Der unvergängliche Siegeskranz

Beim Siegeskranz, der nicht verwelkt und für den er hart gegen sich selber kämpft, denkt Paulus an die Gemeinde. Erfahrung von Gemeinschaft ist für ihn ein Sieg über den tödlichen Egoismus. Auch der gekreuzigte Jesus ist aus der Sicht Gottes nicht gescheitert. Diese Welt hat eine gute Zukunft, weil Egoismus, Unfriede, Unrecht und Tod nicht das letzte Wort behalten werden.

Relief von Nike, der griechischen Göttin des Sieges, in Ephesus

Den Heiden winkt Siegesgöttin Nike mit dem Siegeskranz – Paulus hat andere Ziele (Bild: pixabay.com)

Predigt am 3. und 10. Februar 1980 in Dorn-Assenheim, Weckesheim und Reichelsheim sowie Beienheim und Heuchelheim
Lied EKG 187, 1-3 (EG 288):

1. Nun jauchzt dem Herren, alle Welt! Kommt her, zu seinem Dienst euch stellt, kommt mit Frohlocken, säumet nicht, kommt vor sein heilig Angesicht.

2. Erkennt, dass Gott ist unser Herr, der uns erschaffen ihm zur Ehr, und nicht wir selbst: Durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat.

3. Er hat uns ferner wohl bedacht und uns zu seinem Volk gemacht, zu Schafen, die er ist bereit zu führen stets auf gute Weid.

Text: 1. Korinther 9, 24-27

24 Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.

25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.

26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt,

27 sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Lied EKG 260, 4+7 (EG 373, 3+6):

4. Jesu, hilf siegen und lass mich nicht sinken; wenn sich die Kräfte der Lügen aufblähn und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken, lass doch viel heller dann deine Kraft sehn. Steh mir zur Rechten, o König und Meister, lehre mich kämpfen und prüfen die Geister.

7. Jesu, hilf siegen und lass mir’s gelingen, dass ich das Zeichen des Sieges erlang; so will ich ewig dir Lob und Dank singen, Jesu, mein Heiland, mit frohem Gesang. Wie wird dein Name da werden gepriesen, wo du, o Held, dich so mächtig erwiesen.

Liebe Gemeinde!

Der englische Philosoph Thomas Hobbes verglich 16 Jahrhunderte nach Paulus das Menschenleben mit einem Wettrennen. Einem Wettrennen, das kein anderes Ziel kennt, als an erster Stelle zu stehen. In diesem Rennen ist, so sagte Hobbes, „stets besiegt zu werden Unglück; stets den nächsten vor uns zu besiegen Glück; und dieses Rennen aufzugeben heißt sterben.“

Heute, wieder 4 Jahrhunderte später, scheint für die meisten das Leben noch immer ein solcher Wettkampf zu sein. Man versucht sich durchzusetzen, man möchte es zu etwas bringen, man möchte wenigstens den eigenen Kindern alle Wege zum besseren Erfolg ebnen. Das Wort „Karriere“, Laufbahn, entstammt diesem Vergleich des Lebens mit einem Wettrennen.

Auch Paulus vergleicht sein Leben mit einem Wettrennen, ja sogar mit einem Boxkampf. Sucht auch Paulus sein Glück in einer Karriere? Etwa in einer Karriere als berühmter Wanderprediger? Will er der erste sein auf Kosten anderer?

Nein, so will er den Vergleich mit einem sportlichen Wettkampf nicht auf sein Leben anwenden. Sonst hätte er das Bild vom Boxkampf sicher nicht absichtlich etwas verdreht: denn wer hätte schon von einem Boxer gehört, der sich selbst k. o. schlägt. Paulus sagt aber: „Ich treffe mit meinen Schlägen den eigenen Körper, so dass ich ihn ganz in der Gewalt habe.“ Jedenfalls geht es ihm nicht darum, andere zu schlagen oder zu etwas zu zwingen, sondern darum, sich selbst zu treffen und sich zu verändern.

Paulus entwickelt auch keinen Ehrgeiz, reicher als andere, oder aus irgendwelchen Grundsätzen heraus ärmer als andere zu sein. „Ich habe gelernt“, schreibt er einmal, „mit dem auszukommen, was ich habe, ob es viel oder wenig ist. Mit Sattsein und Hungern, mit Überfluss und Mangel bin ich in gleicher Weise vertraut. Ich kann alles ertragen, weil Christus mir die Kraft dazu gibt.“

Worum geht es Paulus also? Um ein bescheidenes Glück im Kreise vertrauter Menschen? Um ein Sichbescheiden mit dem, was man hat? Um das Glück des „Hans im Glück“, der – als er alles verloren hatte – ausrief: „So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne!“?

