Jesus – jüdischer Gottessohn

Ein Brief an Ruth Lapide.

Heinrich-Treblin

Heinrich Treblin

Sehr verehrte Frau Lapide!

Als früherer evangelischer Pfarrer von Alzey möchte ich Ihnen sagen, dass ich mich über Ihren Besuch in Alzey gefreut habe. Stark sehbehindert konnte ich leider nicht an der Veranstaltung teilnehmen, höre aber, dass Sie viele Herzen für die gute Sache der Ökumene von Juden und Christen gewonnen haben. Ich durfte schon 1963 eine Tafel zur Erinnerung an die zerstörte Synagoge anbringen lassen und dabei je einen jüdischen, katholischen und evangelischen Redner zu Worte kommen lassen, hatte auch in der von mir betreuten Schriftenreihe „Ev. Zeitstimmen“ Schalom Ben Chorin mit einem Beitrag aufgenommen, muss aber zu meiner Beschämung gestehen, dass mir erst jetzt mit 90 Jahren die ganze Tragweite des Dialoges Juden-Christen aufgegangen ist, nachdem ich u. a. Ihres Mannes Schriften sowie R. Mayers, Marquardts u. a. Schriften gelesen habe sowie Ihre Vorträge im Kirchenfunk gehört habe. Ich wollte Ihnen schreiben, hatte aber Ihre Adresse nicht.

So hole ich das jetzt nach. Kurze Visitenkarte: Durch Karl Barth zum Glauben an den lebendigen Gott Abrahams, Israels und Jesu gekommen, von der Nazikirche entlassen, illegaler Pastor der Bekennenden Kirche in Breslau, in der BRD aktiv in der Kirchl. Bruderschaft um Martin Niemöller und in der Friedensbewegung. Da mir der bisherige Versuch der Amtskirchen, Juden und Christen etwas näherzubringen, nicht ausreichte (Rheinische Kirche: Der Bund Gottes gelte auch den Juden), suchte ich mit meinen Freunden weiterzukommen, etwa in folgender Richtung. Könnten wir gemeinsam sagen:

a) Der Gott Abrahams, Moses und Jesu (Jeschuah) hat zuerst Israel „erwählt“, unter den Heidenvölkern sein „Sohn“ und „Licht der Heiden“ zu sein, danach durch Jesus die Völker „eingepfropft“ (Paulus-Schaul Röm. 9ff.)?

Wir Heidenchristen bekennen, dass wir schuldig an unseren älteren Geschwistern geworden sind, indem wir uns anmaßten, anstelle Israels (das von Gott „verworfen“ sei) das wahre bessere Gottesvolk zu sein, das nun Israel „enterbt“ habe, so dass es in der Folgezeit zu dem entsetzlichen Antijudaismus der Kirchen samt Verfolgung und Massenmord gekommen sei.

Wir erkennen, dass der gutgemeinte Versuch des Paulus, die Heiden zu Jüngern Jesu zu machen, indem er Begriffe, Würdetitel und Metaphern aus der griechischen Philosophie und dem römischen Kaiserkult (Jungfrauengeburt, Göttersohn, Himmelfahrt) benutzte, um Jesu Bedeutung für die Christen auszudrücken, leider dazu geführt hat, die Heidenchristen zu entjuden und wieder zu Heiden unter christlichem Etikett zu machen, aus dem jüdischen Gottessohn einen Christus Pantokrator zu machen. Könnten wir gemeinsam bekennen, dass der Jude Jesus „Sohn“ Jahwes wie Israel war, nicht ein heidnischer Halbgott oder 2. Person der Trinität? Könnte der Begriff der „Schechina“ weiterhelfen: Gott bzw. Gottes Geist „wohnte“ in Israel und im Juden Jesus? So wäre das „vere homo“ für Jesus wiedergewonnen, den von Gottes Geist erfüllten Menschen, ohne einen bürgerlich-liberalen Moralisten (Harnack) aus ihm zu machen. Also Abschied von der heidnischen „Christologie“! Schalom Ben Chorin sagt: „Der Jude Jesus eint Juden und Christen, der Christus trennt uns.“ Ich sage lieber: die kirchliche Christologie trennt uns, wir müssen sie überwinden. Dabei hilft uns auch die historisch-kritische Theologie, die zwischen dem Juden Jesus und den Deutungen seiner Botschaft unterscheidet, die mythologischer Denkweise entstammen.

b) Erlösung: Christus habe die Welt noch nicht erlöst, darum sei er nicht der Messias. Wir Christen warten ja auch noch auf die Erlösung der Welt (Röm. 7). Aber wir sagen: an Jesus sehen wir, wie die Welt erlöst werden könnte und einmal wird. Nämlich nicht durch völlige Zerstörung und politische Gewalt, sondern indem wir selber auf Gewalt verzichten und einander lieben, d. h. indem wir Gottes Willen tun. Damit hat Jesus angefangen als Erstling und Anfänger des Glaubens.

c) Wir haben erkannt, dass die Torah nicht das ist, was Luther der römischen Kirche mit ihrer Werkgerechtigkeit und dem Heilsempfang durch fromme Werke vorwirft und leider von daher in den Paulus hineininterpretiert hat (daher die Fehldeutung des AT als Gesetzesreligion des zornigen Gottes in den Kirchen). Die Torah ist Evangelium, Wegweisung des gütigen Gottes, zum Tun des Willens Gottes anleitend. So hat sie Jesus verstanden und befolgt.

d) Nun komme ich zum angeblichen Sühnetod Jesu. Ich fürchte, hier sind Juden wie Christen in die Falle einer alten heidnischen Anschauung gegangen. Die frühe Menschheit meinte, die unheimlichen „zornigen“ Gottheiten durch Opfer beschwichtigen und versöhnen zu müssen. M. E. hat Israel erkannt, dass Gott nicht die Sünden seiner (ihre Freiheit missbrauchenden) Geschöpfe bestraft und vergilt, indem er Menschen- oder andere Opfer verlangt, sondern er vergibt und erträgt, erduldet in unendlicher Liebe, was die Menschen ihm antun. Neben Dt. 6, 4 ist für mich das schönste Credo Ps. 103: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte“. Für mich ist nicht eine vom zornigen Gott geforderte Sühne und ein stellvertretendes Sühnopfer Grund meines Glaubens, sondern die geduldige, unsere Untreue ertragende Liebe Gottes. An dieser Geduld, Vergebung und Leidensbereitschaft hat sich m. E. Jesus am Kreuz orientiert, als gehorsamer Sohn an seinem Ebenbild, dem Vater im Himmel. In diesem Sinne hat er dem mit politischer Gewalt die Welt erlösenden Messiasbild seine Juden und Heiden versöhnende Feindesliebe entgegengesetzt und so Juden und Heiden versöhnt (Eph. 2), ihnen gezeigt, wie sie versöhnt werden können. Wenn wir alle den ersten Schritt aufeinander zu tun in der Nachfolge des Juden Jeschuah als Vortrupp des kommenden Friedensreiches Gottes, der neuen Schöpfung, dann könnte ein Dialog gelingen.

Einen solchen ersten Schritt sehe ich mit Dankbarkeit in Ihrem Tun und wünsche mir, dass wir alle von Ihnen lernten.

Der „älteren Schwester“ Frieden von Gott, unserem Vater!

Herzlich
Ihr H. Treblin

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