Allein können wir nicht leben

Richtig leben, das können wir nicht, wenn wir allein bleiben, ob innerlich oder äußerlich. Wir brauchen die anderen, auch die, über die wir uns ärgern, und auch die, die uns ärgern. Vielleicht sind manche, die äußerlich stark wirken und anderen Angst machen, innerlich sehr allein. Denn sie dürfen ja niemandem zeigen, dass sie auch Angst haben.

Allein können wir nicht leben: ein Junge sitzt allein in der Ecke eines leeren Sandkastens

Allein können wir nicht leben (Bild: PublicDomainPictures – pixabay.com)

#predigtFamiliengottesdienst am Sonntag, 6. Juli 1980, um 10.30 Uhr in der Kirche zu Reichelsheim
Orgelvorspiel
Begrüßung
Lied EKG 347 (EG 447), 1-3+6-7:

1. Lobet den Herren alle, die ihn ehren; lasst uns mit Freuden seinem Namen singen und Preis und Dank zu seinem Altar bringen. Lobet den Herren!

2. Der unser Leben, das er uns gegeben, in dieser Nacht so väterlich bedecket und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket: Lobet den Herren!

3. Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können und Händ und Füße, Zung und Lippen regen, das haben wir zu danken seinem Segen. Lobet den Herren!

6. O treuer Hüter, Brunnen aller Güter, ach lass doch ferner über unser Leben bei Tag und Nacht dein Huld und Güte schweben. Lobet den Herren!

7. Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite auf unsern Wegen unverhindert gehen und überall in deiner Gnade stehen. Lobet den Herren!

Wir feiern diesen Gottesdienst nicht in unserem eigenen Namen, sondern im Namen Gottes. Des Vaters, der uns das Leben gab, des Sohnes, der für uns mit seinem Leben eingetreten ist, des Geistes, der unser Leben neu macht. Amen.

Gott hat gesagt (1. Buch Mose – Genesis 2, 18):

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.

Was ist aber, wenn es Ärger gibt? Stimmt das denn: Allein können wir nicht leben? Und wenn einer sagt: Die anderen ärgern mich immer?

Wir wollen beten. Herr, wir können nicht allein leben. Und wir wollen nicht gern allein leben. Aber oft ärgern wir uns auch übereinander. Es ist nicht immer einfach, mit den anderen zusammenzusein. Es ist manchmal einfacher, allein zu bleiben, sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen. Es ist auch manchmal so leicht, zu sagen: gut, dass der nicht dabei ist, der stört immer, oder: hoffentlich kommt die nicht, die ist immer so blöd. Herr, lass uns darüber nachdenken, wie wir miteinander leben können, Eltern und Kinder, Geschwister und Schulkameraden, Jungen und Mädchen, Starke und Schwache, Mutige und Ängstliche, wilde Kinder und stille Kinder. Amen.

Liebe Kinder, liebe Erwachsene!

Wir werden gleich einen Abschnitt aus der Bibel hören, da kommt mehrmals das Wort „Unsinn“ vor. Wer die alte Bibelübersetzung von den Älteren noch im Ohr hat, der hat hier das Wort „Torheit“ gehört. Paulus, einer der ersten Christen vor 1930 Jahren, sagt hier, dass es viele Menschen gibt, die das für Unsinn halten, was die Christen sagen. Sie halten es für Unsinn, an Jesus zu glauben, der am Kreuz gestorben ist. Sie halten es für Unsinn, einem Gott etwas zuzutrauen der seinen eigenen Sohn am Kreuz sterben lässt. Dieser Gott ist doch schwach, oder? Jesus hat sich doch vor den Soldaten lächerlich gemacht, weil er nicht zurückgeschlagen hat – machen wir uns nicht auch lächerlich, wenn wir ihm nachfolgen?

Hören wir nun die Worte des Paulus aus 1. Korinther 1, 18-25 (GNB):

18 Es kann nicht anders sein: Für die, die verlorengehen, muss die Botschaft vom Kreuzestod als barer Unsinn erscheinen. Wir aber, die gerettet werden, erfahren darin Gottes Macht.

19 Gott hat gesagt: „Ich will die Weisheit der Weisen zunichte machen und die Klugheit der Klugen verwerfen.“

20 Wo bleiben da die Weisen? Wo die Kenner der heiligen Schriften? Wo die gewandten Diskussionsredner? Was für diese Welt als göttliche Weisheit gilt, das hat Gott als reinen Unsinn erwiesen.

21 Denn obwohl Gottes Weisheit sich in der ganzen Schöpfung zeigt, haben die Menschen mit ihrer eigenen Weisheit Gott nicht erkannt. Darum beschloss er, durch die Botschaft vom Kreuzestod, die der menschlichen Weisheit als Unsinn erscheint, alle zu retten, die diese Botschaft annehmen.

