Offen und ohne Verstellung

Man macht sich nicht nur Freunde damit, wenn man offen und ohne Verstellung gegenüber jedermann redet. In einer Traueransprache versuche ich einem Menschen gerecht zu werden, der niemandem nach dem Munde reden wollte.

Offenheit ohne Verstellung: eine blaue Tür in einer Steinmauer führt auf eine Brücke, die in einen geheimnisvollen Wald zu führen scheint

Offenheit – wohin führt sie, was bewirkt sie? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind zusammengekommen aus Anlass des Todes von Herrn Q., der im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist. Uns gilt die christliche Botschaft, das Wort Jesu Christi (Matthäus 11, 28-29):

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

Wir beten mit den Worten aus Psalm 143:

1 HERR, erhöre mein Gebet, vernimm mein Flehen um deiner Treue willen, erhöre mich um deiner Gerechtigkeit willen,

2 und geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.

3 Denn der Feind verfolgt meine Seele und schlägt mein Leben zu Boden, er legt mich ins Finstere wie die, die lange schon tot sind.

4 Und mein Geist ist in Ängsten, mein Herz ist erstarrt in meinem Leibe.

5 Ich denke an die früheren Zeiten; ich sinne nach über all deine Taten und spreche von den Werken deiner Hände.

6 Ich breite meine Hände aus zu dir, meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.

7 HERR, erhöre mich bald, mein Geist vergeht; verbirg dein Antlitz nicht vor mir.

8 Lass mich am Morgen hören deine Gnade; denn ich hoffe auf dich. Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll; denn mich verlangt nach dir.

10 Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebner Bahn.

11 HERR, erquicke mich um deines Namens willen; führe mich aus der Not um deiner Gerechtigkeit willen.

Liebe Frau Q., liebe Trauergemeinde!

Herr Q. hat kein einfaches Leben gehabt, zum Teil, weil man es ihm nicht leicht machte oder weil er Schicksalsschläge hinnehmen musste, zum Teil auch, weil er seinen eigenen Kopf hatte und in manchen Dingen nicht mit sich reden ließ. Meine Beziehung zu ihm, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat, war vielleicht typisch dafür, wie er offenherzig und dabei doch tastend und vorsichtig auf Menschen zuging. Ich erinnere mich, wie er und ich es in unseren ersten Gesprächen einfach so stehen lassen konnten, dass wir über die Ereignisse in der Zeit des Dritten Reiches gegensätzlicher Auffassung waren. Andererseits wollte er den Pfarrer wohl auch ein wenig auf die Probe stellen, wenn er zum Beispiel sagte, er käme sowieso nicht in den Himmel, aber er könne doch ruhig sterben, er habe niemandem etwas zuleide getan. Er hatte mit Kirche seit der kirchlichen Trauung in einer Zeit, in der von ökumenischer Gemeinschaft noch gar keine Rede sein konnte, eine Reihe unguter Erfahrungen gemacht und wollte mir wohl auf den Zahn fühlen: ob dem zu trauen ist? ob der mich zu einem ganz frommen Menschen machen will? ob der mich nur akzeptiert, wenn ich mich verstelle und anders rede, als ich denke?

Mit offenem Reden ohne Verstellung gewinnt einer bei vielen Menschen etwas, die das anspricht oder die das aushalten können, er kann sich aber auch Schwierigkeiten schaffen und Feinde machen. So erzählte Herr Q. von den Nachteilen, die er ertragen musste, weil er damals etwas gegen die Verhaftung eines Pfarrers gesagt hatte. Und aus dem besten Willen, zu helfen, kann ein Knäuel von Verwicklungen und Problemen entstehen, die sich nach menschlichem Ermessen nicht mehr lösen lassen. Herr Q. war jedenfalls ein Mann, an dem sich die Geister schieden: entweder man hielt gern mit ihm Kontakt, feierte mit ihm und stand auch zu ihm in schlechten Zeiten, stritt auch einmal mit ihm – oder man konnte nicht mit ihm, aus den unterschiedlichsten Gründen.

