Nicht zum Mitläufer geboren

Trauerfeier für einen Mann, der im Hitlerdeutschland nicht zum Mitläufer wurde und sich in der konfliktreichen Nachkriegszeit seiner Verantwortung stellte. Gutes und Barmherzigkeit folgten ihm sein Leben lang.

Der Verstorbene war nicht zum Mitläufer geboren: Bild einer Menschenmenge, die im Gleichschritt zu marschieren scheint.

Der Verstorbene war nicht zum Mitläufer geboren (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier zusammengekommen, um von Herrn E. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist. Wir sind im Namen dessen versammelt, zu dem wir rufen können (Psalm 73, 23-26):

Dennnoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Wo wir auf Gott unser Vertrauen richten, da nehmen wir das Leben und den Tod aus seiner Hand. Wir nehmen hin, was nicht zu ändern ist, und wissen, dass ER uns nicht allein lässt, nicht in glücklichen Tagen, und auch nicht, wenn wir traurig sind und alles in uns leer ist. Menschen der Bibel helfen uns, unsere Gedanken und unser Fühlen auf Gott hin auszurichten. Sie haben uns Gebete hinterlassen, in denen wir uns wiederfinden können und die uns anregen zum eigenen Beten. Lasst uns beten mit Psalm 23, 1-6:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Liebe Frau E., liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde!

Nun sind wir erneut hierhergekommen innerhalb recht kurzer Zeit, um ein Mitglied Ihrer Familie zu bestatten. Wir denken an Herrn E. zurück, an sein langes Leben, besinnen uns darauf, was dieses Leben erfüllt hat und was nun bleibt nach seinem Tod. Wir denken auch darüber nach, was nun werden soll, wie die Trauer bewältigt werden kann und wie wir einander beistehen können.

Wir können dies alles tun im Vertrauen auf den Guten Hirten, zu dem wir gebetet haben mit den alten Worten des 23. Psalms. Denn Gott ist uns nah an den sonnigen Höhepunkten unseres Lebens, aber auch in den finsteren Tälern. Gott war der stille Begleiter des nun Verstorbenen, und vielleicht können Sie zustimmen, wenn ich das Schlusswort des Psalms auf ihn beziehe (Psalm 23, 6):

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

Vordergründig gesehen scheint dieses Wort nicht so ganz auf Herrn E. zu passen. Immerhin hat er die Eltern und einen Bruder schon früh verloren. Er kannte die Schrecken des Krieges und die materielle Not der ausgehenden 20er Jahre in einer Familie, von der zwei Männer nicht aus dem Krieg heimgekehrt waren.

Aber der junge Herr E. war offenbar mit einer gesunden Konstitution begabt und auch seelisch belastbar; er begann bald, mit seiner jungen Frau eine eigene Familie aufzubauen. Hierher zog er gerade in den Jahren, als die neue völkische Bewegung auch von diesem Dorf Besitz ergriff.

Nun war Herr E. nicht zum Mitläufer geboren. Seine Erfahrungen im und nach dem Ersten Weltkrieg führten ihn offenbar zu einer wachsamen und bewussten Einstellung, die ihn gegenüber der verführerischen neuen Ideologie des Nationalsozialismus unempfänglich machte. Es war nicht ungefährlich, damals solch eine distanzierte Haltung zu bewahren; und es war gut, dass Herr E. unter den örtlichen Parteioberen Menschen fand, die ihn schützten, statt ihn anzuschwärzen. Die junge Familie wuchs in diesen Jahren; beruflich war Herr E., der durch die schwere Jugendzeit keinen Beruf von der Pike auf erlernen konnte, zunächst in verschiedenen Firmen als Arbeiter tätig, bis er bis zum Ende des Krieges als Bergmann dienstverpflichtet wurde.

Waren die Jahre von 1933 bis 1945 in vieler Hinsicht keine leichten Jahre, so kamen in den Nachkriegsjahren noch ganz andere Herausforderungen auf Herrn E. zu. Als unbelasteter Bürger wurde er bald von der Militärregierung dazu ausersehen, ein verantwortungsvolles Amt für die Bürgerschaft wahrzunehmen. Diese Aufgabe nahm Herr E. sehr ernst, und er steckte eine Menge Entschlossenheit, Menschlichkeit und persönliches Engagement in seine Tätigkeit, die ihm nicht nur Freunde machte. Immerhin war in der Nachkriegszeit nicht nur eine akute Versorgungskrise mit Nahrungsmitteln und Brennmaterial zu bewältigen, sondern es galt auch, einer großen Anzahl von ausgebombten Familien aus der Großstadt sowie den aus den deutschen Ostgebieten vertriebenen Landsleuten einen Platz zum Wohnen zu vermitteln. Das heißt, Herrn E. oblagen durchaus undankbare Aufgaben, zum Beispiel die Verteilung der Bezugsscheine für Lebensmittel zu organisieren und dafür zu sorgen – notfalls auch mit Druckmitteln – dass Bürger Wohnraum für Flüchtlinge bereitstellten. Er erfüllte seine Pflicht so entschieden und zugleich besonnen, dass ihm wohl niemand nachträglich den menschlichen Respekt versagen kann und dass ihm besonders die Familien der Vertriebenen noch viele Jahre hindurch in Dankbarkeit verbunden blieben.