22 Die Juden verlangen Wunder, die Griechen Erkenntnis.

23 Wir aber verkünden, dass Christus, der Gekreuzigte, der Retter ist. Für die Juden ist das eine Gotteslästerung, für die Griechen barer Unsinn.

24 Aber alle, die berufen sind, Juden wie Nichtjuden, erfahren in Christus Gottes Macht und erkennen in ihm Gottes Weisheit.

25 Gott handelt gegen alle Vernunft – und ist doch weiser als alle Menschen. Gott zeigt sich schwach – und ist doch stärker als alle Menschen.

Gott scheint schwach – und ist doch stärker als alle Menschen. Deshalb ist er auch gerade den Menschen besonders nahe, die schwach oder verzweifelt sind, denn er will sie stark machen und ihnen wieder Mut geben. Gerade die, die im Unglück stecken, preist Jesus glücklich. Davon wollen wir nun in dem Lied singen, das die Kinder schon gut kennen:

Lied: „Hört, wen Jesus glücklich preist!“

Liebe Gemeinde!

Was wir da gesungen haben, ist das so selbstverständlich? „Dem, der Gott nichts bieten kann, bietet Gott die Freundschaft an.“ Ist das nicht „Unsinn“? Müsste es nicht heißen: Wer gut ist, brav ist, gerecht ist, dem bietet Gott die Freundschaft an?

„Wem hier großes Leid geschah, dem ist Gottes Trost ganz nah.“ Ist das wirklich wahr? Können die Kranken, die Traurigen, die Verzweifelten wirklich auf Gottes Trost hoffen? Sind die, die wir auslachen, die wir ausstoßen, die wir allein lassen, wirklich Gott näher als wir?

Wenn wir dem Paulus glauben mit seiner Botschaft vom Kreuzestod, dann hat auch dieses Lied recht. Wenn wir ihm nicht glauben, dann ist das alles für uns Unsinn: die Botschaft vom Kreuzestod Jesu, der Trost für die Traurigen, die Hoffnung für die Schwachen und Mutlosen.

Gott scheint schwach – und ist doch stärker als alle Menschen. Umgekehrt können wir von manchen Menschen sagen: sie scheinen stark zu sein – und sind doch im Grunde schwach.

In der Schule haben wir in einigen Klassen ein Spiel gemacht. Dabei sollte jeder sieben Sätze über sich selbst aufschreiben: „Ich bin…“ „Ich kann…“ „Ich mag gern…“ usw. Jeder für sich, ohne dass die anderen es sehen. Dann las ich die abgegebenen Zettel vor, und die ganze Klasse sollte erraten, wer sich da selbst beschrieben hatte.

Einige haben geschrieben: „ich bin klug“, „ich bin schön“, „ich kann gut Fußball spielen“; andere haben aber auch gewagt zu schreiben: „ich bin nicht so mutig“, „ich bin oft ängstlich“, „ich bin faul“. Nicht alles war ernst gemeint; aber das meiste muss doch gestimmt haben, denn die Klassen haben ihre einzelnen Mitglieder zum größten Teil sehr schnell erkannt.

Ihr kennt euch also recht gut – in der Klasse, in der Nachbarschaft, in der Familie, in der Kindergottesdienstgruppe wohl auch – und bei den Erwachsenen in Familie, Beruf, Nachbarschaft, Verein und anderen Gruppen wird es auch so sein, dass man sich gegenseitig ganz gut einschätzen kann mit seinen Stärken und Schwächen.

Aber nehmen wir den anderen auch einfach so an, wie er ist? Oder lachen wir ihn aus – weil er nicht so schnell lesen kann, weil er so empfindlich auf Streiche reagiert, weil er nicht bei allen Spielen mitmacht, weil er dick oder schwach oder klein ist?

Und wer ausgelacht wird – der denkt dann vielleicht: „die anderen ärgern mich sowieso immer, mit denen will ich gar nichts mehr zu tun haben!“ Oder er reagiert so komisch und so gereizt und so hilflos, dass die anderen ihn immer noch mehr reizen, weil sie das so toll finden, dass er immer wieder darauf hereinfällt. Oder er beschließt, wenn er das kann, seine Schwäche gar nicht mehr zu zeigen, wird hart und verschlossen und heult mit den Wölfen mit. Aber vielleicht sind diese, die äußerlich so stark wirken und anderen Angst machen, um die sich andere scharen, innerlich sehr allein. Denn sie dürfen sich ja niemandem so zeigen, wie sie wirklich sind. Sie wollen nicht dafür ausgelacht werden, dass sie auch einmal Angst haben oder etwas nicht können.

Richtig leben, das können wir nicht, wenn wir allein bleiben, ob innerlich oder äußerlich. Wir brauchen die anderen, auch die, über die wir uns ärgern, und auch die, die uns ärgern. Aber was können wir denn tun, um Ärger zu überwinden?