Es ist hier nicht die Stelle, ein schiedsrichterliches Urteil zu sprechen, sondern es ist hier der Ort, wo wir Abschied nehmen von einem Menschen, der wie wir alle seine Stärken und seine Fehler gehabt hat, der ein ganz besonderer Mensch gewesen ist in seiner Eigenart, mit seinen Aufgaben und seiner Verantwortung. Es ist auch nicht unbedingt erforderlich, darüber zu spekulieren, was es mit Himmel und Leben nach dem Tod auf sich hat; vielmehr ist mir aufgegeben, hier von Gott zu sprechen und wie er uns nahe sein kann im Leben und im Sterben – mit seinem Trost, mit seiner Vergebung und mit seiner Ermutigung. Es ist eben angesichts des Todes nicht nur zurückzublicken und zu fragen: Wie haben wir den Verstorbenen erlebt und wie werden wir damit fertig, dass er uns nun fehlt; es gilt auch, nach vorn zu blicken und zu sehen, dass Gott mit uns noch etwas vorhat, da wir ja noch am Leben geblieben sind, da wir ja noch Lebenszeit vor uns haben, die uns geschenkt ist. So wie zum Beispiel einmal nach dem Krieg Flüchtlingskinder da waren, die unterkommen mussten und zeitweise im Hause Q. untergebracht wurden, so wird es immer wieder Menschen geben, die gerade auf einen ganz bestimmten Menschen mit seinen Gaben und Möglichkeiten angewiesen sind. Wir müssen es nur sehen, und wir müssen uns nur etwas zutrauen.

Dieses „nur“ kann eine harte Zumutung sein. Uns „nur“ etwas zutrauen? Und wenn wir so belastet sind, dass es einfach nicht mehr weitergeht? Es kann ein schwerer Weg sein, durch Trauer oder Schmerz oder Schuld hindurchzugehen, aus Verzweiflung und Mutlosigkeit heraus wieder das „Ja“ zum Leben zu lernen, auf Ansprüche an andere zu verzichten und selber wieder vorbehaltlos und offen auf andere zuzugehen. Es ist ein schwerer Weg, den wir aber nicht allein gehen müssen. Der Psalmbeter sagt an einer Stelle (Psalm 94, 19):

Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele.

Und ähnlich tröstlich, wenn auch herausfordernd, ist auch der Spruch aus dem Evangelium nach Matthäus 11, 28-29, den wir schon zu Beginn gehört haben:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

Das ist keine unbelastete Ruhe, sondern eine Ruhe, die zuvor harten Einsatz, mühevolle Stunden, schlimme Not erfordert hat. Keine Ruhe des Ausweichens, des Abschaltens, des Verdrängens von Problemen, sondern eine Ruhe, die sich einstellt, wenn man das Belastende durchgearbeitet hat – und wenn man dabei feststellt: Es ist ein Gott, der mich bei all diesem Schweren nicht allein lässt, und es gibt auch Menschen, die begleiten, helfen und beraten können und zu denen neue Beziehungen möglich sind. Dann muss weder das Leben noch der Tod für uns den ganz großen Schrecken bedeuten, wenn wir wissen: Wir sind nicht allein, nicht von Gott und nicht von allen Menschen verlassen, Trost, Versöhnung, Vergebung sind ganz bestimmte Möglichkeiten, die in unserem Leben wahr werden sollen.

Und angesichts des Todes können wir mit dem Kirchenlied sprechen (EKG 312, 3+5+7 – im EG nur Strophe 3):

3. Auf Gott steht mein Vertrauen, sein Antlitz will ich schauen wahrhaft durch Jesus Christ, der für mich ist gestorben, des Vaters Huld erworben und so mein Mittler worden ist.

5. Ich bin ein unnütz Knechte, mein Tun ist viel zu schlechte, denn dass ich ihm bezahl damit das ewig Leben; umsonst will er mirs geben und nicht nach meim Verdienst und Wahl.

7. Damit fahr ich von hinnen. O Welt, tu dich besinnen, denn du musst auch hernach; tu dich zu Gott bekehren und von ihm Gnad begehren, im Glauben sei auch du nicht schwach.

Herr, wir nehmen Abschied von einem Menschen, mit dem wir verbunden waren, nah oder auch mehr von weitem. Wir bedenken sein Leben, seine Freuden und Sorgen, sein Werk und sein Leiden. Wir prüfen unser Verhältnis zu ihm. Wir fragen uns, ob wir ihm gerecht geworden sind. Wir bitten dich, Gott: Hilf uns, den Verstorbenen zu sehen, wie er wirklich gewesen ist. Lass uns in Liebe und Dankbarkeit an ihn denken. Vergib uns, was wir ihm schuldig geblieben sind. Schenke ihm und uns deinen Frieden. Wir hoffen auf deine Barmherzigkeit, die du uns gezeigt hast in Jesus Christus, deinem Sohn. Amen.

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