„Die Toten wissen nichts“

Trauerfeier für einen wahren Bildungsbürger, der der Religion eher skeptisch gegenüberstand, aber sich dennoch mit der Bibel auseinandergesetzt und sich für seine Bestattung Verse aus dem Buch des Predigers Salomo aufgeschrieben hat.

"Die Toten wissen nichts": Ein Totenschädel auf einem Buch neben Sanduhr und gelöschter Kerze

Der Prediger Salomo ist skeptisch angesichts der Sterblichkeit des Menschen (Bild: DasWortgewand – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauernde, wir sind vom Tod betroffen. Wir müssen Herrn Z. begraben, der im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist. Wir wollen bedenken, wie wir das ertragen können. Wir fragen nach dem Glauben, der uns leben hilft – im Angesicht des Todes.

Worte der Bibel können uns dabei helfen, in Worte zu fassen, was auf unserer Seele liegt. So beten wir mit Worten aus dem Psalm 77 (bis Vers 8 Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

2 Ich rufe zu Gott, ich schreie, ich rufe zu Gott, bis er mich hört.

3 Am Tag meiner Not suche ich den Herrn; unablässig erhebe ich nachts meine Hände, meine Seele lässt sich nicht trösten.

4 Denke ich an Gott, muss ich seufzen; sinne ich nach, dann will mein Geist verzagen.

5 Du lässt mich nicht mehr schlafen; ich bin voll Unruhe und kann nicht reden.

6 Ich sinne nach über die Tage von einst, ich will denken an längst vergangene Jahre.

7 Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist.

8 Wird der Herr mich denn auf ewig verstoßen und mir niemals mehr gnädig sein?

9 Ist‘s denn ganz und gar aus mit seiner Güte?

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?

11 Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut.

16 Du hast dein Volk erlöst mit Macht.

21 Du führtest dein Volk wie eine Herde.

Liebe Trauergemeinde!

„Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?“ So fragt der Mensch aus dem alten Israel, der den 77. Psalm betet. Wir wissen nicht genau, welches Leid er erfahren hat, aber wir hören die Worte einer Klage, die sich an einen Gott wenden, den er nicht mehr versteht. Früher hat Gott sein Volk bewahrt und geführt wie ein guter Hirte. Soll das nun für immer zu Ende sein?

Einen Sohn zu verlieren – man kann sich nicht vorstellen, welchen Schmerz das bedeutet, wenn man nicht selbst Mutter ist, die davon betroffen ist. „Mein Herz grübelt bei Nacht, meine Seele lässt sich nicht trösten“, ich glaube, wer diesen Psalm gebetet hat, ihr oder ihm ging es ähnlich wie Ihnen. Den Bruder, den Freund, den Verwandten zu verlieren, der einem nahe stand und mitten aus dem Leben gerissen wurde, das erfüllt uns mit tiefer Trauer.

Doch um gut mit der Trauer umzugehen, kommen wir nicht darum herum, uns hier zu versammeln und bewusst Abschied zu nehmen. „Ich sinne nach über alte Zeiten, die vergangenen Jahre“, sagt der Psalm. Es ist wichtig, das zu tun, ohne sich im fruchtlosen Grübeln immer nur im Kreise zu bewegen.

So erinnern wir uns heute an Herrn Z. Und indem wir uns erinnern, wird uns zugleich so etwas wie der rote Faden dieses Lebens vor Augen stehen, eine Ahnung von dem, was die Erfüllung seines Lebens war.

Erinnerungen an die Kindheit und Jugend des Verstorbenen

Sein Vater hatte Verständnis dafür, dass der Sohn den elterlichen Betrieb nicht übernehmen wollte. Der Vater erkannte, was seinen Sohn wirklich interessierte; er förderte schon früh den Bildungs- und Kulturhunger seines Sohnes. Zeitlebens blieb Lesen seine Leidenschaft.

Erinnerungen an das Berufs- und Familienleben des Verstorbenen

Als eine Krebserkrankung erkannt und operiert wurde, erholte er sich zunächst gut, erlitt aber bald einen Rückfall; seitdem schritt die Krankheit sehr schnell voran, und es gab keine Hoffnung auf Heilung mehr. In sein Schicksal fügte sich Herr Z. jedoch erst kurz vor seinem Tod, als er zustimmte, seine letzten Tage in einem Hospiz zu verbringen; das war eine gute Entscheidung für ihn, um in Würde vom Leben Abschied zu nehmen.

Er hat alles geregelt, was noch zu regeln war, er wollte niemanden unnötig belasten. Sein Leben empfand er im Rückblick als ein schönes und erfülltes Leben.

