Eingeboren

Eine weihnachtliche Betrachtung zu einem Wort und einem Vers aus dem Johannesevangelium.

Was bedeutet eigentlich das merkwürdige Wort „eingeboren“, wenn der Evangelist Johannes vom „eingeborenen Sohn des Vaters“ spricht? Wie kann „das Wort Fleisch werden“? Was ist die „Herrlichkeit“, die man dann zu sehen bekommt? Nach Ton Veerkamp sollten all diese christlichen Begriffe von ihrem jüdischen Ursprung her ausgelegt werden.

Vom eingeborenen Sohn ist auch in Johannes 3, 16 die Rede (Bild: Prof. emeritus Hans Schneider (Geyersberg), CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Seit fast einem halben Jahr beschäftige ich mich mit der faszinierenden Auslegung des Johannesevangeliums von Ton Veerkamp. Ein Wort aus diesem Evangelium hat mich zu einer weihnachtlichen Betrachtung angeregt: Das Wort „monogenēs“, „eingeboren“. Wir finden es gleich im ersten Kapitel, Johannes 1, 14. Martin Luther übersetzt den Vers so:

Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des EINGEBORENEN Sohnes vom Vater,
voller Gnade und Wahrheit.

Ich habe mit dem Wort EINGEBOREN immer Schwierigkeiten gehabt. Landläufig wurden damit früher die Ureinwohner eines Landes bezeichnet. Aber ich wusste schon, dass in der Bibel das nicht gemeint sein konnte, denn als ein solcher Eingeborener hätte Jesus von den Völkern der Kanaanäer abstammen müssen, die bereits vor den Israeliten im Land gelebt hatten.

Schließlich lernte ich, dass für uns Christen der EINGEBORENE Sohn der „einzige“ Sohn des allmächtigen Gottes ist, der als Menschenkind in unsere Welt „hineingeboren“ wurde. Jedenfalls meinen wir Christen das zu wissen.

Aber verstehen wir auch, was das bedeutet? Und stimmt das so überhaupt? Ist Jesus wirklich der „einzige“ Sohn Gottes? Und was genau ist damit gemeint, dass Gott einen „Sohn“ hat? Fragen über Fragen…!

Ich gehe einmal den Vers Johannes 1, 14 Zeile für Zeile durch, um etwas mehr Durchblick zu gewinnen. Dabei fange ich mit der zweiten Hälfte der vierten Zeile an:

Des eingeborenen SOHNES vom VATER.

Mit dem VATER ist hier der Gott Israels gemeint. Und überall, wo im Johannesevangeliums dieses Wort auf Gott bezogen ist, könnten wir den Gottesnamen „JHWH“ einsetzen, mit dem sich im Alten Testament Gott selbst offenbart, der aber nicht ausgesprochen wurde. Unsere Bibelübersetzungen schreiben für diesen Namen immer „HERR“. Juden sagen dafür „ADONAJ“, was auch „(mein) Herr“ bedeutet, oder „der EWIGE“ oder „HaSCHEM“, „der NAME“. Und Johannes sagt „VATER“, um den NAMEN des Gottes Israels zu umschreiben.

Wörtlich genommen steht das Wort SOHN hier gar nicht im Text. Johannes redet vom „Eingeborenen beim Vater“. Luther ergänzt in seiner Übersetzung das Wort „Sohn“. Um was für einen Sohn handelt es sich hier?

Auf keinen Fall kann der Gott Israels in der Weise einen Sohn haben, wie die griechischen oder römischen Götter Söhne hatten. Solch ein Sohn wäre ein zweiter Gott gewesen, der neben den einen Gott getreten wäre, und das ist nicht nur für Juden unerträglich, sondern auch für Christen.

In der hebräischen Sprache ist ein Sohn jemand, der das Lebenswerk des Vaters fortsetzt und zur Vollendung bringt. So beschreibt es Jesus selbst in Johannes 5, 19:

Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn.

Von daher ist es auch gar nicht ungewöhnlich, dass schon nach dem 2. Buch Mose 4, 22 Gott einen Sohn hat, nämlich Israel:

So spricht der HERR: Israel ist mein erstgeborener Sohn.

