Leben – nur als ob?

„Das Wesen dieser Welt vergeht“, sagt Paulus; wörtlich steht da: „das Schema der Weltordnung“, die Struktur unserer Welt, muss nicht so bleiben, wie sie ist. Wenn nur wenige die Chance zu einem glücklichen Leben im Hier und Jetzt haben, können wir uns von Jesus ermutigen lassen, auf eine neue Welt zu hoffen und an ihr ein ganz kleines bisschen mitzuarbeiten.

Eine junge Frau von hinten, die auf ein verschmiertes Bild der Skyline einer Stadt blickt, auf der ein großes, ebenfalls verschmiertes Zifferblatt einer Uhr zu sehen ist: 9:08 Uhr.

Kann jeder in der Welt, wie sie ist, glücklich leben? (Bild: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst am 20. Sonntag nach Trinitatis, 21. Oktober 2012, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel und Einzug der Tauffamilien

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum Taufgottesdienst in der Pauluskirche.

Besonders heiße ich unsere Taufkinder … und … gemeinsam mit ihren Familien und Paten willkommen.

Lied 424: Deine Hände, großer Gott, halten unsre liebe Erde
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des Psalms 36, im Gesangbuch steht er unter der Nummer 719. Ich lese die linksbündigen Verse und Sie bitte die nach rechts eingerückten Teile:

6 Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

7 Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe. Herr, du hilfst Menschen und Tieren.

8 Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!

9 Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.

10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Leben ist uns geschenkt. Wir werden satt. Wir haben Hilfe zu erwarten, Zuflucht unter dem Schatten der Flügel Gottes und seiner Engel. Und doch zweifeln wir oft an Gottes Güte, zweifeln wenigstens daran, dass die Schöpfung Gottes so gut ist, wie Gott sie genannt hat: „sehr gut“. Guter Gott, gebiete uns Einhalt, wenn wir nur auf das schauen, was wir nicht schaffen, was wir nicht in den Griff kriegen, was uns niederdrückt. Lass uns aushalten, was schwer ist, und vielleicht von den Schultern abwerfen, was unnötig Druck macht, indem wir uns deiner Liebe anvertrauen. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Mit Psalm 91 beten wir:

9 Der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

11 Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Großer Gott, du bist die Quelle allen Lebens. Das wird uns besonders dann bewusst, wenn in unseren Familien Kinder geboren werden. Wir danken dir für die Kinder, die du uns schenkst und anvertraust. In der Taufe machen wir deutlich, dass sie von dir kommen und zu dir gehören. Hilf uns, dass wir sie im Geist deiner Liebe erziehen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Markus 10, 13-16:

13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.

14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.

15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 203:

1. Ach lieber Herre Jesu Christ, der du ein Kindlein worden bist, von einer Jungfrau rein geborn, dass wir nicht möchten sein  erate wohl zu deinen Ehrn und Wohlgefalln, auf dass es hier gottseliglich, hernach auch lebe ewiglich.

Liebe Familie …, liebe Familie …, liebe Paten und liebe Gemeinde!

Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: Beide Taufsprüche für Ihre Kinder kamen in diesem Gottesdienst bereits vor, und zwar in den beiden Psalmen, die wir vorhin gebetet haben.

Der Spruch für den kleinen … steht im Psalm 36, 10:

Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Dieser Vers hat es Ihnen angetan, weil er Sie an den kleinen Jungen selbst erinnert: … ist ein Sonnenschein, so lebhaft und lebendig. Wenn man ihn anschaut, strahlt er einen an, und man muss sich einfach freuen. Ein Kind kann eine Quelle der Lebensfreude und ein alltäglicher Lichtblick im Leben seiner Eltern und Geschwister sein.

Manche Menschen sind mehr als andere einfach von Natur aus fröhlich und unbeschwert, und bis jetzt scheint … ein solcher Mensch zu sein. Wir wünschen ihm, dass er sich diese Lebensfreude erhalten kann.

Wenn wir noch einmal hinschauen, hat der Taufspruch noch eine zweite Bedeutung: Angeredet wird in dem Psalm 36 ja Gott. In der Lebendigkeit unseres Kindes, in dem Sonnenschein, der von unserem Kind in unser Leben fällt, ist uns etwas geschenkt, das letzten Endes von Gott kommt. Die letzte Quelle von Glück, von Leben, von Licht ist Gott. Und da dieser Gott allmächtig ist und alles in der Hand hält, dürfen wir auch darauf vertrauen, dass wir und unsere Kinder trotz aller Bedrohungen unseres Lebens bei ihm gut aufgehoben. Alles Leben kommt von ihm, als Geschenk auf Zeit, es ist ein kostbares Geschenk, und Gott vertraut es uns an, damit wir liebevoll damit umgehen – mit dem eigenen Leben und dem Leben unserer Kinder.

