Danken, um zu teilen

Beim interreligiösen Erntedankfest gibt es „Die Spielsachen und das Teilen“ von Kita-Kindern und ein Lied vom Mädchenchor der DITIB. Abderrahim En-Nosse hält eine islamische Ansprache über Gottes Erbarmen und das Teilen, Pfarrer Helmut Schütz eine christliche Ansprache über Philipper 1, 2-5. Und Tugba Sahin erinnert ans Bayram Kurban, das zur Zeit stattfindet: auch im islamischen Opferfest geht es ums Teilen.

Interreligiöses Erntedankfest am Sonntag, 27. September 2015, um 11.00 Uhr auf dem Gelände der Gärtnerei Koch am Wißmarer Weg 175 in Gießen
Zum dritten Mal: Interreligiöses Erntedankfest bei der Gärtnerei Koch in Gießen

Zum dritten Mal: Interreligiöses Erntedankfest bei der Gärtnerei Koch in Gießen

Vorspiel auf dem Keyboard (Anita Kolbus)
Begrüßung (Peter Kubik)

Herzlich willkommen auf dem Gelände der Gärtnerei Koch, wo wir in diesem Jahr zum dritten Mal gemeinsam das Erntedankfest feiern!

Wir: das sind Mitglieder der Evangelischen Paulusgemeinde und der Türkisch-Islamischen Gemeinde, das sind Kinder und Eltern aus dem Kinder- und Familienzentrum der Paulusgemeinde und viele andere mehr.

Ich bin Peter Kubik vom Kirchenvorstand der Paulusgemeinde. An der Gestaltung der Feier sind viele beteiligt: die Erzieherinnen Sabine Weber und Jasmin Fischer mit Kindern aus dem Paulus-Kindergarten; Tugba Sahin und der Mädchenchor aus der Türkisch- Islamischen Gemeinde; und schließlich Abderrahim En-Nosse, Pfarrer Helmut Schütz und die Organistin Anita Kolbus. Imam Mohammet Duran ist heute leider verhindert; an seiner Stelle wird der 12-jährige Ahmed Erol die Sure 1 aus dem Koran singen.

„Danken, um zu teilen“, so lautet das Motto, unter dem wir Erntedank in einer Gemeinschaft von Menschen feiern, die unterschiedlichen Konfessionen und Religionen angehören.

Herzlichen Dank sagen wir der Familie Koch, dass wir hier zusammen feiern, essen und nachher Kürbisse schnitzen können!

Als erstes Lied singen wir das Lied „Danke“.

Lied 334 (Keyboard – Kolbus, Gitarre – Schütz): Danke für diesen guten Morgen
Pfarrer Helmut Schütz eröffnet die Feier im Namen des einen Gottes, der uns auf dreifache Weise begegnet

Pfarrer Helmut Schütz eröffnet die Feier im Namen des einen Gottes, der uns auf dreifache Weise begegnet (Foto: Hähner)

Christliche Eröffnung im Namen des dreieinigen Gottes (Pfarrer Schütz)

Als Christen beginnen wir jeden Gottesdienst im Namen des einen Gottes, der auf dreifache Weise für uns da ist. Er ist der Vater, der die Welt und uns geschaffen hat. Er ist die Liebe, die in Jesus Christus menschliche Gestalt angenommen hat. Er ist die Liebe, die er uns schenkt durch seinen Heiligen Geist.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Islamische Eröffnung mit der Eröffnungssure des Koran (Ahmed Erol – auf Deutsch: Tugba Sahin)

Im Namen Gottes, des Allerbarmenden und Barmherzigen. Lob sei Gott, dem Weltenherrn, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, dem König am Tag des Gerichts! Dir dienen wir und dich bitten wir um Hilfe. Führe uns den geraden Weg, den Weg der Menschen, denen du Gnade schenkst, nicht der Menschen, auf die du zornig bist, nicht der Menschen, die den falschen Weg gehen.

Lied des Mädchenchors der DITIB
Lied vom Mädchenchor der Türkisch-Islamischen Gemeinde Gießen

Lied vom Mädchenchor der Türkisch-Islamischen Gemeinde Gießen (Foto: Hähner)

Christliche Ansprache (Helmut Schütz / Peter Kubik)

Liebe Gemeinde, warum tun wir uns schwer mit dem Danken? Vielleicht hat das ja gute Gründe.