Aber im Grunde kommt es ja auch nicht darauf an, ob man sich in der Ausübung seines Dienstes bei allen Menschen beliebt macht. Was Herr E. damals getan hat, kann sich an anderen Maßstäben messen lassen. Ich musste an ein Bibelwort denken aus dem 5. Buch Mose – Deuteronomium 10, 17-19:

Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren, der große Gott, der Mächtige und der Schreckliche, der die Person nicht ansieht und kein Geschenk nimmt und schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, daß er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.

Später machte er sich selbständig und betrieb ein eigenes Unternehmen: die Familie wurde größer. Zwischen Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln wurden herzliche Beziehungen aufgebaut und erhalten, wie ich als Außenstehender sie besonders anlässlich von Geburtstagsfeiern miterleben konnte und wie sie auch daran abzulesen sind, dass alle Kinder mit ihren Familien in der Nähe der Eltern bzw. Großeltern wohnen blieben.

Wie ist das nun mit dem Bibelvers, den ich zu Beginn der Ansprache auf das Leben von Herrn E. bezog (Psalm 23, 6)?

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

Dieser Spruch beschreibt nicht das Leben, wie es an der Oberfläche sichtbar ist, sondern lässt tiefer blicken. Es geht hier um das Gute, das Menschen einander erweisen, um Menschlichkeit und Dankbarkeit; und es geht um die Bewahrung, die jemand auch in schweren Zeiten erfahren kann. Im letzten wird hier dem Glauben an ein blindes, unbarmherziges Schicksal widersprochen und ein kindliches Vertrauen zu dem Vater im Himmel ausgedrückt. Es ist der Vater, in dessen Hand wir geborgen sind, der uns allerdings zugleich auch zumutet, allen Menschen so zu begegnen, als seien sie unsere Geschwister. Dankbar können wir dafür sein, dass Herr E. nicht nur Gutes und Barmherzigkeit erfahren durfte, sondern auch anderen Menschen davon etwas weitergeben konnte.

Was noch zur Dankbarkeit herausfordert, ist die Erinnerung daran, dass Herr E. sein Leben lang gesund war und selbst zuletzt nicht ins Krankenhaus musste. Nur in den letzten beiden Jahren ließen seine körperlichen und geistigen Kräfte mehr und mehr nach, so dass er auf die intensive Pflege und Betreuung und das Verständnis seiner Familie angewiesen war. Aber eben durch die Familie erfuhr er auch jetzt, in den Tagen der Schwäche, viel Gutes und Barmherzigkeit. Es richtet sich nicht immer nach unseren Wünschen, wie ein Leben zu Ende geht und ausklingt, doch in Gottes Augen behält auch der hilflos gewordene Mensch seine Würde und ist von Gott nicht verlassen, so dass wir mit dem Psalmdichter beten können (Psalm 73, 26):

Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Er ist immer schwächer geworden und nun ganz still und friedlich gestorben, ohne Schmerzen erleiden zu müssen, um nun, wie es ganz am Ende von Psalm 23 heißt, zu

bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Wir geben ihn hin in die Hände unseres himmlischen Vaters, in dessen Hause viele Wohnungen sind, die für uns bereitstehen.

Ihre Familie hat schon viel bewältigen müssen in diesem Jahr; nun treten Sie wieder den schweren Weg zum Grab eines geliebten Angehörigen an. Gott schenke Ihnen die Gewissheit, dass Trost vorhanden ist – er selber will uns trösten, wie eine Mutter tröstet. Gott schenke Ihnen die Kraft, einander zu halten und zu tragen und beizustehen, auch da, wo Worte versagen und wo es einfach gilt, da zu sein und zuzuhören oder einzuspringen, wo Not am Mann ist. Und wenn wir uns, in der Stunde, in der wir einen Menschen zu Grabe tragen, nach dem Sinn des Lebens fragen, so schenke uns Gott den zuversichtlichen Glauben an seine Güte und Barmherzigkeit, durch die unser Leben ein erfülltes Leben wird. Das wird bleiben, auch wenn alles andere vergeht:

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Amen.

Hinweise zur Veröffentlichung anonymisierter Texte von Trauerfeiern auf dieser Homepage

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.