Und auch wenn in unserem Leben und im Gesicht unseres Kindes nicht immer die Sonne scheint, weil dunkle Wolken die Lebensfreude trüben, dürfen wir im Vertrauen auf Gott fest damit rechnen, dass das Licht immer wieder zum Vorschein kommen wird, denn Gott selber ist das Licht, das unserem Leben Sinn gibt und uns gute Wege zeigt, die wir gehen können und sollen.

Von diesen guten Wegen, die wir mit Gott in unserem Leben gehen können, handelt das Taufwort für die kleine …, die vor vier Tagen 1 Jahr alt geworden ist. Ihr Taufspruch steht im Psalm 91, 11:

[Gott] hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Von Gottes Engeln haben wir eben im Lied schon gebetet, dass sie unser Kind „vor Unfall, Schaden und Gefahr“ bewahren mögen. Das ist ja die größte Sorge aller Eltern und Großeltern, dass einem Kind etwas zustoßen könnte. Und da wir als Menschen nicht in der Lage sind, alle Gefahren abzuwenden, sind wir froh, dass unsere Kinder auf jeden Fall in der Obhut der guten Mächte Gottes geborgen sind, was auch immer geschieht.

Am wichtigsten ist jedoch, dass die Engel einen ganz besonderen Auftrag von Gott haben: ein Menschenkind auf allen seinen Wegen durchs Leben zu begleiten und zu behüten. Und zwar vor allem davor zu behüten, dass dieser Mensch vom rechten Wege abkommt. Engel sind Botschafter Gottes, sie sind das Gewissen in unserem Kopf und flüstern uns sozusagen ins Ohr, was gut und was böse ist. Auf unserem Weg durchs Leben mag es manche Kurven und Schlaglöcher geben – wenn wir auf die Stimme der guten Engel Gottes hören, müssen wir nicht zu Fall kommen und gehen nicht verloren.

Im Vertrauen auf Gott sprechen wir nun, auch stellvertretend für unsere Taufkinder, das Bekenntnis unseres christlichen Glaubens:

Glaubensbekenntnis und Taufen
Lied 205:

1. Gott Vater, höre unsre Bitt: teil diesem Kind den Segen mit, erzeig ihm deine Gnade, lass’s sein dein Kind, nimm weg sein Sünd, dass ihm dieselb nicht schade.

2. Herr Christe, nimm es gnädig auf durch dieses Bad der Heilgen Tauf zu deinem Glied und Erben, damit es dein mög allzeit sein im Leben und im Sterben.

3. Und du, o werter Heilger Geist, samt Vater und dem Sohn gepreist, wollst gleichfalls zu uns kommen, damit jetzund in deinen Bund es werde aufgenommen.

4. O Heilige Dreieinigkeit, dir sei Lob, Ehr und Dank bereit‘ für diese große Güte. Gib, dass dafür wir dienen dir; vor Sünden uns behüte.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Zur Predigt hören wir Worte des Apostels Paulus aus 1. Korinther 7, 29-31:

29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht;

30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht;

31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Liebe Gemeinde, das ist wieder so ein Predigttext, über den ich in meinem ganzen Pfarrerleben noch nie gepredigt habe. Und beinahe hätte ich gesagt: Ich tu‛s auch heute wieder nicht.

Mir gefällt dieser Text nicht. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

Das fängt schon damit an, dass Paulus nur die Brüder, nicht die Schwestern in der Gemeinde anredet, und er kann hier wohl auch nur die Männer meinen, denn er fordert ja die verheirateten Brüder auf, so zu leben, als hätten sie keine Frauen. Und dann geht es im gleichen Stil weiter: Wer weint, soll sein, als weinte er nicht, wer lacht, soll sein, als würde er nicht lachen.

Will Paulus denn, dass wir nicht mit beiden Beinen auf der Erde stehen und ganz im Hier und Jetzt leben? Sollen wir lieber schon jetzt mit einem halben Bein im Jenseits leben? Sollen wir uns nicht über eine glückliche Partnerschaft freuen, uns nicht dafür einsetzen, dass sie gelingt? Soll unsere Freude über unsere Kinder geteilt sein, weil die Zeit kurz ist? „Die Zeit ist kurz“ – ist das nicht gerade ein Ansporn, unsere Lebenszeit, unsere Liebe, unsere Kinder als kostbar zu empfinden? Darf ich es wagen, muss ich mich entschließen, in diesem Fall dem Apostel Paulus zu widersprechen?