„Du hättest wenigstens ‚danke‘ sagen können.“ Wenn ich das als Kind höre, kriege ich ein schlechtes Gewissen, denn die Tante hat mir ein Buch geschenkt, das ich gar nicht mag, sie hat nicht mal gefragt, was ich mir wirklich wünsche, und jetzt soll ich so tun, als ob ich mich freue und ihr ‚Danke‘ sagen, obwohl ich mich ärgere. Und ich verstehe ja auch, dass die Mama sagt, wenn du nicht ‚Danke‘ sagst, dann ist die Tante traurig. Aber ich bin doch auch traurig, weil ich viel lieber ein anderes Geschenk gehabt hätte. Es hätte ja gar nicht so teuer sein müssen.

Wenn ich einem Erwachsenen etwas schenke, und er sagt mir: „Wie soll ich dir jemals dafür danken?“ oder „Ich werde dir auf ewig dankbar sein“, dann ist mir das eher peinlich. Denn ich denke: So groß war mein Geschenk nun auch wieder nicht. Dann sage ich vielleicht: „Nichts zu danken!“ Aber wenn der andere sich gar nicht bedankt, wäre ich auch ein wenig enttäuscht.

Warum ist das so schwer mit dem Danken? Liegt das daran, dass wir oft meinen, wir müssten genau so viel geben wie nehmen, genau so viel kriegen wie schenken? Geht es im menschlichen Miteinander ständig um eine Art Geschäft, und wenn wir nicht mit Geld bezahlen können, dann wenigstens mit einem Dank?

Pfarrer Helmut Schütz fragt: Warum ist das so schwer mit dem Dank?

Pfarrer Helmut Schütz fragt: Warum ist das so schwer mit dem Dank?

Die evangelische Theologin Magdalene Frettlöh schrieb einmal: „Wir schulden Dank, wir rechnen und zahlen mit Dank. Wer eine Wohltat annimmt, macht sich schuldig. Der Dank fungiert als Zahlungsmittel, mit dem die Schuld beglichen wird.“

Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat in seinem Buch „Menschliches, Allzumenschliches“ sogar gemeint: Das Danken ist „eine mildere Form der Rache“. „Wer dankt, zahlt heim. Wer dankt, revanchiert sich“ (so Frettlöh).

Danken wir also, um einander nichts schuldig bleiben zu wollen, um nicht abhängig zu sein von der Großzügigkeit anderer? Da ist etwas dran. Nehme ich etwas Gutes an, dann gebe ich zu, dass ich etwas brauche. Ich bin bedürftig. In gewisser Weise bin ich schwach. Und wenn ich nun überschwänglich danke, versuche ich, diese Schwäche wieder auszugleichen, diesen „Fehler“ auszubügeln. Ich will dem Gebenden nicht unter-geben sein. Vielleicht will ich ihn jetzt mir verpflichten? Kommt das bei ihm vielleicht dann wieder so an, als ob ich noch mehr haben möchte? Es ist kompliziert: Wenn wir einander nicht danken oder nicht richtig danken, dann stoßen wir einander vor den Kopf. Aber wenn wir einander danken, dann ist es oft so, als tun wir nur eine Pflicht.

Wie ist das eigentlich in der Bibel? In der Bibel gibt es „keine einzige Aufforderung zur Dankbarkeit gegenüber den Mitmenschen“ (Frettlöh). Heißt das, die Bibel will uns zur Undankbarkeit anstiften? Im Gegenteil!

Kirchenvorsteher Peter Kubik und Pfarrer Helmut Schütz halten eine christliche Ansprache

Kirchenvorsteher Peter Kubik und Pfarrer Helmut Schütz halten die christliche Ansprache

Hören wir, was der Apostel Paulus am Anfang seines Briefes an die Gemeinde in Philippi, im heutigen Mazedonien, schreibt (Philipper 1, 2-5 – eigene Übersetzung):

Ich wünsche euch Liebe und Frieden von Gott und Jesus! Immer, wenn ich an euch denke, danke ich Gott. Immer wenn ich bete, denke ich mit Freude an euch, weil ihr auf Gott vertraut und in der Gemeinde zusammenhaltet, obwohl ihr so verschieden seid, ihr Juden und ihr Griechen, ihr Menschen aus unterschiedlichen Völkern.