Gemeint ist damit: Gott erwählt dieses Volk Israel als kleinstes unter allen Völkern, weil er es liebt (5. Mose 7, 7-8). Seine Liebe und Treue zu Israel zeigen sich darin, dass er Israel aus Unterdrückung und Versklavung befreit, und auch darin, dass er das Volk in seiner Tora dazu verpflichtet, nun auch selber niemanden zu unterdrücken und auszubeuten. Ein vom Gott der Befreiung befreites Volk sollte nach einer Disziplin der Freiheit leben – das ist mit Gottes Tora gemeint, mit seiner Wegweisung, mit seinem WORT.

Damit sind wir bei der ersten Zeile unseres Verses Johannes 1, 14:

Und das WORT ward FLEISCH.

Es geht hier um genau das eben beschriebene befreiende WORT Gottes, das mehr ist als bloße Worte. Dieses WORT umfasst das gesamte befreiende Handeln Gottes. Und dieses WORT wird FLEISCH.

Wieder so ein schwieriges Wort. Im hebräischen Denken sind mit FLEISCH unsere ganz bestimmten menschlichen Lebensumstände gemeint. Deshalb nimmt hier nicht Jesus als ein vormals jenseitiges Wesen einfach so „Fleisch und Blut“ an, er wird also nicht ganz allgemein als Mensch geboren. Vielmehr kommt der befreiende, liebende Wille des Gottes Israels in einem ganz bestimmten jüdischen Menschen zur Welt, der nach Johannes ein leiblicher Sohn von Josef aus Nazareth in Galiläa ist (Johannes 1, 45 und 6, 42).

Das also ist gemeint mit dem SOHN des VATERS: Jesus ist als SOHN des Gottes Israels kein zweiter Gott, sondern als Mensch verkörpert er vollkommen des Willen dieses einen und einzigen Gottes, nämlich sein befreiendes, Recht und Frieden schaffendes WORT.

Wir kommen zur zweiten Zeile von Johannes 1, 14:

Es WOHNTE unter uns.

Wieder ist die Lutherübersetzung ungenau. Johannes benutzt ein Wort, das „zelten“ bedeutet. Das FLEISCH gewordene WORT hat sein ZELT unter uns. Und wer die Bibel kennt, erinnert sich bei diesem Wort an das ZELT DER BEGEGNUNG (von Luther mit „Stiftshütte“ übersetzt). Von hier aus sprach Gott mit Mose und rief ihm das WORT der Befreiung zu (3. Mose 1,1). In der Zeit der Wanderung durch die Wüste war dieses ZELT der Ort, wo Gott mitten unter seinem Volk „wohnte“. Später begegnete Gott dem Volk Israel im Tempel zu Jerusalem. Nachdem das Heiligtum in Jerusalem durch die Römer zerstört worden war, ist für das Johannesevangelium nun Jesus das neue ZELT DER BEGEGNUNG. Und da bereits im ZELT DER BEGEGNUNG der Gott Israels mit seiner HERRLICHKEIT wohnte, ist es auch folgerichtig, dass in der dritten Zeile von dieser HERRLICHKEIT die Rede ist.

Und wir sahen seine HERRLICHKEIT.

Mit dem Wort HERRLICHKEIT übersetzt Luther das griechische Wort „doxa“, das später ins Lateinische mit „gloria“ übertragen wurde und auf das hebräische Wort „kavod“ zurückging. Mein Hebräischlehrer hatte uns als Eselsbrücke, um das Wort „kavod“ zu lernen, die deutschen Wörter „Kawenzmann“ und „kawumm“ genannt – mit einer solchen Wucht und Gewalt hatte das Wort zu tun, mit dem in Israel die Durchsetzungskraft der befreienden Macht Gottes bezeichnet wurde.

Ton Veerkamp schlägt vor, dieses Wort mit EHRE zu übersetzen und fügt hinzu, dass die EHRE des Gottes Israel darin besteht, für die Freiheit und das Recht seines Volkes Israel einzutreten – und auch dafür, dass nach Gottes Willen niemand in seinem Volk erniedrigt und ausgebeutet werden und seine Würde verlieren darf.

Aber wie kann man diese EHRE Gottes, die in Jesus wohnt, sehen, wörtlich „anschauen“ (griech. „theaomai“, wo unser Wort „Theater“ herkommt)? Das wird in den folgenden beiden Zeilen angedeutet, zunächst Zeile 4:

Eine HERRLICHKEIT als des EINGEBORENEN Sohnes vom Vater.

