Bräutigam Jesus

Vom Verzicht auf den Verzicht um des Verzichtes willen.

Wer mit Jesus in Berührung kam, für den verwandelte sich alles: als wenn man nicht mehr auf einer Beerdigung, sondern auf einer Hochzeit wäre. Der Gott, der Opfer verlangte, Verzicht auf Freude und Genuss, den gab es nicht mehr. Jesus will nicht, dass wir uns aufopfern, sondern leben – und lieben.

Ein Bräutigam mit Blume im Knopfloch

Was bedeutet es, dass Jesus sich mit einem Bräutigam vergleicht? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am 2. Sonntag nach Epiphanias, den 15. Januar 1995, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst in unserer Klinik-Kapelle! Besonders herzlich begrüße ich heute früh den Evangelischen Posaunenchor aus Kettenheim, der diesen Gottesdienst mitgestaltet!

Wir haben heute den 2. Sonntag nach dem Fest der Erscheinung – der Stern von Bethlehem ist den Weisen aus dem Morgenland erschienen – die Botschaft von Weihnachten strahlt auch hinein in das gerade zwei Wochen alte Neue Jahr 1995. Und diese Botschaft von Weihnachten lautet: Gott ist uns nahe, so nahe wie ein neugeborenes Menschenkind, das unter uns aufwächst.

In den Texten und Liedern dieses Gottesdienstes wird die gleiche Wahrheit noch in einem anderen Bild ausgedrückt: Gott ist uns so nahe, wie sich zwei Liebende nahe sind, wie Braut und Bräutigam. Ein Gottesdienst kann darum auch Freude machen – ganz ähnlich wie ein Hochzeitsfest. Ja, sogar in unserem Alltagsleben kann es viel mehr Grund zur Freude geben, wenn wir spüren: Gott ist bei uns, Gott hat uns lieb, Gott lässt uns niemals allein.

Als erstes Lied singen wir nun Nr. 70, 1-5:

1) Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse! Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.

4) Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein gar freundlich tust anblicken. O Herr Jesus, mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut mich innerlich erquicken. Nimm mich freundlich in dein Arme, Herr, erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.

5) Herr Gott Vater, mein starker Held, du hast mich ewig vor der Welt in deinem Sohn geliebet. Dein Sohn hat mich ihm selbst vertraut, er ist mein Schatz, ich seine Braut, drum mich auch nichts betrübet. Eia, eia, himmlisch Leben wird er geben mir dort oben; ewig soll mein Herz ihn loben.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Bereits im Alten Testament wurde die Nähe Gottes zu seinem Volk im Bild von Bräutigam und Braut versinnbildlicht. Im Prophetenbuch Jesaja 61 jubelt die Gemeinde des Volkes Gottes:

10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.

Und im folgenden Kapitel (Jesaja 62) spricht Gott durch den Mund des Propheten Jesaja so zu seinem Volk:

3 Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes.

4 Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land nicht mehr »Einsame«, sondern du sollst heißen »Meine Lust« und dein Land »Liebes Weib«; denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann.

5 Denn wie ein junger Mann eine Jungfrau freit, so wird dich dein Erbauer freien, und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott im Himmel, können wir das glauben? So wie sich zwei Verliebte und Verlobte miteinander und aneinander freuen, so freust du dich über uns, so sollen wir uns mit dir freuen dürfen? Kannst du uns wirklich so nahe sein wie ein sehr guter Freund, wie die beste Freundin oder wie ein Ehepartner? Lieber Gott, lass uns deine Liebe spüren, sei unser Freund, dem wir vertrauen dürfen!

Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus Johannes 2, 1-11 – die Geschichte von der Hochzeit zu Kana, die Jesus einfach dadurch, dass er mit seinen Jüngern dabei war, unvergesslich gemacht hat:

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.

2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

4 Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.

7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.

8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.

9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam

10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.

11 Das war das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja,Halleluja,Halleluja.“

Wir singen das Lied 72, 1-5:

1) O Jesu Christe, wahres Licht, erleuchte, die dich kennen nicht, und bringe sie zu deiner Herd, dass ihre Seel auch selig werd.

