„Eliteklasse“ für sprachbegabte Kinder?

Leserbrief zu einem Artikel in der Mainzer Allgemeinen Zeitung, Lokalausgabe Alzey, zum bilingualen Unterricht an einem Gymnasium.

language

Sprache – „language“ – ist wichtig zur Verständigung (Foto: pixabay.com)

Liebe Frau …,

im Rahmen Ihrer Artikelreihe über Begabtenförderung an Alzeyer Gymnasien haben Sie auch über den geplanten „bilingualen Unterricht“ am Elisabeth-Langgässer-Gymnasium berichtet. Als Mitglied des Schulelternbeirats ist mir aufgefallen, dass Sie die Sache leider verkürzt und verzerrt darstellen.

Die Schulleitung beantragt schon seit vier Jahren beim Kultusministerium zusätzliche Mittel, um den sogenannten „bilingualen“, das heißt „zweisprachigen“ Unterricht für besonders sprachbegabte Schüler durchführen zu können. Das bedeutet: in der Jahrgangsstufe 5 und 6 werden in zwei der parallel geführten Klassen zusätzlich zum normalen Englischunterricht zwei weitere Wochenstunden angeboten, in denen die Schüler sich mit einer englischen Lehrkraft auf englisch unterhalten und ihre umgangssprachlichen Fähigkeiten somit auf ähnliche Weise erweitern wie bei einem Englandaufenthalt. Zusätzliche Tests oder Klassenarbeiten gibt es in diesen Stunden nicht, der Notendruck wird somit nicht erhöht, eher vermindert. Diese intensive Einübung in den Umgang mit der englischen Sprache dient als Vorbereitung, damit Schüler, die das wollen, ab der Jahrgangsstufe 7 dann am eigentlichen „zweisprachig“ durchgeführten Unterricht in einem oder zwei Nebenfächern teilnehmen können, zum Beispiel in Geschichte, Erdkunde, Musik oder Sport. In diesem Fach werden die Schüler dann in drei statt zwei Wochenstunden unterrichtet, in einer Stunde auf deutsch, in den beiden anderen auf englisch. Wenn ein Sechstklässler beim Übergang in die siebte Jahrgangsstufe nicht in die „bilinguale“, sondern in eine der anderen Klassen wechseln möchte, ist das mithin keineswegs „furchtbar“, sondern ein ganz normaler Vorgang. Ohnehin findet ja zwischen dem sechsten und siebten Jahrgang die Wahl der zweiten Fremdsprache, Latein oder Französisch, statt, und der Klassenverband wird sowieso neu zusammengesetzt.

Auch wenn später die Leistungen eines Schülers „plötzlich nachlassen“ sollten, wird nichts anderes geschehen als an allen anderen Schulen sonst auch. Denn auch in anderen Fällen geben Schüler ein freiwillig gewähltes Unterrichtsfach wieder auf oder wechseln in eine andere Klasse oder Schule, um nicht mehr überfordert zu sein. In anderen Schulformen, wie z. B. der integrierten Gesamtschule, wird die Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Schulzweigen sogar als Vorteil gewertet.

Im übrigen glaube ich nicht, dass es alle Jugendlichen wie die von Ihnen zitierten Schülerinnen für eine „ungerechte Bevorzugung“ halten würden, wenn manche Schüler zusätzlich zum normalen Unterricht auf freiwilliger Basis noch ein bis zwei Schulstunden mehr erhalten. Solchen „fakultativen Unterricht“ gibt es ohnehin in zahlreichen Arbeitsgemeinschaften und ab Jahrgangsstufe 9 in der dritten Fremdsprache.

Besonders bestürzt bin ich über den Stil des Artikels, den ich von der AZ als seriöser Zeitung nicht gewohnt bin und der mich eher an die Boulevardpresse erinnert. Ich weiß als Seelsorger an der Landesnervenklinik, dass Überforderung sowie Leistungs- und Notendruck Menschen seelisch krank machen können. Diese Gefahr ist bei der geplanten Sprachbegabtenförderung jedoch nicht größer als sonst in unserem schulischen System, das nun einmal auf die Bewertung von Leistungen durch Noten aufgebaut ist. Leider erwecken Sie durch den dramatischen Einstieg ins Thema sofort den Eindruck, als fördere die Langgässer-Schule durch „Eliteklassen“ psychische Krankheit. Das ist journalistisch nicht sauber.

Helmut Schütz, Alzey

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.