Oder meint Paulus es gar nicht so, wie es auf den ersten Blick aussieht? Schaut man genau hin, sagt Paulus nicht: „Die Zeit ist kurz“, sondern wörtlich: „Die Zeit zieht sich zusammen, sie entzieht sich uns.“ Er redet also nicht von der Begrenztheit unseres Lebens an sich, sondern er spricht von der Zeit, die gerade jetzt knapp wird, und zwar weil – so nimmt Paulus es jedenfalls an – das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht!

Aber wir wissen: Damit hat Paulus nicht Recht behalten. Jesus kommt nicht, wie Paulus es erwartet, noch zu seinen Lebzeiten wieder. Noch 2000 Jahre später besteht die Welt immer noch. Nur die Akteure in der globalen Weltordnung haben sich geändert. Es sind nicht mehr die römischen Kaiser wie in der Zeit des Paulus, sondern unter anderem die global players auf den internationalen Finanzmärkten.

Aber wenn die Voraussetzungen, unter denen Paulus seine Sätze schreibt, nicht mehr gelten, sind dann nicht auch seine Schlussfolgerungen für die heutige Zeit ungültig geworden?

Vielleicht müssen wir noch etwas genauer darüber nachdenken, worin für Paulus das Ende der Welt besteht. Er versteht das nämlich nicht so, wie wir uns das heute meist vorstellen, also dass alles in einer Mega-Katastrophe den Bach runtergeht, zum Beispiel durch einen Atomkrieg oder durch einen Zusammenprall der Erde mit einem Riesenmeteor. Nein, für Paulus ist das Ende der Welt zugleich der Beginn einer neuen Welt: Er und die ersten, die an Jesus Christus glauben, sind sich ja dessen sehr bewusst, dass die Welt, in der sie leben, durch die Schuld von Menschen nicht mehr so schön ist, wie Gott sie einmal geplant und geschaffen hatte. Sie leben in einer Welt, in der man den Sohn Gottes am Kreuz hinrichtet, in der kleine Leute unverschuldet ihr Land an reiche Wucherer verlieren und in Sklaverei geraten, in der den Menschen kleiner Völker hohe Steuern ab- und eine fremde Kultur aufgezwungen wird. Paulus und die frühen Christen gehören zu denen, die unter dieser ungerechten Weltordnung leiden. Nicht nur aus Eigeninteresse, sondern weil sie davon überzeugt sind: In Gottes Welt, von einem liebenden Gott geschaffen, soll es gerecht zugehen, soll ein anderer Friede herrschen. Darum erwarten sie, dass diese alte Weltordnung schon bald untergeht. Jesus wird wiederkommen, wird echten Frieden bringen. Das Reich Gottes wird kommen, in dem man alles miteinander teilt, in dem keiner gezwungen wird, fremde Götter anzubeten.

Paulus ist sich aber auch dessen bewusst, dass dieses Ende der alten Weltordnung und dieser Anfang einer neuen Welt nicht ohne Konflikte vor sich gehen wird. Er sieht harte Zeiten voraus, voll von schwerem Leid für diejenigen, die an Jesus glauben und den Kniefall vor den römischen Staatsgöttern verweigern. Darum meint Paulus, es sei wohl ratsamer, unverheiratet zu bleiben, sich nur auf den Einsatz für Christus zu konzentrieren. Und wer schon verheiratet ist, der kann durchaus in die Situation kommen, seiner Frau großen Kummer zu machen, wenn er das Opfer für die Staatsgötter verweigert und dafür zum Tode verurteilt wird. Keineswegs will Paulus Männer dazu ermuntern, ihren Frauen untreu zu werden. Aber er sieht Situationen voraus, in denen das private Ehe- und Familienglück hinter dem Einsatz für den Glauben an Gott und Jesus und seine neue Welt zurückstehen muss.