Wenn andere uns immer wieder ärgern?

Wenn wir andere immer wieder ärgern?

Was tun wir, dass sie sich über uns ärgern?

Warum macht das solchen Spaß, können wir sie nicht so nehmen, wie sie sind?

Aber es gibt auch Menschen, die bleiben ganz allein. Kranke, die sehnsüchtig darauf warten, dass jemand zu ihnen kommt. Trauernde, die über den Verlust ihres Ehepartners nicht hinwegkommen und darüber klagen, dass niemand mehr etwas von ihrem Schmerz hören will. Menschen, die durch Behinderung, durch verminderte Sehfähigkeit oder Gehör vom Leben ausgeschlossen sind und auf die Güte ihrer Umgebung angewiesen sind.

Es ist nicht immer leicht, einen Besuch zu machen, wenn man immer wieder das Gleiche hört – oder zu hören scheint. Wenn man selber keinen Ausweg aus dem Leid weiß. Wenn man innerlich manchmal denkt: ist es denn wirklich so schlimm, spielt er mir hier nichts vor? Aber solche Gedanken sind nur ein Ausweichen oft – Ausweichen davor, dass ich mir nicht vorstellen möchte, es gebe wirklich solch auswegloses Leiden.

Und doch – da ist dann auch wieder ein Lichtblick. Plötzlich klagt eine Kranke nicht mehr nur über ihr Leid, über das, was ihr angetan wird, sondern sie erzählt von den Fortschritten, die ihr Enkelkind macht. Oder sie erinnert sich an ein Lied, das sie in ihrer Jugend gelernt hat, und sie betet es laut. Und das, obwohl ich nur da gesessen war und zugehört hatte – hilflos, weil ich ihr auch nicht helfen konnte.

Nur eins hatte ich gesagt, dass ich auch nicht wisse, was Gott mit all dem ihr sagen wolle, was Gott noch mit ihr vorhätte. Das wissen wir nicht, wir wissen aber, dass wir nie ganz allein sind, wenn wir auf Gott vertrauen, zu ihm beten, vor ihm klagen und unser Herz ausschütten können. Das können wir auch wissen, wenn wir einen besuchen, dem wir nicht helfen zu können meinen – wir sind nicht allein, wenn wir auf den vertrauen, der den gekreuzigten Jesus zum Leben wieder erweckt hat.

Auch Gott scheint schwach – und ist doch stärker als alle Menschen. So ist es besser, alles aus der Hand zu geben bei einem Krankenbesuch, was man als Trost und Aufmunterung im aussichtslosen Fall oft nur krampfhaft suchen muss. Gottes Kraft ist gerade in den Schwachen mächtig, und wir wissen, dass er niemanden fallen lässt, der sich in seine Arme hineingibt. Amen.

Lied: „Allein können wir nicht leben“
Bekanntmachungen

Herr Jesus Christus! Wir müssen manchmal wachgerüttelt werden, damit wir überhaupt merken, warum wir eigentlich in der Kirche sind. Nicht weil die andern das so wollen, nicht weil man das muss, sondern weil es schön ist, dir nachzufolgen, weil wir hier darüber nachdenken können, wie wir gut miteinander leben können, weil es gut ist, nicht immer Stärke zeigen zu müssen, sondern sich und die anderen ehrlich so zu sehen und zu nehmen, wie wir sind. Lass uns darüber sprechen, wenn es Ärger gibt, die Tür wieder aufmachen, die zugeschlagen wurde, aus dem Schneckenhaus herauskriechen, in das wir uns beleidigt zurückgezogen haben, die Hand zur Versöhnung hinhalten, die eben noch zurückschlagen wollte, den Mitschüler in Schutz nehmen, den ich sonst mit ausgelacht habe, mit dem Freundschaft schließen, der noch keine Freunde hat. Gib uns auch treue Freunde oder Angehörige, die bei uns bleiben, wenn wir traurig sind, denen wir nicht zu viel werden, wenn wir krank oder sonderlich geworden sind, die zu uns kommen, wenn wir um einen lieben Menschen trauern, damit wir in so einer schweren Zeit nicht allein bleiben. Wir schließen in unsre Fürbitte ein: Frau …, die im Alter von … Jahren gestorben und kirchlich beerdigt worden ist. Wir bitten um Gottes Gnade und Trost und Segen für ihre Angehörigen, du, zu dem der Psalmdichter gebetet hat: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Herr, lass uns klug werden, dass wir die Zeit, die uns füreinander gegeben ist, gut nutzen – miteinander und nicht gegeneinander oder nebeneinander her. Amen.

Vater unser und Segen
Lied EKG 141, 3 (EG 163, 1): Unsern Ausgang segne Gott
Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen, segne unser täglich Brot, segne unser Tun und Lassen, segne uns mit sel‘gem Sterben und mach uns zu Himmelserben.
Orgelnachspiel

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