Nein, auch darum geht es Paulus nicht – nicht nur. Es geht ihm nicht nur um sein eigenes Glück. Dem Hans im Glück geht es um kein anderes Ziel als um die Erfüllung seiner unmittelbaren Wünsche. Dem Paulus geht es um ein besonderes Ziel, für das es sich einzusetzen lohnt.

Einige Sätze zuvor hatte Paulus gesagt, was sein Ziel ist: nicht selber Erster zu sein, nicht selber im Mittelpunkt zu stehen, sondern möglichst viele Menschen für Christus zu gewinnen. Sein Ziel ist: er will allen Menschen den Weg Jesu schmackhaft machen, den Weg des Helfens statt des Herrschens, des Vergebens statt des Verurteilens, des Fragens nach den Wünschen und Sorgen anderer statt der Durchsetzung des eigenen Rechts um jeden Preis.

Für dieses Ziel – allen Menschen den Weg Jesu schmackhaft zu machen – kämpft Paulus wie in einem Wettkampf. Er kämpft um Menschen, die gemeinsam Jesus auf seinem Weg nachgehen. Er kämpft um Menschen, die mit ihm kämpfen. Er setzt sich dafür mit allen Kräften in Bewegung. Er nimmt Einschränkungen in Kauf.

Und hier kann Paulus den Vergleich mit dem Wettrennen gebrauchen: Ein Leistungssportler – damals in Korinth oder heute – hat nur vergängliche Ehrungen zu erwarten, Meisterschaftsgewinne, Medaillen, Rekorde, die ein anderer bald einstellen kann. Und trotzdem setzt er noch das Letzte an Kräften ein, was ihm zur Verfügung steht, schränkt er sein Privatleben ein, lebt zeitweise nur für den Sport.

Auch einer, der es im Beruf zu etwas bringen will, schont oft weder Privatleben noch Gesundheit. Oder: wie viel Zeit und Geld und Einsatz wird in ein Ziel gesteckt, das wir uns gern etwas kosten lassen, wie z. B. ein eigenes Haus zu bauen für uns und die Kinder. Und dabei geht es um vergängliche Ziele, um einen Siegeskranz, wie Paulus sagt, der bald verwelkt. Das Ziel, auf das wir als Christen zugehen, ist ein Siegeskranz, der nicht verwelkt.

Was ist das für ein Siegeskranz? Ist das ein Lohn, der uns einmal im Himmel erwartet?

Überraschenderweise kommt das Wort Siegeskranz bei Paulus auch noch einmal in anderem Zusammenhang vor. Er nennt einmal die Mitglieder einer Gemeinde (Philipper 4, 1 – Elberfelder Übersetzung) „meine Freude und mein Siegeskranz“. Wenn er also an dieser Gemeinde sieht, dass sie eine brüderliche, füreinander verantwortliche Gemeinschaft im Sinne Jesu ist, dann fühlt er sich wie ein Sportler auf dem Treppchen, auf dem Siegerpodest, der sich über seine Goldmedaille freut.

Sie werden vielleicht denken: wer brüderlich mit anderen umgehen will, wird schnell enttäuscht werden. Wer nicht auf Kosten anderer leben will, wird nur ausgenutzt. Schon Jesus, der auf Gewalt und eigene Ansprüche verzichtete, wurde ans Kreuz geschlagen. Hat denn das etwas mit einem Sieg zu tun: das Risiko, enttäuscht zu werden, ausgenutzt zu werden, zu leiden, gekreuzigt zu werden?

Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, bei solchen Erfahrungen an einen Sieg zu denken. Es ist überhaupt nicht verwunderlich, dass diese Art von Siegeskranz, die Art von Karriere, bei so vielen Menschen um uns herum und immer wieder auch bei uns selbst nicht so viel Begeisterung weckt wie unsere anderen Karrieren, wie die Suche nach unserem eigenen Glück. Es ist kein Wunder, wenn unsere Kirchen oft leer sind. Es ist ein Wunder, wenn wir ernsthaft nach Gott fragen, nach dem Weg Jesu fragen. Wo Jesus von Gemeinschaft spricht, redet er nicht von vielen, nicht von großen Zahlen, sondern von zweien oder dreien, die sich in seinem Namen versammeln.