2) Erfülle mit dem Gnadenschein, die in Irrtum verführet sein, auch die, so heimlich ficht noch an in ihrem Sinn ein falscher Wahn;

3) und was sich sonst verlaufen hat von dir, das suche du mit Gnad und ihr verwundt Gewissen heil, lass sie am Himmel haben teil.

4) Den Tauben öffne das Gehör, die Stummen richtig reden lehr, die nicht bekennen wollen frei, was ihres Herzens Glaube sei.

5) Erleuchte, die da sind verblendt, bring her, die sich von uns getrennt, versammle, die zerstreuet gehn, mach feste, die ihm Zweifel stehn.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!

Der Weihnachtsbaum steht noch in unserer Kapelle, es ist die Zeit nach dem Fest Epiphanias, nach der Erscheinung des Sterns von Bethlehem, der die Heiligen Drei Könige von weit her zum Kind in der Krippe geführt hatte. Aber die Weihnachtsstimmung ist doch irgendwie vorbei, wir haben es gemerkt, als wir in dieser Woche im Singkreis noch einmal aus unserem Weihnachtsliederbuch gesungen haben – alle weihnachtlichen Lieder kann man jetzt nicht mehr singen.

Aber ist es nicht eigentümlich, dass wir jetzt einfach wieder zur Tagesordnung übergehen? Ja, das Weihnachtsfest ist vorbei, das Geburtsfest Jesu ist vorüber. Aber wenn Weihnachten das Fest der Ankunft Gottes bei uns Menschen ist, dann ist er jetzt doch nicht einfach wieder weg. Dann ist er doch auch im Alltag bei uns.

Darüber nachzusinnen, ist der Sinn der Sonntage nach Epiphanias – Gott ist nicht nur Mensch geworden für ein paar Tage, nicht nur für die Weihnachtszeit, sondern er ist für immer auf der Bildfläche erschienen.

Für immer? Nun – zunächst nur für die 33 Jahre seiner irdischen Lebenszeit. Aber dieses „nur“ ist eigentlich ein falsches Wort. Gott ist in Jesus ein ganzer Mensch geworden, er hat ein ganzes Menschenleben hier auf unserer Erde geführt, nicht nur ein Scheinleben. Es war nicht nur eine Stippvisite auf der Erde, was Gott das gemacht hat, nein, er hat es ernst gemeint, er wollte einer von uns werden.

Später im Kirchenjahr werden wir dann vom Ende seines Lebens hören – wie er sein Leben hingibt, aus Liebe zu den Menschen, und wie aus diesem Lebensende auf wunderbare Weise ein neuer Anfang wird – ein neuer Anfang für Menschen, die auf ewiges Leben hoffen dürfen, ein neuer Anfang für Menschen, die schuldig geworden sind, ein neuer Anfang für Menschen, die an der Bosheit und dem Unrecht in dieser Welt fast verzweifelt sind.

Davon aber – wie gesagt – später, in der Passionszeit. Zunächst ist Jesus ein ganzes Menschenleben lang Mensch gewesen. Er war keine Supermanngestalt, sondern wirklich so menschlich wie wir alle – mit einer Ausnahme: In ihm wohnte ein neuer Geist, der Geist Gottes. Er war geprägt von Liebe in einer Eindeutigkeit, die man bis dahin nicht gekannt hatte, selbst im auserwählten Volk Gottes nicht, in Israel, das doch die Stimme Gottes durch den Mund vieler Propheten gehört hatte.

Das heißt: Man wusste ja im Volk Israel schon etwas von dem Einen Gott, auch von seiner Liebe zu den Menschen. Allerdings hatte man den Einen Gott auch als einen sehr eifersüchtigen Gott empfunden – immerhin musste sich der jüdische Glaube an den Einen Gott durchsetzen gegen den Glauben der umliegenden Völker an eine Vielzahl von verschiedenen Göttern. Und ein Gott, der eifersüchtig darüber wacht, dass man nicht rückfällig wird und andere Götter anbetet – der kann dann doch auch wieder Angst und Druck machen. Man wusste zwar: Nur aus Liebe zu den Menschen gab Gott die Zehn Gebote, nur aus Liebe zu uns allen ist es Gott nicht einfach egal, was wir mit unserem Leben anfangen – und mit dem Leben anderer Menschen. Aber zuweilen vergaß man es auch, dass Gott auch dann liebt, wenn er Forderungen stellt, dass Gott sogar dann noch liebt, wenn Menschen ihn als einen strafenden Richter erleben.