Im EINGEBORENEN Sohn also kann die HERRLICHKEIT des Gottes Israels angeschaut werden. Daher müssen wir das Wort EINGEBOREN genau unter die Lupe nehmen.

Das griechische Wort „monogenēs“ heißt eigentlich einfach „einzig geboren“ oder „einzig gezeugt“. In den Evangelien kommt es nur bei Lukas und Johannes vor, und nur in den johanneischen Schriften wird es auf Jesus angewandt. Bei Lukas meint das Wort drei Mal den „einzigen“ Sohn oder die „einzige“ Tochter, deren Leben bedroht ist und die Jesus vom Tod errettet.

Dann gibt es noch eine einzige andere Stelle im Neuen Testament mit dem Wort „monogenēs“, nämlich im Hebräerbrief 11, 17-19:

Durch den Glauben hat Abraham den Isaak dargebracht, als er versucht wurde, und gab den EINZIGEN Sohn dahin, als er schon die Verheißungen empfangen hatte, von dem gesagt worden war: ‚Nach Isaak wird dein Geschlecht genannt werden.‘ Er dachte: Gott kann auch von den Toten erwecken; als ein Gleichnis dafür bekam er ihn auch wieder.

Diese Stelle führt uns auf der Suche nach dem Verständnis des EINZIGEN Sohnes in das Kapitel 1. Mose 22. Dort wird Isaak drei Mal als der „einzige Sohn“ bezeichnet, auf Hebräisch „jachid“; in der dortigen griechischen Übersetzung steht allerdings nicht „monogenēs“, sondern „agapētos“, der GELIEBTE Sohn.

Nun könnten wir denken: Was geht uns Christen dieser Isaak an? Der war einer der Stammväter Israels, für uns höchstens „um die Ecke“ von Bedeutung. Der war nicht Gottes, sondern Abrahams Sohn. Jesus ist viel bedeutender, der ist Gottes Sohn.

Aber nun haben wir eben gesehen: Im Alten Testament wird durchaus schon Israel als Gottes „erstgeborener“ Sohn bezeichnet. Und Israel als Volk geht ja nicht nur auf Jakob zurück, der von Gott den Namen „Israel“ erhielt, sondern Jakob hatte den Segen, durch den er der Stammvater Israels wurde, von seinem Vater Isaak erhalten.

Schon Isaak war also die erste Verkörperung des Volkes Israel, das Gott als seinen „erstgeborenen Sohn“ bezeichnet. Dieser „einzige“, „geliebte“ Sohn Abrahams ist schon damals im Grunde in Wahrheit ein Sohn Gottes. Dafür sprechen drei Gründe:

  1. Abraham ist zwar der leibliche Vater Isaaks. Aber davon wird im 1. Buch Mose nur sehr zurückhaltend gesprochen. Während es von Adam, Noah, Isaak, Esau, Jakob und mehreren anderen einen Liste von Söhnen und weiteren Nachkommen gibt („toledot“, „Stammbaum“), fehlt ein solcher Stammbaum ausgerechnet für Abraham. Abraham wird vielmehr (1. Mose 25, 19) zum Stammbaum seines Sohnes Isaak gerechnet!
  2. Wo von der Geburt Isaaks erzählt wird (1. Mose 21, 3), ist von dem Sohn die Rede, „der ihm geboren wurde, Isaak, den ihm Sara gebar.“ Abraham bleibt passiv, Sara ist diejenige, die den Sohn zur Welt bringt. Ganz ähnlich, wie später bei Matthäus und Lukas die Rolle Josefs als Vater Jesu zugunsten der Mutter Maria in den Hintergrund tritt, ist schon Abrahams Sohn der von Gott nicht nur verheißene, sondern auch geschenkte Sohn.
  3. Im Kapitel 1. Mose 22, auf das sich der Hebräerbrief bezieht, muss Abraham bereit sein, Gott seinen Sohn zurückzugeben. Erst dann wird er ihm wieder neu anvertraut – als der von Gott geschenkte Sohn, auf dem die Verheißung ruht, zum Volk Israel heranzuwachsen, zum „erstgeborenen Sohn Gottes“.

