„Geht hin nach Galiläa!“

Ein Weg liegt vor uns, vielleicht ein langer, beschwerlicher Weg. „Geht hin und sagt weiter, was ihr gehört habt“, bekommen die Frauen gesagt. „Geht hin nach Galiläa“, sollen sie den Männern ausrichten. „Geht hin“, ja, so einen Weg gibt es auch für uns, einen Weg mit Gott, weg vom düsteren Grab, hin zum Leben.

Ein liegendes Hühnerei mit dem Schatten eines Kreuzes im Hintergrund

Kann es neues Leben geben nach dem Kreuz? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Ostersonntag, den 31. März 1991, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Am Ostermorgen begrüße ich Sie herzlich im Gottesdienst in unserer Klinik-Kapelle!

Ostern ist ein Fest im Frühling – viele Menschen denken vor allem an das Wiedererwachen der Natur nach dem Winter – vor allem die Kinder freuen sich an den Osterhasen und Ostereiern – Ostern ist das Fest des Lebens und der Freude, auch wenn man in diesem Jahr wohl ziemlich frieren wird, wenn man draußen im Garten Ostereier sucht…

Aber für uns Christen ist Ostern noch in einem ganz anderen Sinne das Fest des Lebens und der Freude. Jesus, der tot war, ist wieder lebendig, ist auferweckt, das Grab konnte ihn nicht halten. Das ist vielen unbegreiflich, nicht erst heute, und so will sich die Osterfreude auch nicht immer sofort einstellen – wie soll man sich über die Auferstehung Jesu freuen, wenn man Zweifel hat: Kann das denn überhaupt möglich sein?

Im Gottesdienst möchte ich zwei Dinge tun: Zum einen will ich in der Predigt auf die Zweifel eingehen und auf die bangen Fragen: Wie kann man denn eigentlich als moderner Mensch an die Auferstehung glauben? Und was haben wir davon? Und zum andern will ich von Anfang an einfach so tun, als ob wir keine Zweifel zu haben bräuchten, uns freuen daran, dass Gott der Gott des Lebens ist, uns freuen über Jesus, der tot war und wieder lebendig geworden ist, der unsichtbar auch hier bei uns ist und sich mit uns freut!

Deshalb lasst uns zu Beginn das Lied 82 singen, zunächst alle fünf Strophen und zum Schluss noch einmal das Halleluja:

1) Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit; denn unser Heil hat Gott bereit‘.

2) Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist, dem sei Lob, Ehr zu aller Frist.

3) Er hat zerstört der Höllen Pfort und all die Sein‘ herausgeführt und uns erlöst von ewgen Tod.

4) Wir singen alle Lob und Preis dem eingen Gottessohne weis‘, der uns erkauft das Paradeis.

5) Es freu sich alle Christenheit und lobe die Dreifaltigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

6) Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobet sei Christus, Marien Sohn!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Sein‘ Raub der Tod musst geben her, das Leben siegt‘ und ward ihm Herr, zerstöret ist nun all sein Macht. Christ hat das Leben wiederbracht.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Ich hebe meine Augen auf zu dir, Herr, von wo mir Hilfe kommt. Ich sehe weg von mir, Herr, von allem, was ich in meiner Angst bin, von allem, was schon leblos ist in mir, von abgestumpften Gedanken, von dürren Gefühlen, von meinem steinernen Herzen, von meinen klein gewordenen Hoffnungen. Ich sehe weg von mir, Herr, von allem, was ich aus mir gemacht habe, und hebe meine Augen auf zu dir. Du kannst es aufnehmen mit allem, was leblos ist, und deshalb gehöre ich nicht mehr meinen klein gewordenen Hoffnungen, meinen abgestumpften Gedanken und dürren Gefühlen, meinem steinernen Herzen, dir gehöre ich, der du lebst, damit ich lebe immerdar. Das erbitten wir von dir, Jesus Christus, unser Herr. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus einem Brief des Apostels Paulus, 1. Korinther 15, 1-11 – als ein Zeugnis einer Reihe von Männern von der Auferstehung Jesu:

1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder [und Schwestern], an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht,

2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.

3 Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;

4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;

5 und dass er gesehen worden ist von Kephas (das ist ein anderer Name für Petrus), danach von den Zwölfen.

6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.

7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.