Vielleicht wird jetzt deutlicher, was Paulus meint. Er will uns gerade nicht das Leben im Hier und Jetzt vermiesen. Er sagt nicht Nein zum Lieben und Weinen und Lachen, ja nicht einmal zum Kaufen und Haben und Nutzen der Dinge dieser Welt. Aber Paulus macht uns darauf aufmerksam, dass es in dieser real existierenden Welt durchaus auch viele miese Dinge gibt, die nicht so bleiben sollten. „Das Wesen dieser Welt vergeht“, sagt er, und dieses Wort „Wesen“ kann man auch anders übersetzen; wörtlich steht da: „das Schema“ der Weltordnung vergeht, die Gestalt, die Struktur unserer Welt, wie sie ist, muss nicht so bleiben, wie sie ist; sie ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Wenn nur wenige die Chance zu einem glücklichen Leben im Hier und Jetzt haben, dann sind wir gefragt, ob es uns genügt, zu genießen, was wir haben, oder zu beklagen, was wir nicht haben, oder ob wir uns von Jesus ermutigen lassen, auf eine neue Welt zu hoffen und an ihr ein ganz kleines bisschen mitzuarbeiten. Auch in unserer Zeit ist diese Welt immer noch in einem ziemlich miesen Zustand – es gibt jedenfalls jede Menge Zustände, an die wir unser Herz nicht vollkommen hängen sollten. Aber nach wie vor ist diese Welt Gottes gute Schöpfung, sie ist nicht unrettbar verloren, sie enthält jeden Tag neu die Chance, dass Jesus kommt und sein Reich mitten unter uns aufbaut, einfach indem wir ihm vertrauen, indem wir sozial und umweltbewusst handeln, indem wir einander stützen und trösten und ermutigen, indem wir aushalten, was nicht zu ändern ist, indem wir kleine Schritte gehen, die wir gehen können.

Was können die schwierigen Sätze des Paulus dann bedeuten?

„Die, die Frauen haben, sollen sein, als hätten sie keine.“ Spricht Paulus darum hier nur Männer an, weil oft Männer ihre Frauen als ihr selbstverständlich verfügbares Eigentum betrachtet haben? Vielleicht will er betonen: Wer verheiratet ist, hat seinen Partner nicht einfach. Er besitzt ihn nicht. Indem ich meine Frau liebe, lasse ich mir ihre Liebe schenken. Ich habe keinen Anspruch auf sie, so wenig wie sie Anspruch auf mich hat. Indem wir uns lieben, machen wir uns gegenseitig ein Geschenk.

Dann sollen diejenigen, „die weinen“, so sein, „als weinten sie nicht, und die sich freuen, als freuten sie sich nicht“. Ich verstehe das so: Trauern und weinen ist normal, aber wir sollen nicht in Trauer versinken. Freuen und lachen ist normal, aber wir sollen nicht nur Vergnügen und Spaß für uns selber suchen. Woanders sagt Paulus (Römer 12, 15):

Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

Wenn wir Freude und Leid teilen, können wir Trauer auch wieder loslassen, und Freude bleibt nicht nur das Privileg weniger Glücklicher.

Schließlich sollen die, „die kaufen“, so sein, „als behielten sie es nicht, und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht wirklich.“ Wir werden also nicht glücklich durch das, was wir haben. Wer immer mehr und möglichst alles haben will, wird nie genug kriegen. Was wir haben, kann uns Freude bereiten, wir können es auf sinnvolle Weise nutzen; aber glücklich werden wir durch Menschen, mit denen wir in Liebe oder Freundschaft verbunden sind. Und ich füge hinzu: Der Grundstein für unser Glück ist längst gelegt: Wir sind von Gott geliebt, er ist durch Jesus unser Freund. „Haben, als hätten wir nicht“, das heißt: Nichts ist selbstverständlich. Alles ist ein Geschenk von Gott. Alles kann uns auch genommen werden. Aber Gott gibt mehr, als er nimmt.

Im Internet hat eine österreichische Pfarrerkollegin, Christine Hubka, zu unserem Predigttext folgende Geschichte erzählt:

„Ich habe bei einem Gottesdienst im Gefängnis die Gefangenen gefragt, ob es möglich ist, in Haft so zu leben, als wäre man nicht in Haft. Ich wollte wissen, ob es Augenblicke, Momente gibt, wo drinnen und draußen sich nicht unterscheiden. Spontan hat eine Frau gesagt: ‚Gerade jetzt, wo wir Gottesdienst feiern. Hier in der Kapelle ist es so, als wären wir nicht im Gefängnis.‛ Ich war von dieser Antwort überrascht. Ich hatte etwas anderes erwartet. Ich hatte gedacht, wenn sie eine Zigarette schnorren und mit jemandem gemeinsam rauchen, wenn sie einen Kaffee kochen oder Karten spielen, ist es so wie draußen. Der Gottesdienst [Gottes Wort, Singen, Beten] ist es, der sie aus der allumfassenden, totalen Wirklichkeit des Gefängnisses herausholt. … Besser als diese inhaftierte Frau kann man Paulus nicht verstehen…“

Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 527, 8-10:

8. Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen; was künftig, wessen wird es sein?

9. Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre und geh den Herren an, der immer König bleibet, den keine Zeit vertreibet, der einzig ewig machen kann.

10. Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet, und ob er hier gleich fällt, wird er doch dort bestehen und nimmermehr vergehen, weil ihn die Stärke selbst erhält.

Fürbitten, Gebetsstille und Vater unser
Lied 427: Solang es Menschen gibt auf Erden
Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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