer, wendt seine Güte nie von mir.

Vers für Vers gehen wir nun weiter im Text. Der nächste Satz ist etwas schwierig ausgedrückt: „Und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.“ Was soll das bedeuten?

Die erste Hälfte des Satzes ist noch recht einfach zu verstehen: „Wer den liebt, der ihn geboren hat“, damit ist Gott gemeint. Wir sind Gottes Kinder, wir sind von ihm geboren, wir dürfen ihn liebhaben, so wie er uns liebhat.

Aber was ist mit der zweiten Hälfte des Satzes? Wenn wir Gott liebhaben, dann lieben wir auch „den, der von ihm geboren ist“. Wer ist damit gemeint? Wer ist denn das, „der von ihm geboren ist?“

Ich denke, das kann zweierlei bedeuten. Einmal sind das doch wir selbst. Wir sind von ihm geboren, darum dürfen wir auch uns selbst liebhaben, so unglaublich das klingt. Gott will, dass wir seine Kinder sind, wir dürfen uns ihm anvertrauen, wir dürfen ihn liebhaben, und indem wir das tun, dürfen wir auch uns selbst liebhaben – weil er das ja auch tut, einfach so.

Und dann sind auch die anderen Menschen noch da. Die anderen, die von Gott geboren sind, die zu Gott Vertrauen gefunden haben. Eigentlich sind ja alle Menschen Gottes Kinder, alle sind sie von Gott geschaffen. Und es ist schön, wenn sie in ihrem Leben irgendwann auch zum Glauben kommen an ihren Gott. Und solche Menschen, die von Gott neugeboren sind, das sind Menschen, die wir auch liebhaben können, zu denen wir auch Vertrauen gewinnen können.

Vielleicht können wir manchmal sogar Geburtshelfer sein für eine Neugeburt durch Gott. Vielleicht spürt durch uns ein anderer Mensch, dass auch er ein Kind Gottes ist, ein geliebtes Kind Gottes. Wenn das Vertrauen zu Gott und zum Leben und zu uns selbst in uns gewachsen ist, dann können wir auch den anderen Menschen um uns herum mit weniger Angst begegnen, wir können uns abgrenzen, wir können aber auch zu verstehen suchen, wir können uns wehren, wenn wir verletzt oder ausgenutzt werden, wir können aber auch einander helfen, wir können uns gegenseitig achten und schützen und behutsam miteinander umgehen.

Merkwürdig geht der Text weiter: „Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.“ Spürt man das denn nicht von selbst, wenn man andere Menschen liebt, die auch Kinder Gottes sind? Müssen wir diese Liebe erst an etwas anderem erkennen? Merkwürdig: ob man die Menschen liebt, das soll man an der Liebe zu Gott erkennen, und am Halten der Gebote Gottes?

Ich denke, der Text weiß etwas davon, wie verwirrt viele Menschen über die Liebe sind. Sie denken z. B.: Wenn ich einen Menschen liebe, muss ich ihm immer recht geben. Aber das will Gott gar nicht. Sie denken manchmal: Wenn ich die anderen Menschen lieben will, darf ich nie für mich selbst etwas wünschen. Aber auch das will Gott gar nicht von uns. Er will nichts weiter, als dass wir uns ihm anvertrauen und ihn liebhaben.

Aber dann heißt es da doch auch: Wir sollen „seine Gebote halten“. Die Gebote, wollen die uns nicht zwingen und unterdrücken?

Nein, über diese Gebote wird ausdrücklich gesagt: „Und seine Gebote sind nicht schwer!“

Eigentlich ist das Wort „Gebote“ eine falsche Übersetzung für das, was da im Urtext eigentlich gemeint war. Im Hebräischen und im Aramäischen, in der Sprache des Volkes Israel und in der Sprache Jesu, da steht eigentlich „Weisung“, wo wir „Gesetz“ oder „Gebot“ übersetzen. Es geht also um die Art, wie Gott uns einen Weg weisen will, wie er uns durchs Leben führt. Es geht um die Art, wie gute Eltern Orientierung geben, der sich ein Kind gern anvertraut: Das ist gut für dich, das ist nicht gut für dich. Achte gut auf dich. Du darfst für dich sorgen. Du darfst leben! Ich will, dass du lebst! Das sind Gebote, die uns leben und frei sein lassen. Eigentlich sind es mehr Erlaubnisse als Gebote und Verbote. Sie setzen zwar auch Grenzen, aber diese Grenzen sperren nicht ein, sie schützen uns, sie schützen vor Verletzungen, vor Gefahren, vor dem Tod. Und so kann unser Text sagen: „Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.“

Von dem Wunsch, dass wir so begleitet werden durchs Leben, gibt es ein Lied, das ich jetzt mit Ihnen singen will, es steht vorn auf dem Liederzettel:
Ich möcht, dass einer mit mir geht

Wir kommen zum letzten Vers unseres Predigttextes, liebe Gemeinde: „Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Hier wird noch einmal beides zusammengesehen: Das Neugeborenwerden von Gott und das Zum-Glauben-Kommen ist ein und dasselbe. Es kommt bei Gott wirklich auf nichts anderes an als auf das Vertrauen. Vertrauen überwindet die Welt, Glaube an Gott ist ein „Sieg, der die Welt überwindet“.