Ja, es konnte sogar dazu kommen, dass man die Beziehung zu Gott überhaupt nicht mehr als eine Liebesbeziehung gesehen hat, sondern eher wie eine Geschäftsbeziehung: Gott sieht uns gnädig an, wenn wir ihm etwas opfern. Gott tut etwas für uns, wenn wir auf etwas verzichten, was uns wichtig ist. Wir kennen das aus dem Geschäftsleben: Eine Hand wäscht die andere, wer etwas erwerben will, muss ein Entgelt dafür geben, man kriegt eben nichts geschenkt. So eine Einstellung kennen wir übrigens ja auch heute noch.

Ganz verschiedene Dinge waren es, die man meinte, Gott opfern zu müssen: zum Beispiel brachte man Stiere oder Kälber oder Tauben zum Altar des Tempels und verbrannte sie dort. Man dachte, der Rauch dieser Tieropfer würde zum Himmel steigen und Gott würde durch diesen lieblichen Geruch mit den Menschen versöhnt werden. Eine richtige Opferindustrie war zur Zeit Jesu entstanden, im Tempel gab es Verkaufsstände für Tauben und andere Opfertiere, und die zugehörigen Geldwechselstuben gleich dazu, weil man heilige Opfertiere doch nicht mit heidnischem, römischem, unheiligem Geld bezahlen konnte. Aber das ist eine andere Geschichte, die heute nicht weitererzählt werden soll.

Andere gab es, die wollten Gott nicht nur Tieropfer darbringen, die wollten etwas viel Persönlicheres opfern. Sie dachten: Ein Tier kann jeder opfern, der Geld hat. Das tut ihm nicht weh. Aber ein Opfer muss weh tun. Zum Beispiel, wenn ich zu bestimmten Zeiten auf etwas verzichte, was mir Freude macht, ein gutes Essen etwa oder eine besondere Vergnügung, dann spüre ich das schon. Und Gott sieht dann, dass man ihn wirklich wichtig nimmt, dass er für uns wichtiger ist als unser persönliches Vergnügen. So ungefähr dachten die Pharisäer zur Zeit Jesu. Das Wichtigste an der Religion war für sie die Pflicht, die Gebote einzuhalten und Gott zuliebe auf vieles zu verzichten. Darum hielten sie besondere Fastentage ein, und im Grunde durfte man in ihren Augen das Leben gar nicht richtig genießen.

Und weil sie so dachten, sahen sie mit misstrauischen Augen diesen Jesus an. Er und seine Jünger fasteten nämlich nicht. Er nahm an Hochzeiten teil und liebte das Essen und das Trinken. Konnte er denn wirklich ein Mann Gottes sein, wenn er Gott zuliebe nicht einmal Fastentage einhalten wollte? Hören wir an dieser Stelle nun endlich den Predigttext für den heutigen Sonntag, hören wir im Evangelium nach Markus 2, 18-20, was Jesus zu dieser Frage sagt:

18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?

19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.

20 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.

Ja, liebe Gemeinde, Jesus antwortet mit diesem merkwürdigen Bild vom Bräutigam: Hochzeitsgäste fasten doch nicht, während der Bräutigam bei ihnen ist, bei einer Hochzeit wird doch vielmehr reichlich gegegessen und getrunken, man freut sich doch, man feiert, man möchte das Leben genießen, einige frohe Stunden gemeinsam mit dem Hochzeitspaar verbringen.

Für sich genommen ist dieses Bild natürlich gar nicht ungewöhnlich. Aber merkwürdig ist doch, dass Jesus dieses Bild hier verwendet, um zu erklären, warum seine Jünger nicht fasten. „Der Bräutigam ist doch bei ihnen“, da feiert man doch ein Fest, da trauert man doch nicht. Fasten ist doch ein Zeichen für Traurigkeit, wenn man keinen Appetit hat, wenn einem die Freude vergangen ist. Jesus weiß, dass auch ein solcher Tag der Trauer kommen wird, wenn „der Bräutigam von ihnen genommen wird“. Erst dann ist die Zeit zum Fasten gekommen, jetzt noch nicht.