9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

11 Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen das Osterlied 79, 1-6:

1) Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

2) Des Morgens früh am dritten Tag, da noch der Stein am Grab lag, erstand er frei ohn alle Klag. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

3) Der Engel sprach: „Ei fürcht‘ euch nicht; denn ich weiß wohl, was euch gebricht. Ihr sucht Jesum, den findt ihr nicht.“ Halleluja, Halleluja, Halleluja.

4) „Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not; kommt, seht, wo er gelegen hat.“ Halleluja, Halleluja, Halleluja.

5) Nun bitten wir dich, Jesu Christ, weil du vom Tod erstanden bist, verleihe, was uns selig ist, Halleluja, Halleluja, Halleluja,

6) damit von Sünden wir befreit, dem Namen dein gebenedeit frei mögen singen allezeit: Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir die Verse, mit denen ursprünglich das Markusevangelium aufgehört hat – Markus 16, 1-8. In späteren Handschriften hat man noch einen Abschnitt angefügt, aber am Anfang der Christenheit bildeten diese Verse die ganze Osterbotschaft des Evangelisten Markus:

1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.

3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Liebe Gemeinde!

So endet nach der ältesten Überlieferung das Markusevangelium. Gar nicht österlich! Nichts von Hoffnungsglück! Kein Halleluja! Die ängstlichen Frauen, sie geben die frohe Kunde nicht weiter, „denn sie fürchteten sich“. Und um jetzt keine Vorurteile gegen Frauen zu bestärken: die Männer sind nach dieser Überlieferung gar nicht erst zum Grab gekommen, die waren schon längst geflohen, längst voller Angst abgehauen, als alles aus zu sein schien, am Karfreitag. Merkwürdig: die Frauen fliehen auch, jetzt am Ostermorgen. Jetzt, als sie hören: Jesus lebt, da ergreift sie „Zittern und Entsetzen“.

Aber ich greife vor. Die Geschichte fängt direkt nach dem Sabbat an. Am Sabbat hatte man nichts für den toten Jesus tun können; sie waren ja froh gewesen, Jesus vor Anbruch des Sabbats wenigstens in ein ordentliches Grab legen zu können. Das war nicht so ein Grab, wie wir es kennen, sondern eine Felsenhöhle; und den toten Jesus hatte man einfach in Tücher eingewickelt und da hineingelegt. Vor die Höhle hatte man einen großen, schweren Stein gerollt – so schwer, dass nur mehrere Männer gemeinsam ihn bewegen konnten.

Was passiert nun, als der Sabbat vorbei war? „Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.“ Der Sabbat hört schon am Samstag abend auf, mit dem Sonnenuntergang. Danach gehen drei Frauen noch einmal los und kaufen ein: Salben und Öle holen sie, um ihre Pflicht dem toten Jesus gegenüber zu tun. Maria von Magdala kennen wir aus den Evangelien, sie war eine der treuen Jüngerinnen Jesu gewesen, die wohl am tiefsten gespürt hatte, wie seine Liebe Menschen heilen und froh machen konnte. Salome und die andere Maria waren zuvor nur einmal erwähnt worden, als sie unter dem Kreuz Jesu standen und den Tod Jesu beweinten. Auch sie hatten wohl zu denen gehört, die alles verlassen hatten um Jesu willen, die mit Jesus bis nach Jerusalem gezogen waren. Nicht nur die Jünger, auch eine ganze Reihe von Jüngerinnen hatte vieles mit Jesus erlebt. Hoffnungen hatte er in ihnen erweckt: dass die Sanftmütigen das Erdreich besitzen, dass die Friedfertigen Gottes Kinder heißen, dass die Leidtragenden Trost finden werden. Die Evangelisten hatten ja lieber fast nur von den Männern erzählt, vor allem von den zwölf Jüngern; und dass Jesus auch mit Frauen geredet, dass er sie überhaupt um sich geduldet hatte, das passte ihnen eigentlich gar nicht. Aber jetzt kommt auch ein Mann wie Markus nicht mehr darum herum, von den Frauen zu berichten: es sind keine Männer mehr da, die Jünger sind in alle Winde zerstreut, nur die Frauen harren noch aus, sie tun, was auch bei uns vor allem Frauen tun: sie wollen das Grab pflegen und des Verstorbenen liebevoll gedenken.

„Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.“ Gedanken machen sie sich allerdings plötzlich darüber, wie sie überhaupt ins Grab hinein kommen sollen. „Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“

Soweit geht noch alles seinen normalen Gang. Die Frauen sind zwar bestürzt und aufgewühlt durch den Tod Jesu, aber sie wollen ihre Pflicht an einem Verstorbenen erfüllen. Sie machen sich zwar Sorgen, wie sie den Stein wegbekommen können, aber dafür würden sie wohl auch eine Lösung finden; vielleicht würden sie einige starke Männer suchen, die ihnen helfen könnten.