Paulus ist sehr dankbar für die Menschen in Philippi. Er hat dort eine Gemeinde von Leuten gegründet, die an Jesus glauben. Er hört viel Gutes über sie. Sie sind füreinander da, sie teilen miteinander, Arme und Reiche, Juden, Römer, Griechen.

Aber Paulus dankt ihnen nicht persönlich, sondern seinen Dank für sie richtet er an Gott. Er sagt: „Gott sei Dank für diese wunderbaren Menschen! Gott sei Dank für so viel, was diese Menschen mir und anderen schenken!“ Die Leute in Philippi lesen das und können sich freuen: Paulus ist nicht undankbar, obwohl er seinen Dank an Gott und nicht an sie selbst richtet.

Paulus freut sich, weil Gott den Menschen so viel geschenkt hat. Er freut sich noch mehr, weil die Menschen die Geschenke von Gott weitergeschenkt haben. Darum dankt er Gott, denn er will, dass Gott sich darüber mit freut. Und tatsächlich freut Gott sich doppelt: erstens darüber, dass die Menschen seine Liebe annehmen, und zweitens darüber, dass sie die Liebe unter den Menschen weitergegeben und vermehrt haben. Gott freut sich, wenn wir miteinander teilen, wenn wir aus Freude dankbar sind. Amen.

Wir singen das Erntedanklied „Wir pflügen und wir streuen“:

Lied 508, 1-4 (Keyboard: Kolbus)

1. Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand: der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

2. Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein, er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

3. Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her, der Strohhalm und die Sterne, der Sperling und das Meer. Von ihm sind Büsch und Blätter und Korn und Obst von ihm, das schöne Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

4. Er lässt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf; er lässt die Winde wehen und tut den Himmel auf. Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot; er gibt den Kühen Weide und unsern Kindern Brot. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

Jetzt stellen uns die Kindergartenkinder eine kleine Szene vom Teilen vor:

„Die Spielsachen und das Teilen“ (Sabine Weber, Jasmin Fischer und Kita-Kinder)
Sabine Weber und Jasmin Fischer führen mit den Kita-Kindern vor, wie das Teilen geht

Sabine Weber und Jasmin Fischer führen mit den Kita-Kindern vor, wie das Teilen geht

Gemeinsam mit den Kita- Kindern singen wir ein Lied vom Teilen:

Lied (Keyboard – Kolbus, Gitarre – Schütz): Wir teilen die Äpfel aus
Islamische Ansprache:
„Durch Gottes Erbarmen sind wir glücklich, um teilen zu dürfen“ (Abderrahim En-Nosse)
„Auch im Bayram Kurban – dem islamischen Opferfest – geht es ums Teilen“ (Tugba Sahin)
Abderrahim En-Nosse hält eine islamische Ansprache über Gottes Erbarmen und das Teilen

Abderrahim En-Nosse hält eine islamische Ansprache über Gottes Erbarmen und das Teilen

Lied des Mädchenchors der DITIB
Gebet nach dem interreligiösen Gebetbuch „Gemeinsam vor Gott“ (S. 38-39)(Helmut Schütz, Tugba Sahin, Peter Kubik und Abderrahim En-Nosse):

Wir sprechen nun ein gemeinsames Segensgebet, Christen und Muslime im Wechsel. Für Muslime ist es eine Dua, Christen nennen es Fürbitte.

Den Abschluss dieses Gebetes gestalten Muslime und Christen unterschiedlich. Ahmed Erol wird noch einmal die Sure Al Fatiha vortragen, und ich werde zum Vaterunser einladen und den christlichen Segen spenden.

Auch wenn uns etwas fremd oder sogar komisch vorkommt, hören wir still und mit Respekt zu, denn das wünschen wir uns auch für unser eigenes Gebet, das den anderen vielleicht auch fremd oder komisch vorkommt.