Für die Ohren seiner Zuhörer damals ist es eine ziemliche Zumutung, was Jesus da sagt. Überträgt er nicht das alte Bild von Gott als dem Bräutigam und dem Volk Gottes als der Braut auf sich selbst und seine Jünger? Stellt er sich nicht sozusagen gleich mit Gott?

Ja, auch für Menschen von heute ist es schwer zu akzeptieren, dass ausgerechnet in diesem Jesus das entscheidende Wort Gottes zu uns gesagt sein soll, für alle Zeiten. Und doch – wir Christen dürfen es in der Tat glauben: in der Person Jesu ist Gott selber auf der Erde erschienen. In allem, was Jesus tat und sagte, war Gottes Liebe und Menschenfreundlichkeit deutlich zu spüren.

An dieser Stelle halten wir inne im Text und singen das Lied 410:
Christus, das Licht der Welt. Welch ein Grund zur Freude!

Liebe Gemeinde, machen wir uns noch einmal klar, was Jesus damals eigentlich gemeint hat. Er hat nicht gesagt: Leute, ihr müsst an mich glauben, dann werdet ihr selig! Er hat nicht gesagt: Verzichtet um meinetwillen auf alles, was euch lieb und teuer ist! Nein, es war ganz anders.

Wer mit Jesus in Berührung kam, für den verwandelte sich alles: Gott, die Welt, das eigene Leben. Alles bekam plötzlich einen neuen Sinn, alles sah auf einmal anders aus. So als wenn man nicht mehr auf einer Beerdigung, sondern auf einer Hochzeit wäre. Der Gott, den man zu kennen glaubte, der Opfer verlangte, Fastentage, Verzicht auf Freude und Genuss, den gab es nicht mehr. Gott bekam ein ganz anderes Gesicht: Das Gesicht eines liebevollen Vaters nämlich. In ungewohnt vertraulicher Form redete Jesus den großen Gott im Himmel so an, wie ein Kind seinen Vater anredet, im Hebräischen war es das Wort „Abba“ gewesen, das so viel wie Papa heißt. Dieser Papa, dieser liebevolle Vater im Himmel feiert gern mit uns, seinen Kindern, er freut sich, wenn uns etwas gelingt. Notfalls redet er uns auch ins Gewissen, wenn wir uns selbst ins Unglück stürzen. Und er weint auch mit uns, tröstet wie eine gute Mutter, wenn wir traurig sind. Diesem Gott muss man nichts mehr opfern, damit er gnädig gestimmt wird. Ihm zuliebe muss man auf nichts mehr verzichten, nur damit er uns dann vielleicht lieber hat als vorher. Nein, Jesus hatte Gott kennengelernt als den Vater mit einer übergroßen Liebe, die er uns völlig ohne jede Bedingung schenkt.

Warum spielt aber nun das Fasten und der Verzicht im Christentum auch immer noch eine große Rolle? Das kann zwei Gründe haben.

Entweder es ist ein Rückfall in alte religiöse Gewohnheiten, wenn man doch wieder meint, man könne sich mit solchen Dingen bei Gott etwas verdienen. Die Kirche zur Zeit von Martin Luther war in dieser Weise von dem Weg Jesu abgefallen und Martin Luthers Reformation wollte die Kirche wieder auf den Weg Jesu bringen: auf den Weg des kindlichen Vertrauens zu dem liebevollen Vater im Himmel.

Einen anderen Grund für das Fasten nennt Jesus selbst: wenn jemand traurig ist, dann kann es sein, dass er weniger oder gar nichts isst. Fasten kann ein Zeichen der Trauer sein. Offenbar will Jesus seinen Jüngern nicht irgendwelche religiösen Regeln auferlegen, nur weil man sie eben erfüllen muss, sondern er will sie ermutigen, nach ihrem Gefühl zu leben. Einfühlsam sein, spüren, was in uns und in einem anderen Menschen gerade vorgeht, aufeinander eingehen, gut füreinander und gut für sich selbst sorgen, das sind die Dinge, die man offenbar in der Gegenwart Jesu erfahren und gelernt und geübt hat.

