„Halt im Gedächtnis Jesus Christ!“

Denjenigen, die anderen Menschen furchtbarste Qualen und Traumata zufügen, tritt Jesus entgegen; mit der Macht seiner Erlösung reißt er ihnen die Maske des Rechts von ihrem Gesicht. Die Macht seiner Vergebung verharmlost nicht, was sie ihm und seinen geringsten Geschwistern antun, sondern zeigt den einzigen Ausweg aus Sünde und Hölle: Einsicht, Reue, Umkehr, Neuanfang im Vertrauen auf Gottes allmächtige Liebe.

Der Bläserkreis bei der Osterandacht 2008 am Steinkreuz auf dem Gießener Friedhof

Der Bläserkreis bei der Osterandacht 2008 am Steinkreuz auf dem Gießener Friedhof

Osterandacht am Ostersonntag, 23. März 2008, 8.00 Uhr am Steinkreuz auf dem Friedhof Gießen
Vorspiel des Bläserkreises

„Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Ich begrüße Sie herzlich am Ostermorgen 2008 am Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof!

Vielen Dank zunächst den Posaunenbläserinnen und -bläsern um Herrn Alfred Joswig, die diese Feier musikalisch begleiten.

Wir feiern die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Um die Osterbotschaft versammeln wir uns im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Halt im Gedächtnis Jesus Christ“, so lautet das Thema dieser Andacht. Es ist ein Satz aus einem Lied, das Cyriakus Günther vor 300 Jahren gedichtet hat und das ich Ihnen heute ans Herz legen möchte.

Doch zuerst singen wir aus dem Lied 100 die Strophen 1, 2 und 5:

1. Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit; denn unser Heil hat Gott bereit‘. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

2. Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist, dem sei Lob, Ehr zu aller Frist. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

5. Des freu sich alle Christenheit und lobe die Dreifaltigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

Was ist die Botschaft, die wir uns jedes Jahr neu am Osterfest in unser Gedächtnis zurückrufen? Heute hören wir das Osterevangelium nach Matthäus 28, 1-10:

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.

4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;

7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.

10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.

Wir singen aus dem Lied 103 die Strophen 1 bis 4:

1. Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

2. Des Morgens früh am dritten Tag, da noch der Stein am Grabe lag, erstand er frei ohn alle Klag. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

3. Der Engel sprach: »Nun fürcht‘ euch nicht; denn ich weiß wohl, was euch gebricht. Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.« Halleluja, Halleluja, Halleluja.

4. »Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not; kommt, seht, wo er gelegen hat.« Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Das Steinkreuz auf dem Gießener Friedhof im Gegenlicht

Das Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof Gießen

„Halt im Gedächtnis Jesus Christ“, liebe Gemeinde – warum sollen wir das tun und was bedeutet das für uns? Etwas im Gedächtnis halten, das setzt eine bewusste Entscheidung voraus: Wir wollen in der Erinnerung be-halten und fest-halten, was wir außerordentlich wichtig finden für unser Leben.

Normalerweise bleiben uns wichtige Ereignisse ganz von selbst im Gedächtnis, wenn wir sie selbst erlebt haben: Höhepunkte im Leben wie die eigene Hochzeit, die Geburt der eigenen Kinder, aber auch schmerzhafte Erfahrungen wie ein Autounfall oder der Tod geliebter Angehöriger. Ganz schlimme Traumata können aber derart verheerend auf unsere Seele einwirken, dass sich unser Gedächtnis dagegen sperrt, so etwas furchtbar Schmerzhaftes in der Erinnerung immer wieder neu durchleben zu müssen; es gibt verborgene Kammern in unserem Gedächtnis, in denen abgespaltene Erinnerungen wohnen, die normalerweise unserem Bewusstsein nicht zugänglich sind, die aber insgeheim auf unserer Seele lasten und hin und wieder unkontrollierbar in sogenannten Flashbacks blitzartig vor unserem geistigen Auge erschreckende Bilder ablaufen lassen. Es kann hilfreich sein, in einer Therapie solche versteckten Erinnerungen aufzuspüren, damit sie verarbeitet und bewältigt werden können.

