Sehnsucht nach „Big Brother“?

Bigbrother-Augen

Big Brother is watching you (Fotomontage: pixabay.com)

Gießener Stadtbus, Linie 3, morgens halb acht. Junge Männer auf dem Weg zur Arbeit oder Schule unterhalten sich angeregt. Es fallen Namen wie Zlatko, Jürgen, Kerstin, Alex. „Der Jürgen muss raus, da muss ich nachher noch anrufen.“ – „Hauptsache, Zlatko bleibt drin.“ Inzwischen ist Zlatko doch „draußen“, wird von Harald Schmidt zu Alfred Biolek weitergereicht und teilt sich hohe Honorare mit seinem Fernsehsender. Die Sendung „Big Brother“ hat ihn berühmt gemacht.

Für die einen gehört die Fernseh-Wohngemeinschaft inzwischen zur näheren Bekanntschaft. Andere reagieren entsetzt: Wie kann man sich freiwillig in einen Container sperren und Millionen bei allen privaten Verrichtungen zuschauen lassen? Auch wenn es „nur“ ums Geld geht – wissen wirklich alle, wie verletzlich sie sind und ob sie das verordnete Mobbing durch Nominierung für den Rausschmiß ertragen können?

Was steckt hinter der Sehnsucht nach „Big Brother“? Zwischen Arbeitslosigkeit und Börsenfieber sehnen sich junge Leute im Jahr 2000 offenbar nach überschaubaren Verhältnissen. Durch „Big Brother“ erfährt man den neuesten Klatsch über das Privatleben von Personen, die jeder kennt – ganz wie früher im Dorf. Orwells Alptraum vom Überwachungsstaat erscheint nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr als bedrohlich – auch kann man sich nach dem Ende der ideologischen Links-Rechts-Auseinandersetzungen wenigstens mit denen streiten, die sich über die Sendung empören.

Vielleicht sehnt man sich auch danach, gesehen zu werden, so wie man wirklich ist. Gesehen werden birgt aber Risiken: Wer mich sieht, kann mich auch ablehnen, auslachen, ignorieren.

Schöner ist es, Menschen zu kennen, die mich sehen – und lieb haben, in der Familie, unter Freunden, in einer Kirchengemeinde. Und es tut gut, zu einem Gott zu reden wie im Psalm 139, 1-5:

HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

Gedanken zum Sonntag im Frühjahr 2000 für den Gießener Anzeiger von Helmut Schütz, Pfarrer der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

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