Trotzdem denkt Paulus beim Siegeskranz, der nicht verwelkt, an die Gemeinde. Erfahrung von Gemeinschaft ist für ihn ein Sieg, ein Sieg über tödlichen Egoismus, über tödliche Langeweile, über tödliche Einsamkeit. Wer nicht auf Kosten anderer leben will, erringt damit einen Sieg, auch wenn er es sich selbst etwas kosten lassen muss. Paulus ist davon so überzeugt, weil ihm bewusst geworden ist, dass auch der gekreuzigte Jesus aus der Sicht Gottes kein Gescheiterter war. Dass Gott gerade zu dem Ja gesagt hat, der sich ausnutzen ließ. Dass diese Welt eine gute Zukunft hat, weil Egoismus, Unfriede, Unrecht und Tod nicht das letzte Wort behalten werden.

Paulus glaubt an die Auferstehung Jesu, an die Macht Gottes, Jesus vom Tode zu erwecken. Er glaubt an die Macht Gottes, eine neue Erde zu schaffen. Er glaubt an die Möglichkeit, mitten im Unfrieden Zeichen des Friedens zu setzen. Er glaubt an die Möglichkeit, mitten aus der Langeweile und Einsamkeit heraus eine lebenserfüllende Aufgabe zu finden. Er glaubt daran, dass Hoffnung möglich ist gegen Gleichgültigkeit und Hass, gegen Angst und eigene Unzulänglichkeit.

Darum läuft Paulus wie einer, der ein Ziel hat. Laufen wir auch so wie einer, der ein Ziel hat? Ist uns bewusst, dass die Gemeinde Jesu mehr ist als eine in sich ruhende Gemeinschaft, zu der man eben gehört, mit der man mehr oder weniger verbunden ist? Ist uns bewusst, dass Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu einen Wettkampf der Brüderlichkeit bedeutet? Einen Wettkampf aller Gemeindeglieder, die bereit sind, ein Stück Verantwortung zu übernehmen? Einen Wettkampf, bei dem es keinen Verlierer gibt, obwohl es nach außen hin oft so scheint?

Nur wenigen ist es anscheinend bewusst, nur wenige fühlen sich wirklich verantwortlich für die Gemeinde Jesu, nur wenige scheint der Glaube an Jesus Christus zu begeistern. Und dass es so wenige sind, scheint auch noch einige von den wenigen zu entmutigen. Wir wollen lieber viele sein. In einer vollen Kirche fühlen wir uns wohler. Es tut uns weh, wenn Menschen, die uns nahe stehen, die mit uns in einem Ort zusammenwohnen, sich für Gott und ihre Mitmenschen so wenig Zeit nehmen.

Wenn wir über die vielen urteilen, wenn wir sie als Vorwand für eigene Untätigkeit und Mutlosigkeit nehmen, verlassen auch wir den Weg Jesu. Auf dem Weg Jesu können wir zuversichtlich sein, auch wenn wir wenige sind. Und: Wir tragen Verantwortung für die, die keine Verantwortung tragen wollen. Wir sollen ihnen nicht mit Vorwürfen, Ermahnungen und Forderungen begegnen, sondern wir könnten ihnen mit unserem eigenen Leben, mit unserem Vertrauen, unserem Mut, unserer Hoffnung und unserem Einsatz ein Beispiel geben, ein Beispiel, das ihnen vielleicht einen Anstoß gibt, es auch mit dem Weg Jesu einmal zu versuchen. Denn was Paulus sagt, ist doch wahr: „Ich möchte nicht andere zum Wettkampf auffordern und selbst als untauglich ausscheiden.“ Amen.

Lied EKG 274, 1-4 (EG 391):

1. Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.

2. Soll’s uns hart ergehn, lass uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen; denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.

3. Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, kümmert uns ein fremdes Leiden, o so gib Geduld zu beiden; richte unsern Sinn auf das Ende hin.

4. Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch raue Wege, gib uns auch die nöt’ge Pflege; tu uns nach dem Lauf deine Türe auf.

Fürbitten, Vaterunser, Abkündigungen und Segen
Lied EKG 140 (EG 157):

Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr. Herr, lass mich nur nicht wanken, gib mir Beständigkeit; dafür will ich dir danken in alle Ewigkeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.