Auch Gruppen von Menschen haben ein gemeinsames Gedächtnis. An bestimmten Feiertagen erinnert sich zum Beispiel eine Nation an herausgehobene Daten ihrer Geschichte, an manche mit Freude und Stolz, an andere mit Trauer oder Scham. Auch hier ist es wichtig, gerade die mit Schmerz verbundenen Ereignisse ins Gedächtnis auch nachfolgender Generationen einzugraben, um aus der Geschichte lernen zu können.

Was bedeutet es nun, wenn wir als kirchliche Gemeinschaft Jesus Christus im Gedächtnis halten sollen und wollen?

Singen wir aus dem Lied 405 die erste Strophe:

1. Halt im Gedächtnis Jesus Christ, o Mensch, der auf die Erden
vom Thron des Himmels kommen ist, dein Bruder da zu werden;
vergiss nicht, dass er dir zugut hat angenommen Fleisch und Blut;
dank ihm für diese Liebe!

Diese Strophe könnte auch an Weihnachten gesungen werden, sie handelt vom freiwilligen Abstieg Gottes auf die Erde. Das ist für Gott kein Trauma, sondern eine Entscheidung aus Liebe; er wird in Jesus wahrer Mensch aus Fleisch und Blut, als Jude in Israel, als Messias des Gottesvolkes, als Bruder aller Menschen. „O Mensch“, so spricht uns der Dichter an, nicht als Angehörige einer bestimmten Nation oder Religion.

Wir singen die Strophe 2:

2. Halt im Gedächtnis Jesus Christ, der für dich hat gelitten,
ja gar am Kreuz gestorben ist und dadurch hat bestritten
Welt, Sünde, Teufel, Höll und Tod und dich erlöst aus aller Not;
dank ihm für diese Liebe!

Hier sind wir aufgerufen, den Karfreitag im Gedächtnis zu behalten, statt ihn als traumatisches Tabu-Thema zu behandeln. Ostern macht den Karfreitag nicht einfach ungeschehen; das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz ist so real wie das Leid und der Tod zahlloser schuldiger und unschuldiger Menschen auf dieser Erde. Doch indem der Gottessohn selber unser Leid und das Leid aller unschuldigen Opfer mit-durchleidet, be-streitet er die absolute Allmacht dieser traumatischen Erfahrungen über unser Leben. So wird Erlösung buchstäblich aus aller Not möglich: Tragen von eigentlich unerträglichem Schmerz, Aufgerichtetwerden zu neuem Leben hier auf Erden oder Aufgenommenwerden zu ewigem Leben in Gottes Himmel.

Sogar dem Teufel als Inbegriff des Bösen, sogar denjenigen, die anderen Menschen furchtbarste Qualen und Traumata zufügen, tritt Jesus entgegen; mit der Macht seiner Erlösung bestreitet er ihre Macht, reißt er ihnen die Maske des Rechts von ihrem Gesicht. Die Macht seiner Vergebung verharmlost nicht, was sie ihm und seinen geringsten Geschwistern antun, sondern zeigt den einzigen Ausweg aus Sünde und Hölle: Einsicht, Reue, Umkehr, Neuanfang im Vertrauen auf Gottes allmächtige Liebe.

Teilnehmende an der Osterandacht 2008 auf dem Gießener FriedhofWir singen Strophe 3:

3. Halt im Gedächtnis Jesus Christ, der auch am dritten Tage
siegreich vom Tod erstanden ist, befreit von Not und Plage.
Bedenke, dass er Fried gemacht, sein Unschuld Leben wiederbracht;
dank ihm für diese Liebe!

Jetzt wird es endlich Ostern in unserem Lied. Mir fällt auf, dass das Wort Not sich wiederholt: die Erlösung aus der Not, die Jesus am Kreuz in die Wege leitet, kommt in der Auferstehung zu ihrem Ziel. Er ist befreit aus seiner Not, aus seiner Plage, er hat den Sieg über den Tod errungen. Für uns bleibt zu bedenken, was das für uns bedeutet. Dem Dichter sind zwei Stichworte wichtig, Frieden und Leben: „Bedenke, dass er Fried gemacht, sein Unschuld Leben wiederbracht.“ Ostern ist der Beginn des Friedens in jeder Beziehung: Versöhnung mit Gott, Überwindung der Feindschaft zwischen Menschen, Bewältigung der inneren Zerrissenheit in unserer eigenen Seele. Ohne solchen Frieden ist letzten Endes kein wirkliches Leben möglich; ohne inneren und äußeren Frieden bleibt unser Leben bedroht, unerfüllt, in ängstlicher Unruhe gefangen. Aber nun hat Jesus uns das „Leben wiederbracht“, das verloren war.