Das heißt aber: Jesus ist nicht der erste EINGEBORENE Sohn Gottes, sondern er ist der „neue Isaak“, eine neue Verkörperung des EINZIGEN Sohnes. So verkörpert Jesus nicht nur das befreiende WORT Gottes, sondern auch das Volk Israel selbst. Das bedeutet: Im Leiden und Sterben Jesu spiegelt sich auch der Leidensweg des Volkes Israel wider. Auch ihn nimmt Jesus auf sich.

Nun könnte auch klar werden, inwiefern wir in diesem EINGEBORENEN Sohn, diesem zweiten Isaak, der das Volk Israel verkörpert, die HERRLICHKEIT, die EHRE des Gottes Israels anschauen können: Wir sehen sie dort, wo die EHRE ISRAELS gewahrt oder wiederhergestellt wird. Wo dem Antisemitismus entgegentreten wird, ist etwas davon sichtbar. Auch dort, wo wir antijüdisches Gedankengut überwinden, das auch immer noch in unserem Christentum vorhanden ist, sogar in unseren Bibelübersetzungen, in denn oft gar nicht deutlich wird, wie jüdisch etwa die Evangelisten oder Paulus gedacht haben.

Das kann ich hier nicht weiter ausführen – ich deute nur an: Nach Ton Veerkamp ist es Jesu Ziel im Johannesevangelium, alle über die Welt zerstreuten Kinder Israels in einer Gemeinde des Messias Jesus zusammenzuführen, das heißt erstens die Juden, zweitens die Samaritaner, die auf die „verlorenen“ zehn Nordstämme zurückgehen, und drittens zusätzlich Menschen aus den Völkern, die auf Jesus vertrauen wollen.

Wir wissen: Es ist anders gekommen. Schon früh haben Heidenchristen total ins Gegenteil verkehrt, was Johannes sagen wollte. Sie haben ihn so verstanden, dass Jesus die Juden aus dem Bund mit Gott verstoßen und STATTDESSEN die Heiden aus den Völkern als neues Volk erwählt hätte.

Eine Zeile aus Johannes 1, 14 fehlt noch, die fünfte:

Voller GNADE und WAHRHEIT.

Das ist die genauere Bestimmung der EHRE Gottes, die in den Worten und Taten Jesu, in seinem Leben und Sterben zum Ausdruck kommt. Und wieder erkennt man bei diesen beiden Worten durch die übliche Übersetzung nichts mehr von ihrem ursprünglich jüdischen Hintergrund. Die griechischen Wörter „charis“ und „alētheia“, die hier stehen, gehen nämlich auf die hebräische Wortverbindung „chesed we-emet“ zurück, womit in der Regel die „LIEBE und TREUE“ Gottes gemeint ist.

Die Übersetzung „Gnade“ für die LIEBE Gottes, also für das solidarische Eintreten Gottes für sein Volk, ist nicht ganz falsch, aber der befreiende Gott Israels „ist nicht von oben herab gnädig“ (Ton Veerkamp).

Auch ist Gott natürlich kein Lügner, daher auch ein Gott der Wahrheit, aber diese Wahrheitsliebe ist nur ein Teil seiner umfassenden TREUE, die sein Volk Israel niemals aufgeben würde.

Und uns Christen würde es gut tun, sich immer wieder vor Augen zu halten: In den Bund der LIEBE und TREUE Gottes zu seinem Volk Israel sind wir Menschen der Völker durch Jesus nur nachträglich mit hineingenommen worden. Wenn uns das bewusst ist, dürfen wir uns ebenso wie Israel darauf verlassen, dass Gott uns in dieser LIEBE und TREUE niemals fallen lassen wird – allerdings wird er auch nie aufhören, und dazu herauszufordern, gemäß dieser LIEBE und TREUE zu handeln.

Zum Abschluss noch einmal Johannes 1, 14 in der Übersetzung von Ton Veerkamp:

Das Wort geschieht als Fleisch,
hat sein Zelt bei uns,
wir schauen seine Ehre,
eine Ehre als die eines Einziggezeugten beim VATER,
erfüllt von solidarischer Treue.

In diesem Sinne wünsche ich allen, die bis hierhin durchgehalten haben, meine Betrachtung zu lesen, ein Weihnachtsfest 2020 im Geiste einer Liebe und Solidarität, die auf Abstand bedacht ist, auch wenn es weh tut, tief empfundene Nähe nicht wie gewohnt ausdrücken zu können.

Ihr und euer Pfarrer Helmut Schütz

 

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