Mit dem Sterben hatte er sich in der Weise auseinandergesetzt, dass er einmal einen Text aus der Bibel aufgeschrieben hat, der im Buch des Predigers Salomo steht (Prediger 9, 5-6 – Lutherbibel 1912):

5 Denn die Lebendigen wissen, dass sie sterben werden; die Toten aber wissen nichts, sie haben auch keinen Lohn mehr, denn ihr Gedächtnis ist vergessen,

6 dass man sie nicht mehr liebt noch hasst noch neidet, und haben kein Teil mehr auf dieser Welt an allem, was unter der Sonne geschieht.

Dieser Text wirkt harsch und streng, er weiß um die Endlichkeit des Lebens auf dieser Erde und akzeptiert sie. Dass solche Worte in der Bibel stehen, mag diejenigen verwundern, die davon ausgehen, dass die Bibel durchgehend die Hoffnung auf Auferstehung und das ewige Leben verkündet. Zum Glück für Menschen wie Herrn Z. bewahrt die Bibel aber auch Gedanken von Menschen auf, die – eher am Rande einer religiösen Gemeinschaft angesiedelt – sich ihre eigenen Gedanken über Gott und die Welt machen. Prediger Salomo, eigentlich ist dieses Buch mehr das Werk eines skeptischen Philosophen als eines religiösen Predigers. Dass Herr Z. sich in diesen Worten wiederfand, zeigt, dass er trotz seiner Distanz zur institutionellen Kirche nicht aufgehört hat, die Bibel ernstzunehmen als ein Buch mit Antworten auf die letzten Fragen.

Der biblische Philosoph, dessen Buch man mit dem Namen des sprichwörtlich weisen Königs Salomo benannt hat, schreibt merkwürdig modern klingende, existentialistisch anmutende Gedanken auf. Er weiß um die Sterblichkeit aller Menschen und teilt die damals vorherrschende Auffassung des jüdischen Volkes, dass es über die irdische Lebenserfüllung hinaus kein sinnvolles Weiterleben nach dem Tode gibt.

Wenn es hier allerdings von den Toten heißt: „Ihr Gedächtnis ist vergessen, man liebt sie nicht mehr, man hasst sie nicht mehr, man neidet ihnen nichts“, dann stimmen diese Aussagen vielleicht im Allgemeinen oder auf sehr lange Sicht; sie treffen nicht zu für die Menschen, die heute hier versammelt sind, die sich in Dankbarkeit und Trauer an den Verstorbenen erinnern und sich ihm in herzlicher Liebe verbunden fühlen. Es mag sein, dass dieser Vers Herrn Z.s Charakterzug entgegenkam, anderen nicht zur Last werden zu wollen. Macht nicht zu viel Aufhebens von mir, je rascher ihr mich vergesst, desto eher findet ihr wieder zum eigenen Leben zurück. Wer sich über mich geärgert hat, mag getrost damit aufhören, und es gibt auch keinen Grund mehr für irgendeinen Neid. Aber eins konnte Herr Z. nicht verhindern: dass man ihn geliebt hat und ihm diese Liebe auch über seinen Tod hinaus bewahrt.

Vielleicht hat sich Herr Z. die beiden Verse aus dem Prediger Salomo herausgeschrieben, weil ihm daran lag, ganz klar im Hier und im Heute zu leben und dieses Leben nicht dadurch abzuwerten, indem man an einen Lohn für gute Taten im Himmel glaubt. Man mag beklagen, wie wenig hoffnungsvoll diese Verse klingen (jetzt wieder Lutherbibel 1984):

5 Die Toten … wissen nichts; sie haben … keinen Lohn mehr…

6 Sie haben kein Teil mehr auf dieser Welt an allem, was unter der Sonne geschieht.

Aber zugleich enthalten diese Verse eine hohe Wertschätzung des Lebens hier auf der Erde – eine Wertschätzung, die der unmittelbar folgende Bibelvers ausdrücklich in Worte fasst:

7 So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.

So ähnlich hat Herr Z. die ihm Nahestehenden aufgefordert: „Genießt jeden Tag, denn gestern ist vorbei und morgen kommt vielleicht nicht!“

Der biblische Philosoph geht nicht davon aus, dass jeder Mensch einmal das bekommt, was er nach seinen Taten verdient:

2 Es begegnet dasselbe einem wie dem andern: dem Gerechten wie dem Gottlosen, dem Guten und Reinen wie dem Unreinen…; wie es dem Guten geht, so geht’s auch dem Sünder.