Steinkreuz im Gegenlicht

Steinkreuz im Morgenlicht

Durch eigene oder fremde Schuld wird Leben zerstört oder verliert Leben seinen Sinn. Darum muss Jesus in seiner Unschuld uns zu Hilfe kommen; nur er, als der Sohn Gottes, der mit Gott vollkommen eines Sinnes ist, vollkommen ohne Sünde, kann uns das Leben zurückbringen.

Am Kreuz trug er die Last unserer Schuld und vergab sie uns. Am Kreuz trägt er auch das Leid derer, die Opfer schuldiger Menschen werden. Aber am Karfreitag blieb noch in der Schwebe und sogar vor den Augen der Freunde Jesu verborgen, ob das eine ohnmächtige Geste oder wirklich der Sieg über den Tod war. An Ostern werden dem, der vertrauen kann, die Augen geöffnet für die Auferstehung Jesu, für die Auferstehung aller Menschen von den Toten, für das neue Leben, das Gott schenkt, für Versöhnung und Vergebung, die in unserem Alltag Wirklichkeit werden.

Warum also sollen wir Jesus im Gedächtnis halten, behalten, festhalten? Weil nur durch ihn diese Welt ein Ort ist und bleibt, an dem Liebe möglich ist und Wirklichkeit wird. Die drei Strophen, die wir gesungen haben, enden mit den Worten: „Dank ihm für diese Liebe!“ Danken und Gedenken gehören zusammen; wir leben unser Leben nicht allein und aus eigener Kraft, sondern in Dankbarkeit für Liebe, die an uns geschieht. Wir sind hineingenommen in eine Geschichte der Befreiung und Erlösung, die zur Zeit der Bibel begann und in Ewigkeit nicht enden wird. Amen.

Wir singen das Lied 108:

1. Mit Freuden zart zu dieser Fahrt lasst uns zugleich fröhlich singen, beid, groß und klein, von Herzen rein mit hellem Ton frei erklingen. Das ewig Heil wird uns zuteil, denn Jesus Christ erstanden ist, welchs er lässt reichlich verkünden.

2. Er ist der Erst, der stark und fest all unsre Feind hat bezwungen und durch den Tod als wahrer Gott zum neuen Leben gedrungen, auch seiner Schar verheißen klar durch sein rein Wort, zur Himmelspfort desgleichen Sieg zu erlangen.

3. Singt Lob und Dank mit freiem Klang unserm Herrn zu allen Zeiten und tut sein Ehr je mehr und mehr mit Wort und Tat weit ausbreiten: so wird er uns aus Lieb und Gunst nach unserm Tod, frei aller Not, zur ewgen Freude geleiten.

Herr Jesus Christus, grabe die Erinnerung an dich fest in unser Gedächtnis ein, damit wir Trost gewinnen in aller Not, damit wir den Tod überwinden in jeder Gestalt, nicht erst, wenn wir einmal sterben müssen, sondern überall, wo wir in der Versuchung stehen, Böses zu tun, und zu träge oder feige sind, mutig zu handeln.

Herr Jesus Christus, lass uns „zu dir ins Leben dringen“, hier auf Erden und dort in der Ewigkeit, indem wir dich fassen mit wahrem Glauben, dich nicht mehr herauslassen aus unseren Herzen, auf dich unser volles Vertrauen setzen und dir nachfolgen auf den Wegen des Lebens, der Gerechtigkeit, des Friedens.

Wir beten zu dir mit der 6. Strophe des Liedes 405:

6. Gib, Jesu, gib, dass ich dich kann mit wahrem Glauben fassen
und nie, was du an mir getan, mög aus dem Herzen lassen,
dass dessen ich in aller Not mich trösten mög und durch den Tod
zu dir ins Leben dringen.

Gemeinsam beten wir zum Vater im Himmel mit Worten, die du, Herr Jesus, uns zu beten gelehrt hast:

Vater unser

Wir singen das Lied 99:

1) Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

2) Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen; seit dass er erstanden ist, so lobn wir den Vater Jesu Christ‘. Kyrieleis.

3) Halleluja, Halleluja, Halleluja! Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Nachspiel des Bläserkreises

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