Abderrahim En-Nosse, Ahmed Erol, Peter Kubik, Tugba Sahin und Helmut Schütz beten gemeinsam

Abderrahim En-Nosse, Ahmed Erol, Peter Kubik, Tugba Sahin und Pfarrer Helmut Schütz beten gemeinsam (Foto: Hähner)

Beten wir gemeinsam:

Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott.

Gelobt seist du, Barmherziger, Allerbarmer.

Gnädig schaust du auf deine Geschöpfe, deine Menschen.

Du hast uns erschaffen und du erhältst uns.

Du bist der eine Gott, der höher ist als alles, was wir uns vorstellen können.

Du bist uns näher als unsere Halsschlagader.

Du bewahrst und behütest uns, Du bist unsere Wegweisung.

Du sendest uns deinen Segen und deine Rechtleitung.

Du willst, dass wir den Segen, den du uns gibst, weitertragen in die Welt.

Du willst, dass wir einander zum Segen werden und nicht zum Fluch.

Aber: Wir Menschen haben diesen deinen Auftrag vernachlässigt.

Unsere Welt ist auch durch unser Zutun zerrissen.

Stille

O barmherziger, gütiger, gnädiger Gott, wir bitten dich:

Lass uns erkennen,
wo wir die Verantwortung füreinander und für die Welt, die du uns gegeben hast,
besser wahrnehmen müssen.

Lass uns aufbrechen in ein besseres Morgen, in eine Welt, in der wir einander Segen sind.

Lass uns, Menschen verschiedener Religionen und verschiedener Herkunft,
verantwortungsvoll und mit Respekt einander begegnen.

Lass uns miteinander daran arbeiten,
dass das Leben der Menschen hier und in aller Welt besser und gerechter wird.

Gütiger, erbarmender Gott:
Sende du uns weiterhin deinen Segen, denn alles Gute kommt nur von dir.

Wandle unseren Sinn, damit wir einander und allen Menschen zum Segen werden,
und gib den Mächtigen dieser Erde die Einsicht und den Willen,
nach deiner Weisung zu fragen und danach zu handeln.

Sei gelobt und gepriesen, heute und allezeit. Amen.

Al Fatiha (Ahmed Erol)
Vaterunser und Segen (Pfarrer Helmut Schütz)

Mit den Worten des Vaterunser beten wir Christen, dass Gottes Reich des Friedens zu uns kommt:

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Der Herr segne und behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dich und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. Amen.

Gut besetzt war das Gewächshaus der Gärtnerei Koch beim interreligiösen Erntedankfest

Gut besetzt war das Gewächshaus der Gärtnerei Koch beim interreligiösen Erntedankfest

Bekanntmachungen (Peter Kubik)

Nach dem Gottesdienst können diejenigen, die einen Teller Suppe bestellt haben, Kürbissuppe essen. Herzlichen Dank, liebe Frau Koch, für die Zubereitung der Suppe! Vielleicht ist auch noch etwas übrig für die, die Hunger haben und keine bestellen konnten. Im Anschluss ans Essen können nach Herzenslust Kürbisse geschnitzt werden. Auch hier gilt: Zuerst kommen die dran, die einen Kürbis bestellt haben. Und wenn noch welche übrig sind, kommen auch noch andere dran. Oder es teilen sich vielleicht auch mehrere einen Kürbis? Herr Koch wird die Aktion anleiten. Herzlichen Dank auch an Sie! Wir freuen uns, dass wir schon zum dritten Mal hier bei Ihnen in der Gärtnerei unser Erntedankfest feiern dürfen!

Jetzt gibt es noch ein letztes Lied, das auch unsere Kindergartenkinder kennen. Danach endet diese Feier mit einem Nachspiel auf dem Keyboard:

Lied „Dank für die Sonne“ (Keyboard – Kolbus, Gitarre – Schütz)
Nachspiel – Keyboard (Anita Kolbus)
12 Uhr: Kürbissuppe
So gut war das Wetter, dass die Kürbissuppe draußen ausgeschenkt und gegessen wurde

So gut war das Wetter, dass die Kürbissuppe draußen ausgeschenkt und gegessen wurde

13 Uhr: Kürbisschnitzen

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