Reicht ein halber Mantel?

Der Heilige Martin zerteilt seinen Mantel mit dem Schwert (Relief)

Der Heilige Martin zerteilt seinen Mantel mit dem Schwert (Foto des Reliefs: pixabay.com)

Heute ist Martinstag. Wir erinnern uns an Martin von Tours, den römischen Soldaten und späteren Bischof, der nach der Überlieferung einem frierenden Bettler seinen Mantel zur Hälfte abgab. Das war vor 1600 Jahren.

Noch in unseren Tagen feiern Kinder den Martinstag auf Umzügen mit Laternen und Gesang. Wenn sie die Geschichte vom Heiligen Martin hören, fragen sie vielleicht: „Aber wie kann er den Mantel einfach durchschneiden? Frieren dann nicht beide?“ Auch ich fragte so als Kind, und mir wurde erklärt: „Martins Mantel war nicht ein Mantel, wie wir ihn heute kennen, sondern ein Gewand aus einem großen Stück Tuch. Das konnte er gut zerteilen mit seinem Schwert; und jedem der beiden reichte ein halber Mantel, dass sie es warm hatten“.

Dem Bettler reichte der halbe Mantel, um in jener kalten Nacht nicht zu erfrieren. Ein Almosen hätte ihn nicht gewärmt. So tat Martin in einer brennenden Notlage das Not-wendige, so wie auch wir einspringen, wenn unsere Hilfe in unserer Umgebung gefragt ist oder wenn wir aufgerufen werden, für die gezielte Hilfe in einem Katastrophen- oder Hungergebiet zu spenden.

Oft hat das Elend allerdings Ursachen, die sich durch solche Hilfsaktionen nicht beheben lassen. Auf Dauer war dem Bettler nur geholfen, wenn er sich selbst ernähren, kleiden und behausen konnte, sei es durch eigene Arbeit oder durch einen Anspruch auf ständige Unterstützung, wenn er krank war oder keine Arbeit fand. Das ist in unserem Land selbstverständlich geworden, liegt aber in weiter Ferne für Millionen Menschen in der Dritten Welt. Wie der Mantel des Heiligen Martin schützt uns eine starke Wirtschaft und ein dichtes soziales Netz vor dem Schicksal der Verelendung, wie sie in vielen anderen Ländern herrscht. Liegt es nicht nahe, zu überlegen, wie dieser Mantel so geteilt werden könnte, dass alle Menschen der Erde eine sichere Existenz haben?

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Industrieländer bleiben in ihren warmen Mantel gehüllt und schneiden höchstens als Entwicklungshilfe einen schmalen Saum ab. Die USA tun lange Zeit nichts gegen den Kursverfall des Dollar und entwerten dadurch die Exporte manchen „Entwicklungslandes“. Wir in den reichen Ländern können uns einen sehr hohen Fleischverbrauch leisten, obwohl das Getreide, das wir zur Fütterung unseres Schlachtviehs importieren, siebenmal so vielen Menschen den gleichen Nährwert wie das Fleisch bereitstellen würde. Wir verbrauchen, gemessen an der Weltbevölkerung, überdurchschnittlich viel Energie und Erdöl.

Nach der Ölkrise hatten Politiker zum Umdenken gemahnt: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser Wohlstand nicht weiter so wachsen kann wie bisher. Wir müssen an die Weltbevölkerung und an die Umwelt denken und mit der Verschwendung von Rohstoffen und Energie Schluss machen“. Diese Mahner machten sich unbeliebt, mussten aus der Regierung ausscheiden (wie Eppler) oder gerieten in ihrer Partei auf verlorenen Posten (wie Gruhl).

Ein halber Mantel scheint uns nicht genug zu sein, wir wollen den ganzen Reichtum, den wir haben, behalten – oder warum verdrängen wir die Frage nach Gerechtigkeit im Welthandel und in der Verteilung der Güter unserer Erde? Ohne es zu wollen, bestreiten wir damit den hungernden Millionen das Lebensrecht. Und unwillkürlich wird die Erinnerung an den vorgestrigen schrecklichen Gedenktag wach: wie vor 40 Jahren Menschen unseres Volkes öffentlich und gewalttätig das Lebensrecht der Juden in Deutschland verneinten.

Der Mantel des Heiligen Martin ist ein ermutigendes Sinnbild für das Lebensrecht aller Menschen, für eine Welt, in der keiner mehr zu kurz kommt und in der keiner Angst haben muss, zu viel abzugeben.

Ein halber Mantel reicht auch für uns.

Zum Nachdenken am Samstag, 11. November 1978, in der Wetterauer Zeitung von Helmut Schütz, Friedberg-Bauernheim

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