Salz macht böses Wasser gesund

Wie heilt der Prophet Elisa böses Wasser mit Salz? 1. Beim Salzen geht es um das richtige Fingerspitzengefühl. 2. Ein besonderes Wasser mit Salz sind Tränen. Ungefühlte Gefühle machen krank oder hart. 3. Destilliertes Wasser darf man nicht trinken. So nötig, wie ein bisschen Salz fürs Wasser ist, so wichtig ist, was auch nur wenige Menschen für ihre Stadt tun.

Eine Holz-Schale mit Salz und Holz-Mörser

Eine Schale mit Salz (Foto: pixabay.com)

Konfirmationspredigt am Sonntag Jubilate, den 25. April 1999, um 14.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Gott gebe uns Worte für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Amen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

jetzt sitzt Ihr da vorn, feierlich angezogen, und alles dreht sich heute im Gottesdienst um Euch. Ein Jahr lang habt Ihr Kurse besucht, Verse auswendig gelernt, im Gottesdienst gehockt und mitbekommen, was in der Kirche passiert. Wir haben darüber diskutiert, ob man heutzutage noch heiraten sollte und ob uns jemand hört, wenn wir beten. Einige haben älteren Menschen aus unserer Gemeinde zugehört, wie sie aus ihrem Leben und von ihrem Glauben erzählt haben.

Heute, zum Abschluss der Konfirmandenzeit, erzähle ich Euch – und auch allen anderen, liebe Gemeinde – eine Geschichte vom Salz (2. Könige 2, 19-22). Jesus hat vom Salz der Erde geredet. Und 800 Jahre vorher hat der Prophet Elisa mit Hilfe von Salz eine ganze Stadt gerettet. Er ist gerade in der Stadt Jericho zu Besuch, als ihn die Leute ansprechen:

19 Und die Männer der Stadt sprachen zu Elisa: Siehe, es ist gut wohnen in dieser Stadt, wie mein Herr sieht; aber es ist böses Wasser, und es macht unfruchtbar.

20 Er sprach: Bringt mir her eine neue Schale und tut Salz hinein! Und sie brachten’s ihm.

21 Da ging er hinaus zu der Wasserquelle und warf das Salz hinein und sprach: So spricht der HERR: Ich habe dies Wasser gesund gemacht; es soll hinfort weder Tod noch Unfruchtbarkeit von ihm kommen.

22 So wurde das Wasser gesund bis auf diesen Tag nach dem Wort Elisas, das er sprach.

Die Leute von Jericho wohnen eigentlich ganz gern in ihrer Stadt. Sie möchten nicht wegziehen. Aber etwas stört sie: „Es ist böses Wasser; und es macht unfruchtbar.“

Eigenartig, wie kann Wasser böse sein? Das hört sich an wie im Märchen: eine böse Hexe verzaubert eine Wasserquelle, und plötzlich werden keine Kinder mehr geboren, und man kann das Wasser nicht mehr trinken.

An verzaubertes Wasser glaube ich nicht, und wenn es hier nur um magische Kräfte ginge, dann würde ich die Geschichte gar nicht erzählen. Ich glaube, „böses Wasser“ ist so ein ähnlicher Ausdruck wie bei uns im Deutschen „böses Blut“. Wenn man sagt: „das schafft böses Blut“, dann bringt man Leute gegeneinander auf, dann gibt es Streit oder Krieg.

Aber dessen sind sich die Leute in der Stadt gar nicht bewusst. Sie merken nur: Bei uns stimmt etwas nicht. Wir tun und machen, und nichts kommt dabei heraus. Es gibt Streit und Unzufriedenheit, aber wir wissen nicht, warum. Leichter ist es zu sagen: Es muss am Wasser liegen. Wir können nichts ändern. Das böse Wasser ist schuld.

Als Elisa zufällig in der Stadt ist, ein Mann Gottes, da denken sie: Der ist für das Übernatürliche zuständig, für Gott und solche Sachen, vielleicht kann der auch böses Wasser wieder gesund machen.

Und der Prophet? Was tut er? Geht er zur Wasserquelle und sagt Abrakadabra und das Wasser ist wieder gut? Nein. So einfach läuft die Sache nicht. Der Prophet sagt aber auch nicht: Ihr spinnt ja. Es gibt kein verzaubertes Wasser. Wenn’s bei Euch dauernd Streit gibt, dann seid Ihr selber schuld. Elisa weiß: Das würden sie sich von ihm nicht sagen lassen. Wer lässt sich schon gerne ins Gewissen reden?

Was also sagt Elisa wirklich? Er sagt: Na gut, ich will mal sehen, was ich machen kann. Er sagt: Eigentlich schafft Ihr das auch alleine. Ich zeige Euch nur, was Ihr tun könnt. Er sagt: „Bringt mir eine neue Schale her und tut Salz hinein!“ Und tatsächlich: Sie bringen ihm Salz in einer schönen neuen Schale. Sie geben sich wirklich Mühe. Die neue Schale ist wie ein Signal: Wir wollen, dass es bei uns anders wird, und dafür geben wir uns auch Mühe. Sie hätten auch einfach das Salz auf einen alten, verbeulten Teller schütten können. Das wäre ein anderes Signal gewesen. Soll der Prophet sehen, wie er zurecht kommt, ist uns doch egal.

Nun hat Elisa das Salz. Damit geht er zur Wasserquelle und wirft das Salz hinein und spricht noch ein Wort von Gott dazu, denn er ist ja ein Prophet, sozusagen ein Sprachrohr Gottes. „Ich habe dies Wasser gesund gemacht“, sagt Gott durch Elisa. Und „so wurde das Wasser gesund“.