Doch dann geht die Geschichte plötzlich nicht mehr normal weiter. Es fängt damit an, dass der Stein, der ihnen eben noch so große Sorgen gemacht hat, gar nicht mehr vor dem Grab liegt: „Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.“ Sie trauen beinahe ihren Augen nicht: so ein großer Stein, und ohne ihr Zutun ist er weggewälzt. Da geschieht etwas Ungewöhnliches, etwas, was sie nicht in der Hand haben, und sie wissen selbst noch nicht, was sie davon halten sollen.

Ja, trotzdem wollen sie doch tun, wozu sie hergekommen sind. Der tote Jesus muss doch mit den Salben und Ölen einbalsamiert werden, wie es sich gehört. „Und sie gingen hinein in das Grab.“ Aber hier passiert nun plötzlich etwas, was die Frauen wirklich schockiert: sie „sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.“ Sicher würde es uns nicht anders ergehen. Stellen sie sich vor, sie kommen an das frische Grab eines Menschen, das noch nicht zugeschaufelt ist, und plötzlich steigt jemand aus dem Grab heraus. So ähnlich wird es den Frauen ergangen sein. In einem Grab erwartet man keinen Lebenden, sondern nur einen Toten; wenn da nun plötzlich ein junger Mann sitzt, kann das die Frauen nur erschrecken.

Was ist das für ein junger Mann? Er sagt nicht, wer er ist, doch er fängt an zu reden und versucht die Frauen zu beruhigen. „Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht!“ Es ist so ähnlich wie in der Weihnachtsgeschichte, ähnlich wie bei den Propheten, ähnlich wie bei Mose oder Abraham, immer wenn Menschen so unmittelbar mit Gott in Kontakt kommen, muss erst einmal gesagt werden: „Entsetzt euch nicht!“ Immer wenn Menschen durch einen Engel oder direkt vom Himmel die Stimme Gottes hören, sagt diese Stimme zunächst einmal: „Fürchtet euch nicht!“

Offenbar macht es uns Menschen zunächst einmal Angst, wenn Gott uns begegnet. Jedenfalls, wenn uns Gott so begegnet, wie wir es nicht gewohnt waren. Vielleicht haben wir schon hunderte von Predigten gehört – und eines Tages merken wir: Gott ist ja ganz anders. Gott will ja etwas mit mir zu tun haben. Das rührt uns an. Das haut uns vielleicht sogar um. Aber das macht auch Angst. Muss jetzt nicht vieles anders werden in meinem Leben? Ist ein Leben mit Gott nicht auch sehr anstrengend? Ist es nicht manchmal einfacher, im alten Trott weiterzumachen?

Ich weiß auch von Patienten, dass es nicht immer nur schön ist, wenn man eine Aussicht auf Heilung hat. Als kranker Mensch wird einem manches abgenommen, und wenn man nicht anders kann, ist das ja auch gut so und in Ordnung. Aber wenn man die Chance hat, wieder gesund zu werden? Dann wird ja einiges von einem verlangt. Arbeitstherapie. Bestimmte Regeln einhalten. Gesprächsgruppe. Einzelgespräche. Da kommen Gefühle hoch, die weh tun. Da will man manchmal gar nicht dran. Da möchte man manchmal lieber aufhören, lieber abhauen; es ist doch nicht mehr auszuhalten.

Ich kann auch verstehen, wenn manche Menschen sich nach dem Tod sehnen. Denn das Leben auszuhalten, ist manchmal unendlich schwer.

Und trotzdem: Gott will sich nicht mit dem Tod abfinden und auch nicht mit der Sehnsucht nach dem Tod. Er hat den Durchbruch zum Leben geschafft, er hat den Tod matt gesetzt. Die Frauen hören es von diesem jungen Mann, der ihnen am Ostermorgen im Grab begegnet und ihnen ihre Pläne für die Grabpflege durchkreuzt: „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“

Grabpflege, Totenkult – ist nicht mehr nötig, wenn der Tote gar nicht mehr tot ist. Glaube an Jesus ist also alles andere als ein Totenkult, nicht die Erinnerung an einen Verstorbenen, die man wach hält, indem man sein Grab schmückt. Glaube an Jesus ist der Glaube an einen, der lebt, an einen, der auferstanden ist, an einen, der bis heute die Herzen der Menschen anrührt und bewegt. Glaube an Jesus ist der Glaube an das Leben, an ein Leben, das dort erst richtig beginnt, wo alles am Ende zu sein scheint.