Ich bin davon überzeugt, dass bei Jesus nur dann ein Verzicht vorkommt, wenn man von innen heraus spürt: Da ist mir etwas so wichtig geworden, dass ich gern auf etwas anderes verzichten kann. Ein Petrus, ein Johannes, diese Fischersleute damals, sie waren so sehr beeindruckt von der Art, wie Jesus redete und lebte und welche Ausstrahlung er hatte, dass sie einfach nicht mehr so leben konnten wie vorher. Sie ließen ihr altes Leben hinter sich, ihren Beruf, ihre Familienbindungen, und folgten Jesus nach in ein ganz anderes Leben. Ungesichert – und dennoch geborgen. Äußerlich ärmer – jedoch innerlich reicher als sie je waren.

Es war nicht so, dass sie es aufgaben, das Leben genießen zu wollen. Es war vielmehr so, dass sie zum erstenmal überhaupt das Gefühl hatten, wirklich zu leben. Zu diesem Leben gehörte das Feiern genauso wie das Arbeiten, die Sorge für andere genauso wie das Ausruhen, das Mitfühlen mit dem Leid einer trauernden Mutter genauso wie die Mitfreude mit dem Glück eines frischverheirateten Paares. Es gibt ein viel besseres Wort für all diese Dinge als das Wort Opfer oder Verzicht, nämlich das Wort Liebe. Jesus will nicht, dass wir uns aufopfern, er will, dass wir leben, und Leben heißt für ihn: sich geliebt fühlen und lieben.

Darum, denke ich, wird in der Bibel so oft das Bild von Braut und Bräutigam gebraucht, wenn es um die Beziehung von Gott zur Gemeinde oder zum Volk Gottes geht. Wohlgemerkt: es ist ein Bild! Gott heiratet nicht buchstäblich einen Menschen, er hat absolut nichts mit den Göttern der altgriechischen Sagen zu tun, die durchaus auch Sex mit Menschenfrauen hatten. Nein, Gott oder Jesus können wir in anderem Sinn als unseren Bräutigam bezeichnen: Er kann nämlich unsere Sehnsucht nach erfüllten Leben stillen. Er verdient unser Vertrauen und – wenn wir uns auf ihn einlassen – kann er auch in uns das Vertrauen zu ihm wachsen lassen.

Wer Liebe erfährt und Liebe gibt, der wird immer wieder auch Grund zur Freude haben, und wenn er noch so viel durchmachen muss im Leben. Wer spürt: Ich bin dem Gott im Himmel unendlich wichtig – der kann anfangen, sich selbst liebzuhaben, und er hat es nicht nötig, auf Kosten anderer zu leben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen das Lied 629:

Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe, das sind Worte und Taten

Gott, der du uns liebst, so wie für einen Bräutigam seine Braut unendlich kostbar und wichtig ist. Gott, den wir lieben dürfen, so wie eine Braut sich nach ihrem geliebten Mann sehnt. Du machst uns Mut zum Lieben und Hoffen, unser Leben verantwortlich und frei zu gestalten, so wie es innerhalb der uns gesetzten Grenzen möglich ist. Du überforderst uns nicht, doch jedem von uns mutest du auch bestimmte Dinge zu, die wir tragen oder bewältigen müssen. Lass uns dabei nicht allein. Hilf uns, auszuhalten, was wir fühlen. Schenke uns Menschen, die uns begleiten.

Gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vater unser

Aus dem Lied 66 singen wir die Strophen 1 und 7 und 8:

1) Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude; A und O, Anfang und Ende steht da. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide; Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah! Himmel und Erde, erzählet’s den Heiden: Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.

7) Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden; komme, wen dürstet und trinke, wer will. Holet für euren so giftigen Schaden Gnade aus dieser unendlichen Füll! Hier kann das Herze sich laben und baden. Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden.

8) Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben. Hochgelobt seid der erbarmende Gott, der uns den Ursprung des Lebens gegeben; dieser verschlinget Fluch, Jammer und Tod. Selig, die ihm sich beständig ergeben. Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.

Abkündigungen

Nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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