Wie kann Wasser durch Salz gesund werden? Salzwasser aus dem Meer kann man nicht trinken. Geschieht hier nicht doch Zauberei? Salz in die Quelle schütten, einen Zauberspruch dazu sprechen, und schon ist das Wasser nicht mehr böse. Ich denke, das kann nicht der ganze Sinn dieser Geschichte sein. Aber was ist mit dem Salz gemeint? Mir sind dazu drei Einfälle gekommen.

1. Salz hat mit gutem Geschmack und mit Fingerspitzengefühl zu tun. Mit der Stadt und mit der Erde ist es wie mit dem Essen. „Da fehlt das Salz in der Suppe!“ sagen wir, wenn’s fad schmeckt. Zu viel Salz dürfen wir auch nicht nehmen, sonst ist das Essen versalzen. Beim Salzen geht es um das richtige Fingerspitzengefühl. Fingerspitzengefühl tut auch gut, wenn wir mit Menschen zu tun haben, die anders denken und leben als wir oder auf eine andere Schule gehen. Wenn wir Rücksicht nehmen und nicht schlecht übereinander reden, gibt es weniger „böses Blut“.

2. Es gibt ein ganz besonderes Wasser mit Salz drin: Tränen. Eine seelisch kranke Frau sagte mir einmal: Wenn ich Tränen nicht weine, die ich eigentlich weinen müsste, dann werde ich krank. Und ich füge hinzu: Viele schlucken ihre Tränen herunter und werden dabei bitter und hart. Vielleicht entsteht böses Blut, dicke Luft, böses Wasser wirklich dort, wo Menschen sich nicht trauen, ihre wahren Gefühle zu zeigen. Wo wir nicht weinen, weil wir uns schämen, weil wir nicht schwach sein wollen wie ein Kind. Tränen wegen Liebeskummer? Da wird man noch ausgelacht. Wenn einer sagt: Du tust mir weh! Haut der andere dann nicht erst recht drauf? Lieber legt man sich ein dickes Fell zu, oder man schlägt gleich zurück. Ungefühlte Gefühle machen krank oder hart.

Darauf spricht Elisa die Leute an. Holt Salz herbei! Lasst Gefühle zu! Nur Mut, es ist normal, traurig zu sein, wenn man enttäuscht worden ist. Es ist nicht schlimm, sich verletzt zu fühlen. Der andere darf das ruhig erfahren. Der darf sogar spüren, dass Ihr wütend seid. Das geht auch mit Worten, dazu muss man nicht gleich losschlagen. Wer seine coole Maske absetzt, findet es nicht so schlimm, wenn mal etwas peinlich ist. Der kann sich selber mit Humor betrachten. Und er lacht keinen mehr aus, der etwas nicht so gut kann, sondern versucht, ihn zu verstehen und ihm zu helfen.

Das klappt natürlich nicht immer von allein. Manchmal hilft es, wenn man mit den Eltern oder mit guten Freunden über seine Sorgen reden kann. Auch wir Pfarrer stehen zur Verfügung, wenn Ihr Euch einmal aussprechen wollt; wir stehen unter Schweigepflicht und sagen nichts weiter, was uns anvertraut wird.

3. fällt mir zum Salz im Wasser die Chemie ein. Wer von Euch hat in der Schule Chemie? Wisst Ihr, was destilliertes Wasser ist – das ist Wasser, in dem gar kein Salz drin ist, zum Beispiel das destillierte Wasser fürs Bügeln, das darf man nicht trinken, unser Körper verträgt es nicht.

Vielleicht will Elisa sagen: So nötig, wie dieses bisschen Salz fürs Wasser ist, so nötig seid Ihr Menschen für Eure Stadt, und Jesus sagt sogar: so nötig seid Ihr für Eure ganze Erde. Ein paar Leute, die die Gebote halten, und die Welt sieht anders aus. Ein paar Leute, die einen Streit auch wieder beenden können, und es gibt weniger kaputte Ehen, weniger Kriege. Manchmal genügt es, wenn in einer Clique ein einzelner anfängt nachzudenken, wenn er nicht jeden Blödsinn mitmacht.

Elisa hat Salz aufs Wasser gestreut. Jesus hat gesagt (Matthäus 5, 13):

Ihr seid das Salz der Erde.

Hätte er auch sagen können: Ihr seid der Zuckerguss der Welt? Nein. Ein Zuckerguss wäre nur Verzierung, eigentlich braucht man ihn nicht. Salz dagegen ist notwendig, beißt manchmal auch. Auch unsere Erde, unsere Stadt und unsere Kirche braucht manchmal beißende Kritik. Packt ruhig mit an, um Dinge zu verändern, die nicht gut sind. Ich freue mich jedenfalls darauf, Euch auch in Zukunft hin und wieder zu sehen – ganz ohne Verpflichtungen. Vielleicht helfen einige mal mit, einen Gottesdienst anders zu gestalten – mit Euren eigenen Ideen und Fragen und Euren Musikwünschen. Oder wir sehen Euch in der Jugendgruppe oder im Kindergottesdiensthelferkreis. Ihr seid das Salz der Erde – ob Ihr Eure Salzkraft auch nutzt, dafür seid Ihr selber verantwortlich. Amen.

Gottes Friede und Liebe, die sich in Jesus gezeigt hat, begleite Euch in Eurem Leben. Amen.

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