Und was sollen die Frauen nun tun? Da stehen sie mit ihren Salben und Ölen, da stehen sie und können den Toten nicht versorgen, hilflos stehen sie da und hören gar nicht richtig zu. Alles ist so ungewöhnlich, so unwirklich. Der junge Mann sagt ihnen sogar, was sie nun tun sollen, aber sie nehmen es kaum wahr: „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“ Weggeschickt werden sie, weg von dem Grab. Und wohin? Dorthin, wo die anderen sind, die weggelaufen waren, die Männer, die auch gedacht hatten, nun sei alles am Ende und alles sei vergeblich gewesen, was Jesus in seinem kurzen Leben gesagt und getan hatte.

Nach Galiläa sollen sie gehen, dorthin, wo sie daheim sind, wo die Männer ihren Fischfang oder ihr Handwerk haben, wo die Frauen für ihre Familien da sind. In dieser ganz gewöhnlichen Wirklichkeit ihres Lebens sollen sie wieder leben, und genau da will Jesus ihnen begegnen, da sollen sie merken: Sie können neu anfangen!

Jesus hatte es ihnen schon vorher gesagt, schon am Tag vor seinem Tod: Wenn ich auferstehen werde, gehe ich vor euch hin nach Galiläa. Dort will ich euch wieder sammeln, von dort aus sollt ihr neuen Mut und neue Stärkung bekommen, um weiterzuleben als meine Jüngerinnen und Jünger, einfach im Alltag eures Lebens. Aber das hatten sie gar nicht richtig mitgekriegt. Die Jünger, am Abend vor Jesu Tod, die hatten das noch gar nicht wahrhaben können, dass Jesus wirklich sterben würde. Sie hatten immer noch den großen Paukenschlag erwartet, die große Veränderung des Lebens auf der Erde vom Himmel her, den Beginn des Reiches Gottes, und Jesus auf dem Thron würde die Welt regieren.

Und die drei Frauen, jetzt am Ostermorgen, sie können noch nicht glauben, dass es wieder etwas anderes geben soll als Trauern, als Grabpflege, als sich Abfinden mit dem düsteren Todesschicksal. Sie gehen zwar weg, nein, sie rennen sogar, aber es ist kein frohes Laufen und Springen, sondern ein Fliehen, voller Zittern und Entsetzen. Noch sind sie nicht fähig, zu begreifen, was da wirklich geschehen ist. Noch geht es nicht „an sie“, dass mit diesem Morgen wirklich etwas neu geworden ist in der Welt.

Darum hört diese Ostergeschichte recht merkwürdig auf: „Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“ Merkwürdig. Kein Osterjubel. Kein Halleluja. Und vielleicht ist gerade das tröstlich. Denn auch heute muss niemand von sich verlangen, auf Kommando fröhlich zu sein. Osterfreude wird erst langsam wachsen, genauso wie Vertrauen, wie Liebe, wie Glaube wachsen muss.

Es braucht seine Zeit, das an sich heranzulassen, was Gott mit uns tun will. Wir brauchen Zeit, um Abschied zu nehmen von vertrauten Gewohnheiten, und wenn wir noch so sehr darunter gelitten hatten. Wer ein Leben lang gewohnt war, misstrauisch zu sein, wird viel Schutz brauchen, um wenigstens zu einigen bestimmten Menschen Vertrauen aufzubauen. Wer immer vor Problemen weggelaufen war, braucht viel Unterstützung dabei, endlich einmal anzufangen, ein Problem nach dem andern zu lösen. Wer zu viel Angst vor bitteren Wahrheiten hatte, braucht viel Mut, um endlich die Augen aufzumachen und zu sehen und zu spüren, wie weh das tut – aber auch, wie befreiend es ist, sich nichts mehr vorzumachen.

Ostermorgen – das Leben ist uns versprochen. Christus lebt – und wir sollen auch leben.

Ein Weg liegt vor uns. Was für ein Weg das ist, ist vielleicht noch nicht klar. Vielleicht müssen wir auf die Suche gehen nach dem richtigen Weg für uns. Vielleicht merken wir dabei, dass wir bislang genau in die falsche Richtung gegangen sind, und brauchen uns nicht mehr zu wundern, warum wir nicht am Ziel anlangen konnten.