11 [Denn] alles liegt an Zeit und Glück.

Trotzdem atmet dieser philosophische Glaube oder diese philosophisch geprägte Religion nicht den zynischen Geist der Menschenverachtung oder der Lebensunlust.

1 Gerechte und Weise und ihr Tun sind in Gottes Hand.

Das mir von Gott geschenkte Leben trägt seinen Wert in sich, und es ist gut, dementsprechend mein Leben in guter Weise zu führen:

8 Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupt Salbe nicht mangeln.

10 Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.

Es ist, als ob der weise Mann es sich verkneift, darüber zu spekulieren, was nach dem Tode ist, und sich mit dem bescheidet, was er wahrnimmt: Gott hat mir dieses Leben geschenkt, ich bin dankbar dafür und überlasse ihm, was danach kommen mag.

Der Liederdichter Andreas Gryphius hat zwei Jahre nach den Schrecken des 30-jährigen Krieges ein Lied gedichtet, in dem er einen ähnlichen Glauben an die Kostbarkeit des Lebens im Hier und Jetzt besingt (Evangelisches Gesangbuch 527). Da heißt es:

8. Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen; was künftig, wessen wird es sein?

Allerdings betont Gryphius, der christliche Liederdichter, nun doch noch mehr als der alttestamentliche Philosoph das Vertrauen auf Gott. Wirklich getrost im Hier und Jetzt leben kann nur derjenige, der sich im Glauben an Gott geborgen und getragen weiß. Wirklich getröstet wird in der Trauer um einen geliebten Menschen nur der, der darum weiß, dass dieser Mensch im Tode nicht einfach verlorengeht. Gryphius dichtet starke Verse über Gott:

9. Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre und geh den Herren an, der immer König bleibet, den keine Zeit vertreibet, der einzig ewig machen kann.

10. Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet, und ob er hier gleich fällt, wird er doch dort bestehen und nimmermehr vergehen, weil ihn die Stärke selbst erhält.

Ein diesseitsbezogenes Leben im Hier und Jetzt und ein kindliches Gottvertrauen müssen sich nicht widersprechen. Umgekehrt heißt Gott auch einen skeptisch denkenden Menschen, der sich seiner Sterblichkeit bewusst ist, im Himmel herzlich willkommen – so möchte ich mit einem altvertrauten Bild die Zuversicht ausdrücken, dass der Tod eines geliebten Menschen nicht Anlass zur Verzweiflung sein muss, sondern dass wir in tiefster Trauer dennoch von der Liebe Gottes getragen bleiben. Gott ist die Stärke selbst, Gott trägt uns, wo wir voll und ganz leben und lieben, Gott hält uns fest auch da, wo wir trauern und den schweren Weg des Abschieds gehen, Gott lässt uns nicht los, wo wir loslassen müssen. Amen.

Wir beten mit den Worten eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch, das Arno Pötzsch als Soldat an der Front im Zweiten Weltkrieg dichtete (EG 533):
Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Wir blicken zurück, wir erinnern uns; das ist unvermeidlich und sinnvoll, und das tut weh. Der letzte Abschied macht uns traurig, lässt aber auch Dankbarkeit zu. Gott, wir sind dankbar für gemeinsam erlebte Geschichte, für Liebe, die wir schenkten und empfingen, dankbar für ein kostbares Menschenleben, an dem wir Anteil haben durften.

Wir blicken voraus, das ist noch schwerer; da fehlt ein Mensch, der zum eigenen Leben dazu gehört hat. Wer ein Kind verliert, dem bricht ein Stück der eigenen Zukunft weg. Gott, wir können diesen Schmerz nicht wegreden, aber hilf uns, ihn zu ertragen und auszuhalten. Hilf uns durchstehen, was wir durchmachen. Schenke uns einen Halt in vertrauten Menschen. Sei du selbst uns ein Gegenüber, fremd und vertraut zugleich, wie eine Klagemauer, an der und gegen die ich anklagen möchte und anklagen darf. Höre uns zu, Gott, wenn wir denken, dass unsere Gebete ins Leere gesprochen sind, und fange uns auf, wenn wir ins Bodenlose zu fallen glauben.

Wir lassen den Verstorbenen los, denn du, Gott, nimmst ihn am Ende mit Ehren an. Dieses Leben, uns von dir geschenkt, ist so kostbar, dass es auch durch den Tod nicht wertlos wird. In deiner Erinnerung bleiben wir geborgen, aufgefangen, bewahrt in Ewigkeit. Gott, lass uns den Glauben nicht verlieren, der das Dunkle erträgt und die Liebe bewahrt. Amen.

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