Das ist kaum zu glauben, weil wir immer denken: Wir müssen doch alles unter Kontrolle haben. Wir müssen doch immer stark sein, uns zusammenreißen, dürfen keine Schwäche zugeben, keine Fehler machen, nicht um Hilfe bitten. Nur dann können wir das Leben bestehen, können wir erfolgreich sein, können wir siegen im Kampf ums Überleben.

Aber Gott denkt und handelt völlig anders. Er setzt nicht auf Kontrolle, sondern auf Vertrauen. Lasst das Vertrauen in euch wachsen, das sagt er uns wieder und wieder, und ihr werdet leben, ihr werdet fühlen, und ihr werdet von innen heraus eine ganz andere Festigkeit und Kraft bekommen.

Und wenn wir uns bedroht fühlen von den Menschen, die brutal sind, die sich so stark fühlen, die den Wehrlosen weh tun, die uns so übermächtig vorkommen, die uns sogar bis in unsere Träume hinein verfolgen?

Es gibt Zeiten, in denen wir ihnen wirklich ausgeliefert sind. In denen wir vielleicht nur überleben können, wenn wir uns irgendwie anpassen, wenn wir uns irgendwie schützen, wenn wir alles verdrängen und zudecken, was solche Angst macht. Kinder, die von ihren Eltern abgelehnt, missbraucht und misshandelt werden, haben z. B. kaum eine andere Chance.

Aber gerade, wenn diese Zeiten vorbei sind, wenn es möglich wäre, sich unabhängig zu machen, dann beginnt zunächst doch wieder eine schwere Zeit. Wer anfängt, zu vertrauen, fühlt sich zur gleichen Zeit plötzlich furchtbarer Angst ausgesetzt. Ein harter Kampf gegen die verschiedensten Ängste steht bevor, ein Kampf, bei dem man unbedingt Unterstützung braucht, eben Hilfe von jemandem, dem man vertrauen kann. Da sind die alten Ängste, die wieder hochkommen, die gefühlt und durchgestanden werden müssen. Aber da ist auch die Angst, doch wieder enttäuscht zu werden. Und die Angst, dass man vielleicht doch gar nicht vertrauen darf.

Wie schwer ist es, in all dem nicht irre zu werden an dem neuen Weg, auf dem man eben erst die ersten Schritte zu gehen gewagt hat! Wie schwer ist es, am Vertrauen festzuhalten, am Vertrauen zu Gott, am Vertrauen zu Jesus, am Vertrauen zu anderen Kindern Gottes, die uns auf unserem Weg begleiten wollen!

Und doch, ich bin überzeugt davon, unser Bibeltext hat Recht: „alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt“; die Welt mit ihrem Misstrauen, mit ihrer Brutalität, mit ihrer Gefühllosigkeit, sie ist auf Dauer nicht stärker als Gott und seine Liebe. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Davon können wir etwas singen! Singen wir noch ein Lied gegen die Angst, für das Vertrauen. Aus dem Lied 293 singen wir die Strophen 1-3 und 6:

1) Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier, ach wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir! Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.

2) Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.

3) Trotz dem alten Drachen, Trotz dem Todesrachen, Trotz der Furcht dazu! Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht, Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen.

6) Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein. Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein. Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude.

Ja, liebe Gemeinde, zum Jubeln ist uns oft gerade dann nicht zumute, wenn in uns etwas Neues begonnen hat. „Ach, wie lang, ach lange, ist dem Herzen bange“ – das Lied hat recht. Und zugleich weiß das Lied davon, dass wir uns anvertrauen können. Mehr wird uns nicht gesagt, mehr brauchen wir nicht, um mitten im Leid leben – und uns auch wieder freuen zu können. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Jetzt singen wir noch einmal ein Lied zur Gitarre, auf dem Liedblatt steht es auf der Innenseite oben links, ein Lied von der Hoffnung, die ganz klein beginnt, ein Lied, das wir schon am Donnerstag im Singkreis gesungen haben:

Kleines Senfkorn Hoffnung

Gott, schenke uns die Gewissheit, dass wir vertrauen dürfen. Beschütze und behüte uns in allen unseren Ängsten. Schenke uns Menschen, die uns zur Seite stehen, wenn wir sie brauchen, die uns nicht enttäuschen und uns nur etwas versprechen, was sie auch halten können. Lass uns nie vergessen, dass du ebenfalls in Ängsten warst, und dass du den Mut gefasst hast, sie auf dich zu nehmen und durchzustehen. Niemand versteht uns so gut wie du, o Gott, wir dürfen es dir glauben, du hast uns lieb für immer und ewig. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser

Zum Schluss singen wir mitten im Monat Mai ein Maienlied aus dem Gesangbuch, Nr. 370, 1+3:

1) Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht! Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid, die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud.

3) Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein, damit sichs möge schicken, fröhlich im Geist zu sein, die größte Lust zu haben allein an deinem Wort, das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.

Abkündigungen: Bibelkreis – Singkreis – Rotenfelskaffee

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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