Ein Weg liegt vor uns, vielleicht ein sehr langer, beschwerlicher Weg. „Geht hin und sagt weiter, was ihr gehört habt“, bekommen die Frauen gesagt. „Geht hin nach Galiläa“, sollen sie den Männern ausrichten. „Geht hin“, ja, so einen Weg gibt es auch für uns.

Wenn wir ihn gefunden haben, können wir ihn auch gehen, zum Teil allein, manchmal gemeinsam mit anderen, Schritt für Schritt. Es ist jedenfalls ein Weg mit Gott, ein Weg weg vom düsteren Grab, ein Weg zum Leben. Und selbst wenn wir wie die Frauen am Ostermorgen noch ganz verschreckt und verwirrt sind, wenn wir voller Zittern und Entsetzen einfach weglaufen von diesem Ort – es ist doch schon die richtige Richtung, weg von der Sehnsucht nach dem Tod, hin zu etwas Neuem, hin zu der kleinen, langsam keimenden Sehnsucht nach Leben, nach Hoffnung, nach Liebe, nach erfülltem Leben. Ostern – hier beginnt ein Weg, der vom Tod weg zu neuem Leben führt. Ich wünsche Ihnen, ich wünsche uns allen, dass wir uns gegenseitig helfen, unseren Weg zum Leben zu finden und zu gehen. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem Lied 88 die Strophen 1-5:

1) Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin, die Sonn ist aufgegangen. Ermuntre deinen Geist und Sinn, den Heiland zu empfangen, der heute durch des Todes Tür gebrochen aus dem Grab herfür der ganzen Welt zur Wonne.

2) Steh aus dem Grab der Sünden auf und such ein neues Leben, vollführe deinen Glaubenslauf und lass dein Herz sich heben gen Himmel, da dein Jesus ist, und such, was droben, als ein Christ, der geistlich auferstanden.

3) Vergiss nun, was dahinten ist, und tracht nach dem, was droben, damit dein Herz zu jeder Frist zu Jesus sei erhoben. Tritt unter dich die böse Welt und strebe nach des Himmels Zelt, wo Jesus ist zu finden.

4) Quält dich ein schwerer Sorgenstein, dein Jesus wird ihn heben; es kann ein Christ bei Kreuzespein in Freud und Wonne leben. Wird dein Anliegen auf den Herrn und sorge nicht: Er ist nicht fern, weil er ist auferstanden.

5) Geh mit Maria Magdalen und Salome zum Grabe, die früh dahin aus Liebe gehn mit ihrer Salbungsgabe, so wirst du sehn, dass Jesus Christ vom Tod heut auferstanden ist und nicht im Grab zu finden.

Nun feiern wir am Osterfest das heilige Abendmahl miteinander. Wer teilnehmen will, mag dann nach vorn kommen, die anderen bleiben bitte auf ihrem Platz.

Dein Tod, o Herr, ist unser Leben, weil du aus Liebe deinen Leib für uns gegeben, dein Blut für uns vergossen hast. Dein Tod war nicht das Letzte, denn nach dem Tod stehst du auf aus dem Tod und bringst uns neues Leben: Liebe, Hoffnung, Vergebung, Gemeinschaft mit dir und mit anderen Menschen. Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Ostern ist, Herr Jesus Christus, der Tag deiner Geheimnisse und deiner Klarheit. Vor beidem stehen wir heute. Deine Geheimnisse, das sind unsere Toten, sind Kummer und Tränen, sind Kriege und Katastrophen unserer Zeit, sind die Nöte, mit denen wir nicht fertigwerden. Deine Geheimnisse begreifen wir nicht, sie machen dich dunkel und unzugänglich und fügen uns Schmerzen zu. Aber in deine Geheimnisse fällt nun das Licht deiner Klarheit und lädt uns zum Osterjubel ein. Du hast dem Tod und dem Kummer und den Nöten die Macht genommen, und deshalb können wir gegen die dunklen Rätsel in unserem Leben ansingen: Auferstanden ist der Herr! Gegen den Tod, gegen Kummer und Nöte, gegen die Verwüstung unserer Gedanken und Gefühle durch die Sehnsucht nach dem Tod können wir anfangen zu leben. Hilf uns, Herr, den Weg des Lebens zu gehen! Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 75:

1) Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

2) Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen; seit dass er erstanden ist, so lobn wir den Vater Jesu Christ. Kyrieleis.

3) Halleluja, Halleluja, Halleluja! Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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